Ralph Bruse

In einer Winternacht (Eine Teamwork-Geschichte)

In einer Winternacht
(Eine Teamwork-Erzählung) 


Den Abend, der alles aus den Angeln hob, wird sie nie vergessen…
Es ist schon spät. Winnie sitzt immer noch an ihrem Tisch, vor dem Fens-
ter, über ihre Schularbeiten gebeugt, den Kopf in die Hände gestützt: lust-
los – sieht abwechselnd hinaus und auf die Geschichtsarbeit, die einem 
riesigem Berg gleicht, den es zu bezwingen gilt.
Sie mag weder das eine, noch das andere. Geschichte war vorgestern und 
Berge flößen ihr Respekt, eher Angst ein. Sie klappt schließlich ihr Schul-
heft zu und beschließt trotzig, morgen eine Fünf in Geschichte mit nach 
Hause zu bringen. Vater wird nachsichtig sein - wie immer. Er hat genug 
mit sich selbst zu tun: trinkt nach der Schicht auf der Werft seine vier, 
fünf Biere, dazu zwei, drei Weizenkorn. Dann wankt er zum Bus, der ihn 
heimwärts fährt, klettert oben, an der Chaussee heraus und trudelt heim-
wärts, ins Dorf – eher Siedlung – ins alte, schäbige, kleine Haus, das er 
und Winnie bewohnen. Zweieinhalb Zimmer, die Küche, Klo und Wasch-
gelegenheit im Flur. Warmwasser gibt es nur dann, wenn der schrottreife 
Boiler anspringen will – meist will er nicht. 
Winnie fühlt sich dennoch wohl in ihrem Nest. Alles Vergangene ist weit, 
weit weg. Liegt in der nächsten Stadt in Scherben, oder begraben: kommt
ganz auf die Sichtweise der Betreffenden an. Vater´s  Scheidung ist erst 
ein paar Wochen her. Die Trennung von ihren drei Geschwistern schmerzt 
Winnie nicht sonderlich. Nur Ben, den älteren Bruder, der bei der Mutter
blieb, vermisst sie sehr. Dennoch: sie hängt übermächtig an ihrem Vater - 
und er an ihr - also blieb sie an seiner Seite. Warum sie ausgerechnet ihm -
dem gutmütigen, oft hilflosen Trinker zuspricht, kann sie sich selbst nie 
recht erklären, will sie mittlerweile auch nicht mehr: ihnen beiden geht es 
gut in dem abgelegenen, windschiefen Häuschen, sie hungern nicht, Vater 
trinkt sein tägliches Quantum Alkohol, aber weniger, als früher und nur 
so viel, dass er immer nach Hause zurück findet, in den verschlafenen Ort.
Die Siedlung zählt gerade mal acht Häuser, deren betagte Bewohner man 
auch nur zu Gesicht bekommt, wenn sie die Schotterstraße rauf, zur Bus-
haltestelle stapfen, um in der Stadt Einkäufe zu erledigen. Kaum zwei 
Stunden später kommen sie dann, mit Körben und Tüten beladen hierher 
zurück, um wieder hinter undurchdringbaren, spröden Mauern zu ver-
schwinden. Schon am späten Nachmittag verstummt jeder Laut im Ort. 
Kein Hundegebell, keine jaulenden Katzen, kein Hahnenschrei: nirgend-
wo freilaufende Streuner, oder solche in Zwingern oder Käfigen. Die Leu-
te brauchen offenbar nur sich selbst – und aus den Nachbarorten verirrt 
sich auch nie ein hungriges Tier in die Siedlung.
Sieben Häuser in nächster Nähe: in ihnen sieben allein lebende, alte Leu-
te. Nur in Haus Nummer acht wohnen sie zu zweit: Winnie und ihr Vater.

Jetzt ist es stockduster da draußen. Und strenger Winter. Gerade als Win-
nie den Stuhl zurück schiebt, um kurz vor Mitternacht ins Bett zu schlüp-
fen, fallen erste Schneeflocken vor ihrem Fenster herab. Dicke, große Floc-
ken, die im gelben Licht der Tischlampe beinah gespenstisch schön glit-
zern  und sanft wehend am Fensterglas lecken, um sich in regenbogenfar-
bene Tropfen zu verwandeln. Winnie löscht das Lampenlicht, legt sich nie-
der, blickt zum Fenster hin und wartet darauf, dass tröstlicher Schlaf sie 
holt. Die Tür zum Nebenzimmer, wo Vater schläft und meist lautstark 
schnarcht, steht einen Spalt offen: steht sie immer, weil sie einander auch
liebevoll Gute Nacht! zurufen.
Gute Nacht, Papa! ruft Winnie also auch diesmal.
Doch es kommt keine Antwort aus dem anderen Zimmer.
„Papa…“?
Wieder keine Antwort.
Er war doch nach der Arbeit hier, überlegt sie. Hatte nach der Arbeit 
mit anschließendem Gaststättenbesuch den Bus genommen, war oben, 
an der Chaussee ausgestiegen, kam später hier herein, sie hatten zu-
sammen ihr Abendbrot gegessen, Vater setzte sich zufrieden schnau-
fend in seinen Sessel, schaute sich die Nachrichten im Fernsehen an –
döste ein, schnarchte selig vor sich hin, während sich Winnie widerwil-
lig die Schulaufgaben vornahm – immer das sonore Geschnarche ih-
res Vaters hörend.
Doch dann musste es irgendwann verstummt sein, oder sie hatte es 
einfach nicht mehr wahrgenommen. Vielleicht ging er nochmal ins 
Freie. Nichts Ungewöhnliches: er schlappte öfter vor der eigentlichen 
Schlafenszeit nochmal raus, um eine zu paffen, oder die Siedlung et-
was zu inspizieren, wo es nach Tagesuntergang eigentlich nichts mehr 
zu inspizieren gab: außer Stille, den fernen Schrei einer Eule, oder den 
Sternenhimmel, weit oben.

 

Heute gibt es keinen Sternenhimmel – nur den ohne Sterne, der so an 
die Millionen, oder Zehnmillionen Schneeflocken ausschüttet. Kalt ist 
es dort draußen. Bitterkalt. Und Vater ist nicht im schützenden Haus - 
ist irgendwo hingegangen: vielleicht gedankenverloren, oder kurzzeitig 
verwirrt – ganz sicher aber ist er in Not – sie spürt, fühlt es überdeut-
lich und körperlich!
Ganz plötzlich sieht sie schreckliche, scheinbar zusammenhanglose Bil-
der, die das Dunkel ihres Zimmers durchdringen….Ganz klar...Aber ei-
gentlich nur das eine Bild, das alle anderen überlagert und letztlich wie 
eine Bedrohung hoch und viel höher aufsteigt, als sämtliche anderen 
Bildfetzen, die alsbald wieder verschwinden – genauso schnell, wie sie 
kamen. Aber dieses eine wandgroße Drohbild bleibt….

Er liegt im Schnee…Beinah wie begraben: er rührt sich nicht, atmet auch 
nicht…Ein Weg ist zu erkennen, doch der Weg wird zum schmalen Pfad, 
er verliert sich unter Schneemassen. Alles verliert sich: Teich, Wege, Häu-
ser, die wenigen, noch flackernden Fensterlichter. Nur noch Schnee, der 
wie entfesselt niederfällt und alles mit weißer Kälte überzieht. Sie erkennt 
den im Schnee liegenden Mann nun ganz genau...Es ist ihr Vater!
Dann jene kurz aufblitzende Vision, dass der Mann im Schnee plötzlich 
schwach den Arm hebt, auch der Kopf schlingert etwas in die Höhe, sein 
Mund reisst weit auf: ruft – nein – schreit…! Ihren Namen???Mit letzter 
Kraft, mit großen ungläubig starrenden Augen, den nahen Tod ahnend, 
öffnen sich die schreckensweiten Augen immer noch weiter, bis es nicht 
mehr weiter geht und sie sich dann doch kraftlos wieder schließen - Kopf, 
Arm und jeder Mut herab sinken, sich ergeben – und der letzte Hilfe-
schrei stumm wird.
In sicherer Entfernung erkennt sie deutlich die Umrisse zweier schwarzer 
Vögel in diffusem, weißem Gewölk. Stumm, völlig reglos sitzen sie dort, 
als wollten sie lediglich über das bisschen Leben des Mannes wachen, 
ihm letztes Geleit geben, ohne ihm Böses zu wollen, oder ihm ausgehun-
gert die Haut in Fetzen zu reißen….

Winnie springt hoch, reißt im Flur nur Mantel und Stiefel an sich, kriecht 
hinein…stolpert, fängt sich wieder, stürmt zur Tür – raus, in die klirrend 
kalte Winternacht.
Wadenhoher Schnee hindert sie am Vorankommen. Mühsam schleppt sie
sich weiter. Erbarmungslos fallen ihr harsche Flocken wie spitze Nadeln 
in die Augen – versperren ihr jede Sicht. Wütend versucht sie den anstür-
menden Schnee mit den Händen fortzutreiben, aber es gelingt ihr nicht – 
ist völlig sinnlos - die weißen Nadeln tanzen fauchend weiter im aufleben-
den Wind.
Warum ist ihr Vater verschwunden – und wohin? 

Sie versucht, sich an die Vision zu erinnern: Gab es da vielleicht einen 
markanten Punkt: ein Haus, eine Kirche, einen Baum – irgendetwas, das 
ihr den Weg dorthin zeigen kann?
Der Schnee erhellt die Nacht etwas. Ein Glück, denn sie hat in der Eile die 
Taschenlampe zuhause vergessen. 

Die Siedlung liegt bald weit hinter ihr. Verzweifelt irrt sie suchend durch 
die Nacht. Alle Wege haben sich inzwischen unter dem Schnee versteckt. 
Nur unberührtes, endloses Weiss, in dem sie sich verloren fühlt.
Da, ganz plötzlich vernimmt sie von Weitem ein Wimmern – oder Flüs-
tern. Sie schreit lauthals: „Papa, wo bist du?“ 
Nichts. 
„Papa!?“ Kein Mucks. Nicht der leiseste Piep.
Sie holt sich einen langen Pfahl aus dem Holzstapel, der links von ihr,
unter einer Schneehaube liegt und gerade noch aus dem Schnee ragt.
Vielleicht kommt sie damit im Tiefschnee leichter voran - kann auch vor-
sichtig damit hineinstoßen, um hoffentlich noch Leben darin zu finden.

Dort, am Waldrand sieht sie etwas in die Höhe ragen …Und wieder sin-
ken. Ihr Blut, das wie vereist schien, fliesst schlagartig wieder heiß durch 
ihren Körper. Kalter Schweiß überfällt jede ihrer Hautporen und ihr Kopf 
droht zu zerspringen. 
„Papaaaa!!!!,“ krächzt sie heiser und verzweifelt, bis ihr die Stimme völlig
versagt.

Endlich erreicht  sie schnaufend das Ziel. Dort liegt er: ihr geliebter Vater.
Sie beugt sich schluchzend nieder. Greift nach seinen kalt gefrorenen Hän-
den. Sein ganzer Leib ist bleich und fast zu Eis geworden: steif, merwürdig
verkrümmt alle Gliedmaßen. Nur den Arm bewegt er schwach. Die Augen 
kann er kaum öffnen und seine Lippen flüstern Unverständliches. 
Winnie beugt sich noch tiefer zu ihm hinab, haucht ihren Atem an seine 
kalten Wangen, als sie Schritte im knirschenden Schnee wahrnimmt.
„Papa, du hast gerufen,“ stammelt jemand im Hintergrund. 
Ben, ihr Bruder. Verzweifelt weinend und bei allem glücklich umarmen 
sie sich….

Genau zehn Jahre sind seit jener unheimlichen Nacht vergangen.

Winnie hat den Tisch gedeckt. Auf der Kommode, nah am Fenster, steht
Papas Foto. Daneben hat sie eine Kerze angezündet und den alten Plat-
tenspieler hervorgeholt, um sein Lieblingslied aufzulegen. Verzerrt singt 
da jemand mit kratzender Stimme von Liebe.
Gleich kommt Ben, ihr Bruder.

Heute morgen fiel der erste Schnee dieses Jahres. 
Die Tage sind grau. Es wird früh dunkel. Die Flocken segeln spätabends
immer noch sanft am Fenster lang. Ben und Winnie schauen hinaus...
Erkennen zwei schwarze Vögel im kahlen Baum. Sie hocken friedlich da -
ganz still, als wollten sie  nur zu ihnen hereinschauen, ohne jede Arglist. 
Bald sind sie eingeschneit: ganz weiss.


Erzählung: (c) Ingrid Bezold & Ralph Bruse

Foto: Ingrid Bezold
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.12.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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