Ingrid Bezold

Das Weihnachtslied

* Eine kurze Erzählung nach einer wahren Begebenheit *

Einmal im Jahr, in der Weihnachtszeit sang der beliebte Operntenor Weihnachtslieder in der Kirche des Dorfes, in dem er lebte. Ein Benefizkonzert zu Gunsten der Gemeinde.
An jenem Abend lag das Dorf ruhig da, als wäre es im Tiefschlaf, vom Schnee umschlungen.
Man konnte die hell erleuchteten Kirchenfenster oben, am Hügel sehen. Spuren der Menschen, die hinaufstiegen, wurden immer wieder von neuem Schneefall zugedeckt.
Bis auf den letzten Platz war die Kirche besetzt. Die Menschen standen noch bis hinaus, ins kalte Freie.
Rechts und links vom Altar standen mächtige Tannenbäume, geschmückt mit Strohsternen und Kugeln in rot und gold. 
Als der Sänger den Altarraum betrat, erlosch das Hauptlicht und die Kerzen an den Bäumen und in den Seitengängen erleuchteten den festlichen Raum.
Alles war still. Manchmal konnte man ein verhaltenes Räuspern und Hüsteln vernehmen.

Die Weihnachtslieder des Tenors klangen weich und so, als sänge er allein für das Christuskind.
Seine Familie saß in den hinteren Reihen und man konnte in ihren Augen Freude und auch ein bisschen Stolz erkennen.
Nach einer kurzen Pause erklangen dann Lieder, die man vielleicht seltener zuhause unterm Baum sang. Als er ´Maria durch ein Dornwald ging´ anstimmte, drang plötzlich ein schriller Kinderruf durch den Kirchenraum: " Opa, aufhööööören!!!!"
Der Opa sang trotzdem lächelnd das Lied zu Ende.
Der Schlussapplaus galt nicht nur ihm, sondern auch dem Nachwuchsschreier; pardon: Sänger.


( c ) Ingrid Bezold

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.12.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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