Karl Wiener

Der Zaunkönig


  Regelmäßig, aller vier Jahre im Herbst, wenn die Tage kürzer wurden und die Blätter an den Bäumen begannen, sich bunt zu färben, versammelten sich die Tiere auf einer großen Waldwiese, um ihren König zu wählen. Das eine Mal wurde der mächtige Löwe zum König der Tiere gekürt, ein anderes Mal war es der schlaue Fuchs oder der starke Bär. Dieses Mal hatten die Tiere beschlossen, daß ein Vogel als König der Lüfte die Geschicke des Tierreichs lenken sollte. Sie wollten denjenigen Vogel zu ihrem Herrscher machen, der die Kraft besaß, sich über alle anderen am höchsten zu erheben. Alle dachten dabei sogleich an den Condor, den größten Vogel der Welt, dessen Flügel ausgebreitet von Spitze zu Spitze bis zu vier Meter messen konnten, oder an den Adler, der für seine Kraft und seinen Scharfblick bekannt war.
 

  Nachdem zunächst die Taube, das Huhn, die Ente und andere Bewerber ihr Glück versucht hatten, breitete der Adler seine Schwingen und erhob sich in ungeahnte Höhen, in die ihm keiner seiner Mitbewerber folgen konnte. Er hatte jedoch nicht bemerkt, daß sich ein kleiner bunter Vogel in seinem Gefieder versteckt hatte. Unbemerkt ließ der sich auf dem Rücken des Adlers nach oben tragen.

   Als der Adler, seines Sieges gewiß, sich schließlich anschickte, im Gleitflug zur Erde zurückzukehren, löste sich der blinde Passagier von dessen Rücken, um mit eiligen Flügelschlägen noch einige Meter an Höhe zu gewinnen. Bald aber verließen ihn die Kräfte, und er mußte seinen Höhenflug aufgeben. Völlig ermattet kehrte er auf den Boden zurück. Dort plusterte er, stolz wie ein Pfau, seine Federn auf und erklärte sich zum Sieger des Wettbewerbs, denn er sei schließlich höher geflogen als jeder andere Vogel. Zur Verkündung seines Anspruchs hüpfte er salopp auf einen Zaunpfahl, rief sich zum König der Tiere aus und schickte sich an, ein Loblied auf sich und sein Königreich anzustimmen.

    Die anderen Tiere aber hatten die List des Vogels bemerkt und wollten ihm seinen eitlen Trick nicht nachsehen. Sie forderten ihn auf, sein unverdientes Amt niederzulegen. Doch er bestand auf sein vermeintliches Recht. Vom Zaunpfahl herab beharrte er lautstark auf seiner königlichen Würde. Da wandten sich die Tiere schließlich von ihm ab und verspotteten ihn fortan als „Zaunkönig“.

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