Wolfgang Hoor

Gespräch mit meinem Tagebuch

Gespräch mit meinem Tagebuch

Ich vergesse es immer wieder, dass es anders ist. Ich denke meistens, wenn ich dich zum Schreiben benutze, du bist mein Spiegel, ich allein rede in meinem Tagebuch, nur meine Worte sind da festgehalten. Dabei vergesse ich oft, dass ich dir, meinem Tagebuch, ins Gesicht schauen kann. Wenn ich lange genug in dich eintauche, sehe ich deine Augen, deine Hände, deine Lippen; dein ganzes Gesicht redet mit mir. Du redest wortlos, aber du redest. Manchmal bin ich froh, dass ich dir nicht genug Zeit lasse, mit mir zu sprechen. Manchmal ist es mir peinlich, dass du zwischen den Zeilen hörst.

Ich sehe dir an, dass du dich manchmal wunderst. Der ganze März war voll von Corona-Sensationen. Plötzlich fiel der Plan, nach Taizé zu fahren aus, die Fahrt, mit einem Freund nach Wien zu reisen, musste aufgegeben werden, die Gottesdienste fanden nur noch am Fernseher statt, in Italien und Spanien starb es sich fürchterlich und ohne Abschied. Auf deinen bescheidenen Seiten fand Weltgeschehen statt, ein Jahrhundertkatastrophe, und ich und du mittendrin.

Aber dann hast du Du im März eine einzige Stelle entdeckt, die von einer ganz anderen Katastrophe handelt, von einer unversöhnten Beziehung und davon, dass die Erinnerung an diese Beziehung unentwegt in meine Gedanken eindringt. Es ist eine einzige Stelle, aber sie behauptet sich gegen die vielen Stellen zu der Jahrhundertkatastrophe.

Ich sehe in deinem Gesicht die Fragen, die du stellst und nicht beantwortet bekommst. Um welche Person geht es? Was steckt dahinter? Wie lange ist das schon so? Und warum sprichst du nicht freimütig darüber? Und ich sehe hinter diesen Fragen einen Wald von neuen Fragen aufwachsen. Du fragst: Warum erzählst du, wann und wo du einkaufen warst, welche Alltagsroutinen du erledigt hast, welche Sendungen du im Fernsehen gesehen hast?

Aber auf diese Frage gibt es doch einleuchtende Antworten, mein Tagebuch. Wie steht man denn da, wenn man sich an die Alltagsroutinen nicht mehr erinnern kann? Was ist man denn dann, wenn Spuren um Spuren um Spuren verloren gehen wie unter dem Sand in der Wüste? Jede Erinnerung ist doch eine Spur, die davon zeugt, dass man gelebt hat und noch lebt.

Und manchmal versteckt sich hinter Alltagsroutinen eine kleine Erlösung. Kannst du dich etwa an etwas Überwältigendes erinnern, als meine Tochter mich weit nach Ostern besuchte? Da haben wir zusammen gegessen, haben Kaffee getrunken, sind spazieren gegangen, nichts Grandioses, nur Routinen, und alles immer mit Abstand. Aber ich habe dir anvertraut, dass für mich in diesen Routinen und erst an diesem Tag Ostern begonnen hat.

Ja ja, ich weiß, du wirst die unversöhnte Beziehung nicht mehr aus dem Kopf bekommen, obwohl ich sie nur einmal erwähnt habe. Sie wird in allem mit drinstecken, was ich dir erzähle.

Vielleicht gibt es für diese Beziehung irgndwann Weihnachten.

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.12.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Wie herbstlich wird die Dämmerung,
wie gläsern ihrer Lüfte Kühle,
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