Hans Fritz

Areal 14

Besuchen wir nochmals den erdfernen Planeten Tambosirk und dort den Hauptkontinent Terragrande.

An der Ostküste des Morghigolfs sind Dutzende seeschlangenähnliche Wesen, die Ksatomuls, gestrandet. Vier Tage lang fahndet die gerade erst ins Leben gerufene Umweltbehörde nach möglichen Ursachen des Phänomens. Noch bevor auch nur ansatzweise Klarheit besteht, warten die Morgennachrichten mit einer Sondermeldung auf. Die an der Nordküste des Golfs, nahe der Bezirkshauptstadt Moghsunda angesiedelte Kartonagenfabrik hat unvollständig geklärte Abwässer ins Meer geleitet, mit dem Erfolg, dass zahlreiche Meeresbewohner Symptome einer schweren Erkrankung aufweisen. Besonders den Ksatomuls wurde das verunreinigte, mit viel Säure belastete Wasser zum Verhängnis. Die ausgewachsenen, etwa 6 Meter langen Exemplare überlebten an Land knapp acht Stunden. Die Kadaver wurden eingesammelt und landeinwärts in einer Grube versenkt. Tiere mit letzten Lebenszeichen wurden mit einem Keulenschlag getötet, Körperpartien mit reichlich muskelähnlicher Substanz von fachkundiger Hand zu ‘Steaks’ zugeschnitten und zum Grillen angeboten. Kein Mensch dachte daran, dass ein solches Vorgehen unverzüglich der 'Prüfinstanz für neuartige Lebensmittel' zwecks Freigabe gemeldet werden muss. Es ist nicht sicher, ob sich die Leute deshalb eine Strafverfolgung eingehandelt haben. Es wäre allerdings zu berücksichtigen, dass die meisten Tambosirker unter grossem Mangel an eiweissreicher Nahrung leiden. Jede mögliche Proteinquelle, sei sie auch noch so obskurer Herkunft, ist daher höchst willkommen. Die Behörden mögen wohl einmal mehr Gnade vor Recht ergehen lassen. Aus Naturschutz- und vielerlei anderen Gründen wurden die Ksatomuls bisher weder in Netzen noch mit Angeln gefangen.

Zwei Tage nach dem Genuss von Ksatomulfleisch klagen zahlreiche Menschen über massive Verdauungsbeschwerden, die eine Hospitalisierung nötig machen. Ursache der Beschwerden könnten olivgrüne Kristalldrusen aus der öligen Körperflüssigkeit der Ksatomuls sein, die laut provisorischer Analyse Abbauprodukte des Stoffwechsels enthalten, deren nach Erhitzen entstehende Zerfallsprodukte sich als heimtückische Gifte erweisen könnten. Die Suche nach einem geeigneten Gegenmittel soll beginnen sobald endgültige, gesicherte Resultate der Analyse vorliegen. Obwohl keine Gefahr einer Ansteckung zu bestehen scheint, werden kontaminierte Menschen vorsorglich im Isoliertrakt, das heisst dem berühmt-berüchtigten Areal 14 des Grossen Klinikums untergebracht. Nach Einhalten strenger ernährungstechnischer Auflagen und Verabreichen eines bei anderen, ähnlich gelagerten Erkrankungen erfolgreich eingesetzten Mittels bessert sich der Gesundheitszustand der meisten Patienten nach fünf Tagen, sodass sie nach weiteren fünf Tagen die Klinik verlassen können. Es gab in den letzten Tagen laut Klinikleitung keine Todesfälle, die mit dem ‘Fall Ksatomul’ in Verbindung gebracht werden könnten.

Der Journalist Francho macht sich auf den Weg ins Klinikum, um seine Lebensgefährtin Ismela abzuholen, die die Folgen eines Unfalls bei einer Wanderung durch felsiges Terrain auskurieren muss. Auf der Sitzreihe vor dem Krankenzimmer hat eine ältere Dame namens Pegelanth Platz genommen. Sie spricht die beiden an: «Ich werde jetzt dieses Zimmer beziehen, nachdem ich das A14 verlassen durfte». «Sind Sie noch nicht ganz genesen?» möchte Ismela wissen. «So ist es. Ich hatte eine Vorerkrankung, die nun eine zweiwöchige Nachbehandlung nötig macht. Ach, war ich froh A14 verlassen zu müssen. Das war die Hölle». «Wieso?» fragt Francho. «In den Männer- und Frauenabteilungen waren jeweils schätzungsweise sechzig Personen zusammengepfercht. Die Liegen in den Sechserabteilen waren sehr unbequem, hart, die hygienischen Verhältnisse unzureichend bis unzumutbar. Zum Glück verhielt sich das Pflegepersonal freundlich und, wo angebracht, hilfsbereit». «Wie war die Versorgung mit Speis und Trank?» «In Anbetracht der besonderen Erkrankung gab es eine von Professor Krentzler entwickelte Spezialdiät, gerade ausreichend um ein Überleben zu garantieren. Nach einem endlos scheinenden Verharren in Ungewissheit bekamen wir mitgeteilt, dass keinerlei Ansteckungsgefahr, also keine Übertragung des Übels von Mensch zu Mensch bestehe. Trotzdem mussten wir uns quarantäneähnlichen Bedingungen beugen».

Nach Rücksprache mit seiner Redaktion beschliesst Francho dem A14 einen Besuch abzustatten, um sich an Ort und Stelle über die allgemeinen klinischen und die hygienischen Bedingungen einen Überblick zu verschaffen, solange da noch Patienten untergebracht sind. Nach zähen Verhandlungen mit der örtlichen Gesundheitsbehörde und der Klinikleitung bekommt Francho die Erlaubnis zum Besuch. Im Vorraum der Station zwängt er sich in den knallgelben Schutzanzug und stülpt sich den rostfarbenen Schutzhelm über. Im fast perfekten Astronautenlook betritt er einen schwach ausgeleuchteten, mit Pappwänden abgegrenzten Raum, in dem 5 Männer untergebracht sind. Die fünf hatten, als bereits eine Warnung vor dem Verzehr von Ksatomulfleisch ausgesprochen worden war, am Grillfest beim Strand teilgenommen und reichlich ‘Steaks’ genossen. Die drei Frauen, die mit von der Partie waren, hatten nur kleine Proben gekostet und sind mit leichteren Symptomen davongekommen. Sie durften nach vier Tagen A14 den Nachhauseweg antreten. Die Fünf Herren können indessen die Aussagen der Frau Pegelanth zum grossen Teil bestätigen.

Francho richtet einen eindringlichen Appell an die Gesundheitsbehörde, auf künftige Massenerkrankungen besser vorbereitet zu sein und eine spezielle Station einzurichten. Es könne sich jederzeit eine globale virusbedingte Krankheit ausbreiten, ähnlich wie sie in alten Berichten über das Leben der Erdbewohner dargestellt wird. Franchos Gesuch bleibt zunächst unbeachtet, bis ein ehemaliger Kommunalpolitiker in der Tagespresse die Auffassung vertritt, es solle schleunigst eine grosse Halle gebaut werden, um im Falle einer plötzlich auftretenden Massenerkrankung oder gar Epidemie für ein paar hundert Erkrankte gerüstet zu sein. Das hierzu nötige medizinische Material könne in einem weiträumigen Untergeschoss gelagert werden. Im Übrigen könnte in krankheitsfreien Zeiten die Halle für Massenveranstaltungen jeder Art hergerichtet werden. Nun, manchen ‘Altgedienten’ schenken die Akteure der aktuellen Politik immer noch Gehör. Zwei Monate später beginnt eine Baufirma mit dem Erdaushub für den neu zu schaffenden Gebäudekomplex.

In Jahrhunderten nach der Erstbesiedlung haben die Tambosirker keine virusbedingten Seuchen durchlitten. Spekulativ-statistisch gesehen ist das Auftreten einer Pandemie jetzt überfällig, meint die Zukunftsforschung. Hantelförmige, virusähnliche Gebilde sind ausser den Proteinkristalldrusen in der Körperflüssigkeit der Ksatomuls nachgewiesen worden, sind inzwischen auch bei ein paar Menschen aufgetreten, die voller Ungeduld auf ein Durchbraten der Ksatomulsteaks verzichtet hatten. Wie ihr Körper auf die Folgen einer möglichen Infektion reagieren wird, bleibt vorerst offen.

Die tambosirkische Regierung hat eine strenge Überwachung der Abwasserentsorgung angeordnet. Verstösse können zu einer Stilllegung von Betrieben führen. Ein paar Ksatomuls, die gerade ihr Larvenstadium abgeschlossen hatten und noch keinerlei Anzeichen einer Erkrankung erkennen liessen, wurden in grosse Behälter verfrachtet und an der angeblich noch sauberen Ostküste ausgesetzt. Einige kehren vielleicht als Ausgewachsene irgendwann in sauberes heimisches Gewässer zurück.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.12.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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