Indra Seidler

Rauchiger Neustart

Aus der Wolke gleitend, falle ich behütet auf den ranzigen alten Sessel, der seit Anbeginn der lebendigen Zeit ein treuer Begleiter ist. Die Leute setzen sich, hinterlassen unangenehme Düfte im Polster, beschmutzen ihn mit matschig triefenden Stiefeln und vergraben ihre benutzten Taschentücher in den Ritzen, als gäbe es ein schwarzes Loch im Innersten. Kaum einer schert sich um den schweigenden Sessel. Ab und an schaut jemand nach ihm, doch ein Versuch der Reinigung scheitert jedes Mal aufs neue. Es nützt schlichtweg nichts mehr. Es ist zu spät.

So liege ich nun hier auf diesem bequemen, aber muffigen Etwas. Aufrecht sitzen kann und will ich noch nicht. Krabbeln könnte... nein, das kann ich noch nicht. Aus der Schachtel mit dem tödlichen Hinweis darauf, nehme ich mir die Zigarette, die für mich bestimmt ist. Ihr Duft ist ansprechend. Feuerzeug an. Schnuller aus dem Mund. Erster Zug. PLOPP! Ich kann krabbeln.

Obwohl dichter Qualm bereits den Raum kläglich überfüllt, sehe ich deutlich, wie aus dem Astloch im Dielenboden roter Rauch aufsteigt. Wie gern ich doch durch dieses Astloch sehen würde. Wieso steigt der Rauch von dort aus in meinen Raum und wieso kommt da kein Wölkchen aus meiner Lunge, wenn ich nun langsam ausatme?

Ich schaue mich um. Blick nach links: Ein hohes Bücherregal versperrt mir die Sicht aus dem Fenster. Wer stellt so ein großes Stück Holz ausgerechnet vor das einzige Fenster zur Außenwelt? Vollgestellt mit verstaubten Büchern schaut es die Leute wehmütig an und bittet um einen Gesprächspartner. Doch niemand interessiert sich für alte Geschichten und längst tote Sprachen. Sie leben im Jetzt und wollen die Vergangenheit verdrängen. Wozu sich mit etwas beschäftigen, wenn davon nichts übrig bleibt?

Traurig schaue ich meine Zigarette an. Mir bleibt nichts anderes übrig, als erneut an ihr zu ziehen. Ein langer Zug. PLOPP! Endlich kann ich mich aufrecht hinsetzen. Welch eine Befreiung mich erfüllt! Erneut strömt roter Rauch aus dem Fußboden hinauf in das ohnehin schon stickige Zimmer. Interessant. Mein Blick trifft erneut das alte Bücherregal. Nennen wir es doch Orwell. Ob in Orwell wohl Bilderbücher stehen? So ganz ohne Worte?

Die Leute sind faul. Die Leute verhalten sich egoistisch und affektiert. Abschaum! Obwohl sie den anderen gegenüber suggerieren allwissend zu sein, so sehe ich sie doch, wie sie im Dunkeln heimlich hineinschleichen und Bücher stehlen. Sie bereichern sich an dem Gedankengut anderer, verkaufen es als ihre eigene Idee und vergessen Orwell. Nur das kleine, verruchte Kämmerlein ganz hinten in ihrer unbarmherzigen Seele; das erinnert sich und lässt ihre Herzen austrocknen. Es wird sie nie in Ruhe lassen. Nicht einmal, wenn sie von dem Astloch in die unendliche Endlichkeit gesaugt werden. Wie ein unbemerkter Schlag von auf den Hinterkopf, überwältigt sie der rote Rauch.

Zigarette! Ich vergaß! Lasst mich in Ruhe einen langen Zug genießen... PLOPP! Wie das alles nervt! Warum kommt da immer noch roter Rauch aus dem Dielenboden? Ist grün aus? Aufstehen und nachschauen werde ich nicht. Obwohl ich es schon längst könnte, habe ich schlichtweg keine Lust mich hier weg zu bewegen. Der Sessel ist abgenutzt, aber gerade noch bequem genug. Wozu sollte ich im Raum wie ein Zirkus-Tier auf und ab gehen? Auf und ab wie ein majestätischer, aber deutlich gelangweilter Tiger. Nein! Ich bleibe hier sitzen!

Orwell bietet mir seine Schriftstücke zu lesen an. Doch wozu sollte ich mich mit solch öden Werken befassen? Etwa, weil die Leute eine gewisse Intelligenz von mir erwarten? Ich bin intelligent. Das muss ich niemandem beweisen und auf gar keinen Fall muss ich mir dafür meine Hände an verstaubten Büchern verdrecken. Ohne den Rauch in meiner Lunge halte ich das hier kaum fünf Minuten lang aus! Nächster Zug. PLOPP!

Warum bin ich überhaupt hier? Zu gern würde ich nur einen Blick aus dem Fenster hinter dem Bücherregal werfen. Vielleicht würde ich mich sogar trauen meinen Kopf hinaus zu strecken; einen Arm, ein Bein, was könnte schon passieren? Was Orwell wohl davon hält? Hat jemals einer dieser Leute versucht hinauszusteigen? Ich erhebe mich zum ersten Mal in meinem Leben aus diesem Sessel. Ein Schritt nach vorne folgt dem nächsten Schritt nach links. Der hölzerne Boden unter meinen nackten Füßen knarrt. Das Bücherregal beobachtet mich streng, gestattet mir aber das Verlassen meiner behüteten Zone. Vorsichtig ertaste ich ihn mit meinen Fingerspitzen. Ich spüre die Maserung im Holz, ich spüre die rissige Oberfläche. Ich spüre die Zeit.

Orwell schreckt zurück. An nicht verletzende Berührungen ist er nie gewöhnt gewesen. Vorsichtig lege ich meine Handfläche auf eines seiner Bretter und wir fühlen uns von diesem Moment an tief verbunden. Es ist eine Verbundenheit der besonderen Art. Ich sehe seine Ängste, seine Hoffnungen, seine Geschichte. Achtsam rückt er ein wenig vom Fenster ab. Nur so weit, dass ich gerade so mit einem Auge hinaus schauen kann. Ich senke meinen Kopf zur Fensterscheibe, wische mit zwei Fingern den Dreck von der Oberfläche und schaue hinaus ohne auch nur einmal zu blinzeln. Ich könnte schließlich etwas verpassen. Aber ich sehe nichts. Ein Nichts, welches mir wohl genügen muss.

Enttäuscht wende ich mich wieder meinem Sessel und meiner Zigarette zu. Mein nächster Zug ist von niedergeschlagener Natur. PLOPP! Da ist er wieder, der rote Rauch. Mich packt die Neugierde. Ich darf nicht atmen, ehe ich am Astloch angekommen bin. Ich knie nieder und lege mein Auge auf den Fußboden. Näher. Näher... Das brennt! Ein ätzender Qualm dringt in mein Auge! Ich huste! Ein ätzender Gestank durchdringt meine Nase. Es stinkt, es brennt, welch fürchterlicher Rauch! Was ist das für eine Abscheulichkeit? Rote Tränen fließen meine Wangen hinab, bis meine Lippen ihre Salzigkeit vernehmen. Das Bücherregal scheint Mitleid mit mir zu haben. Zur Ablenkung reicht es mir ein Schriftstück: „Die Göttliche Komödie – Dante Alighieri“. Na gut, es könnte mich ablenken. „Ich war ,dem Höhepunkt des Lebens' nah, weil mich ein dunkler Wald umgeben hat und [...]“...

Langsam versinke ich in dem Schriftstück und lehre mich auf wundersame Weise selbst. Wieso scheuen sich die Leute vor dem Lesen von Büchern? Es bereitet mir Freude Dante in die Unterwelt zu begleiten. Ich bemerke, wie ich anfange zu schmunzeln, zu grübeln, nachzudenken. Ich bin nicht wie die Leute. Sie mögen mich verachten, doch sie können mir nicht meine Interessen und meine Persönlichkeit nehmen. Das bleibt allein mir vorbehalten. Und ich lese weiter und weiter, ziehe an meiner Zigarette und lese weiter. PLOPP!

Während des Lesens scheine ich die Leute allmählich vergessen zu haben. Das Werk, welches ich in den Händen halte, ist mittlerweile mein (Zahl). Buch. Ich blicke nach links. Huch! Orwell scheint sich mit der Zeit weiter vom Fenster entfernt zu haben. Wie konnte ich das nicht bemerken? Ich lege die Bücher zurück, stehe auf und schreite tapsig zum Fenster. Es lässt sich öffnen. Ich strecke bedacht meine Hand hinaus und vernehme einen sanften Windzug. Ich schaue nun durch das geöffnete Fenster und dennoch: Nichts! Ich erblicke allein etwas, dass sich beschreiben lässt wie einen goldigen Himmel, vereinzelt sonderbare Arten von weißen Wolken, aber darunter kein, das Bild festigender Boden.

Interessant!

Alle meine Körperteile wieder im Raum, schließe ich das Fenster. Orwell schaut mich fragend an. War ich ihm etwa nicht mutig genug? Ja. Der Beweis liegt im wahrsten Sinne auf der Hand. Er gab mir soeben ein Buch: „Mut – der Sprung in die Ungewissheit“. Ich setze mich und lese. Sofort weiß ich, zu was mich das Bücherregal zu drängen versucht. Ich soll springen, ich werde springen müssen um meine Neugierde stillen zu können. Aus dem Fenster. Ob ich so viel Mut aufbringen kann? Meine ledrigen Zehen krallen sich in den kleinen rauen Teppich unter mir fest. Noch nie zuvor verspürte ich solche Angst.

In Ordnung, ich werde springen. Was kann schon passieren? Wohin sollte ich fallen? Auf den nicht existierenden Boden? Ich ziehe an meiner Zigarette. Ein letzter Zug vor dem Absprung. PLOPP! Mystisch! Wie in einem Science-Fiction Roman, stehe ich in Zeitlupe auf, gehe zielstrebig mit wehenden Haaren auf das Fenster zu, öffne es rasch mit bloßer Muskelkraft. Ich steige barfuß auf das motivierend kühle Fensterbrett, der rote Rauch steigt hinter mir auf und streift meine Schultern. Das Bücherregal zwinkert mir zu und ich stürze mich in die windige Endlosigkeit.

Ich stürze mit hoher Geschwindigkeit zu Boden! Ich bekomme keine Luft und gehe zu Grunde! Nein, was erzähle ich hier? Seid gnädig mit mir, das war ein Versuch witzig zu sein. In Wahrheit ist nichts passiert. Ein wenig langweilig, aber ja: Ich schwebe; ich fliege auf einer Stelle neben dem offenen Fenster. Es befindet sich in Griffreichweite, ich steige wieder hinein. Ein wenig mehr Aufregung hatte ich mir erhofft. Dennoch hat mir diese kurze Erfahrung die Augen geöffnet. Oder doch eher geschlossen?

Ich greife in das Bücherregal und nehme mir willkürlich ein Buch heraus. Ein wenig Entspannung wird mir gut tun. Entschlossen lasse ich mich in den Sessel fallen, der mit der Zeit immer dunkler wird. Brandlöcher, geplatzte Nähte und der abgenutzte Stoff vermitteln mir ein heimisches Gefühl. Ich öffne das Buch. Was steht hier geschrieben? „Am Anfang schuf Gott...“ Wieso kann ich die Zeilen nicht entziffern? Meine Augen scheinen an Sehkraft zu verlieren. Angestrengt und konzentriert halte ich das Papier direkt vor mein Gesicht um lesen zu können. Es scheint zu funktionieren. So langsam ist es an der Zeit wieder an der Zigarette zu ziehen. PLOPP!

Das Bücherlesen hat mir immer Freude bereitet, doch ich schaffe es nicht mehr. Die Buchstaben scheinen in meinem Kopf zu verschwimmen und die Seitenzahlen kann ich mir nicht mehr merken. Ich schließe die Augen und denke mir selbst Geschichten aus. Dank all der Erfahrung, die ich durch das Lesen sammeln konnte, gelingt es mir nun meine Gedanken kreisen zu lassen und durch das bunt leuchtende Universum zu reisen. Nach einiger Zeit öffne ich meine Augen wieder. Was macht Orwell? Hat er etwa Stift und Papier in der Hand? JA, tatsächlich; er notiert meine Gedanken und setzt sie zu einem Roman zusammen.

Meine Beine fangen an zu zittern, ich versuche aufzustehen. Das schaffe ich nicht. Mein Körper scheint in sich zusammen zu fallen und meine Seele im Stich zu lassen. Mich überfordert die Situation. An meiner Zigarette scheint noch ein letzter Zug übrig zu sein. Wann könnte der irreale Rauch in meiner Lunge passender sein als jetzt? PLOPP!

Die Zigarette ist aufgeraucht. Ich drücke sie in dem Aschenbecher vor mir aus. Roter Rauch steigt zum letzten Mal aus dem Astloch auf. Im Raum hat sich bereits so viel Rauch angesammelt, dass er meine Lunge erreicht. Es kratzt, ich bekomme kaum noch Luft. Bewegung fällt mir schwer. Mit letzter Kraft hebe ich meinen Körper aus dem Sessel, schleppe mich zum Bücherregal hinüber und blicke zurück. Eines fällt mir erst jetzt auf. Nie habe ich vom Sessel aus nach rechts geblickt. Warum nicht? Vom Regal aus kann ich nichts mehr erkennen. Die rechte Hälfte des Raums werde ich dann im nächsten Leben erkunden.

Schwermütig schaue ich das Bücherregal an. Sein vertrauter Blick trifft mich. Orwell scheint ebenso wie ich glücklich an unsere erste Begegnung zurück zu denken. Was für ein Glück ich doch hatte hier - bei ihm - zu sein.

Mein von Herzen geliebter Orwell, wie sehr ich dir für unsere tiefen Gespräche zu danken habe! Mein innigster Freund, nie könnte ich dich vergessen. Mein Herz bebt vor Freude. Das Bücherregal nimmt mich in seine Arme, drückt mich fest an seine splitternden Bretter und spendet mir emotionale Wärme. Ein salziger Tropfen Wasser verlässt meine aufgequollenen Augen und anstatt wie die Leute von dem roten Rauch mit der Zeit aufgesaugt zu werden, zieht mich Orwell zu sich. Meine faltigen Glieder werden zu faltbarem Papier. Auf meiner neuen Haut befinden sich all die guten Wörter, die mich prägen und mit denen ich meine Mitmenschen prägte. Ein Schriftstück zu sein, für alle interessierten Menschen zugänglich zu sein; welch ein Traum dieser irdische Abschied ist...

Die Leute trauern, der Aschenbecher quillt über. Ein Unbekannter leert diesen und ich gerate in Vergessenheit. Nicht einmal eine einzige Träne wird erneut vergossen.

Ende

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.12.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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