Patrick Rabe

Der Deal

 

Der Hauptpfarrer von St. Petri, Abromeit Hakenhoch, freute sich. Endlich hatte seine Kirche eine neue Orgel. Sie erstrahlte silbern und golden im Glanz der in der ganzen Kirche aufgehängten Kronleuchter. Es würde ein schönes Weihnachten werden. Trotz Corona und aller widriger Umstände. Er hatte es geschafft. Denn er hatte es verstanden. Man musste mit der modernen Zeit gehen. Irgendwann hatte er angefangen, die von allen als „Verschwörungsvideos“ gebrandmarkten Dokumentationen auf Youtube anzuschauen, denn ihm hatte schon lange gedämmert, was so grottenschlecht war, musste eigentlich gut sein. Gab es dazu nicht auch irgendein spirituelles Gesetz? In den Sprüchen? Oder im Buch Kohelet? Und in irgendeinem dieser Videos hatte ein freundlicher, rothaariger junger Mann, der eigentlich genauso aussah wie Jesus, es gesagt: „Man muss den Deal mit der Hure machen, denn eigentlich möchte die Hure Liebe.“ Fasziniert schrieb er sich diesen Satz auf. Das hatte ihm eigentlich immer schon eingeleuchtet. Und nach langen, zergrübelten Nächten nach endlosen Sitzungen in St. Petri, wo er und der Kirchenbeirat verzweifelt versuchten, rationale Gründe für Corona zu finden, und die Schließung von Hamburgs Hauptkirche abzuwenden, hatte er plötzlich die Erleuchtung. Er musste einen lukrativen Deal mit irgendeinem Unternehmen eingehen, um wieder auf der Höhe der Zeit zu sein. Denn dann würde er den Hamburger Bürgern zeigen, dass er verstanden hatte. Man musste die Hure lieben, ihren Wein trinken und sich rückhaltlos dem Konsum ergeben. Dann hatte man die Bibel richtig verstanden.

 

Mit zittrigen Händen schlug er seine „Gelben Seiten“ auf. Völlig willenlos vom Heiligen Geist geführt tippte er mit dem Finger auf irgendeine Stelle in dem Branchenbuch. Es war die Nummer von dem Turnschuhhersteller Mykey. Da spielte plötzlich ein Lachen um seine Mundwinkel. Na, klar. Alle trugen doch jetzt die völlig irren Turnschuhe ohne Socken darin. Zwar schoss ihm schnell noch der Gedanke durch den Kopf, dass deswegen vielleicht auch so viele junge Leute erkältet waren, aber man musste ja auch den sexuellen Aspekt daran sehen. Und dann fiel es ihm ins Auge. Der Name der Turnschuhfirma entschlüsselte sich…im wahrsten Sinne des Wortes. Mykey. My Key. Mein Schlüssel. Und irgendwie auch Mikie. Der süße kleine Mike. Da zuckte plötzlich ein Blitz am Himmel auf und Hakenhoch spürte es wie ein elektrisches Knistern im Kopf. Er würde Hauptpfarrer im Michel werden, wenn er den Deal mit Mikey eingehen würde.

 

Er zog sein Smartphone hervor und wählte die Nummer von Mykey. Ein Anrufbeantworter ging ran. „Beep. Hier ist die Kundenabteilung von Mykey. Wenn sie einen Kundenberater sprechen möchten, sagen sie bitte „Äh“, oder drücken sie die 1. Wenn sie ein Produkt von Mykey bestellen wollen, sagen sie bitte „Uh“ oder drücken die 2. Wenn sie Fragen zu einem Produkt von Mykey haben, sagen sie bitte „Huahh“  oder drücken sie die 3. Für alle anderen Bedürfnisse und Fragen, drücken sie gefälligst die 6.“ Abromeit war schon ganz schwindlig vor so viel sinnloser Info. Er drückte die 6. Eine freundlich vor sich hinplätschernde Musik ertönte. „Bitte warten.“, sagte eine zuckersüße Frauenstimme. Das ganze ging ungefähr 10 Minuten lang, während Hakenhoch außerordentlich unruhig durch das Zimmer trippelte. Schließlich brach die Musik urplötzlich ab, und eine hohl klingende Männerstimme sagte: „Ihr Anliegen, bitte.“ Hakenhoch war aufgeregt. „Hi..hi…hier ist der Hauptpfarrer von St. Petri, Abromeit Hakenhoch. Ich möchte gerne mit Kirchengeldern die Firma Mykey aufkaufen und erkläre mich im Gegenzug bereit, nur noch in Turnschuhen zu predigen, und in jeder Predigt Produktwerbung für Mikey zu machen und mich in meinen Predigten auf ihre Werbespots, anstatt auf die Bibel zu beziehen.“ Das Band summte irritiert. „Wir haben ihr Anliegen nicht verstanden.“ schnarrte eine in Bits und Bytes zerfallende Computerstimme. Hakenhoch seufzte. Diese ganze Computerisierung war irgendwie wirklich nicht das Gelbe vom Ei. „Äh.“, sagte er, „Ich möchte gerne für Weihnachten ein riesiges Werbebanner von Mikey für die St. Petri Kirche, wo eine Weihnachtskrippe drauf abgebildet ist, vor der alle Krippenfiguren Turnschuhe und Mikey-Stirnbänder tragen und den Mikey-Gruß machen.“ Urplötzlich knackte es in der Leitung, und ein Mensch war am anderen Ende. „Guten Tag, Herr Hakenhoch.“, sagte er. Verstehe ich sie wirklich richtig?“ „Ja.“, sagte Abromeit. Ist mein voller Ernst. „Ähem, Herr Hakenhoch, ich muss sie aber darauf aufmerksam machen, dass ein Unternehmen wie Mikey ein Heidengeld kostet.“ „Das ist okay.“, sagte Hakenhoch. „Von den Heiden nehm ich ja auch Kirchensteuer. Das kommt schon alles wieder rein.“ „Gut, Herr Hakenhoch.“, sagte der Kundenberater. Dann machen wir das. Ich stelle sie mal hoch in die Chefetage von Mikey.“

 

Tage später. Freudestrahlend verkündete Angela Merkel dass der Lockdown doch noch vor Weihnachten beendet werden könne. Ein Wunder sei geschehen, und der Himmel habe eingegriffen. Es sollten nur möglichst viele Menschen an Weihnachten in die Hamburger St. Petri-Kirche gehen.

 Die nächsten zwei Wochen war immer strahlender Sonnenschein, Eis und Reif lagen wunderschön glitzernd auf den Straßen und Dächern und in der Stadt wurden übermäßig viele weiße Tauben gesichtet. Von der St. Petri-Kirche hingen riesige Mikey-Banner herunter, auf denen die heilige Familie, das Jesuskind, die Hirten und die Könige mit Turnschuhen, Sportsweatern und Joggingstirnbändern zu sehen waren.

 

Abromeit war stolz. Er hatte die Welt gerettet. Es war Heilig Abend. Abromeit hatte sich vor Freude schon ordentlich einen hinter die Binde gegossen, seinen besten Anzug, seine Mikey-Turnschuhe und sein Stirnband angelegt. Es würde ein Wagen von Mikey kommen, und ihn abholen. Fröhlich lächelnd faltete er das Predigtblatt zusammen, denn er würde die Predigt diesmal wieder völlig altmodisch vom Blatt ablesen, weil er so aufgeregt war. Dann klingelte es draußen. Der Wagen war da. Ein elegant angezogener Mann öffnete. „Guten Abend, Herr Hakenhoch, und frohe Weihnachten. Ich bin ihr Fahrer, Grimald Ott. Das dort ist meine Frau Satana Saromsa.“ „Wie bitte, heißt ihre Frau? Satana?“, fragte Hakenhoch. Er glaubte, sich verhört zu haben. „Nein.“, sagte Ott leutselig. Natürlich nicht Satana. Santana.“ „Oh.“. Hakenhoch blieb der Mund offen stehen. „Wie der berühmte Gitarrist. Aber ist das nicht eigentlich ein Nachname?“ Kaum merklich verzog sich der Mundwinkel des Fahrers. Dann öffnete er galant die hintere Tür des Wagens. „Sie haben doch sicher nichts dagegen, neben meiner Frau zu sitzen, Herr… Hakenhoch?“ „Nein…“. Abromeit begann, sich mulmig zu fühlen. Dennoch stieg er mit Frau Saromsa, die offenbar orientalischer Herkunft war, nach hinten ins Auto. Sie schnallten sich an, und fuhren los.

 

„Gut, dass wir sie bei uns haben, Herr Hakenhoch.“, sagte Grimald Ott. „Äh.“, murmelte Hakenhoch.

„Meine Frau und ich sind nämlich Sozialhilfeempfänger. Jahrelang waren wir beide auf Hartz 4 und haben 1 Euro-Jobs gemacht. Zudem war es sehr demütigend für mich und meine Frau, dass ihr Name immer falsch ausgesprochen wurde. Sie heißt nämlich doch Satana. Aber das ist in Gasolien ein ganz normaler Name.“ „Kennen sie das Land?“, fragte Frau Saromsa. „Als Pastor kennen sie das ja bestimmt.“  „Uh.“, sagte Hakenhoch. Er hatte von dem Land noch nie gehört. Aber er wollte ja auch keine Migranten beleidigen. „Das ist irgendwo zwischen Persien und Pontus, nicht wahr?“ „Nein.“, sagte Grimald Ott ungehalten. „Das ist irgendwo zwischen Rasmus, Pontus, dem Schwertschlucker und dem Persilschein neben Auschwitz.“ Abromeit wurde es unbehaglich. „Verzeihung, Fräulein Saromsa. Wo ist denn dieses Land genau?“. „Frau Saromsa.“ verbesserte die Orientalin den Pastor. „Mein Mann und ich sind verheiratet, aber haben getrennte Namen. Gasolien liegt irgendwo zwischen Bezinien und Zyklonien. Kurz vor Vergasien. Aber die Aussprache ist ein Dialekt. Eigentlich heißt es Verg-Asien. Wir gehören dort zur Religion der Dusch-Kopten.“ Der Wagen rumpelte über ein Schlagloch. „Huahh!“, rief Abromeit erschreckt. „Er hat das Stichwort gesagt.“ Ott grinste diabolisch. „Ja.“, sagte Satana. „Die dritte Ansage, die man auf den Anrufbeantworter von Mikey sprechen muss, um weiterverbunden zu werden.“ „Na, dann. Haken hoch, Adolf!“, schrie Ott wie von Sinnen und drückte aufs Gas. Satanas Augen drehten sich nach oben wie die einer Besessenen, und hasserfüllt kreischte sie: „Ab in die Hölle!“. Das Auto raste in eine Unterführung und Satana zog ein Messer hervor. Immer wieder stach sie voller Irrsinn und unter lautem Triumphgelächter auf Abromeit ein. Die Lichter in der Unterführung waren das letzte, was er sah. Dann fuhr der Wagen aus der Rathauspassage hervor und raste auf die St.-Petri-Kirche zu. Krachend donnerte er durch die Mauern und hielt auf die Kanzel zu. Ott drückte auf einen Knopf. Abromeit Hakenhoch wurde per Schleudersitz aus dem Auto befördert und landete auf der Kanzel. Alle waren gut vorbereitet. Unter lautem Geschrei warfen sie Mikey-Turnschuhe gegen die Kanzel. Dann hissten sie eine Hakenkreuzflagge und ließen Gas in den Raum strömen. Irgendjemand schnipste ein Feuerzeug an und warf es in die Menge. Mit einer gewaltigen Explosion flog die Kirche auseinander.

 

Draußen , nachdem sie, ohne dass ihnen etwas passiert war, stehenden Fußes auf dem Bürgersteig gelandet waren, holte Satana Saromsa eine Zigarettenschachtel hervor. Grimald Ott gab ihr Feuer. „Ja.“, sagte er beglückt. „Da sind wir doch wieder mal auf unsere allseits beliebte Art zwei Konkursfirmen auf einmal losgeworden.“ Er zündete sich auch eine Zigarette an. Zwei Fliegen, die auf ihren Mänteln gesessen hatten, schwirrten davon. „Feuer.“ räsonierte Grimald. „Fliegen können das nicht ab. „Es ist der Rauch, Schatz“, berichtigte ihn Satana. „Ja. So wird es sein.“, sagte Grima. Er hasste diese Besserwisserei. Kurz ging Grimald mal wieder der Gedanke durch den Kopf, dass er sich wohl für die falsche Frau entschieden hatte.

 

 

© by Patrick Rabe, 17. Dezember 2020, Hamburg.

Eine kleine Anmerkung noch wegen dem, was Bozena Friedrich in den letzten Tagen schrieb. Diese Geschichte hier ist kein Antisemitismus oder Antijudaismus. Es ist das glatte Gegenteil davon. Ich bin selber Opfer von antijüdischer Hetze gewesen, obwohl ich, wenn überhaupt, dann zweifelnder Christ bin, und ich diesen wieder erstarkenden Rassenunsinn wirklich nicht nachvollziehen kann. Vor allem, weil ich Freunde aus fast allen Religionen habe, und natürlich auch Atheisten. Ich bin natürlich nach über 30 Jahren Beschäftigung mit der Bibel mindestens (nicht durchgängig natürlich...), und auch dem Vergleichen von Altem und Neuen Testament zu dem Schluss gelangt, dass sie sich ergänzen. Und solche Fragen, ob man das Ganze dann unter dem jüdischen Dach vereinigt, oder dem christlichen, diese Frage stellt sich mir als nicht übermäßig kirchlischem Menschen nicht. Das soll man doch den jeweiligen Organisationen überlassen. Von einer Einheitskirche halte ich sowieso nichts. Da fallen ja dann alle Moslems, Buddhisten, Hindus u.s.w. raus. Man darf die Liebe Gottes nicht zum Geschäft machen. Mir leuchtet daher ein, was Jesus über das freie Weitergeben von spirituellen Werten gesagt hat. Nämlich: "Umsonst habt ihr's empfangen, umsonst gebt es weiter." Und genau davon handelt diese Geschichte hier. Nämlich von der Gefahr, die Religion zum Deal zu machen. Denn aus meiner Sicht weiß man nie, wem das nützt. Gott bestimmt nicht. Der Geist lässt sich nicht einkerkern. Und zum Gebrauch von deftiger Sprache: Frau Friedrich und ich gehören einfach zwei unterschiedlichen Generationen an. Ich schreibe ja auch nicht immer über religiöse Themen. Will zumindest niemanden beleidigen. Aber man muss in einem Literaturforum in einer Demokratie auch Stilmittel verwenden dürfen, die dem Geschmack anderer nicht entsprechen. Vielen Dank.

Patrick Rabe
Patrick Rabe, Anmerkung zur Geschichte

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Patrick Rabe).
Der Beitrag wurde von Patrick Rabe auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.12.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Buch von Patrick Rabe:

cover

Gottes Zelt: Glaubens- und Liebesgedichte von Patrick Rabe



Die Glaubens-und Liebesgedichte von Patrick Rabe sind mutig, innig, streitbar, vertrauens- und humorvoll, sie klammern auch Zweifel, Anfechtungen und Prüfungen nicht aus, stellen manchmal gewohnte Glaubensmuster auf den Kopf und eröffnen dem Leser den weiten Raum Gottes. Tief und kathartisch sind seine Gedichte von Tod und seelischer Wiederauferstehung, es finden sich Poeme der Suche, des Trostes, der Klage und der Freude. Abgerundet wird das Buch von einigen ungewöhnlichen theologischen Betrachtungen. Kein Happy-Clappy-Lobpreis, sondern ein Buch mit Ecken und Kanten, das einen Blick aufs Christentum eröffnet, der fern konservativer Traditionen liegt.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Gesellschaftskritisches" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Patrick Rabe

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Der Vampir von Patrick Rabe (Phantastische Prosa)
irgend etwas ist anders, als sonst ! von Egbert Schmitt (Gesellschaftskritisches)
Stanniolvögel von Ingrid Drewing (Liebesgeschichten)