Heinz-Walter Hoetter

Der Weihnachtsstern

 


 


 


 

Der alte Mann mit dem langen grauen Bart stand unter einem hohen Torbogen und beobachtete nachdenklich die breite Fußgängerzone, auf denen Scharen von Menschen in alle Richtungen strömten. Ein großer Teil von ihnen verschwand in den nah gelegenen Geschäften oder kamen aus diesen, bepackt mit vollen Einkaufstaschen, wieder da heraus.


 

Überall lag eine hektische Stimmung in der Luft, denn Weihnachten stand vor der Tür und viele Leute mussten noch schnell ihre letzten Geschenke besorgen, um am Heiligabend nicht ohne da zu stehen.


 

Ausgerechnet in dieser stillen Adventszeit, kurz vor Weihnachten, nahm sich niemand die Zeit dafür, mal für einen Augenblick innezuhalten oder auf seine vorbei eilenden Mitmenschen zu achten.


 

Der alte Mann fragte sich daher, warum das so ist und weshalb die Menschen ausgerechnet immer vor Weihnachten so hektisch, so voller Unruhe und Hast in dieser besinnlichen Zeit erfüllt sind. Er fand das irgendwie komisch und eigentlich nicht normal.


 

Auf einmal stand, wie aus dem Nichts kommend, ein kleiner, zart gebauter Junge mit Gold gelockten Haaren und wunderschönen Augen vor dem bärtigen alten Mann, der ihn mit leiser Stimme sanft fragte: "Du siehst aus wie der Weihnachtsmann. Der trägt auch so einen schönen langen Bart. Würdest du denn gerne ein Weihnachtsmann sein?"


 

Der Alte war etwas verblüfft über diese Frage, aber er ließ sich nichts anmerken und antwortete dem Jungen in ruhigem Ton: "Oh, ich bin nicht der Weihnachtsmann. Ich beobachte nur die Menschen, wie sie sich immer wieder in der Vorweihnachtszeit in Unruhe und Hektik stürzen. Das finde ich gar nicht gut, denn die Weihnachtszeit sollte doch eine ruhige und besinnliche Zeit sein. - Meinst du nicht auch, mein Junge?"


 

"Eigentlich schon", antwortete der kleine Junge mit den goldgelben Haaren und den großen, wunderschönen Augen. Dann sprach er weiter: "Aber die Menschen meinen es doch nur gut, weil sie sich auf mich freuen. Sie sind voller Hoffnung, was ich doch sehr schön finde. Was meinst du dazu?"


 

"Ach komm schon, kleiner Mann. Du spricht für mich wie jemand, der glaubt, er wäre Jesus, auf den sich die Menschen immer vor Weihnachten so seltsam infantil freuen. Aber daran glaube ich nicht. Weihnachten ist für die Kaufleute nur zum Geschäft geworden, nicht mehr und nicht weniger. Es geht nur ums Geld und darum, dass viel verkauft wird. Die Kasse muss klingeln, sonst geht nichts."


 

"So, glaubst du das wirklich?" fragte der Junge nachdenklich und forderte den alten Mann plötzlich dazu auf, seine Augen zu schließen und ihm die Hände zu reichen.


 

Der Alte wollte kein Spielverderber sein und tat, was der Junge von ihm verlangte.


 

Nach einer Weile sagte er dann: "Mach deine Augen wieder auf! Du bist ab heute ein richtiger Weihnachtsmann und wirst die Menschen überall von mir erzählen! Geh hinaus in alle Welt und berichte ihnen von mir, dass ich bald kommen und in Bethlehem geboren werde.“


 

Der alte Mann mit dem langen Bart öffnete langsam seine Augen und erschrak etwas, als er sah, dass er ganz plötzlich zu einem echten Weihnachtsmann geworden war, wie ihn die Menschen überall zu Weihnachten kannten. Er konnte es einfach nicht glauben. Außerdem spürte er auf einmal in seinem Herzen einen tiefen inneren Frieden, wie er ihn noch nie in seinem ganzen bisherigen Leben in so intensiver Art und Weise gefühlt hat.


 

Dann schaute er sich nach allen Seiten um. Er wollte wissen, wo dieser kleine Junge geblieben war, um noch etwas über dieses unfassbare Wunder, das er durch ihn erlebt hatte, in Erfahrung zu bringen.


 

Aber er entdeckte ihn nirgends. Nur ein kleiner, leuchtender Stern lag zu seinen Füßen, der ganz plötzlich hell erstrahlte, sich vor ihm in die Luft erhob, sich noch ein paar Mal im Kreis drehte, um schließlich im nächsten Augenblick im vorweihnachtlichen Nachthimmel zu verschwinden.


 

ENDE


 

(c)Heinz-Walter Hoetter


 

 

An alle Leserinnen und Leser dieser kleinen Weihnachtsgeschichte!

"Der Weihnachtsstern" darf zum Vorlesen zu Weihnachten ausgedruckt und kopiert werden.

MfG

Heinz-Walter Hoetter
Heinz-Walter Hoetter, Anmerkung zur Geschichte

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