Karl Wiener

Querdenker

 

Im Berufsleben war ich Bauingenieur, genauer gesagt Statiker. Wenn ein Statiker ein Gebäude, aus welchen Gründen auch immer, für einsturzgefährdet erklärt, dann hat er sich das reiflich überlegt und im Regelfall auch mit Fachkollegen ausgiebig beraten. Für die Bewohner des Gebäudes ist ein Betretungsverbot allemal eine einschneidende Maßnahme. Trotzdem hielte ich es für unklug, wenn einzelne von ihnen versuchten, sich Zugang zu verschaffen. Ähnlich verhält es sich bei Evakuierungsmaßnahmen nach einem Bombenfund, Auch da gibt es immer wieder Menschen, die den Kampfmittelexperten nicht trauen und die Gefahr mißachten. Schließlich ist es ja bisher meist gut gegangen. Auch Fachleute sind mitunter ratlos, aber ihnen allzu sehr zu mißtrauen ist nicht immer ratsam. Dessen ungeachtet sind Expertenurteile nicht der alleinige Maßstab für die jeweils zu ergreifenden Maßnahmen. Experten überblicken in der Regel nur ihr eigenes Fachgebiet. Deshalb müssen sich die demokratischen Verwaltungen um Interessenausgleich bemühen. Daß sie dabei mitunter ratlos sind und nach dem Prinzip Versuch und Irrtum verfahren müssen, liegt in der Natur der Sache. Ich möchte nicht in ihrer Haut stecken.

Wenn sich Querdenker als besorgte Bürger bezeichnen, erregt das den Eindruck, daß sie Bürger, die nicht ihre Meinung teilen, als unbesorgt betrachten. Auch ich bin besorgt. Vor allem ist das aber der Fall, wenn ich die Symbole sehe, die von rechtsextremen Randalierern auf den Kundgebungen der Querdenker vorangetragen werden: Reichskriegsflagge, Pappschilder von Menschen in Sträflingskleidung und Galgenatrappen. Ich werte das als Mordhetze und habe noch nicht gehört, daß sich besorgte Bürger demonstrativ gegen die feindliche Übernahme ihrer Kundgebungen durch diese Elemente wehren. Zu Zeiten der Pestepidemie wurden die Juden für schuldig befunden und öffentlich verbrannt. Nicht alle, die den Nationalsozialisten 1933 zur Machtergreifung verholfen haben, waren überzeugte Nazis. Viele von ihnen waren besorgte Bürger, die glaubten, ihre Interessen auf diese Weise zu fördern. Es waren genau diejenigen, die nach der Offenbarung der Naziverbrechen beteuerten: „Das haben wir nicht gewollt“.

Vor Jahrhunderten, als Pest und Cholera die Menschheit heimsuchten, mußten Handelsschiffe, die aus fernen Ländern heimkehrten, 40 Tage in Quarantäne auf Reede liegen, ehe sie in den Hafen einlaufen durften. Heute verteilen Containerschiffe und Flugzeuge Waren und Viren in kürzester Zeit um die ganze Welt. Der Massentourismus tut seinen Teil dazu. Die Menschen glauben, daß sie auch in unseren Breiten zu Weihnachten Erdbeeren essen müssen. Ein schmutziges Hemd werfen sie lieber weg und kaufen ein neues, weil das billiger zu sein scheint als die Wäsche. Ich gebe zu, daß letzteres leicht übertrieben sein mag, bin aber überzeugt, daß viele Teilnehmer noch während der Demonstration überlegen, was sie denn wieder bei Amazon oder ähnlichen Gewinnern der Pandemie bestellen könnten.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.12.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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