Klaus-Peter Behrens

Der Kater und sein Magier, Teil 32


– 20 –

Vanadium der Wagemutige sah derart mitgenommen aus, als wäre gerade eine Horde brünstiger Eber über ihn hinweg getrampelt. Seit den frühen Morgenstunden ertrug er nun schon das Gejaule seiner Begleiterin, ein angeblich selbst komponiertes Epos in einhundertundfünf Akten. Soweit er sich erinnerte, ging es um irgendeine entsetzlich langweilige Geschichte über den Heldenmütigen, selbstlosen, herrlichen, blendend aussehenden, großartigen Anführer der Gerechten, möglicherweise war es aber auch die Ode an den Lebensmüden, selbstherrlich verblendeten, großkotzigen Ausbeuter der Geknechteten.

Van wußte es schlicht nicht mehr, und es war ihm auch egal. Das Einzige, was ihm wirklich zu schaffen machte, war die zwischen zwei Atemzügen getätigte Mitteilung Nobelines, daß sie sich noch immer in der Ouvertüre befand.

„Uns werden die Götter noch was auf den Kopf werfen“, knurrte Van vor sich hin, als Nobeline erneut dafür sorgte, daß dieser Teil des Waldes lange Zeit ohne seine Bewohner würde auskommen müssen. Van bedauerte kurz ein Eichhörnchen, dem die Flucht nicht mehr rechtzeitig gelungen war, und das nun betäubt vom Baum fiel. Bei genauerem Hinsehen entpuppte sich das vermeintliche Eichhörnchen jedoch als Gnom, der mitten in einer Ansammlung roter, getupfter Pilze gelandet war.

„Es ist angerichtet, und danke für den Fisch“, brabbelte der Gnom glücklich vor sich hin, bevor er ins Koma fiel. Im selben Moment sprang etwas Großes, Haariges hinter einem Baum hervor und brüllte: „Banzai!“, ohne daß etwas geschah, sah man einmal davon ab, daß Nobeline vor Schreck ihre Arie über die löbliche, aber absolut langweilige Keuschheit der Angebeten des Meldewütigen, herzlosen, selten spendenden, bösartigen Aufscheuchers der Geschwächten (zwölfter Akt) oder so ähnlich unterbrach. Ein Umstand, den weder der Pelzige noch Van wirklich bedauerten. Während Van noch mittels herzhaften Gähnens damit beschäftigt war, das Klingeln aus seinen Ohren wieder loszuwerden, starrte der Pelzige irritiert ins dichte Blattwerk hinauf.

„Ich sagte: Banzai!“, brüllte er.

„Was für’n Ei? Geht’s nicht etwas genauer, Chef?“, kam es von oben zurück.

Das Netz, ihr Idioten, sofort loslassen!“

Woll!“, erklang es mehrstimmig, und im nächsten Moment rauschte ein eng geknüpftes Netz mit bewundernswertem Tempo auf die beiden Reiter hinab, bevor diese reagieren konnten. Die hohe Geschwindigkeit war dem Umstand zu verdanken, daß das Netz an mehreren Ecken mit den unerschrockenen, furchteinflößenden Mitgliedern der Flüsterbande beschwert war, die die Aufforderung des Bären wörtlich genommen hatten. Begleitet von dumpfen Aufschlaggeräuschen, Stöhnen und Ächzen schlossen sie Bekanntschaft mit dem Waldboden, während der Bär sich die Haare raufte und etlichen Flöhen ein abruptes Dahinscheiden bescherte. Dann besann er sich, daß letztlich nur der Erfolg zählte und stapfte mit gezogenem Schwert zu seinem hilflos zappelnden Fang hinüber.

„Ihr seid zum Tee eingeladen“, knurrte er, wobei die Spitze seines Schwertes auf Vans Kehle zielte.

 

 

– 21 –

 

Wenn sich einem eine Hand zärtlich auf die Schulter legt, kann das der Anfang von etwas Wunderbarem sein. Wenn einem Derartiges allerdings am Rande eines düsteren Moores passiert und die klamme Hand auch noch den Eindruck erweckt, als wäre sie schon eine ganze Weile nicht mehr durchblutet worden, ist man gut beraten, seine Herztropfen in Reichweite zu haben.

Aaaaahhhrrrgggg“, kreischte Wiesel daher mit dem ganzen Umfang seines Lungenvolumens, als ihm Derartiges widerfuhr und sorgte so dafür, dass eine vielversprechende Brut Sumpfohrkäuze am anderen Ende des Moores vor Entsetzen aus dem Nest fiel. Wie vom wilden Affen gebissen fuhr er herum und verstummte abrupt. Er hatte mit dem Anblick eines modrig riechenden, abscheulich anzusehenden Ungetüms gerechnet, gegen das selbst Hedwig noch eine strahlende Schönheit gewesen wäre, nicht aber mit dem, was sich ihm stattdessen bot. Gleich vier üppig gebaute Frauen drängelten sich auf dem schmalen Weg, der durch den Sumpf führte, um einen guten Blick auf Wiesel zu erhaschen. Mit offenen Mund realisierte Wiesel, daß die einzige Bekleidung seines Besuches aus bräunlich stinkenden Lehm bestand, der langsam an den nackten Körpern hinunter glitt. Trotz des erbaulichen Anblicks war Wiesel alles andere als wohl in seiner Haut. Die Vier flößten ihm instinktiv mehr Furcht ein, als der Unheimliche es je vermocht hätte. Die Augen der vier Grazien waren für seinen Geschmack zu blutunterlaufen, und das Haar sah definitiv eine Spur zu sehr nach vertrocknetem Tang aus. So weit Wiesel sich aus seinen wenigen Begegnungen mit jungen Frauen erinnern konnte, war das nicht normal.

Nun unterlag der Wechsel der Haarmode nach Wiesels Kenntnis zwar einer gewissen Willkür. So erinnerte er sich noch gut an den Borstenlook der Damen im vergangenen Jahr, der an die Körperbehaarung brünstiger Eber erinnert hatte und erst zugunsten eines gesünderen Looks abgeschafft worden war, nachdem der kurzsichtige Jäger des königlichen Hofs die übergewichtige, zur falschen Zeit im Wald spazierende Haushofmeisterin verwechselt und erlegt hatte. Bei Hof hatte man den Vorfall zutiefst bedauert, da die Jagdbeute ungeeignet war, um daraus ein schmackhaftes Mahl zuzubereiten und das traditionelle Jagdsaisoneröffnungsfest Wirfeuernausallenrohrenundsingenbumsfalldera in dem Jahr ohne Wildschweinpastete begangen werden mußte. Um die Versorgung der königlichen Küche für die Zukunft sicherzustellen und die Köche nicht vor unlösbare Aufgaben zu stellen, hatte der König unverzüglich den Borstenlook untersagt, zumindest während der Jagdsaison. An eine Anordnung zum unverwechselbaren Tanglook hin, konnte sich Wiesel jedoch nicht erinnern. Das gab ihm zu denken, als die vorderste der vier Grazien ihn wie ein Raubtier zu umrunden begann.

„Hallo, mein warmblütiger Held“, hauchte sie und präsentierte dabei zwei nadelspitze Eckzähne, bei deren Anblick es Wiesel kalt den Rücken hinunter lief. „Wir wollen dich zum Essen einladen.“ Wiesel schluckte und konnte zum ersten Mal nachvollziehen, wie sich ein Kaninchen fühlen mußte, das von einem Rudel hungriger Wölfe umzingelt war.

„Ich bin auf Diät“, ächzte er abwehrend.

„Das ist gut, ich mag es nicht zu fett“, lobte eine andere der üppigen Sumpfbewohnerin. Wiesel hielt das angesichts ihres eindeutigen Übergewichts zwar für glatt gelogen. Allerdings war es vielleicht nicht gerade angezeigt, sie darauf hinzuweisen.

Meisterrrrrrrr“, heulte er daher in Ermangelung einer geeigneten Antwort. Dankbarkeit durchflutete ihn, als daraufhin die Hüttentür schwungvoll geöffnet wurde und mit lautem Krachen gegen die Hüttenwand flog.

„Ihr schon wieder“, knurrte die Hexe. Mit einer riesigen Suppenkelle in der linken und einem schon in die Jahre gekommenen Besen in der anderen Hand bot sie einen Anblick, der selbst Drachen das Fürchten gelehrt hätte.

Oh nein, Siiiieeee ist zu Hause“, erklang es mehrstimmig voller Grauen.

„Und sie hat eine gerupfte Riesenkrähe dabei“, stellte die Dicke mit Ekel fest, als der Unheimliche aus der Hütte trat und sich neben Hedwig stellte.

„Wenn ihr nicht sofort verschwindet, lass ich den hier auf euch los und befehle ihm, euch alle zu küssen.“

Mit einem „Die schreckt wirklich vor nichts zurück“ verschwanden die Vier schneller von der Bildfläche als Wiesel Methhylendioxy-N-Methlanphetamin buchstabieren konnte.

„Ich arbeite, und du vergnügst dich“, knurrte der Unheimliche.

„Und dann noch mit diesen Flittchen“, stimmte die Hexe ihm zu.

„Wenn du dich das nächste Mal zu Wort meldest, dann nur, um die Ankunft unseres Gastes zu verkünden. Sonst landest du im Topf. Verstanden?“

Wiesel nickte unglücklich. Irgendwie war das nicht sein Tag.

 

 

– 22 –

 

Nobeline war ungehalten wie ein Feuerdämon, dem der Brennstoff ausgegangen war. An Händen und Füßen gefesselt lag sie bäuchlings auf ihrem Pferd und überschüttete ihre Peiniger mit einer erlesenen Auswahl an Flüchen, die selbst dem Bären die Schamesröte ins Gesicht trieb. Den Einfallsreichtum an Verwünschungen verdankte sie ihrer alten Gouvernante. Diese war zwar gebaut wie ein Weinfaß, dafür aber ging kein Weg an ihr vorbei, wenn es um die Einführung höherer Töchter in die Feinheiten der Kunst, Kultur und des guten Benehmens ging. Nobeline erinnerte sich noch gut an den Tag, an dem die Alte sie in den fürstlichen Park geführt und ihr mit erhobenen Zeigefinger die Tugenden einer zukünftigen, fürstlichen Lady aufgezählt hatte.

„Wenn Ihr das alles verinnerlicht und Euch meine Ratschläge stets gut merkt und notiert, werdet Ihr eines Tages eine genauso vornehme Dame sein wie ich“, hatte sie mit dem Rücken zum Übel müffelnden Tümpel der frühzeitig aus dem Küchendienst Ausgeschiedenen verkündet, war mit einer eleganten Verbeugung einen Schritt zurückgetreten und prompt über einen der schleimigen Bewohner gestolpert. Die erstaunlich einfallsreichen Flüche, die nach ihrem Auftauchen aus der stinkenden Brühe einem Wasserfall gleich aus ihrem Mund gequollen war, hatte sich Nobeline fleißig notiert, und nun war ihrer Ansicht nach der Zeitpunkt gekommen, das Erlernte einer angemessenen Verwendung zuzuführen. Bedauerlicherweise hatte dies zur Konsequenz, daß ein Teil ihrer Kleidung eine Transformation durchmachte und nun ihrem Mund steckte.

„Hmmpff“, beschwerte sich Nobeline über die, einer Dame höchst unangemessene Behandlung. Van sah das ähnlich, konnte aber angesichts seiner eigenen, mißlichen Lage nichts ausrichten.

„Was habt ihr mit uns vor, du Sohn eines Stinktiers“, fauchte er den Bären an.

„Du kennst meinen Vater?“, staunte der Bär, worauf Van angesichts so viel geballter Dummheit aufheulte.

Die Frage ist berechtigt, Chef“, mischte sich der ehemals erste Netzträger ein. „Was sollen wir mit ihm machen? Er hat nicht viel von einem Fisch an sich. Es dürfte schwer werden, ihn zu filetieren.“

Der ist nicht zum Essen da!“, brüllte der Bär. „Der ist nur Beifang. Auf sie hier, die Tochter vom alten Ignaz kommt es an. Begreift das endlich.“

„Hmmpfff“, protestierte Nobeline angesichts ihrer Demaskierung empört. Ihr Blick traf Vans, und was sie sah, verwirrte sie; denn der wirkte plötzlich, als sei sie etwas Unerfreuliches, das gerade in seiner Suppenschüssel aufgetaucht war, um darin ein Bad zu nehmen.

Du bist Nobeline von Finsterburg, die Tochter von Ignaz dem Prächtigen?“ Vans Stimme klang bitter. Nobeline zuckte so gut es ging mit den Achseln und gab ein entschuldigendes „Grmmbff“, von sich.

Van nickte und wandte die Augen ab. Da war er nun extra mitten in den tiefsten Wald gestiefelt, um einer Vermählung mit der als äußerst zickig gerühmten Fürstentochter zu entgehen, nur um diese genau dort anzutreffen. Der Gott der heillosen Verwirrung schien offenkundig einen besonders guten Tag gehabt zu haben. Zum Glück wußte wenigstens Nobeline ebensowenig wie ihre Häscher, wer ihr Begleiter war. Van fragte sich nur, ob das gut oder schlecht war. Wütend musterte er den Fellgekleideten, der sich suchend umsah, als würde er etwas vermissen.

„Hat jemand Wigo gesehen?“

 

 

 

 

 

– 23 –

 

„Schmeckt gar nicht mal so schlecht, hmmm“, knurrte Mikesch verärgert. Sein Schwanz peitschte hin und her und seine Ohren waren angelegt. Wütend blickte er zu Gorgus hoch, der ihn beinahe an den Drachen verfüttert hätte.

Nie probiert“, rechtfertigte sich der Troll verlegen. Seit zwei Stunden stritt er sich nun schon mit dem Kater. Gorgus hatte ihn unweit des Ortes, wo sie auf den Drachen gestoßen waren, auf einem Baum gefunden. Der Kater hatte sich voller Begeisterung mit einem Miauoorrrrr unter Einsatz aller Krallen und Zähne auf ihn gestürzt, ohne daß es ihm gelungen war, dem Troll auch nur eine Schramme zu verpassen. Das hatte seinen Ärger nur noch verstärkt.

„Hört endlich auf zu streiten“, mischte sich Hilly ein. „Wir haben schon genug Probleme.“ Gemeinsam mit Bärbeiß folgten sie dem Drachen, während ich die Nachhut bildete. In meinem Kopf wirbelten die erhaltenen Informationen des Drachen durcheinander wie Blätter in einem Herbststurm. Dabei stach eine Information wie ein Signallicht in dunkler Nacht am deutlichsten hervor. Prinz Vanadium, von dem Drachen kurz Van genannt, war in Begleitung von Nobeline unterwegs, ohne daß die beiden ahnten, daß ihr jeweiliger Reisegefährte der Grund für ihre Flucht war. Das Leben trieb manchmal seltsame Blüten. Ich überlegte, wie ich mir das zunutze machen konnte.

„Hey, Spargeltarzan“, riß der Kater mich aus einem Haufen irrwitziger Pläne, die in meinem Kopf für Chaos sorgten und einfach keine Gestalt annehmen wollten. „Gab’s hier in letzter Zeit ‘ne Sintflut oder gibt’s hier fliegende Fische?“ Mit der Pfote wies er dabei auf etwas vor uns in den Bäumen. Mein Blick folgte dem Pfotenwink und entdeckte die Überreste eines geknüpften Netzes, das oberhalb des Weges zwischen ein paar massiven Ästen der ausladenden Bäume hing. Nach meinem bisherigen Kenntnissen des Waldes, war das nicht normal. Ich wollte gerade Hilly darauf aufmerksam machen, als diese ihr Pferd zügelte. Offenbar hatte sie ebenfalls etwas entdeckt. Tief über ihr Pferde gebeugt musterten Hilly und Bärbeiß den aufgewühlten Pfad unterhalb der Netzreste.

„Mindestens ein halbes Dutzend“, knurrte Bärbeiß. „Den tiefen Eindrücken der Fußspuren nach, sind sie von den Bäumen hinabgesprungen und haben die beiden angegriffen.“

„Hier liegt eine Mahlzeit“, ließ sich der Drache vernehmen. Er stand ein wenig abseits des Wegs und beäugte etwas, das am Fuß eines Baumstammes zwischen den Resten einer Pilzansammlung lag.

„Ein Gnom“, stellte Hilly mit einem Blick fest, worauf Bärbeiß verächtlich schnaufte. Zwerge und Gnomen lagen seit Generationen im Streit. Ähnlich wie die Zwerge, schätzten viele Gnome das Leben unter Tage was bei den Zwergen nicht gerade auf Wohlwollen stieß. Nach dem Verständnis der Zwerge gehörte das Land unter dem Fels ihnen, so daß sie jedes Eindringen in diese Welt als Hausfriedensbruch betrachten. Da Zwerge störrisch, die Eigentumslage ungeklärt und Gnome dreist sind, schwelt seit Jahrzehnten ein offener Konflikt, zu dessen Lösung bei jeder Gelegenheit gerne die Streitaxt geschwungen wird.

Während der Zwerg grollte, trabte Mikesch neugierig an die Seite des Drachen.

„Wow, was für’n Kraut hat der sich denn rein gepfiffen?“, staunte der Kater angesichts des weggetretenen Gesichtsausdrucks des Gnoms. Probehalber verpaßte er ihm einen Prankenhieb ins Hinterteil, was dem Gnom jedoch nur Grunzen entlockte.

„Der wacht so schnell nicht wieder auf“, stellte Hilly nüchtern fest.

„Typisch Gnome. Machen nur Ärger“, brummte Bärbeiß.

„Nun, es sieht so aus, als ob er die roten Pilze gegessen hat, und die sind giftig“, diagnostizierte ich mit wichtiger Miene, wobei ich mit dem Fuß auf die Reste eines angenagten Pilzes wies, den den Gnom noch immer mit der rechten Hand umklammerte. „In irgendeiner Schrift habe ich gelesen, daß ihr Verzehr Wahnvorstellungen hervorruft. Den können wir also für eine Weile vergessen.“

Abwarten“, grollte plötzlich Gorgus Stimme neben meinem Ohr. Der Troll hatte sich bisher zurückgehalten. Jetzt jedoch griff er mit seiner Pranke nach dem ahnungslosen Gnom und hob ihn in Augenhöhe hoch. Der auf diese Weise Beförderte ahnte tief in seinem Inneren, daß ihm gleich etwas Unangenehmes bevorstehen würde. Bisher war er auf einer rosa Wolke über einem Meer voller Fische dahin getrieben. Doch plötzlich meldete ihm sein Unterbewußtsein, daß die Wolke ihn auf eine Weise nach oben befördert hatte, die für Wolken höchst ungewöhnlich war. Bevor sein umwölkter Verstand diese Information verarbeiten konnte, meldeten ihm sämtliche Synapsen, daß er offenbar gerade den Weltuntergang erlebte. Zumindest ließ die Tatsache, daß sein Körper derart hin und her geschleudert wurde, daß seine Zähne lautstark aufeinander schlugen, die Vermutung nahe liegen. Als einen Augenblick später wieder Ruhe eintrat, hielt Wigos Unterbewußtsein es für dringend angebracht, sich aus der Traumwelt zu verabschieden und sich in der Realität umzusehen. Langsam öffneten sich daraufhin die Augenlieder des durchgeschüttelten Gnoms. Die Pupillen fokussierten mühsam, doch der Verstand weigerte sich zu glauben, was die Augen ihm meldeten. Erneutes Fokussieren wieder Entsetzen, bis der Verstand schließlich einsehen mußte, daß das Bild, das sich auf der Netzhaut widerspiegelte, bittere Realität war.

Er wach“, brummte Gorgus stolz angesichts des lauten Entsetzenschreis, den der Gnom beim Anblick des Trolls von sich gab. Ich konnte den Gnom verstehen. Bestimmt gab es angenehmere Anblicke beim Erwachen als ein Trollgesicht aus zehn Zentimeter Entfernung. Ein erneutes Schütteln ließ den Schrei abbrechen.

„Ich sag’s ja, Gnome. Machen nichts als Ärger“, kommentierte Bärbeiß finster. Indes hatte Wigo festgestellt, daß der Troll nicht sein einziges Problem war. Links von ihm beäugte ihn ein braunes Ungetüm mit einer Schnauze so groß wie ein Boot, und unter ihm lauerte etwas Schwarzes, Pelziges, dem es offenbar Vergnügen bereitete, mit seiner Pranke nach ihm zu schlagen.

„Das erinnert mich an meinen Kratzbaum“, tönte das pelzige Ungetüm gerade vergnügt. „Da waren oben Bälle dran befestigt, die klingelten, wenn man nach ihnen schlug. Kannst du ihn ein Stück tiefer halten, mein Großer?“

„Der ist nicht zum Spielen da“, scholt ich den Kater, der daraufhin eindrucksvoll schmollte. Niemand schmollte so gut, wie ein Kater. Allerdings nützte ihm das nichts. Der Gnom war im Moment die einzige Informationsquelle und daher nichts für spielende Miezekater mit großen Pranken.

„Hör auf zu schmollen, davon kriegst du Hängebacken“, empfahl ich dem Kater. Indes nahm Hilly den verängstigten Gnom ins Verhör.

„Was ist hier passiert?“, fauchte sie ihn an.

„Wir warteten auf den Fisch“, stammelte Wigo leise. Trotz der großen Menge Pilzdroge, die in seiner Blutbahn kreiste, wurde ihm immer bewußter, daß er gewaltig in der Patsche saß.

„Fisch ist gut, vor allem der in den Schlemmerdosen“, stimmte Mikesch begeistert zu, was ihm einen verärgerten Blick Hillys einbrachte. Dann wandte sie sich wieder dem Gnom zu, der hilflos in der Pranke des Trolls hing und langsam hin und her pendelte.

„Ihr habt hier also jemanden gefangen und weggebracht. Weißt du wohin?“, schaltete ich mich in das Verhör ein. Der Gnom rollte daraufhin auf beeindruckende Weise mit den Augen, bis das linke in eine andere Richtung starrte als das rechte und hauchte:

„Zu Hedwig.“

„Ist das ‘n Name für ‘n Fischkonserve?“, fragte Mikesch hoffnungsvoll.

„Nein, ein anderer Ausdruck für schlimmen Ärger“, stellte Hilly fest. Zwischen ihren Augen hatte sich eine steile Falte gebildet.

„Wäre es zuviel verlangt, wenn du uns aufklären könntest?“, fragte ich ein wenig ungehalten.

Hilly nickte und erzählte uns, was sie über Hedwig wußte.

„Mahlzeit“, brummte Mikesch, als Hilly geendet hatte. „Wieso bringen sie die beiden da hin? Braucht der alte Besen Arbeitskräfte zur Sanierung des Knusperhäuschens?“

„Der Düstere hat es befohlen“, hauchte Wigo ängstlich. Ob es die Erinnerung war oder die Aussicht als Zwischenmahlzeit zu enden, vermochte ich nicht zu beurteilen.

„Heißt er Egdar?“, fragte ich.

„Wigo weiß es nicht.“

„Machen nur Ärger, die Gnome“, brummte Bärbeiß.

„Hmmm.“

Nachdenklich rieb ich mein inzwischen stoppeliges Kinn und überdachte unsere verfahrene Situation. Es sprach einiges dafür, daß Wigos Gefährten im Auftrag des Unheimlichen aus Finsterburg gehandelt hatten. Allerdings paßte die Hexe Hedwig dazu nicht ins Bild. Auf der anderen Seite hatte ich keine wirkliche Vorstellung davon, was Hexen so taten. Zauberer und Hexen waren nicht gerade freundschaftlich verbunden, so daß der Meister sich über sie tunlichst ausgeschwiegen hatte. Dieses Wissensdefizit galt es dringend auszugleichen.

„Was machen Hexen denn so in der Regel?“, fragte ich in die Runde, wobei ich angesichts meiner Unwissenheit vor Verlegenheit rot anlief.

„Äpfel vergiften“, kam prompt die Antwort vom Kater. Mir fiel die Kinnlade herunter, während ich mich bemühte, diese Information zu verdauen. „Auf Besenstielen reiten, Lebkuchenhäuser bauen und in der Walpurgisnacht nackt ums Feuer tanzen“, ergänzte Mikesch nach kurzem Überlegen worauf Hilly den Kater ansah, als hätte der ihr gerade verkündet, daß der Drache einen hervorragenden Feuerwehrmann abgegeben würde.

„Hast du von den Pilzen genascht?“, fragte sie den Kater sarkastisch, der daraufhin beleidigt schnaubte, wie es nur ein Kater vermochte.

„Dann schaut doch bei Wikepedia nach, wenn ihr mir nicht glaubt“, maulte er.

„Nach meiner Kenntnis, braut sie finstere Tränke für ihre Kunden, die anderen ihren Willen aufzwingen oder sie um die Ecke bringen wollen“, brummte Bärbeiß düster. „Ich erinnere mich an einen Zwerg, dem jemand einen Trank von Hedwig ins Bier gepanscht hat. Er hielt sich hinterher für einen Falken.“

„Und, hat er das Fliegen gelernt?“, fragte Mikesch mit der für einen Kater typischen Neugier. Sein Schwanz peitschte hin und her.

„Wie man es nimmt. Sein Sturzflug vom Steinbruch war eindrucksvoll, die Landung weniger.“

„Aber das macht Sinn“, sagte ich.

„Nicht, wenn du ihn nach der Landung gesehen hättest.“

Ich schüttelte den Kopf. „Ich meine Hedwig und Nobeline. Bestimmt will der Düstere ihr einen Trank verabreichen, um ihr seinen Willen aufzuzwingen.“

„Gut kombiniert, Dr. Watson“, lobte Mikesch.

„Dann sollten wir der Dame einen Besuch abstatten“, knurrte Bärbeiß. Grimmig tätschelte er seine Axt.

„Das ist ein langer Marsch“, warf Borogaad ein. „Wir sollten Proviant mitnehmen.“

Schon erledigt.“

„Laß ihn laufen. Er schmeckt bestimmt schrecklich nach Fisch“, wies ich den Troll an, worauf der Kater protestierend maunzte.

Fisch schmeckt gut mit Pilzen!“

„Vergiß es“, knurrte ich den Kater an.

„Wirst du uns verraten?“, fragte ich den Gnom. Der schüttelte den Kopf derart heftig, daß ich befürchtete, er könne abfallen.

„Nein, nein, Wigo liebt nur den guten Fisch und will ans Meer.“

„Na, schön.“

Ich gab Gorgus einen Wink, der daraufhin widerstrebend den Gnom frei ließ. Der sah zu, daß er Fersengeld gab.

„Sag mal, Kumpel, was war das denn? Mutter Theresa kannste zuhause spielen, aber nicht mitten im düsteren Wald!“

„Man muß auch mal dem Feind vertrauen können. Nicht jeder ist von Grund auf schlecht“, rechtfertigte ich mich.

„Glaub dran, wenn du früh sterben willst. Der rennt doch schnurstracks ins finstere Moor, kündigt uns an, und dann wirste schneller mit Pfeilen gespickt, als du Hoppla sagen kannst.“

„Er wird uns nicht verraten. Im Moor gibt’s keine Fische. Also wird er schnurstracks zum nächsten Hafen rennen“, erwiderte ich.

„Dein Wort in Gottes Ohr, Kumpel. Aber jammere nicht, wenn’s schief geht.“

 

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Klaus-Peter Behrens).
Der Beitrag wurde von Klaus-Peter Behrens auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.12.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Firio Maonara - Rezepte Von Den Kochfeuern Der Elben - Salate von e-Stories.de



Das Ergebnis des ersten Literaturwettbewerbs von e-Stories.de und World of Fantasy. Tolle Salatrezepte gewürzt mit unterhaltsamen Fantasy-Stories

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Fantasy" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Klaus-Peter Behrens

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Das Tor zwischen den Welten, Teil 27 von Klaus-Peter Behrens (Fantasy)
10. Kanonatuta oder Flitzpiepe von Margit Farwig (Fantasy)
Die Oberschwester von der Schwarzwaldklinik von Margit Kvarda (Humor)