Monika Litschko

Müllers Hausmeistergeschichten 5 - Rückblick

Der Müller hatte, nachdem Inge pausenlos von einem Weihnachtsbaum plapperte, sich endlich auf den Weg gemacht, um diesen zu besorgen. Die Preise trieben ihm den Schweiß auf die Stirn und er entschied, dass es dieses Jahr auch eine Blautanne, mit nicht ganz so viel Ästen, tun würde. Einundzwanzig Euro hatte das kleine Ding gekostet. Aber wegen Corona und wenig Besuch an den Feiertagen, kam ihm dieses Jahr kein Großer ins Haus. Eigentlich fand er es gut, dass dieses Weihnachten anders ablief. Seit Jahren kamen ihre fünf Kinder mit Familien und Kindern am 1. W Weihnachtstag zu ihnen. Seine Inge kochte sich einen Tag vorher den Teufel aus der Seele und backte wie ein Weltmeister. Morgens stand sie dann erschossen auf und erledigte den Rest. Müller musste den Tapeziertisch aus dem Keller holen und ein wenig umbauen, damit genug Sitzplätze vorhanden waren. Gegen Mittag trudelten alle ein und verteilten sich gleichmäßig auf sechzig Quadratmeter. Müller ärgerte es, dass nur die Kleinen ihre Schuhe auszogen. Wie oft hatte er schon gemeckert, dass alle barfuß laufen sollten. Und genauso oft hatte Inge mit ihm gemeckert, dass die Kinder dann kalte Füße bekämen und er, der Müller, auch immer die Schuhe anbehielt, egal wo er war. Ach, gegen Inge kam er einfach nicht an.

Die Raucher stürmten gleich auf den Balkon und der Rest quetschte sich aufs Sofa und er hockte auf einem unbequemen Stuhl. Die Kleinen, fünf an der Zahl, machten es sich im Flur gemütlich, um nach und nach das Wohnzimmer und gegebenenfalls auch das Schlafzimmer zu erobern. Um dann in Bad und Küche zu kommen, musste man ein Akrobat sein. Die Großen kamen nicht mehr mit, denn die Freundinnen und der Freund waren wichtiger und außerdem würde Weihnachten ihrer Meinung nach überbewertet. Das sah der Müller allerdings auch so. Aber wie immer stand er, wenn er es erwähnte, mit seiner Meinung allein da. Seine Inge betitelte ihn dann als Spaßbremse, Meckerheini und Einsiedler. Im schlimmsten Fall legte sie ihm nahe, an den Festtagen zu verschwinden, weil sie sein Genörgel satthatte.

Müller, der auf dem Sofa lag, um einen Mittagsschlaf zu halten, ließ das Jahr weiter Revue passieren. Der Sommer war viel zu heiß gewesen und die Arbeit am und im Haus schweißtreibend. Inges Mutter war im letzten Jahr verstorben und im Juli dieses Jahres hatten sie noch ein Enkelkind bekommen. Endlich mal wieder ein Mädchen. Inge war schier aus dem Häuschen gewesen und hatte sofort das Internet nach hübscher Mädchenkleidung durchforstet. Einmal erst hatten sie die Kleine gesehen, denn ihr Sohn samt Familie wohnte am Stadtrand von Berlin. Der Arbeit und der Liebe wegen, war er dort hingezogen. Der Junge hatte es aber gut getroffen, das konnte man nicht anders sagen. Er hatte eine hübsche Frau und zwei gutgeratene Kinder. Obendrein arbeiteten beide in gut bezahlten Jobs und konnten sich den Traum vom eigenen Häuschen erfüllen. Der Müller staunte immer wieder, was für einen liebevollen Umgang sie pflegten und auch seine Enkelkinder wurden so erzogen. Inge meinte, von ihm hätte Tom das nicht geerbt, sondern von ihr. Na ja, vielleicht hatte sie recht. Er war manchmal stoffelig und ohne Geduld, aber das hatte auch seinen Grund. Der Müller hatte keine schöne Kindheit gehabt. Bei Inge zog dieses Argument nicht und sie kam zu dem Entschluss, dass keine andere Frau sich ihn ans Bein gebunden hätte. Und dass ihr Humor, der immer alle zum Lachen brachte, so langsam verpuffte. Natürlich lag das auch am Müller. Sagte sie jedenfalls. Irgendwie verstand der Müller Inge, denn er war mit Humor nicht gerade gesegnet. Er bemühte sich ja, doch im Endeffekt lachte nur er über seine zurechtgezimmerten Witze.

Aber arbeiten konnte er, da ließ er sich nichts nachsagen. Er ging pflichtbewusst seiner Tätigkeit als Hausmeister nach. Alle kannten ihn und wussten, dass er sagte, was er gerade dachte. Müller schob die Gedanken an seine Person beiseite und dachte weiter nach.

Als Corona ein Thema wurde, änderte sich langsam, aber stetig das Leben aller. Inge war überzeugt, dass sie und er, dieses COVID Anfang Januar hatten. Sie hatten Fieber gehabt, den Geruchs und den Geschmackssinn verloren und litten unter einem hartnäckigen Husten. Wochenlang hatten sie sich damit herumgequält, aber zu der Zeit, war Corona noch kein Thema gewesen. Im Nachhinein musste dieses Virus schon lange unterwegs gewesen sein, denn Inges Bruder war über Neujahr in Ägypten und erwähnte in einer Whattsappnachricht, dass die halbe Ferienanlage unter starken Husten litt. Der Rückflug war besonders schlimm, da er sich vor hustenden Menschen kaum schützen konnte, obwohl er selbst ständig Hustenanfälle bekam. Wenn man da schon gewusst hätte, was auf die Menschheit zukommen würde, man hätte sich versteckt. Aber wo? Es war plötzlich überall und nun nahmen die Schreckensnachrichten kein Ende. Inge war schon am Ende ihrer Nerven angelangt und das tägliche Einerlei machte ihr zu schaffen. Jetzt redeten alle von der Wunderimpfung, aber er und Inge würden sich nicht impfen lassen. Vorerst wenigsten nicht. Sie wollten abwarten, wie sich die Dinge entwickelten, denn ein Impfstoff kommt erst nach Jahren auf den Markt und dieser quasi von heute auf morgen. Aber jeder sollte so handeln, wie er es für richtig hielt.

In dieser Corona Tieflage, muckten Inges Zähne auf. Sie hatte genau so viel Angst vorm Zahnarzt, wie er. Aber im Gegensatz zu ihr, begleitete der Müller sie und blieb an ihrer Seite. Ihre Brücken mussten heraus, sie trug sie immerhin schon dreißig Jahre und vier Zähne wurden gezogen. Das Schlimmste waren die Abdrücke für Inge. Sie würgte und schnappte unkontrolliert nach Luft. Ihr zuliebe rührten sie den Matsch strammer an, damit die Zeit verkürzt wurde. Das Ziehen hatte sie tapfer überstanden und zum Trost bekam sie ein Provisorium eingesetzt. Es wäre auch ohne gegangen, da nur links und rechts oben, jeweils zwei Zähne gezogen wurden. Aber da war Inge eitel und meinte, dass sie nicht wie ein Pferd aussehen wollte, falls sie jemals wieder lachte. Der Müller hatte sich immer gewundert, warum Inges Pullover nass war, wenn sie aus dem Bad kam, denn sie spülte nach jedem Essen ihr Provisorium ab. Bis er sie dabei erwischte. Inge spülte sich den Mund aus und das Wasser schoss ihr links und rechts wie ein Wasserfall aus dem Mund, direkt auf den Pullover. „Du hast da keine Zähne mehr“, sagte er amüsiert und suchte das Weite. Das war zum Beispiel eine Situation, wo er herzhaft lachen musste. Oder als Inge ihm beim Fenster streichen helfen wollte. Voller Elan hatte sie sich den Lack gegriffen und die Fensterbank weiß gepinselt. Danach kletterte sie auf einen Stuhl und stieg auf die Fensterbank, um die oberen Rahmen zu streichen. Was hatte er einen Spaß gehabt, als sie in der nassen Farbe stand. Der Müller war sich sicher, dass Inge und er, füreinander gemacht waren. Denn ohne Inge, würde er sich zu Tode nörgeln und Inge würde vor Langeweile eingehen, da sie niemanden zum zurechtweisen hätte.

Erst gestern hatte er sich mit Buzek, Ede Menke und der Beier unterhalten. Wegen impfen und so. Der Müller hatte seine Meinung kundgetan und Buzek und Ede auch. Aber was die Beier von sich gegeben hatte, schlug dem Fass den Boden aus. Sie redete sich in Rage, was sie immer tat und behauptete frech, dass Männer dumm sind.

„Überlegt ihr Männer gar nicht? Alte und Kranke zuerst. Rentner und Vorbelastete ebenfalls. Bis zum Sommer sind alle Alten, Rentner und Vorbelastete tot. Bei den Menschen ab sechzig wird sich zeigen, wie die Spätschäden sind. Was übrig bleibt, sind junge und gesunde Menschen, die die Wirtschaft wieder ankurbeln. Somit sind die Krankenkassen entlastet und die Rentenkassen auch. Wir sind einfach zu viele, die sich hier auf der Erde tummeln.“

Edes Einwand, dass Pflegepersonal, Ärzte und andere wichtige Berufszweige auch geimpft würden, fegte sie einfach beiseite. „Seht ihr, was die gespritzt bekommen?“

Müller wurde es irgendwann zu bunt und er verabschiedete sich. Immerhin war schon wieder genug Laub da, welches zusammengefegt werden musste. Obendrein wollte er den Weihnachtsbaum einstielen, sonst würde Inge es selbst machen und das fehlte ihm noch. Letztes Jahr, als sie noch alle zusammen gefeiert hatten, kippte der Baum, als gerade der Weihnachtsmann da war, ganz langsam zur Seite. Alle guckten, aber keiner bewegte sich und hielt ihn auf. Tja, das war Inges Kunst gewesen. Immerhin hatte er drei Tage stramm im Ständer gestanden, bevor er ohnmächtig wurde. Wo er gerade so drüber nachdachte, merkte er, dass Weihnachten mit all ihren Liebsten schön war und dass nur er es war, der seine Ruhe haben wollte. Alle anderen hatten immer einen riesigen Spaß, wenn sie zusammen waren. Und ihm fiel auch ein, dass alle ihre Kinder gut geraten waren. Sie waren fleißig, höflich, nahmen keine Drogen und tranken auch nicht. Was wollte er noch mehr? Müller schwor sich, dass, falls er Corona überlebte, er sich ändern würde. Er drehte sich kurz um, nur um sicher zu sein, dass Inge nicht in der Nähe war und schlug das Kreuzzeichen. Der Müller hatte genug vom Denken. Er stand auf, um sich einen Kaffee zu holen. Als er in die Küche kam, stand Inge am Fenster und hielt sich die Nase zu. Ihr Körper schüttelte sich unter Lachkrämpfen, als sie laut Amen rief. Erst war er sauer. Aber als er sah, dass Inge ihr Provisorium im Bad vergessen hatte, lachte auch er, bis ihm die Tränen kamen. Die abgespeckten Feiertage konnten kommen. Und er, der Müller, würde versuchen sein Versprechen zu halten.

Frohe Weinachten wünscht der Müller.

©Monika Litschko

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.12.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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