Karl Wiener

Die Zwerge

Tief im Wald, dort wo sich Hase und Igel im Mondschein begegnen, stand unter mächtigen Eichen eine kleine Hütte. Darinnen wohnten sieben Brüder. Da sie klein von Wuchs waren, nannte man sie, in Erinnerung an das bekannte Märchen, die sieben Zwerge. Reich waren sie nicht, aber sie lebten in Eintracht und Frieden. Die täglichen Aufgaben hatten sie untereinander so aufgeteilt, daß jedem die Arbeit zukam, die seinen Kräften angemessen war. Die kleinsten sammelten Pilze und Beeren, die größeren hackten Holz und stapelten es hinter der Hütte. Einer schürte das Feuer im Ofen und ein anderer fegte die Stube, schüttelte die Betten auf und bereitete die Mahlzeiten. So hatte jeder sein Tun und keiner konnte sich vorstellen, daß in ihre Hütte jemals Unfrieden Einzug halten würde.

 

Eines Tages verirrte sich ein junges Mädchen im finsteren Wald. Es dunkelte schon, und es war bitter kalt. Das Mädchen hatte Angst. Laut pochte sein Herz. Da sah es einen Lichtschein durch die Bäume schimmern. Mehr stolpernd als laufend näherte es sich dem Licht, denn in der Dunkelheit konnte es die Wurzeln nicht erkennen. Schließlich stand es vor der Hütte der sieben Zwerge. Zaghaft klopfte es an die Tür. Die Zwerge waren gerade dabei, den Tisch zu decken. Der kleinste von ihnen eilte zur Tür, um nachzusehen, wer wohl so spät noch Einlaß begehrte. Als er öffnete, stand draußen vor der Tür das schönste Mädchen, das er je gesehen hatte. Sein Haar glänzte im Lichtschein wie reines Gold und seine Augen waren tiefblau wie der Waldsee nahe der kleinen Hütte. Die Anstrengung des weiten Weges und die Kälte hatten eine zarte Röte auf ihre Wangen gezaubert. Die Zwerge vergaßen vor Bewunderung den Mund zu schließen, und es dauerte seine Zeit, bis sie das Mädchen in ihre bescheidene Hütte baten. Dort liefen sie durcheinander und versuchten sich gegenseitig an Eilfertigkeit zu übertreffen. Der eine rückte einen Stuhl an den Tisch, der andere brachte Teller und Löffel herbei, und sie luden das Mädchen ein, am Tisch Platz zu nehmen. Während der Mahlzeit konnten sie den Blick nicht von dem Mädchen wenden und brachten kaum einen Bissen hinunter, so hatte sie seine Schönheit bezaubert.

Während der nächsten Tage überboten sie sich, dem Mädchen zu gefallen. Jeder bemühte sich, die anderen zu übertreffen. Jeder wollte als der Klügste erscheinen, doch keiner war wirklich weise. Und jeder wollte der Größte sein. Da sie aber alle miteinander klein waren, blieb selbst der größte von ihnen ein Zwerg. Ohne böse Absicht schürte das Mädchen die kleinen Eifersüchteleien unter den Brüdern, indem sie einmal diesem und einmal jenem freundlich zulächelte. So zog Unfrieden ein in die kleine Hütte. Der Streit um die Gunst des Mädchens hatte die Zwerge entzweit. Zwar saßen sie noch gemeinsam am Tisch, aber sie lachten und scherzten nicht mehr miteinander und waren nicht mehr so arglos wie vordem.

Zu jener Zeit trieb sich allerlei übles Volk im Walde umher. Täglich klopften Händler an die Tür und begehrten Einlaß. Sie wollten Gürtel, Kämme, saure Äpfel oder anderen nutzlosen Kram verkaufen. Mehrmals schon waren die Zwerge auf trügerische Angebote hereingefallen, und begegneten schließlich jedem mit Argwohn. Als es eines Tages wieder einmal klopfte, öffneten sie deshalb die Tür nur einen Spalt weit. Draußen stand ein Prinz, groß von Gestalt und in schöner Montur. Auf der Jagd im Walde hatte er sich zu weit von seinen Freunden entfernt und konnte den Rückweg nicht finden. Durstig vom langen Ritt bat er um ein Glas Wasser. Die Zwerge waren zwar nicht erfreut, konnten ihm aber den Wunsch nicht gut abschlagen und ließen ihn ein.

Als der Prinz seinen Durst gelöscht hatte, wollte er sich bei den Zwergen bedanken und die Hütte wieder verlassen, um weiter nach seinen Freunden zu suchen. Da gewahrte er das Mädchen. Er wollte seinen Augen nicht trauen. Eine solche Schönheit hatte er in dieser armseligen Hütte nicht vermutet. „Auf meinem Schloß“, sprach er, „gibt es viele schöne Frauen. Du jedoch bist tausendmal schöner als sie“. Das Mädchen errötete, und ihr Antlitz wurde dadurch noch schöner als es ohnehin war. Der Prinz bat sie, mit ihm auf sein Schloß zu kommen und seine Frau zu werden. Das Mädchen hatte nicht vergessen, dass die sieben Zwerge sie bei sich aufgenommen hatten, gleichzeitig aber war sie des Neides und der Mißgunst, die in der Hütte Einzug gehalten hatten, überdrüssig. So willigte es ein, denn auch ihm gefiel der Prinz. Der schloß es in seine Arme, hob es auf, trug es zu seinem Pferd und ritt mit ihm davon.

Die Zwerge aber blieben allein in ihrer Hütte zurück. Und obgleich sie sich früher, als sie noch gemeinsam für ihr Auskommen sorgten, darinnen wohl gefühlt hatten, erschien sie ihnen nun leer. Jeder zog für sich allein in den Wald, um das Notwendigste zusammenzutragen, und keiner half dem anderen, wenn diesem die Last zu schwer wurde. Nun sitzen sie in der kalten Stube, die Ellenbogen auf den Tisch gestemmt, das Gesicht in die Hände gestützt, und schmollen vor sich hin. Hätten sie einander die Gunst des Mädchens gegönnt, dann könnten sie noch heute in Eintracht miteinander leben.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.12.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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