Bernhard Pappe

Memoiren


Es ist schon eine Weile her, da saß im Büro ein Kollege neben mir und brachte das Gespräch auf das Thema Ruhestand. Ich wäre doch nicht mehr so weit entfernt und ob ich Pläne für diese Zeit hätte. Der Verlauf der Unterhaltung überraschte mich. Meine Reaktion war eine spontane Antwort: „Nun, ich könnte meine Memoiren niederschreiben und du bekommst einen schönen Platz darin.“
Diese Art Antwort hatte er nicht erwartet. Das Gespräch setzte sich an dem Tage nicht länger fort. In den darauffolgenden Tagen versuchte er immer wieder herauszubekommen, was ich über ihn niederschreiben könnte. Eine konkrete Antwort blieb ich immer schuldig. Meist war es ein Lächeln, das ich mit der Aussage verknüpfte, er solle sich einfach überraschen lassen. Irgendwann gab er sein Bohren auf. Seine Außendarstellung war ihm scheinbar sehr wichtig. Der Kollegen sitzt längst nicht mehr neben mir. Es hat in einen anderen Bereich und zu einer anderen Aufgabenstellung gewechselt, um Verantwortung zu übernehmen. War das sein Zielpunkt, ist er für sich angekommen? Nur er kann das wirklich wissen.
Ich kann hingegen sagen, ich bin beinahe angekommen. Das Ende meiner beruflichen Laufbahn ist nicht mehr fern. Es stellt sich mir nicht als einen Silberstreif am Horizont dar, es ist auch nicht das Licht am Ende eines Tunnels. Dieses Ende ist ein Aufbruch und fühlt sich eher als das Verlassen einer Theaterbühne an. Das Stück wird weiter aufgeführt. Lediglich meine Rolle darin ist nach mehr als 40 Jahren bald beendet. 
Memoiren, sie sind in meinen Augen ein Erinnern und ein Bilanzieren. Sie sind jedoch auch eine Systematisieren und Wichten. In mehr als 40 Jahren durchlebt man tausende von Ereignissen, begegnet man sehr vielen Menschen. Wer war wichtig für mich? Was war wichtig für mich? War und ist alles so wichtig, dass ich es niederschreiben müsste? Zweifel sind angebracht. Dennoch, wie hätte das Stück auf dieser Bühne ausgesehen, wenn ich sie nicht betreten oder auf ihr anders agiert hätte? Erinnerungen sind trügerisch und sie können zum Käfig werden, wenn man sich erst einmal in ihnen verfangen hat. Das Entkommen gestaltet sich zu einem Kraftakt. 
Jahrzehnte habe ich mich damit beschäftigt, elektronische Schaltungen in Siliziumchips zu verwandeln. Unser aktuelles Leben ist von Elektronik durchdrungen. Während meines Studiums musste ich mich noch mit Röhrentechnik auseinandersetzen. Parallel dazu wurde Halbleitertechnologie gelehrt. Die Zukunft hatte begonnen. Altes wurde durch Neues ersetzt. Aufbruchsstimmung und ich war ein Mosaiksteinchen darin. Das klingt dynamisch und spannend. Diese Einschätzung teile ich bis heute. Natürlich hat sich mein Blick auf die Branche über die Jahrzehnte hinweg differenziert. 
Welches Wissen hat sich in mir angesammelt? Welche Erfahrungen habe ich machen dürfen, gewollt und ungewollt? Ich habe viel über Technologien erfahren, die die Herstellung komplizierter Siliziumchips erst ermöglichen. In Lehrbüchern war schnell von Grenzen die Rede, die kaum zu überwinden seien. Das Überwinden solcher Grenzen habe ich vielfach aktiv mitgestaltet, wenn auch nicht unbedingt an vorderster technologischer Front. Ich habe viel über Maschinen gelernt, die immer größer und komplexer wurden, um mittels jener Technologien die Siliziumchips produzieren zu können. Der Mensch wurde in der unmittelbaren Produktion zum Beobachter. Er schafft Software, die Computer in jenen Maschinen umsetzen, sodass diese autark zu agieren vermögen. Ich habe viele über die Produkte gelernt, für die jene Maschinen und Technologien geschaffen wurden. Auch hier die scheinbare Einbahnstraße vom Einfachen zum Komplexen. Es gilt rechtzeitig auf den Zug des Neuen zu springen. Das Tempo auf dieser Einbahnstraße muss beschleunigt werden! 
Alles das taugt als Resümee für mehr als 40 Jahre Berufsleben nicht wirklich. Mir ging zu spät ein Licht auf, es geht im Spiel um die Menschen und nicht um das technische Drumherum. Sie bestimmen Handlung und Dramaturgie, treiben das Spiel voran. Der sogenannte technische Fortschritt und die damit einhergehenden Herausforderungen und Probleme sind nur die Kulissen. Keine Technologie funktioniert reibungslos, jedes Produkt hat in einer komplizierten Fertigung irgendwann einmal Probleme. Was steht einer Problemlösung im Weg? Es sind keine Sachverhalte, sondern Menschen. Sind da nicht Teams, die an den Lösungen arbeiten? Das Team, ein lockeres Konglomerat, geformt durch Individualisten, die sehr häufig alles andere tun, als sich im Dienst an der Sache miteinander zu verschweißen. Wer sich ausschließlich in den Dienst der Sache stellt, dessen Stern wird in diesem Universum nicht hell leuchten. Darin gibt es genügend aufgeblasene Sonnen, die Stürme entfachen, wenn sie meinen, dass die Zeit dafür reif ist. Wer sich in den Dienst der Sache stellt, der ist kein Narr, aber er muss achtsam sein, um eine Ahnung zu haben von den herrschenden Kräften des Universums, in dem er sich gerade aufhält.
Ich bin in meinem Berufsleben mit Menschen zusammengekommen, die ein breites Spektrum an Intentionen und Handlungen  abdeckten. Im Nachgang betrachtet bleibt die Erkenntnis, dass jede Menge Egoismus, Opportunismus im Drehbuch des Berufslebens standen, wenn nicht schlimmere Formen menschlicher Zusammenarbeit. In vielen Dingen war ich ein Idealist (und bin es immer noch), was keine gute Ausgangsposition war. Zeitweise hatte ich den Eindruck, dass alles auf die Pole Dominanz und Devotion hinauslief. Das Pendel schwang hin und her. Ich musste achtsam sein, um keine Verletzungen davonzutragen.
Ich werde diese Bühne verlassen und bin froh darüber. Andere beanspruchen längst den Scheinwerfer der Aufmerksamkeit für sich. Déjà-vu folgt auf Déjà-vu. Die Handlungen gleichen sich, weil identische Akteure agieren und neue Mitspielen sich meist sehr devot verhalten, Opportunismus eingeschlossen. Niemand möchte unter die Räder kommen oder im Universum in einen Sonnensturm verglühen. Ich gehe, weil es an der Zeit ist und es für mich wichtigere Dinge gibt. Das letzte Wissen, was man braucht, das besteht nicht aus technologischen Kenntnissen, aus Formeln und Fakten. Das Spiel der Spiele führt den Menschen an seine Ursprüngen zurück...
© BPa / 12-2020

Es ist seit ein paar Tagen vollzogen. Ich verließ die Bühne, wie von mir gewünscht, über den Seitenausgang.
Die aktuelle Pandemie erleichtert das und mir blieben letzte Bekundungen von Opportunisten erspart. Mir
bleiben die Erinnerungen und was wichtiger ist, der Blick vorwärts.
Bernhard Pappe, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.12.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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