Heinz-Walter Hoetter

Die magische Perlenkette

 

Am Wochenende nahm sich der Rentner Werner Hofstetter vor, endlich mal den Dachboden seines alten Hauses aufzuräumen, der mittlerweile fast unpassierbar geworden war. Eigentlich war er nicht begeistert darüber, denn er war kein großer Freund von Aufräumarbeiten. Aber irgendwas drängte es ihn dazu, den Dachboden zu begehen, um dort nach etwas zu suchen, was leider in all den zurück liegenden Jahren immer mehr in Vergessenheit geraten ist, auch wenn die Erinnerungen daran nicht ganz verblasst sind.


 

Hofstetter zog sich warm an, denn auf dem schummrigen Dachboden war es unangenehm kalt und zugig. Schließlich stieg er über die knirschende Holztreppe hinauf nach oben unters Dach, schaltete das trübe Licht über einen Drehschalter ein und fing damit an, in den vielen Sachen herum zu stöbern.


 

Überall standen Kisten, Kartons und sogar alte Möbel herum, die er dort aufbewahrt hatte. Er konnte eben nichts wegschmeißen und trennte sich nur ungern von seinen Dingen, auch wenn sie vielleicht nicht mehr zu gebrauchen waren.

 

Stunde um Stunde verbrachte er damit, in den zahlreichen Kisten, Kästen und Truhen herum zu stöbern. Plötzlich fiel ihm ein ziemlich wuchtig aussehender Schmuckkasten auf, der auf der breiten Fensterbank vor ihm stand und wohl von seinem längst verstorbenen Vater stammen musste, da seine Mutter, die schon kurz nach seiner Geburt verstorben war, so etwas bestimmt nicht besessen haben konnte.


 

Vorsichtig nahm er den ziemlich stark verstaubten Holzkasten in seine Hände, öffnete behutsam den halbrund geformten Deckel und fand darin zu seiner großen Überraschung eine wunderschöne Perlenkette mit einem großen, seltsam aussehenden Edelstein daran, der urplötzlich rot zu leuchten begann.


 

War es möglicherweise das, wonach er insgeheim hier oben auf dem Dachboden gesucht hatte?


 

Schon wollte Hofstetter den geöffneten Deckel wieder schließen, als er eine geheimnisvolle Inschrift darauf entdeckte, die er nur verschwommen wahrnehmen konnte, weil seine Augen altersbedingt nicht mehr so gut waren. Deshalb fingerte er nach seiner Lesebrille, die sich in der rechten Brusttasche seiner Jacke befand, setzte sie auf und begann damit, langsam eine Zeile nach der anderen zu lesen, die da in altdeutscher Schrift geschrieben stand.


 

"Wer sich diese Kette um den Hals legt und der daran befindliche Edelstein rot zu leuchten beginnt, dem erfüllt er jeden Wunsch. Dann folgte noch ein warnender Hinweis, dass der Träger dieser Halskette seine Worte besonders vorsichtig und mit Bedacht wählen solle, denn der einmal geäußerte Wunsch kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Man kann ihn erst nach seiner vollständigen Erfüllung durch einen neuen ersetzen. Das sind die magischen Gesetze dieser Kette."


 


 

Schließlich fand Hofstetter noch einen vergilbten Zettel, auf dem zu lesen war, woher diese außergewöhnliche Halskette mit dem seltsamen rot leuchtenden Edelstein ursprünglich stammte. Den Namen des Ortes konnte er anfangs nur schlecht entziffern, aber schließlich hatte er ihn doch enträtseln können. Das seltsame Schmuckstück musste wohl sein Vater aus Afrika mitgebracht haben, als er dort unten noch als junger Tropenarzt tätig gewesen war. Das war schon lange her. Hofstetter wusste nur, dass sein Vater auch nebenbei als Archäologe für ein großes deutsches Museum gearbeitet hat und viele Dinge mit nach Hause brachte, die er aber immer unter Verschluss hielt, wofür sein alter Herr sicherlich wohl auch seine guten Gründe hatte.


 

Hofstetter überlegte ein paar Sekunden lang, was er tun sollte. Persönlich glaubte er an solchen Blödsinn nicht, dass Ketten, Amulette oder Edelsteine über magische Kräfte verfügten. So etwa gab es nur in Märchen- oder sonstigen phantasievoll ausgeschmückten Geschichten. Trotzdem wollte er es ganz genau wissen, auch wenn er sich dabei irgendwie lächerlich vorkam, diese Kette anzulegen. Aber er war ja ganz allein auf seinem Dachboden und niemand würde ihm dabei zusehen.


 

Also tat er es.


 

Kaum hatte er die Perlenkette um den Hals gelegt, fing der Edelstein auch schon intensiv rot zu leuchten an.


 

Hofstetter überlegt daher nicht lange und wünschte sich sofort, wieder ein junger Mann zu sein, der mal vor langer Zeit mit seinen Eltern zusammen in diesem Haus gelebt hat.


 

Kaum hatte er den Wunsch geäußert, veränderte sich die gesamte Umgebung um ihn herum. Er war plötzlich wieder ein junger Mann, der tatsächlich bei seinem längst verstorbenen Vater wohnte, der gerade draußen im Garten arbeitete. Alles war so wie früher. Nichts hatte sich verändert.


 

Hofstetter konnte die ganze Situation zuerst nicht fassen und stand da, als würde er selbst ein Geist sein. Die Perlenkette und der rote Edelstein hatten wirklich magische Kräfte.


 

Im gleichen Moment griff er prüfend nach seinem Hals, um sich davon zu überzeugen, dass die magische Kette noch da war. Doch sie war zu weg.


 

Hofstetter erschrak bis ins Knochenmark. Er musste sie anscheinend nicht ordentlich genug um seinen Hals gelegt haben. Bestimmt liegt sie jetzt immer noch auf dem Dachboden ganz hinten unter dem staubigen Dachfenster, wo er zuletzt mit der Kette gestanden hat.


 

Gleichzeitig wusste er aber auch, dass er die vielen kommenden Jahrzehnte geduldig warten müsse, bis er wieder als Rentner auf dem Dachboden seines Hauses nach der geheimnisvollen Perlenkette suchen könne, um sich vielleicht wieder einen neuen Wunsch zu erfüllen, denn zurück in seine Zeit konnte er ohne diese magische Kette jetzt nicht mehr.


 

Aber Hofstetter freute sich trotzdem darüber, wieder ein junger Mann geworden zu sein. So würde er bestimmt noch einmal alles oder so ähnlich erleben können, um dann als Rentner, in ferner Zukunft, wieder nach der geheimnisvollen Kette auf dem Dachboden zu suchen.


 

Nur vergessen dürfte er sein Vorhaben nicht, denn er wusste, dass es für ihn jetzt einen echten Weg gab, unsterblich werden zu können, und das alles mit Hilfe der magischen Perlenkette und dem roten Edelstein an ihr.


 

ENDE


 

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

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