Klaus Buschendorf

Am Heiligtum der alten Ruganer

Wir wollten noch einmal Rügen sehen. Mit dieser Insel verbinden uns beide viele Erinnerungen aus Kinder- und Jugendzeit. Ferienlager, Camping mit Freunden – der Reisetraum unserer frühen getrennten, später gemeinsamen Wünsche. So sind wir durchgefahren bis zum Kap Arkona, spazierten an den Leuchttürmen entlang, besuchten die alte Slawenfestung, die halb abgebrochen hoch über der Steilküste ragt und wanderten über Land zurück nach Vitt, dem kleinen Fischerdorf. Ein solches ist es lang nicht mehr, doch sieht es noch so aus. Für Touristen macht man heute auf Rügen alles ansehnlich und dennoch auf alt. Dann stiegen wir hinab an den Strand, suchten ein Kuhle und streckten unsere müden Beine aus. Sommer war’s, kaum Wind, nicht zu heiß – Wanderwetter, wir hatten uns den Tag gut ausgesucht. Ich sah auf das ferne Kap Arkona, meine Frau hatte die Augen geschlossen. „Da ist erst vor kurzem wieder ein Stück abgebrochen“, sagte ich sinnend zu ihr. Ich erhielt keine Antwort. Eingeschlafen war sie, ganz schnell – so viele Kilometer Laufen sind wir beide nicht mehr gewohnt. Soll sie schlafen. Rentner sind wir, Termine drücken uns nicht mehr. Wir genießen endlich den Luxus, den Bedürfnissen unseres Körpers lauschen und ihnen folgen zu können. Gib dich hin, meine Schöne, dachte ich versonnen – grad wie zu jener Zeit, als ich das noch mit Herzklopfen gesagt hätte. 

Man kann einer Schlafenden lange zusehen, hebt dann doch den Blick und die Augen suchen sich ein Ziel. Kap Arkona, eine Steilküste, Leuchttürme, eine alte Slawenburg mit Erdwällen, zur Hälfte schon abgebrochen und im Meer versunken, ein Heiligtum sei sie gewesen, sprach der Führer. Wir standen auf dem Aussichtspunkt des Burgwalls, sahen nach Vitt – doch viel war da nicht zu sehen. Nun sind wir dort, wo wir hinsahen. Gesehenes vermischt sich mit Wissen, meine Gedanken tauchen in Geschichten, tausende Jahre alt, Geschichten der alten Ruganer. Dort im Heiligtum beteten sie ihre Götter an. Kaufleute fanden sie, begannen mit ihnen Handel zu treiben. Mönche folgten ihren Wegen, bekehrten sie zum Gott der Christen, dem einzigen. Warum ließen sie sich abbringen von den Göttern ihrer Väter? Ich will und kann nicht rechten mit ihnen, es ist geschehen, es gibt keine Ruganer mehr, aufgegangen sind sie im großen Volk der Deutschen, wie so viele andere auch – ein ganz normales Schicksal. Das wissen wir heute. Sie fügten sich der Lehre: Es gibt nur einen Gott. Er ist allmächtig und ewig. Nichts kann geschehen, was er nicht weiß oder zulässt. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.        

Die Ruganer hatten andere Götter und gaben sie auf. Warum? Denn bei den Bekehrungsreden der Mönche muss doch wenigstens einer von ihnen still für sich gefragt haben: Was sagt eigentlich der Mann da in der Kutte und dem Kreuz in der Hand? Und er dachte vielleicht heimlich: Logik hat mir Gott, der Schöpfer, gegeben. Wende ich sie an, muss ich folgern: Wenn es nur einen Gott gibt, kann der Mensch nicht andere Götter neben ihm haben. Betet ein Mensch also einen Baum, einen Stein oder irgendetwas in der Welt als seinen Gott an, betet er ihn an, den Einzigen. Also sind meine Götter doch auch nur er, der Einzige, nur in verschiedenen Gewändern!

Ein uralter Hauch scheint mich anzuwehen vom halb sichtbaren Heiligtum der alten Ruganer. Doch ich lebe tausend Jahre später. Ich weiß mehr als jener Heide, weiß, dass es drei monotheistische Religionen gibt. Und der Logik dieses zu bekehrenden Menschen vor tausend Jahren, weiter gedacht mit meinem Wissen, kann ich folgern: Die drei monotheistischen Religionen haben nur verschiedene Namen für ein und denselben Gott. Ihre Unterschiede beschränken sich auf Rituale, wie die Menschen ihm dienen oder anbeten. Religionen, die viele Götter haben, spalten seine Erscheinung nur in verschiedene Bereiche. Diese „Götter“ sind nur verschiedene Ansichten, Teile des einen Gottes. Auch sie unterscheiden sich also nur in äußeren Ritualen von den drei monotheistischen Religionen.

In den modernen Wissenschaften findet Gott keinen Platz. Man spricht von den materiellen Erscheinungen und den Naturgesetzen. Der Zusammenhang zwischen ihnen, so sagt die Wissenschaft, erschließt sich in ihrem Wirken. Die materiellen Erscheinungen sind fassbar. Naturgesetze sind das nicht. Im Zusammenwirken der  uns umgebenden Welt können wir die „unsichtbaren“ Naturgesetze erkennen und gedanklich erschließen. Naturgesetze sind somit gleichsam die „Seele“ der Natur, das Materielle der Natur ist ihr „Körper“. Für die Seele des Menschen hat die Naturwissenschaft das Wort „Bewusstsein“ gesetzt. Vergleichbar können wir die Naturgesetze als das Bewusstsein, die Seele der Natur bezeichnen. Diesen Gedankengang finden wir in vielen Naturreligionen wieder. Einige Naturvölker verbeugen sich vor dem Stein, dem sie bei Gebrauch „wehtun“ müssen. Sie bitten das Tier um Verzeihung, wenn sie es töten, weil sie es als Nahrung brauchen. In der Logik solchen Denkens können wir auch unsere eigene „Seele“, unser eigenes „Bewusstsein“ als kleinen Bestandteil einer „Weltseele“, eines „Weltbewusstseins“ sehen.

Bin ich im logischen Denken so weit fortgeschritten, bleibt nur noch zu fragen, warum wir solches „Weltbewusstsein“ nicht auch Gott nennen können? Ich denke – ja. So ist auch dem Atheisten die Brücke zum Gläubigen möglich. Er definiere das Ideelle in der Natur als Gott – schon verschwindet der prinzipielle Unterschied zwischen ihm und dem religiösen Menschen.

Ich habe einen großen Kreis im Denken geschlagen, um festzustellen, dass Auseinandersetzungen zwischen Religionen und zwischen „Gläubigen“ und „Ungläubigen“ lediglich auf verschiedenem Sprachgebrauch beruhen. Von sich heraus sind sie nicht notwendig. Warum aber haben die meisten Menschen offensichtlich noch nie so weit gedacht?

So schafft jede Religion oder Weltanschauung mit ihren Ritualen eine Art „Schere im Kopf“. Diese schneidet ein logisches Weiterdenken über die gewohnten Begriffe und Denkgewohnheiten hinaus ab. Das ist schade und schlimm. Denn so kann der Anders- oder Nichtgläubige zum Feind werden.

Zurück zum Ersten Gebot. Auf die eine oder andere Art und Weise ist es in jeder Religion vorhanden. Und hat doch eigentlich gar keinen Sinn. Denn es gibt doch nur den einen Gott!

Oder doch? Fügt man nämlich in die beiden Sätze statt Gott das Wort „König“ ein – sofort ergibt sich ein sehr praktischer Sinn. Dass es mehr als einen König in der Welt gibt, ist jedem Menschen klar. Und Königtum beruft sich stets auf Sendungsbewusstsein durch Gott. Die Gleichsetzung der Worte Gott und König tritt in vielen christlichen Liedern auf. Ein Herrschaftsanspruch wird durch das Erste Gebot legitimiert. Es wird gebraucht im Sinne: Du sollst keinen anderen König haben neben mir.

Wenn die Menschen über diese beschriebene Schwelle hinaus logisch denken, die „Schere im Kopf“ überwinden, kann der Toleranz, dem Frieden und einem anderen Herrschaftsverständnis ein weites Feld geöffnet werden. Neu sind solche Überlegungen nicht. Man lese von Lessing „Nathan, der Weise“ und darin die Ringparabel, welche dieser dem Sultan Saladin vorträgt. Und die Indianer Nordamerikas hatten schon immer die Vorstellung von einer beseelten Natur.

So kann das Erkennen der Unlogik des Ersten Gebots eine Brücke sein. Über diese Brücke sollten alle Menschen zueinander gehen und brauchten sich nicht fürchten. Die Logik im Denken kommt von Gott! Sie anzuwenden, kann nicht Sünde sein!

„Du siehst grad aus, als wälzt du große Probleme. Hab ich recht?“ Meine Frau ist munter, schaut mich spöttisch an. „Ausgeschlafen, schöne Schläferin?“ – „So, habe ich das?“ Sie setzt sich, klopft den Sand von ihrer Hose. „Wirst wohl Recht haben, wenn ich diese Abdrücke sehe. Und du? Du hast vor dich hingesonnen und die Welt verbessert, oder?“ – „Weiß ich nicht, ob ich die Welt verbessern kann. Doch Gedanken machen Spaß – und manchmal bewirken sie auch etwas.“ – „Richtig, Träumer. Und nun habe ich Hunger. Kannst du dich an das kleine Café  dort oben in Vitt erinnern?“ Vergnügt stehen wir auf, fassen uns an den Händen und steigen bergan.  

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.12.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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