Christa Astl

Frieda, das Waisenmädchen

 

 

In früheren Zeiten gab es noch keine Kinderdörfer und Waisenhäuser oder Kinderheime auch nur in den großen Städten. Auf dem Land kamen die Waisenkinder von einem Bauernhaus zum anderen, wo sie jeweils eine Woche bleiben durften, Essen und ein Bett bekamen und oft auch schwer arbeiten mussten. Von so einem Mädchen handelt diese Geschichte.

Frieda und ihre Mutter hatten ein kleines Zimmer am Bauernhof von deren Eltern. Ihren Vater kannte Frieda gar nicht. Die Mutter musste den ganzen Tag fest bei allen Arbeiten mithelfen, sodass Frieda meist allein mit der kranken Großmutter im Haus war. Oft saßen die alte Frau und das Mädchen auf einer Bank unter der Linde, sie strickten oder spannen. Im Spätherbst war es schon nicht mehr so warm, oft blies rauer Wind und da erkältete sich die Großmutter. Mit hohem Fieber lag sie zu Bett, ein schlimmer Husten plagte sie. Tag und Nach saß Friedas Mutter an ihrem Bett, machte ihr Umschläge, kochte Tee, bis sie selber angesteckt wurde. Eine Grippeimpfung gab es damals noch nicht, und Medikamente gegen Fieber und Lungenentzündung auch noch nicht. Beide Frauen wurden so sehr von der Krankheit getroffen, dass sie schließlich zum Beginn des Winters starben. Den Bauernhof übernahm der Bruder der Mutter und zog mit seiner Frau und ihren Kindern dort ein. Doch die Frau war böse und wollte Frieda nicht um sich haben. Da packte das arme Mädchen sein Bündel und musste zu den Bauern der Umgebung gehen und um eine Bleibe bitte. Gerne wurde sie nirgends aufgenommen, alle waren froh, wenn eine unnütze Esserin wieder fort war.

In den Tagen vor Weihnachten nun kam Frieda zu einem großen, vornehmen Gasthaus. Dort wollte sie gerne bleiben. Gleich an der Tür stürmten ein paar böse kläffende Hund ihr entgegen, und darauf erschien ein dicker Wirt mit hochrotem Kopf und fragte nach ihrem Begehr. Er schaute Frieda von oben bis unten an und sagte: „Kannst du arbeiten? Über die Feiertage kommen viele Gäste und da kann ich jede Hilfe brauchen“. Nach diesen Worten schob er sie in die Küche, wo sie gleich einen Berg Geschirr abwaschen musste. Den ganzen Tag über wurde sie herum gejagt von einer Arbeit zur anderen, sodass sie abends todmüde ins Bett sank.

Jeden Tag kamen neue Gäste aus fremden Ländern und den großen Städten, um sich in der guten und frischen Bergluft zu erholen. Frieda musste ihnen die Zimmer zeigen, die schweren Koffer heraufschleppen, und all das holen und bringen, was die Herrschaften wünschten. Manche Gäste jagten sie nur herum, waren mit nichts zufrieden und stießen sie hinaus.

Doch eines Tages stand wieder eine Kutsche vor dem Tor des Gasthauses. Der Mann stieg aus und bat Frieda höflich, zwei starke Männer zu holen. Diese trugen dann eine gelähmte Frau in einem Tragstuhl in das Haus. Als die Frau Frieda sah, lächelte sie ihr zu. Frieda wurde in den nächsten Tagen dazu bestimmt, der kranken Frau zu dienen. Das machte ihr große Freude, denn die Frau war sehr lieb und freundlich zu ihr.

Zu Weihnachten durfte sie sogar eine kurze Schlittenfahrt mitmachen. Aber nach ein paar Tagen mussten diese netten Menschen abreisen und Frieda wurde sehr traurig. Die Frau schien es zu bemerken, denn am letzten Tag sagte sie: „Setz dich zu mir aufs Bett. Du wirst mir fehlen, wenn ich wieder zurück muss in die Stadt. Mein Mann arbeitet dann und ich bin den ganzen Tag alleine. Möchtest du nicht mit uns kommen?“ Und ob Frieda das wollte. Zuerst musste sie den Wirt fragen. Doch der war sogar froh, denn nun waren nicht mehr viele Gäste da und Frieda wäre ihm bald eine unnütze Esserin gewesen. Voller Freude sprang sie die Stiege hinauf in ihre dunkle Kammer, packte alles, was sie besaß zusammen und durfte mit den guten Menschen in die Stadt kommen, wo sie wie ein eigenes Kind gehalten wurde, in der Schule lesen und schreiben lernen durfte und später einen netten jungen Mann kennen lernte, mit dem sie eine glückliche Familie gründete.

ChA 2010

(Aus meinem Adventgeschichtenbuch "Schneerosen")

 

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