Helga Asmuß

Advent, Advent

Advent, Advent…

 

 

„Advent“ heißt „Ankunft“. Wenn ich die 24 Wartetage bis zu dem großen Ereignis überstanden habe, dann ist es da. Es – das Fest aller Feste , die Geburt Jesu , die wir heute allerdings mehr und mehr als kommerzielles Ereignis feiern. Dabei wäre ein wenig Besinnung auf das Eigentliche gar nicht so schlecht…

 

Aber darum geht es in dieser Geschichte gar nicht. Es geht um Vorfreude, die bewusste Überbrückung der Wartezeit, die Versuche, diese Zeit liebevoll und zugleich spannungsreich zu gestalten. Und dazu haben sich die Menschen seit alters her recht originelle Ideen einfallen lassen.

 

Ursprünglich ging es dabei natürlich um das Zählen der Tage, und die Spannung steigerte sich fast von selbst. Eine Strichliste tat dabei gute Dienste. Natürlich war den Eltern daran gelegen, die Spannungssteigerung immer angenehmer zu gestalten. Dabei konnte man je nach Bedarf und Geldbeutel verschiedene Sinne ansprechen. 24 Striche, für jeden Wartetag einen, das war ja eher langweilig, wenn man es aus der heutigen Sicht betrachtet. Man könnte doch die Augen ansprechen, beispielsweise mit Bildchen! Das hat man dann lange getan, und auch heute noch sprechen Motive über die Augen zur Seele – das ist also durchaus noch „in“. Man kann auch die Ohren ansprechen mit ausgewählten Liedern, Geschichten und Gedichten – eine feine Sache für Kinder und Erwachsene jeden Alters. Am effektivsten allerdings gelingt die Ansprache durch den Reiz der Geschmacksnerven! Da wollen wir uns nichts vormachen! Die Schokolade bringt’s. Das weiß jedes Kind. Und für die ist bewusster Kalender ja hauptsächlich gemacht, nicht wahr?

 

Das Alter der Kinder ist dabei aber nicht unbedingt festgelegt. Wir schenken unseren Kindern am 1. Dezember durchaus auch noch so einen Kalender, und die haben die „dreißig“ schon länger überschritten! Und wonach greifen sie zuerst, wenn sie abwechselnd das Türchen des Tages öffnen? Richtig! Nach dem Schokoladenstückchen! Danach noch ein kleiner Blick auf das Bildchen im Hintergrund und dann erstrahlt ein Lächeln in den Augen, das gehört mit zu dieser vorweihnachtlichen Zeremonie – ein guter Start in den Tag, fürwahr! Und Tag für Tag steigt die Spannung – oder auch die Hektik, denn die herzerwärmende Vorweihnachtszeit ist lange nicht mehr so romantisch, wie das in so mancher Geschichte gern vermittelt wird!

 

Der erste selbst gebastelte Adventskalender stammt vermutlich aus dem Jahr 1851, so sagt es das Internet. Der letzte, der für uns gebastelt wurde, stammt aus dem Jahr 2012, hergestellt von Karen und David, von den „Kindern“ für die Eltern – so herum geht das also auch! Und dieser Kalender ist so schön, so einfallsreich und liebevoll, dass ich ihm mit meiner kleinen Geschichte ein „Denkmal“ setzen möchte. Dazwischen liegen so viele Weihnachtsfeste, und doch ist immer eines gleich geblieben: Dieses warme Gefühl im Herzen, wenn man voll Spannung das Türchen öffnet und der Inhalt sichtbar wird! Eine Tür zu öffnen ist immer spannend, doch wenn dahinter Schokolade lockt, ist Freude vorprogrammiert. Das war nicht immer so…

 

Uns Nachkriegskinder haben damals durchaus auch die Kalenderbildchen allein erfreut – man war ja bescheiden. Meist war ein Spielzeug abgebildet, ein Ball, ein Püppchen, ein Triesel, das beflügelte die Phantasie. „Wünschen kannst du dir alles!“, meinte die Mutter lächelnd. Und dann gab sie uns ein Zettelchen, einen Wunschzettel, darauf durften wir unsere Herzenswünsche niederschreiben – daran kann ich mich sehr gut erinnern.

Die ersten Adventskalender waren nicht viel größer als eine Heftseite und das jeweilige Türchen zu finden, war ein rechtes Suchspiel. Die Tür vom 24. Dezember war die größte. Sie war zweiflügelig und dahinter zumeist eine Krippe abgebildet. Die wurde von allen Kindern herzlich begrüßt – auch ohne Schokolade! So hatte der Kalender als vorweihnachtliche Freude für uns Kinder auch in den schlechten Jahren seinen Zweck erfüllt.

 

Viel später kam dann die Schokolade ins Spiel. Und da es anfangs nur einen Kalender für unsere drei Kinder gab, wurde die gerechte Verteilung der kostbaren Schokohäppchen streng überwacht. Merkwürdig, dass manchmal ein Türchen schon leicht beschädigt war, ehe es einer öffnen durfte! Und seltsam, so manches Mal fehlte dann auch die Schokolade! Produktionsfehler? Oder war das am Ende die bewusste „Weihnachtsmaus“ aus dem beliebten Gedicht von James Krüss? Einer muß es ja gewesen sein…

 

Mit dem stetig steigenden Wohlstand stiegen auch die Ansprüche. Bald hatte jedes Kind so einen süßen Kalender, und das Öffnen der Türchen verursachte keine Eifersuchtsszenen

mehr. Aber ein jedes Kind handhabte die Zeremonie wie es seinem Wesen entsprach: Die große Schwester, stets maßvoll und diszipliniert, wäre nie der Versuchung erlegen, ein Türchen vorzeitig zu öffnen – o, nein! Derweil fanden die kleinen Geschwister binnen weniger Tage kein Schokostückchen mehr beim Öffnen des Türchens – nun, dann mussten eben die Bildchen zur Freude gereichen… auch gut!

 

Mit den Jahren weitete sich der Brauch immer mehr aus. Man überbot sich förmlich im Gestalten solcher Kalender – im Kleinen wie im Großen. Ganze Häuser fungierten in der Vorweihnachtszeit als Kalender und deren Fenster wurden zu Türchen, von denen jeden Tag eines geöffnet wurde. Eltern bastelten für die Kinder, Lehrer für ihre Schüler und so manches Geschäft hielt für die kleinen Kunden jeden Tag eine Überraschung bereit. Auch wir kehrten unsere kreative Seite heraus und fingen wieder an zu basteln. Päckchen wurden geklebt und befüllt, Jutesäckchen genäht und aufgehängt, 24 rote Filzsocken hängte der Bruder an eine Leine, die er von Wand zu Wand spannte, bald prangte ein großer grüner Weihnachtsbaum aus Filz, geschmückt mit weißen Taschen, die man großzügig befüllen konnte, in unserer Diele und der hatte sogar den Vorteil der Wiederverwendbarkeit.

 

Fazit: Zur Vorweihnachtszeit gehört heutzutage fast weltweit der bewusste Kalender, und dieser Brauch scheint sich nicht abzunutzen – im Gegenteil. Und fester Bestandteil dieser Tradition ist eben die Schokolade!

 

Aber in diesem Jahr passierte etwas Außergewöhnliches! Ein Aufschrei der Mamas und Papas ging durch das Land. Ein Knick sozusagen im steten Aufwärtstrend des Adventskalenders. Etwas absolut Unweihnachtliches hatte sich eingeschlichen: Die „Stiftung Warentest“ hatte Mineralöle in der Schokolade verschiedener Adventskalender festgestellt! Unerhört! Was hat Maschinenöl in Schokolade verloren? Es folgte verständlicherweise ein Riesengezeter! Von „Krebs erregend“ bis „total harmlos“ war alles zu vernehmen. Und was taten die Mamas und Papas? Natürlich, sie kauften das Zeug nicht! Hätte ich auch nicht getan, wenn meine Kinder noch so klein wären. Aber auch den großen Kindern wollte ich das Schmieröl nicht zumuten. Ging in den Buchladen und kaufte einen ganz und gar harmlosen, total altmodischen Adventskalender mit B i l d e r n ! Wie früher. Schöne Bildchen. Christliche Motive. Natürlich o h n e Schokolade!

 

Im Gegenzug überraschten die erwachsenen Kinder ihre Eltern mit einem selbst gebastelten Kalender! Der hat fast nichts gekostet, außer etwas Papier und Klebe. Und ganz viel Liebe!

Klammheimlich hatten sie in unseren alten Fotoalben von Hawaii gestöbert und passende Fotos herausgenommen. Wir waren oft zu Weihnachten in Hawaii und so fanden sie genügend Motive, die sie auf den Computer übertrugen und so stark wie möglich verkleinerten. Mit viel Geschick und Geduld haben sie diese Bildchen platziert und vorsichtig die Türchen angeschnitten ohne sie zu öffnen. Sicher eine fummlige Angelegenheit!

 

Ich kann die Freude nicht beschreiben, die sie uns damit bereitet haben! Wie auf einmal die Spannung der Kindertage wieder emporstieg, wenn wir morgens als erstes zum Türchen liefen, es vorsichtig öffneten und dahinter so ein winziges Foto erschien, das Erstaunen und Erinnerung weckte und das Herz einen Hupfer tat! Und das ganz ohne Schokolade! Und wie wir Acht darauf hatten, dass beim Öffnen abgewechselt wurde! So richtig vergessen waren die Gefühle aus Kindertagen also nicht…

 

Danke, Karen, danke, David! Freude geben und Freude empfangen, etwas Kleines, was ganz groß herauskommt, Liebe aus tiefstem Herzen – das und noch viel mehr ist Weihnachten!

 

 

 

 

 

 

 

Helga Asmuß, Januar 2013

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Der Weg eines ausgesiedelten Lehrerehepaars führte ab 1977 über Höhen und Tiefen. Die Erziehungsmethoden aus Ost und West prallten manchmal wie Feuer und Wasser aufeinander, und gaben uns Recht,dass ein Umdenken im Sinne einer Verbindung von positiven Elementen aus den beiden Schulsystemen aus West und Ost,erfolgen musste.Siehe Kindertagesstädten,ein entschlossenes Durchgreifen bei Jugendlichen, ohne Verletzung der Schülerwürde.Ein Geschichtsabriss aus der Sicht eines Volkskundlers.

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