Klaus-D. Heid

Schweigen

Es gab keinen Abschiedsbrief. Wahrscheinlich war es für sie auch gar kein Abschied. Von was und von wem hätte sie sich verabschieden sollen? Von einem Leben, das sie nicht leben wollte? Von ihren Freunden, mit denen man über alles quatschten konnte, wenn es nur schön oberflächlich und trivial war? Von ihrer Mutter, die ihre Tochter fast so sehr liebte, wie eine Nachmittags-Talkshow? Von ihren Lehrern vielleicht? War sie als Klassenbeste nicht verpflichtet, zumindest ihren Lehrern einen kurzen knappen Abschiedsbrief zu hinterlassen? Einen Abschiedsbrief, der ebenso kurz war, wie die Zeit, die man in sie investierte? Es gab aber keinen Abschiedsbrief! Katrin wollte sich von niemandem verabschieden.

Auch nicht von mir...

Die Vergangenheit kann man nicht korrigieren. Sie steht schweigend hinter einem – und klagt an. Ohne Worte schreit sie mir ununterbrochen ins Ohr, dass ich schuld bin. Keine Begründung. Nur die Anklage. Immer wieder die Anklage.

Katrin starb mit sechszehn Jahren, weil wir alle nicht hören wollten, was sie uns tagtäglich entgegenschwieg. Damals war sie noch Gegenwart. Damals hatten wir alle noch die Chance, die Zukunft zu verändern. Aber wir taten es nicht. Ich tat es nicht. Und jetzt klagt sie mich zu Recht an.

Katrins Verhältnis zu ihrer Mutter war nie das Beste. Ich Idiot dachte mir immer, dass ich stolz darauf sein konnte, Mutter und Vater zugleich für sie zu sein. Ich Idiot! Ich armer kranker Idiot! Nichts war ich. Nicht Mutter – und schon gar nicht Vater. Ich war nicht mal ein Freund für sie.

Was war nicht alles wichtiger, als Katrin!

Das Haus, das Monat für Monat bezahlt werden wollte...! Das Auto, dem ich tausendmal mehr Zeit widmete, als meiner Tochter. Meine Arbeit? Natürlich. Meine Arbeit! Ich war ja so gut in meinem Job! Nächtelang habe ich an meinem Schreibtisch verbracht, statt Katrins Schweigen zu lauschen. Alles war wichtiger, als Katrin.

Von wem hätte sie sich verabschieden sollen?

Was muss in ihrem Kopf vorgegangen sein, als sie an den Gleisen stand? Gibt es die Worte, mit denen man die Verzweifelung eines jungen Mädchens beschreiben kann, das sich selbst töten will? Sie wird über jeden Tag ihres einsamen Lebens nachgedacht haben. Sie wird händeringend versucht haben, Gründe zu finden, es nicht zu tun...

Dann wird sie überlegt haben, welche Gründe dafür sprechen, es zu tun. Und plötzlich müssen ihr all jene Momente ihres kurzen Lebens eingefallen sein, in denen sie niemanden hatte, der sie verstand. Vielleicht sah sie bereits den Zug, der sich gnadenlos näherte. Noch einmal wird sie gebettelt, geschrieen und geweint haben, weil sie vielleicht doch noch den einen letzten Strohhalm finden wollte, der ihren Tod hätte verhindern können.

Ich höre sie schreien.

„Vater...!“ schreit sie – und sieht mich suchend an. Sie schreit nach ihrer Mutter; bettelt sie an, sie endlich so zu lieben, wie es eine Tochter verdient... – aber es kommt keine Antwort. Auch von mir kommt keine Antwort.

Dann sprang sie auf die Gleise. Tonnen kalten Eisens zermalmten den jungen Körper.

Jetzt, nachdem Katrin nicht mehr da ist, hat alles andere seinen Wert verloren. Aber jetzt ist es zu spät. Und bis ans Ende meiner Tage werde ich ihre Schreie hören, die mich verdammen und verfluchen. Ich werde ihr Schweigen niemals aus meinem Kopf verbannen können – und auch nicht wollen. Sie war, ohne dass ich es wusste, alles, was ich jemals besaß. Jetzt besitze ich nichts, als den Schmerz meiner Dummheit.

Ihre Gründe?

Warum sie sich das Leben genommen hat?

Anfangs dachte ich, dass sie es tat, weil wir ihre Schreie nicht hörten. Inzwischen weiß ich, dass sie erst schrie, als sie wusste, dass man sie nicht hören würde.

Sie hat es getan, weil sie eine riesige Mauer vor sich sah, die sie niemals glaubte überwinden zu können. Mit jedem Tag wurde diese Mauer höher und höher. Undurchdringlicher. Sie muss dagegen geschlagen und getreten haben, um sich verständlich zu machen – bis sie irgendwann sicher war, dass niemand auf der anderen Seite stand, der sie hören wollte...

Dann hat sie aufgehört zu schreien.

Wir alle sind der Grund. Wir alle haben Schuld auf uns geladen. Doch ist Schuld nicht teilbar. Schuld verringert sich niemals durch die Zahl der Schuldigen. Im Gegenteil. Sie wächst mit jedem Schuldigen. Sie wächst mit jedem Tag. Sie wächst, bis sie die Schuldigen mit Haut und Haaren verschlungen hat.

Vielleicht ist es die Sucht, Katrins letzte Gefühle nachvollziehen zu können, die mich hier stehen lassen. Vielleicht kann ich nur so ein klein wenig von dem wiedergutmachen, was ich verschuldet habe. Vielleicht muss es so sein, wenn für ein paar Sekunden ihre Verzweifelung spüren möchte.

Deshalb stehe ich hier und beobachte den Zug. Den gleichen Zug. Unseren Zug.

Unseren Tod und unser Schweigen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.12.2001. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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