Nora Gasch

Das Café in der Mühlenstraße

Das Café in der Mühlenstraße war beliebt bei den Anwohnern, nicht nur wegen des so selten gewordenen Filterkaffees, sondern vor allem aufgrund  seines vorzüglichen Blechkuchens. Zudem war der kleine Außenbereich des Cafés ebenso liebevoll gestaltet, wie der Innenbereich. Hier wurde sich mit wahrer Freude um die zahlreichen Blumenkübel gekümmert und auch die wirklich sehr kleinen Staubfänger, die zu Haufe auf jeder möglichen Ablagestelle standen, wurden ihrem Namen, zumindest im vorderen Teil der Gaststube, nicht gerecht. Diese wirklich vorzügliche Pflege, in Verbindung mit der ungeschlagenen Gastfreundlichkeit, veranlassten Herr Jochen jeden Samstag, sowie Sonntag, pünktlich zum Nachmittagskaffee, seinen Platz am Fenster einzunehmen. Ja es ging bereits so weit, dass die nette, etwas korpulente Bedienung das Du dem Sie vorzog. Im Normalfalll hätte Herr Jochen dies als Anmaßend und äußerst unpassend empfunden, doch einerseits gefiel ihm, die doch deutlich jüngere Kellnerin und andererseits fand Herr Jochen, dass Jemand, der ihn stets mit „Kirschkuchen und Kaffee  schwarz? “, begrüßte auch ruhig Du zu ihm sagen dürfe.

Auch die Bedienung mochte Herrn Jochen. Das lag weder an überschwänglicher Freundlichkeit, oder einem durchaus angebrachten Trinkgeld, viel eher an der Kontinuierlichkeit mit der Herr Jochen das Café  besuchte. Sie genoss die Routine und die fehlenden Extrawünsche und so platzierte sie, auch heute, einen schwarzen Kaffee und ein mittel großes Stück Kirschkuchen, auf dem etwas wackeligen, durch eine Streichholzschachtel gestützten, Tisch. Sie lächelte und ging.

Herr Jochen mochte das, er wusste sie waren einander zwar bekannt und doch hatte keiner der Beiden das Bedürfnis mehr als das Nötigste miteinander zu besprechen. Er war mehr der Beobachter. In seinem Job als Parkplatzwächter ein wirklich praktisches Talent. Doch da der Parkplatz an Samstagen sowie an Sonntagen nicht zu befahren war und seine Wohnung nur Fenster besaß, die den Blick auf die angrenzende, graue Hausseite, des Nachbarhauses freigaben, musste er wohl oder übel seinem durchaus geschätzten Hobby in der Außenwelt nachgehen.

Das kleine Café hatte sich angeboten. Es lag direkt gegenüber des Häuserblocks, indem sich auch die Wohnung  des Herrn Jochen befand. Doch hob es sich deutlich von der grauen Trübheit ab, der es ins Gesicht blickte. Die Fassade war hellblau gestrichen, die Fensterrahmen fliederfarben, Tische und Stühle waren in allen erdenklichen Farben aufzufinden und um die Farbvielfalt abzurunden, baumelten bunte Fähnchen an der Dachrinne herab.

Herr Jochen passte somit nicht ganz in das Bild. Denn er war eher schlicht gekleidet. Dies lag sicher am eingeschränkten  Angebot seines Kleiderschrankes, der außer ein paar beigen Hemden, Stoffhosen der gleich Farbe und einer ausgeblichenen Jeans nicht viel zu bieten hatte. Wenn es aber nun Jemanden gäbe, der tatsächlich das Interesse hätte, in diesem schlichten Kleiderschrank zu wühlen, so würde er versteckt hinter Socken und Unterhosen ein Sommerkleid finden. Durchaus ein buntes, sogar geblümt. Wenn dieser Jemand dann aber denken würde Herr Jochen ginge des Abends interessanten Tätigkeiten in einem geblümten Sommerkleid nach, dann hätte dieser Jemand weit gefehlt. Das Kleid hatte sich nämlich die Ex- Frau Herr Jochens im letzten gemeinsamen Urlaub gekauft. Kurz danach hatte sie die Scheidung einreichen lassen. Außerdem war ihr das Kleid, und die gemeinsame Wohnung sowieso von Anfang an zu klein gewesen und Herr Jochen, den sie einst liebevoll „Günni“ nannte, zu langweilig.

Er bewahrte das Kleid eher unbewusst auf, vielleicht bis jemand Neues kam, um ehrlich zu sein, hatte er das Kleid und die damit verbundene, bessere Zeit, schon längst vergessen. 

Deshalb war es umso seltsamer, dass nicht Frau Jochen, geborene Politschek, sondern Herr Jochen stets einen Platz im Café einnahm.

Vielleicht lag es daran, dass er und nicht sie sich stets Situationen auszumalen pflegte um die Einsamkeit in der Außenwelt zu kompensieren ohne Kontakt aufnehmen zu müssen. Schließlich war er völlig unbeteiligt, er beobachtete nur, frei von Verantwortung und am Ende ging er allein in seine kleine beige Wohnung zurück.

Natürlich war es der Torheit wegen für Herr Jochen undenkbar, alleine in seiner Wohnung über das bereits Vergangene und Gesehene nachzudenken. Schließlich musste er sich aktiv erholen um erneut am Montag bezahlten Beobachtungen nachgehen zu können. Trotzdem strengte Herr Jochen seine Gehirnwindungen gerne an, vor allem im genannten Café in der Mühlenstraße.

Er hatte schon oft über die Besucher des Cafés nachgedacht um sich in deren Leben zu verlieren. Da Herr Jochen seine Gedanken grundsätzlich für äußerst ausgefeilt  hielt, war dies wie die Fortsetzung eines guten Buches, den selben Menschen, immer und immer wieder, bei den gleichen Tätigkeiten, wie Kuchen essen und Kaffee trinken, zu zu sehen. Doch dabei blieb es nicht, er fantasierte und schätzte, dachte sich eine neue Wirklichkeiten aus manchmal aber auch nur die nächste Verabredung. Schon oft hatte er dem streitenden Paar hinter der Glasscheibe zugesehen. Das hatte ihn an seine Ehe erinnert, mit dem Unterschied, dass diese nicht mehr existierte, aber die beiden da draußen immer noch zu Zweit stritten. Herr Jochen vermutete stark, dass sie sich alle Streitigkeiten der Woche bis zum Kaffee trinken am Samstag aufbewahrten um sich dann in aller Öffentlichkeit, deeskalativ die Meinung zu geigen. Dieser Stressfaktor musste der Frau so auf die Nieren geschlagen haben, dass sie fast jede Woche eine neue Frisur hatte. Herr Jochen fiel das auf. Ihrem Mann nicht. Er schien sowieso lieber Zeitung lesen zu wollen und sicherlich wäre es ihm lieber gewesen dabei dem Zwitschern der Vögel zu lauschen und nicht den keifenden Worten seiner Frau, deren, davor noch so einwandfrei liegende Haare, nach jedem Streit strubbelig zu Berge standen. Manchmal fragte sich Herr Jochen, wieso sie nie aufstand und sich einen neuen Gesprächspartner suchte, jemanden der ihr auch einmal antwortete, bis ihm einfiel, dass er das schließlich auch nicht tat. Und so stritt sie weiter und er beobachtete. Einmal hatten sich ihre Blicke getroffen. Für Herr Jochen war das ok gewesen, als geübter Beobachter lernt man mit diesen Situationen professionell umzugehen  und zur Seite zu schauen, zutun als hätte man einfach nur Löcher in die Luft gestarrt. Für sie allerdings hatte es sich schon länger angefühlt als würden Blick! e auf ih rem Rücken ruhen, dies hatte die Streitsituation unangenehm werden lassen, deshalb hatte sie sich eigentlich dafür entschieden fortan nur noch Zuhause zu streiten, da ihr Mann aber außer Samstags und Sonntags nicht Zuhause war und der einzige Ort, den er gemeinsam mit ihr besuchen wolle, dieses Café sei, hatte sich die Überlegung schnell wieder erledigt. Also lebte sie mit den Blicken des fahl wirkenden Mannes und interpretierte sie als Interesse an ihrer Person. Das schmeichelte ihr, somit war es fast schon flirten, wenn sie ihren Mann anschrie und dieser nur nickte oder den Kopf schüttelte. Allerdings verstand weder ihr Mann noch Herr Jochen den Wink mit dem Zaunfahl und so blieben alle Verhältnisse distanziert. 

Hinter der Scheibe war es sowieso viel gemütlicher, vor allem seit der Herbst Einzug hielt. Herr Jochen war noch nie ein Freund der dunkleren Jahreszeiten gewesen. Nicht nur, weil man schlechter durch sie hindurch sehen konnte, sondern vor allem weil er einfach viel zu wenig warme Pullover besaß und stets fror. Ihm war bewusst, dass er seine Heizung betätigen könnte, nur würde dies die Kosten seiner Wohnung in die Höhe treiben. Und da Herr Jochen sparsamer Natur war blieb die Heizung aus.  Worauf er sparte war ihm nicht ganz klar, aber das Sparen an sich hielt er doch für eine positive Eigenschaft.  Es sammelte sich jedoch, trotz Sparens, kein erwähnenswertes Vermögen an. Auch wenn Herr Jochen seit seiner Scheidung nicht mehr in den Urlaub gefahren war. Wäre er gefahren hätte er vielleicht eine Frau gefunden, die ebenso einsam gewesen wäre wie er. Sie hätten sich an der Bar getroffen und nach viel zu vielen zu bunten Cocktails wären sie vielleicht zusammen auf ein Zimmer gegangen. Vielleicht hätte Herr Jochen sogar wieder zu Rauchen angefangen, danach auf dem Balkon. Ein laues Lüftchen hätte seine Beine umspült und er hätte gelächelt. Da er aber nicht gefahren war, hatte er auch keine Erfahrung dieser Art gesammelt.

 Frau Jochen, die inzwischen wieder Politschek hieß, war in solche Urlaube gefahren, insgeheim hatte sie auch gehofft ihren Mann dort zu treffen und sich neu in ihn zu verlieben. Da dies nicht geschehen war hatte sie einen Geschäftsmann kennengelernt. Er war ziemlich sportlich gewesen und verheiratet. Daraufhin hatte sich die Romanze einzig auf die vierzehn Tage Urlaub beschränkt, die Frau Jochen von ihrem Arbeitgeber genehmigt bekommen hatte. Danach hatte sie sich auf etlichen Datingportalen herum getrieben, mit minder großem Erfolg. 

Herr Jochen hatte es im Gegensatz zu seiner Ex-Frau gar nicht erst probiert. Ob ihm das Interesse fehlte oder er sich einfach nicht mit den neu modernen Medien auskannte, war nicht ganz klar. Offensichtlich war aber, dass er sich gerne an alt Bekanntem festhielt. Einiges davon favorisierte er, wohingegen er bei Anderem eher eine gewisse Art der Abneigung entwickelt hatte. So etwas über das man auch in zehn Jahren sicher noch schlecht reden konnte. Ein Ventil für die negativen Gefühle, von denen sich Herr Jochen, in seinen expliziten Studien im Café, frei zu machen versuchte. 

Nur wenn die Gedanken immer unausgesprochen bleiben, dann fällt es auch einem guten Beobachter schwer ausgeglichene Verhältnisse zu schaffen. Er wusste selbst nicht genau wieso er es tat. Der Magen hatte ihm schon seit längerem Probleme bereitet, aber Herr Jochen aß seinen Kirschkuchen nicht, auch den Kaffee rührte er nicht an. Stattdessen winkte er die drollige Bedienung zu sich und bestellte sich einen Kamillen Tee und ein Mineralwasser. Was nun als großer Unterschied betrachtet werden kann löste bei der Kellnerin nur den Anschein eines Stirnrunzelns aus. Sie drehte sich um, nickte im gehen und brachte das Gewünschte in gewohnter Langsamkeit.

Es ist nicht so, dass Herr Jochen noch nie Mineralwasser oder gar Kamillentee getrunken hatte, doch heute erschien es ihm anders. So als hätte er eine völlig neue Art des Lebens entdeckt, die ihm vorher vorenthalten gewesen war. Von nun an nahm er sich vor des Öfteren in seiner Bestellung zu variieren. 

Nun saß er da als neuer Mann, eine Stachelbeeren Sahne Torte vor sich und dazu ein grüner Tee. Die Frau vor der Scheibe strich sich gerade die frisch gefärbten lila Strähnen aus dem Gesicht, während sie ihren Mann mit sinnlosen Frasen malträtierte. 

Der Mann schaute auf. 

Hätte er es nicht gemacht wäre alles so verlaufen wie immer. Er hätte genickt, sie hätte geschrien, er hätte bezahlt, beide wären gegangen. Aber er schaute auf. Und sie hörte auf zu schreien. Er legte ihr die Hand aufs Knie worauf hin sie zu weinen begann. 

Herr Jochen traute seinen Augen nicht. So war das doch noch nie gewesen. Er hatte das dynamische System durcheinander gebracht. Die Haare der Frau hingen in traurigen Strähnen ihren Kopf herab und unterstützten die auf dem Gesicht abgebildete Emotion. Sie schien zu nicken als ihr Mann aufstand und alleine in eine völlig neue Richtung ging. Die Zeitung hatte er liegen gelassen.

Als wäre er nicht er selbst tippte Herr Jochen sich an den Hut als sich die Blicke der Beobachteten mit den Seinen trafen. Ein kleines Schmunzeln breitete sich auf dem Gesicht der Frau aus. 

Sie hatte es ja gewusst.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.12.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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