Helmut Wurm

Sokrates und das Weihnachts-Gejammere

Es ist Abend in einem „bunten“ Cafe in einer deutschen Großstadt. Es ist gut gefüllt. Auch Sokrates sitzt mit ein paar Bekannten dort. Die Menschen verschiedener Herkunft genießen den letzten offenen Tag vor dem Shutdown vor und weit über Weihnachten hinaus. Aber so gelockert und fröhlich wie sonst sind die Gäste nicht. Von allen Seiten hört man laute, unzufriedene, bedrückte Stimmen.

Das Stimmengewirr der Gäste: Das schöne Lichterfest mit dem bunten Glanz fällt jetzt aus… Jetzt muss man mit der Familie wochenlang zu Hause hocken ohne Weihnachtsgäste… Was werden unsere Kinder jetzt machen, wenn sie ihre Geschenke nicht mehr anderen Kindern zeigen können… Mein Umsatz war bisher schon schwächer, jetzt brechen meine Einnahmen ganz weg. Weihnachten war doch meine Hauptverdienstzeit… Keine Weihnachts-Bummel mehr in den lichtergeschmückten Straßen… Weihnachten war doch immer eine Aufmunterung in der dunklen Jahreszeit… Weihnachten ist… war… wäre… Ist denn die ganze Corona-Vorsicht sinnvoll? Der Shutdown hat mehr Schaden als Nutzen zur Folge… Und auch etwas christlich war doch diese Zeit bisher immer noch…

Sokrates sitzt still zuhörend wie meistens dabei. Einer der Gäste fragt ihn:

Ein Gast: Wie denkst Du denn darüber, dass Weihnachten weitgehend ausfällt. Du bist ja kein Christ und wirst doch bedauern, dass dieses soziale Event Weihnachten dieses Jahr nicht stattfindet?

Sokrates (sehr sachlich): Seien wir doch realistisch: Das echte christliche Weihnachten ist doch schon seit vielen Jahren tot oder in die Ecke verdrängt. Die Mehrzahl der Menschen in Europa glauben nicht mehr oder wegen ihres anderen Glaubens prinzipiell nicht an das christliche Weihnachten, an das Christfest, an die Heilige Nacht. Die Mehrzahl der Menschen des so genannten christlichen Abendlandes gibt sich mittlerweile recht unchristlich bei romantischem Kerzenschein und bunten Glaskugeln dem bisher in der Geschichte so nicht dagewesenen Geselligkeits-, Kauf- und Schenken-Rausch hin, verpackt in ein romantisches Grundgefühl und in eine Sehnsucht nach etwas diffusem Höherem. Wenn es nicht das umfunktionierbare christliche Weihnachtsfest gegeben hätte, eiskalte Marketing-Strategen hätten diese Kauf- und Schenkorgie in der lichtarmen Jahreszeit erfinden müssen. Am ehrlichsten wäre es, man würde den traditionellen Begriff Weihnachten ersetzen durch Begriffe der Realität wie: „Romantisches Kauf-Schenken-Fest“, Kaufen-und-Schenken-Boom in der dunklen Jahreszeit“ usw.

Und was jetzt wegen Corona bejammert wird, ist nicht der Verlust einer langen christlichen Tradition, sondern sind Umsatzeinbußen, die Minderung der Feier-Geselligkeit, der fehlende Betrieb in den Straßen und Geschäften…

Aber vielleicht haben diese Corona-Einschränkungen auch etwas Gutes, nämlich eine Rückbesinnung auf die Hintergründe des christlichen Weihnachtens und auf besinnliche Weihnachten in der Familie mit nur kleineren Geschenken...Vielleicht, besser hoffentlich…

Mit dieser Antwort macht sich Sokrates bei den meisten Gästen nicht beliebt und er geht deswegen nach einer Weile.

(Notiert von einem seiner Begleiter, die dann auch nach einer Weile gegangen sind)

 

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