Monika Litschko

Sultan del Arabika Teil6

Dem Schwarzen tat Emma leid, denn er merkte, dass sie ihnen gerne helfen würde. „Ich weiß, was du für uns tun könntest. Du könntest uns das Gatter öffnen, dann kann Baron auch mitkommen, falls wir in den Wald gehen. Weißt du, er kann nicht mehr springen. Lehne es nur an, den Rest erledigen wird.“
Samira war begeistert. „Wenn du das für uns tust, hast du uns sehr geholfen.“
Baron rieb seinen Kopf an Emmas Wange. „Ich wäre dir sehr dankbar, kleine Emma.“

„Ich werde das Gatter für euch öffnen, versprochen. Aber wenn der Bauer kommt und sieht, dass das Gatter offensteht, was dann?“
„Ja, das könnte ärgerlich werden“, lispelte Amber. „Dann macht er es nämlich wieder zu.“
Quasselstrippe lachte belustigt. „Heute ist Freitag meine Lieben, da spielt der Bauer Skat in seiner Stammkneipe. Er hat uns heute doppelte Rationen hingestellt. Wieher, wieher, hahaha. Später wird er ins Bett fallen und mit einem brummigen Gesicht am Sonntag hier auftauchen. Zwei Tagesrationen hinstellen und wieder verschwinden.“

Sultan kniete sich vor Emma. „Komm, steig auf, ich bringe dich bis zum Gatter.“
Als sie auf Sultans Rücken saß, sagte sie beschwörend: „Ihr müsst mir aber alles erzählen, versprochen?“ Sie versprachen es ihr und Sultan trabte mir ihr davon.

„Sultan, darf ich dich etwas fragen? Es ist nicht schlimmes oder so.“
„Was möchtest du denn wissen, Emma?“
„Also, meine Freundin Lilly ist meine beste Freundin. Darum wollte ich fragen, ob du es nicht machen kannst, dass sie euch auch hören kann. Kannst du?“ Jetzt war es heraus. Emma hielt den Atem an und wartete auf Sultans Antwort.
Sultan sagte erstmal gar nichts. Er trabte gemütlich die Weide herunter und ließ sich Zeit. Doch plötzlich blieb er stehen und schüttelte den Kopf. „Ja, da reicht man dir die halbe Hufe und du willst plötzlich die Ganze. Aber da du so nett bist, wird auch deine Freundin Lilly nett sein. Aber erst muss ich wissen, ob ich ihr auch wirklich vertrauen kann. Deshalb nicken oder schütteln wir erst einmal unsere Köpfe, falls sie Fragen stellt.“

Mittlerweile waren sie am Gatter angekommen und Sultan ließ Emma absteigen.
„Das ist in Ordnung“, antwortete Emma und kletterte auf den Zaun. Liebevoll schlang sie die Arme um seinen Hals und drückte ihm einen dicken Kuss ins Fell.
"Ist ja schon gut“, sagte Sultan. „Deshalb musst du mich ja nicht gleich ablecken.“ Aber in Wirklichkeit, hatte Emma nun die letzte große Tür zu seinem Herzen geöffnet. „Und jetzt lehne das Gatter an, Emma.“ Er wartete, bis Emma das Gatter angelehnt hatte und schaute ihr solange nach, bis sie im Haus verschwunden war. Dann rannte er zurück zu seinen Freunden.

„Da bist du ja endlich“, sagte Kyrala ungeduldig. „Wir denken, dass wir einen Plan haben. Wenn es dunkel wird, treffen wir uns am Eingang des Waldes. Gerade waren zwei Glühwürmchen hier und haben versprochen, dass sie uns mit ihren Brüdern und Schwestern begleiten werden. So habt ihr Licht in der Dunkelheit des Waldes. Also, bist du damit einverstanden, Sultan?“
„Ja, das bin ich“, antwortete der Schwarze.
„Dann bis gleich“, sagte Kyrala. „Denkt daran, bei Anbruch der Dunkelheit treffen wir uns am Eingang des Waldes. Bitte nicht einschlafen.“

 

Emma wurde schon an der Haustür von ihrer Mutter abgefangen. „Ich wüsste nur zu gerne, was ein Mädchen, den ganzen Tag so allein bei den Pferden macht?“, fragte sie argwöhnisch.
„Also, ich streichele sie,“ antwortete Emma. „Oder ich füttere sie mit Äpfel und Karotten. Anschließend lege ich mich ins Gras und übe Vokabeln, im Kopf natürlich. Manchmal auch Mathe,“ schwindelte Emma. „Ach, wirklich?“, fragte ihre Mutter angetan. „Dann ist es ja gut. Aber du solltest dich auch mit Lilly treffen. Schließlich ist sie deine beste Freundin.“
Emma nickte. „Ich wollte dich ja noch fragen, ob Lilly von morgen bis Sonntag bei mir schlafen darf?“
„Hm, Papa und ich sind dieses Wochenende auf einem Kegelausflug, das weißt du. Oma Lenchen wird ein paar Tage hier bei dir bleiben. Also rufe Omi an und frage sie. Dann weißt du es.“

Oma Lenchen freute sich, dass Lilly auch da sein würde und versprach, den Beiden einen saftigen Schokoladenkuchen zu backen. Das war also geklärt, denn ihre Omi erlaubte ihr fast alles. Außerdem schlief sie immer bei den Nachrichten ein und nur ein Feuerwerk, welches direkt im Wohnzimmer explodierte, konnte sie dann wecken. So würde sie mit Lilly noch einmal zu den Pferden laufen können. Aber das, wusste ihre Mutter nicht.

Zufrieden und glücklich, lag Emma später in ihrem kuscheligen Bett. Morgen werde ich Lilly alles erzählen dachte sie und schlummerte zufrieden ein.

 

 

Die Suche nach den Purrisandern


Bei anbrechender Dunkelheit trafen sich die Freunde wie abgesprochen am Eingang des Waldes.
„Das ist aber unheimlich“, sagte Quasselstrippe. "Bleibt alle zusammen, sonst verlieren wir uns noch. Hoffentlich kommt kein Waldgeist, dann erschrecke ich zu Tode. Baron, musst du so schnaufen? Ich dachte schon, da wäre jemand.“
Sultan stöhnte, denn Quasselstrippe ging ihm gehörig auf die Nerven. „Sei ruhig, du Angsthase.“

Quasselstrippe wollte gerade antworten, als ein großer Schwarm Glühwürmchen heran schwirrte.
„Oh wie schön“, lispelte Amber, „und so viele. Jetzt kann ja nichts mehr schiefgehen.“
„Also los“, sagte Sultan, „wir teilen uns jetzt auf. Ich wäre dafür, dass immer zwei zusammen gehen.“
„Und wer geht mit wem?“, fragte Samira.
„Ich gehe natürlich mit Thaddäus“, lispelte Amber. „Mit wem sonst?“
„Dann geht Baron mit mir“, entschied Sultan. „Samira geht mit Melchior und Quasselstrippe mit Beppo.
Quasselstrippe wurde wütend. „Mit Beppo soll ich gehen? Warum ich?“
„Weil ich es dir gesagt habe“, antwortete Sultan.
„Ja, weil er es dir gesagt hat“, wiederholte Beppo Sultans Worte. „Ich tue dir doch nichts.“
Quasselstrippe wieherte sauer. „Was solltest du Würstchen mir auch schon tun?“
„Oh Gott, ich werde zur Eule und fliege schonmal los.“, sagte Kyrala seufzend. „Ich berichte, wenn ich etwas sehe.“

„Hallo wartet!“, rief ein zartes Stimmchen über ihnen. Es war die kleine Waldkönigin Almate. „Benuar und ich, werden euch begleiten.“
Der Traumkobold Benuar raschelte durchs Laub und blieb prustend vor ihnen stehen. „Kann mich jemand auf seinen Rücken nehmen, denn ich bin total aus der Puste.“
Sultan beugte sich zu ihm herunter und ließ ihn aufsteigen. „Danke, mein Guter. Meine Beine sind einfach zu kurz und mit Almate kann ich nicht mithalten. Ich würde sagen, es kann losgehen.“ Begleitet vom warmen Schein der Glühwürmchen zogen sie los. Immer zu zweit, Seite an Seite.

Almate begleitete Quasselstrippe und Beppo. Sie war ungefähr fünfzig Zentimeter groß, hatte rotes Haar, welches in weichen Wellen über ihre Schulter fiel und trug ein grünes Blätterkleid. In ihrem wunderhübschen Gesicht glänzten bernsteinfarbene, weise Augen. Auffallend waren die perlmuttfarbenen Flügel auf ihrem Rücken, die sie überall hin trugen.
Quasselstrippe war hocherfreut. „Bin ich froh, dass du uns begleitest. So bin ich mit dem frechen Wildschwein nicht allein. Eine große Hilfe wird er nicht sein.“
„Jeder der helfen will, ist eine große Hilfe“, sagte Almate tadelnd. „Auch Beppo.“
„Siehst du“, sagte Beppo und wackelte mit seinem Rüssel. „Was hast du nur gegen mich?“
Quasselstrippe verzog verächtlich das Gesicht und blieb ihm die Antwort schuldig.


Sultan, der mit Baron und Benuar unterwegs war, blieb immer wieder stehen und lauschte in die Dunkelheit. „Baron, hörst du etwas?“
„Nur die üblichen Geräusche, sonst nichts. Ich glaube nicht, dass wir sie finden. Außerdem werden meine Knochen schon lahm. Ohne mich, könntest du schneller gehen.“
Sultan schnaubte leise aus. „Ja, das könnte ich, aber es wäre mir zu langweilig. Du wirst schon nicht umfallen, wenn du dich ein paar Stunden bewegst. Schließlich schaffst du es noch dich auf den Rücken zu legen, um mit deinen Hufen zu trommeln. Also weiter.“

Als sie ein ganzes Stück gelaufen waren, tauchten zwei helle Lichter vor ihnen auf.
„Sieh mal Kalli, hier laufen sogar Pferde im Wald herum“, krächzte eine unangenehme Frauenstimme. „Ich denke, die sollten wir später einfangen.“

„Das scheint diese Paula zu sein“, flüsterte Baron. „Aber wen hat sie bei sich?“
Benuar, der kurz eingeschlafen war, tätschelte Sultans Rücken. „Leise, dass ist Paula mit ihrem Bruder Kalli. Vor ihm muss sich niemand fürchten, denn er ist ein lieber Mensch. Haltet sie hin, denn ich möchte mich zur Seehexe träumen. Alexandra könnte uns behilflich sein, diese grässliche Frau von hier zu vertreiben.“
„In Ordnung“, sagte der Schwarze, „wir versuchen es.“

Benuar legte sich auf Sultans Rücken und fing an zu träumen.

 

„Paula, lass uns verschwinden!“, rief Kalli ängstlich. „Es sind doch nur Pferde.“
Paula gab ihm einen Schubs und fuchtelte mit ihrer Taschenlampe herum. „Wir werden sie später einfangen, basta. Vor meinem Wagen werden sie sich gut machen. Aber jetzt suchen wir erst nach den Purrisandern. Die alten Gäule laufen schon nicht weg.“
Sultan stellte sich auf die Hinterläufe und schlug mit seinen Hufen, denn so schnell wollte er sie nicht davonkommen lassen.
„Bleib ruhig stehen, Kalli“, sagte Paula. „Der beruhigt sich schon wieder.“

 

Die Seehexe

Alexandra lag auf dem Grund ihres Sees und schlief. „Alexandra, höre mich. Du musst helfen, denn meine Freunde sind in Gefahr.“ Benuar erzählte ihr von Paula, Kalli, den Purrisandern und den Pferden. „Ich habe Paula in einen schlimmen Traum fallen lassen, damit ich mit Almate die Purrisander befreien konnte. Doch nun sucht sie wieder nach ihnen.“ Er zeigte ihr, wo sie sich befanden und träumte sich zurück.

Alexandra öffnete die Augen, streckte sich und erhob sie sich vom Grund des Sees. Mit nassen schwarzen Haaren und einem eisernen Blick, griff sie nach ihrer Wasserpeitsche, die über dem See schwebte. Sie bat das Kind Bitua, welches in einer Luftblase schlief, die über den See schaukelte, um Hilfe.
„Bitua, ich brauche deine Hilfe. Ich werde Torben, den Fänger des Sternenlichtes rufen müssen, denn die Bewohner Millozarts sind in Gefahr. Benuar hat sich zu mir geträumt und mir alles berichtet. Du musst Marius den Windtänzer rufen, er kann uns ebenfalls helfen. Ich habe eine Vision gehabt und gesehen, dass noch schlimmeres in Millozart passieren wird.“

Bitua richtete sich auf und kreuzte die Beine übereinander. Die Handflächen lagen geöffnet auf ihrem Schoss. Da die Seehexe ihren See nicht verlassen konnte, übernahm Bitua dieses für sie.

Angestrahlt vom Licht des Mondes, richtete Alexandra den Blick zum Himmel. Ihre ohnehin schon silbernen Augen strahlten jetzt noch intensiver. „Ich rufe dich Torben, Fänger des Sternenlichts. Gewähre mir deine Hilfe.
Die Sterne am Himmel funkelten noch heller, als Torbens Geist auf einem Lichtstrahl das Universum verließ. Seine pulsierende Gestalt war reine Energie in allen Farben des Regenbogens. Diese Energie bewegte sich zu Alexandra.
„Wie kann ich dir behilflich sein?“, fragte er
„Bündel das Licht von Kaosim für mich und richte es auf den Wald. Dort hin.“ Alexandra zeigte mit ihrer Peitsche nach Norden. „Benuar hat mich um Hilfe gebeten, denn es geschehen dort schlimme Dinge. Torben, ich hatte eine Vision. Ein Fluch wird gesprochen werden, aber ich weiß nicht, von wem."
„Dein Wunsch ist mir Befehl, Seehexe. Ich werde tun, um was du mich gebeten hast. Denke daran, ich stehe dir immer zur Seite.“

Der Fänger des Sternenlichtes jagte mit einem gewaltigen Feuerschweif zurück, bündelte die Strahlen Kaosims und richtete sie auf den nördlichen Teil des Waldes.

Während die Seehexe weiter über dem Wasser schwebte, schaukelte Bitua auf das Ufer zu. Sie stieg aus ihrer Luftblase und rief nach dem Zeitreisenden. „Marius, ich bitte dich zu mir, denn wir brauchen dringend deine Hilfe! Reise mit dem Wind!"

Die Zweige des Waldes bewegten sich heftig und der Wind brachte den kleinen See in Aufruhr, als Marius der Zeitreisende, mit dem Wind zu ihnen tanzte. „Was kann ich für euch tun,“ begrüßte er sie. Er nahm Bitua in den Arm und drückte sie an sich. „Ich freue mich dich zu sehen, Schwester.“ Bitua lächelte und drückte die Hand ihres Bruders. „Die Seehexe braucht dringend deine Hilfe, Marius. Du musst dein Bestes geben, denn viele Leben hängen davon ab.“

Erschüttert wandte Marius sich der Seehexe zu. „Was kann ich tun?“, fragte er mitfühlend. „Was ist geschehen, Alexandra? Dein Blick verheißt nichts Gutes.“ Alexandra erzählt ihm, was sich zugetragen hatte und der Zeitreisende war erschüttert.
„Ich fühle so viel Schlimmes, denn ich habe gerade die Gedanken dieser Paula gelesen. Ich werde sie zu mir holen und möchte dich bitten, sie zu Evulon zu bringen, damit er sie nach Nessipa schafft.“ Sie erklärte ihm, um was es ging und was er zu tun hatte. 

„Bitua, ich werde nun dieser grässlichen Frau das Handwerk legen. Stehe mir mit deiner Kraft bei.“
„Das werde ich“, antwortete Bitua und setzte sich wieder in ihre Luftblase. „Ich bin bereit.“
Die Seehexe hob ihre Peitsche über den Kopf und holte aus.

Alexandras Wasserpeitsche schlängelte sich wie eine Schlange durch den dichten Wald. Es hörte sich an, als würden hohe Wellen gegen mächtige Felsen schlagen und an ihnen zerbersten. Millozart bebte, als sich die Peitsche im Lichte Kaosim ihren Weg suchte. Die Seehexe, die durch die Magie ihrer Peitsche alles verfolgen konnte, bot ihr kurz Einhalt. Die Wasserpeitsche vibrierte und zuckte in Alexandras Händen, sie spürte, dass sie nur noch ein paar Meter von ihrem Ziel getrennt war. „Jetzt!“ rief Alexandra. „Gebiete der Person Einhalt, die Böses will! Nenufiva, Zelloriens, Dedinver!“
Plötzlich herrschte eine erdrückende Stille. Aber dann bäumte sich die Peitsche auf und mit einem gezielten Schlag, schlang sie sich um Paula, deren Augen sich vor Entsetzen weiteten

„Was soll das!?“, schrie Paula empört. „Wer immer du bist, lass mich los!“ Sie schlug um sich, aber es nützte ihr nichts, denn die Wasserpeitsche hielt sie fest umschlungen, nicht bereit, ihr die Freiheit zu geben, die sie wollte. „Kalli,“ krächzte Paula verzweifelt, „hilf mir und dass sofort.“ Kalli, der sich hinter einen Baum versteckt hatte, zitterte wie Espenlaub. „Wie denn Paula?“, rief er ängstlich. „Ich weiß nicht was ich tun soll!“


Das laute Getöse der Wasserpeitsche dröhnte in aller Ohren. Sultan und Baron hatten so etwas noch nie erlebt. Ganz langsam, gingen sie Schritt für Schritt zurück.n„Keine Angst,“ sagte Benuar beruhigend, „das ist die Wasserpeitsche der Seehexe. Sie holt sich Paula. Den armen Kalli werden wir erst einmal mit uns nehmen müssen.“ Benuar stellte sich auf Sultans Rücken und rief dem armen Kerl zu: „Versuche ihr nicht zu helfen! Gegen die Peitsche der Seehexe bist du machtlos! Komm zu uns Kalli, wir helfen dir!“. Verzweifelt warf Kalli einen letzten Blick auf Paula. Aber dann drehte er sich um und lief davon.

„Du Nichtsnutz!“, schrie Paula, „Wenn ich dich erwische ist es vorbei mit dir!“ In diesem Moment zog Alexandra die Peitsche an. Mit rasender Geschwindigkeit schnellte diese durch den Wald, zurück bis an den See. Dann war es still in Millozart.

Paula wehrte sich weiterhin mit Händen und Füßen. Sie drohte, sie schrie und keifte, doch die Wasserpeitsche zog sie gnadenlos mit sich. Am Ufer des Sees endete ihre turbulente Reise. Die Peitsche stieg mit ihr in die Lüfte und schlug wie ein riesiger Kraken Arm hin und her. Überdimensionale Wassertropfen verwandelten das Ufer in eine Matschlandschaft und auch von den nahestehenden Bäumen tropfte das Wasser.

Alexandra schwebte über ihrem See und blickte Paula streng an. Dann hob sie ihren magischen Zauber auf und ließ die Wasserpeitsche in sich zusammenfallen. „Ertus, Wardum, Kautum“, flüsterte sie. Ihr Zauberspruch bewirkte, dass Paulas Körper in eine Starre verfiel und es ihr nur noch möglich war, zu reden.
„Du bist eine böse Frau, Paula“, sagte Alexandra streng. „Ich werde dich in Evulons Hände geben müssen. Du musst lernen Paula, denn ich habe deine Gedanken gelesen. Lernen, lernen, lernen. Was du den kleinen Purrisandern angetan hast und deinem Bruder Kalli, bedarf einer Strafe.“
„Was bildest du dir eigentlich ein?“ keifte Paula böse. „Und wer bist du überhaupt, dass du dir anmaßen kannst, so ein Theater zu veranstalten.“

Die Seehexe lächelte. „Ich bin Alexandra, die Seehexe. Der See ist mein Zuhause, und den Bewohnern des Waldes habe ich Schutz versprochen. Und glaube mir, ich halte meine Versprechen. Du eignest dir Lebewesen an und behandelst sie schlecht. Für deinen Bruder Kalli empfindest du keine Liebe, denn du trittst ihn mit Füßen. Die Habgier ist deine beste Freundin.“

Paula war nun doch ein wenig beeindruckt. Woher wusste diese Hexe, dass nur? Hatte sie ihre Gedanken gelesen? Aber sie sagte: „Verschwinde wieder in deinen See. Mit Kalli kann ich tun und lassen was ich will, denn er ist mein Bruder. Ich sorge seit Jahren für ihn. Ohne mich, wäre dieser Schwachkopf hilflos. Am Anfang hat er mir noch Geld eingebracht, aber er ist einfach zu gutmütig. Seit Jahren ist er in meinem Wanderzirkus aufgetreten und wenn du ihn dir ansiehst, weißt du auch warum. Und für die Purrisander habe ich Geld gegeben. Was sagst du nun, Hexe? Jetzt sind diese Kreaturen weg und ich bin bankrott.“

Die Seehexe antwortete ihr nicht mehr. Paula würde sich nicht die Mühe machen, zu verstehen, was sie ihr zu sagen hatte, und so gab sie dem Kind Bitua ein Zeichen. Bitua öffnete den Mund und ließ eine gewaltige Luftblase entstehen, die Paula in sich aufnahm. Dann trat es zurück in seine schützende Hülle.

Der Zeitreisende Marius bat den Wind um Hilfe und als die Äste der Bäume hin und her schwangen, tanzte Marius mit Paula in der Luftblase, hoch zum Universum. In der Tiefe des Universums holte er aus und schleuderte die riesige Blase in die Umlaufbahn Kaosim. Evulon der Gedankenreiniger würde sich ihrer annehmen. Bei ihm konnte Paula lernen ein guter Mensch zu werden. Erst dann, wenn sie aufrichtig ihre Schuld bereute, würde Evulon ihr erlauben die Erde wieder zu betreten.
Als das alles geschehen war, tauchte die Seehexe wieder in ihren See. Das Kind Bitua schloss die Augen und schlief in seiner Luftblase ein. Marius setzte seine Zeitreise fort und der Fänger des Sternenlichtes löste die gebündelten Strahlen von Kaosim. Die verborgene Welt, verbarg sich wieder. Aber der Schein trog, denn es brauten sich dunkle Schatten über Millozart zusammen. Millozart, dem geheimnisvollen Wald der Tiere und magischen Wesen.

Paula tobte vor Zorn und Wut. Mit ihren Fingernägeln kratzte sie an der Luftblase. Doch so sehr sie sich auch anstrengte, es gelang ihr nicht, denn der Atem Bituas war stärker. In ohnmächtiger Wut verfluchte sie die Seehexe und den Wald, samt Bewohner. „Die dunklen Mächte des Waldes sollen euch holen!“, schrie sie wutentbrannt zur Erde.

Evulon, der Paulas Fluch hörte, flog ins Universum. Auf dem Rücken Parons, dem Sternenspringer, fing er Bituas Luftblase ein und trug sie nach Nessipa. Nessipa, die Scheibe, die pausenlos durch das dunkle Universum rotierte. Auf ihr stand die Schule der Wahrheit. Hier sollten Diejenigen, die den Zorn in sich trugen, lernen, ihre Gedanken neu zu ordnen. Und erst wenn ihr Denken klar und ohne Verderbtheit war, trug Paron sie zurück zur Erde.

Evulon forderte Paula auf, den Fluch zurückzunehmen. „Willst du noch mehr Unglück zu ihnen bringen?“, fragte er sie zornig. Paula funkelte ihn böse an. „Wenn du mich frei lässt, alter Mann, dann kann ich ja alles zurücknehmen. Also los, dreh um und bring mich zurück.“ Evulon schüttelte den Kopf. „So geht das nicht Paula. Ich sehe, dass du eine habgierige Lügnerin bist. Auch in diesem Moment lügst du, und deshalb wirst du Nessipa einen langen Besuch abstatten müssen. Falls du die dunklen Mächte des Waldes geweckt hast, werden sie eine Lösung finden. Aber noch ist Ruhe da unten und sie haben Zeit nach einer Lösung zu suchen. Wenn ich ehrlich zu dir bin, denke ich, wirst du nie zurückkehren können. Über Nessipa ließ Paron die Luftblase fallen und Paula stürzte auf ihr Gefängnis.

Ihr langer, gellender Schrei, wurde unbarmherzig von der Lautlosigkeit des Universums verschluckt.

©Monika Litschko

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.12.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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