Joana Angelides

Mein neuer Schneider


Katastrophen treten immer dann auf, wenn man sie am wenigstens braucht.
Gerade Jetzt wo die Saison beginnt, stirbt meine Schneiderin. Also, bis zum Ende der Saison hätte sie schon damit warten können!
Aber sie war ja immer schon ein Hypochonder und hat immer übertrieben. Und das jetzt mit ihrem Tode ist zweifelsohne wieder so eine Übertreibung von ihr. Andere leben mit dieser Krankheit schließlich ja noch Jahre.

Naja, also der neue Schneider den man mir empfohlen hat, ist nun ein Mann und schaut noch rüstig aus. Er ist zwar nicht mehr der Jüngste, aber krank dürfte er nicht sein. Außerdem ist er Türke, hat einen dunklen Schnauzbart und lustige Augen. Man kann das zwar nicht gleich so ohne weiteres sehen, weil er dicke Augengläser hat und ein wenig blinzelt, aber wenn er seine Gläser abnimmt, sitzt ihm der Schalk im Augenwinkel.


Da er fünf Kinder hat, kann er es sich gar nicht leisten zu sterben. Wer versorgt denn dann die Frau, die lieben Kleinen, die Mutter und die Schwiegermutter?
Außerdem erfuhr ich so zwischendurch, daß er bis zum Frühjahr das Geld für eine Kuh aufbringen muß, da sein Bruder in der Türkei dringend eine braucht.
Ich hoffe nur, das schlägt sich nicht in den Preisen nieder.

Die Begrüßung war überschwenglich und von vielen Gesten begleitet.
„Ich gut Schneider!“ Versicherte er einige Male.

Wir blätterten gut eine Stunde in den herumliegenden Modejournalen. Nach Einwänden von seiner Seite änderte ich einige Male meine Vorstellungen, bis wir uns endlich auf ein Modell einigten, das vor allem seinen Vorstellungen entsprach. Ich wollte ihn ja schließlich bei Laune halten, Schneider sind rar. Vor allem gute!

Dann wurde ich von ihm vermessen. Er hatte das Maßband über seinen Hals geschlungen und seine dicken Brillen aufgesetzt. Er hat gemessen, es niedergeschrieben, den Kopf geschüttelt und noch einmal gemessen. Die beiden unterschiedlichen Zahlen hat er dann in sein großes Buch geschrieben, den Kopf geschüttelt und noch einmal gemessen. Nun stehen drei unterschiedliche Zahlen da. Für welche wird er sich entscheiden? Er hat es mir nicht verraten.

Sehr fachmännisch hat er den Stoff betrachtet, ihn auf den Tisch gelegt, ist mit der Hand darüber gefahren und hat ihn geglättet. Dann hat er ihn mit Schwung genommen und ihn mir angelegt und drapiert. Am Stoff meines Jäckchen hat er ihn mit einer Stecknadel befestigt und ist dann zweimal hin und her gesprungen und hat zustimmend genickt. Ich war froh, daß er nicht wollte, daß ich mich auf den Schneidertisch legen soll. Vielleicht wäre es für ihn leichter gewesen, ihn so rund um mich zuzuschneiden?


Während unserer Session sind zwei Frauen, scheinbar Verwandte, oder aber doch sehr vertraute Personen herein gestürmt und haben wild mit ihm zu diskutieren begonnen. Natürlich in türkisch, ich habe kein Wort verstanden. Die Ältere der Beiden hatte einen Rock in Händen, den sie ihm immer wieder ganz nah an die Augen hielt und darauf herum hämmerte. Die zweite Frau hat ihm dann das mitgebrachte Kleidungsstück vor die Füße geworfen und wild drohend das Lokal verlassen. Scheinbar waren das unzufriedene Kundinnen.
Die Katze des Schneiders hat sich drauf gestürzt und das gute Stück berochen und es sich dann drauf bequem gemacht. Er ließ sie gewähren.
Ob das so die landesüblichen Usancen bei Reklamationen in der Türkei sind?

Unsere Debatte über die Tiefe des Ausschnittes habe ich dann gewonnen, jene über die Länge des Kleides er.
Dazwischen telefonierte er einige Male ausgiebig und wieder verstand ich kein Wort.

Da am Ende dann noch seine Frau mit Kaffe und selbstgebackenem Kuchen herein kam, drei der fünf Kinderchen um mich herum schwirrten, mußte ich feststellen, der Nachmittag war gelaufen!

Ich frage mich nur, wann hat er Zeit zu schneidern?


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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.09.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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