Klaus Buschendorf

Internet 2050

Ich lese am Bildschirm meine Arbeit über archäologische Artefakte auf dem Mars Korrektur. Das Webcam-Zeichen blinkt und stört mich. Es hilft nichts, ich bin raus aus meinen Gedanken und, drücke auf „Antworten“.

„Tag, Lasuk! Lässt mich aber lange warten ...“ Larissa lächelt in die Kamera. Doch ich sehe auch den kleinen Ärger in ihren Augen. Trotzdem sage ich: „Du störst mich bei meiner Masterarbeit. Sie soll doch fertig werden.“ – „Hast du schon gegessen? Das vergisst du doch immer, wenn du daran sitzt.“ – „Nein“, antworte ich unwirsch. – „Musst du aber. Wie willst du dich bei ihrer Verteidigung konzentrieren können, wenn du Hunger hast? Sie werden dir arg zusetzen.“

Das weiß ich. Sitze hier, war noch nie auf dem Mars und will nachweisen, dort gäbe es Ruinen menschlicher Arbeit, mehr als zehntausend Jahre alt. Ganz schön verrückt. Aber was ist heutzutage nicht verrückt?

„Wenn ich an dir vorbeischaue“, fährt Larissa fort, „sehe ich nur Unordnung in deiner Studentenbude. Ich muss wohl vorbeikommen, oder?“

Das bringt sie fertig. Findet immer einen Grund, mir nahe zu kommen. Aber ich mag sie nicht zu nahe. Andere würden mich beneiden, ich weiß. Ich bin so hilflos zwischen ihrem Gefühl für mich und meiner inneren Abwehr. Sie gibt sich solche Mühe – und bei mir regt sich nur Traurigkeit, dass ich ihr Gefühl nicht erwidern kann. Ich könnte sie ganz schnell vernaschen! Der Gedanke steigt heiß auf. Aber dafür ist sie mir zu schade.

„Sagst doch gar nichts. Also komme ich. Du hast doch nichts dagegen?“

Wäre die Kamera nicht so klein und undeutlich, würde ich ihr Gesicht jetzt strahlen sehen. Aber ich kenne ja ihr Strahlen in Natura. Ich nicke ihr zu. Was soll ich tun, kann doch gar nicht anders?

„Bin in zehn Minuten da.“ Der Bildschirm verlischt. Sie hat übertrieben, braucht nur zwei Minuten von ihrer Bude bis zu meiner, muss nicht einmal das Haus verlassen. Aber sie wird sich noch zurechtmachen, schminken, ein Top auswählen, die Unterwäsche wechseln. Frauen denken immer: Man weiß ja nie ... Mir wird ganz schwindlig.

Mein Blick fällt auf Opa – auf sein Bild, welches auf meinem Schreibtisch steht. Ging ihm das auch so, als er studierte? Da war alles noch ganz anders. Er studierte ellenlang, musste noch Kellnern gehen und war mit dreißig erst fertig. Ich bin jetzt zwanzig. In zwei Jahren weiß ich mehr als seine Professoren und habe den ersten akademischen Titel. Er hat davon geträumt, dass es mir so gehen könne. Doch erleben konnte er es nicht. Ist dabei umgekommen, als es so wurde, wie er es gewollt hat. Ich kenne nur das Bild von ihm. Vati hat mir stets vorgeschwärmt, ich sei ihm so ähnlich. Ich hätte ihn gern kennen gelernt. Schade.

Die Glocke schlägt an. Noch hätte ich Zeit, die Tür zu verriegeln. Auf dem Monitor erscheint Larissas Strahlen weit vor meiner Tür. Wie sollte ich? Versonnen schaue ich in ihr Gesicht und bin dankbar, dass sie mich jetzt nicht sehen kann. Erinnerung taucht auf …  

 

Ich spüre Streicheln auf meiner Haut. Was ist das, wer ist das? Siedend heiß durchfährt mich: Das kann nur Larissa sein! Ich fühle noch das Eintauchen in einen süßen, kleinen Tod – nun bin ich ihm wieder entrissen. Alles Geschehene ist noch gegenwärtig, aber wie in einem tiefen Keller. Was wird Larissa von mir denken?

„Armer Junge! Wie konnte ich wissen, dass ich deine Erste bin? ... Du hast mir mal von deinem Opa erzählt. Er hat dich wohl sehr beeindruckt. Wann zum ersten Mal?“

Warum will sie das wissen – nach so etwas? Mädchen sind schon seltsam. Denke darüber nicht nach, verstehst es eh nicht. Erfülle ihr den Wunsch. Ist doch so einfach.

„Mein Vater hatte mir einige seiner Bücher hingelegt. Damals wusste ich nicht viel von ihm, was Eltern eben von ihren Eltern erzählen. Ein wenig geheimnisvoll schien er mir schon vorher. Ich solle mal in seinen Büchern stöbern, da würde ich mehr über ihn erfahren. Bücher las ich immer gern. Ich griff mir eins: Die dunkle Seite des Mondes. Die halbe Nacht las ich.“

Ich sehe sie an, erkenne ihr Interesse. Der nächste Mensch ist sie mir. Ihr kann ich es sagen, mein Geheimnis, das ich bisher vor jedem verborgen hatte. Man könnte mich auslachen. Doch Larissa lacht mich nicht aus. Das weiß ich nun.

Von jenem amerikanischen Wissenschaftsjournalisten erzähle ich und seinem Kampf mit der NASA, die „echten“ Bilder von Mond und Mars zu erhalten. Denn seine Recherchen sagten ihm, dass da mehr gesehen wurde, als man der Öffentlichkeit zeigen wollte. Von der Glaskuppelkonstruktion, die einstmals auf dem Mond gestanden haben musste, von den Glasscherben, in denen die Astronauten wateten und nie ein Sterbenswörtchen darüber verloren – von all dem berichtete das Buch. Dass deshalb nie wieder Mondexkursionen stattfanden, obwohl immer wieder angekündigt. Beim Mars war es nicht anders. Auch heute liegt ein Geheimnis über den Ausflügen der Menschen auf dem Mond und den Erkundungen der Marssonden. Sogar Roboterteile und Stadtstrukturen vermeinte man, auf dem Mars zu erkennen.

„Glaubst du mir nicht?“ – „Das ist ganz unwichtig“, antwortet Larissa. „Ich will wissen, woher deine Marsbegeisterung herkommt. Wer weiß schon, was wahr und unwahr ist?“

Ich bin erleichtert, erzähle weiter. Weil das so Unwahrscheinliche einen riesigen Denkbogen verlangte, kam ich zu meinem Berufswunsch. Nur Philosophie und Geschichte werden mir je beantworten können, ob es möglich sei, dass eine Menschheit vielleicht gar seit Millionen Jahren durch das Weltall vagabundiert, wir das waren – nur: Wir wissen es nicht mehr.

„Ich will es herausfinden. Lach nicht, Larissa.“ – „Ich lach doch gar nicht.“ – „Aber du denkst ein Lachen. Muss doch jeder, der mich so reden hört.“ – „Nein, ich bin keine Kleingläubige. Die angelt sich keinen Jungen wie dich, du Dummer!“ Larissas Augen glühen wieder. Und ich fühle mich wie ein erwachter, junger Kater in den Krallen einer Tigerin. Wir balgen uns wie Katzenkinder und vergessen Mars und Menschheit.

Die Welt ist schon verrückt. Larissa liegt rücklings nackt auf meinem Bett. Ich streichle mit den Augen vom Kopf abwärts ihre Haut entlang, bewundere ihre Knospen und gleite zum Bauchnabel. Gerade haben wir wieder ... Noch immer sträuben sich meine Gedanken, das Wort zu gebrauchen, was wir nun schon seit zwei Tagen tun, wieder und wieder – wie oft eigentlich?

„Nun ist es aber genug!“ Larissa faucht. „Du musst doch nun genug Dampf abgelassen haben, dass man sich mit dir wieder vernünftig unterhalten kann!“ Sie steht ruckartig auf und zieht sich in Windeseile an. „Steig in deine Klamotten, wir können nicht ewig nur ... – Habe bei ‚Liberty’ nach deinen Artefakten geforscht. Nichts. Ich bin eigentlich gekommen, weil ich mit dir gemeinsam schauen will. Da habe ich bei dir etwas geweckt, und du bei mir. Nun bin ich dran, kapiert?“

Verstehe einer Mädchen! Ich wohl nie.

„Du hast wohl seitdem nie weiter gesucht?“

Verwundert bejahe ich. Mir war es genug, was ich in jenem Buch gelesen hatte. ‚Liberty’ begründete, dass sich Mond- und Marsreisen auf Jahre hin nicht rechnen werden. Da kommt jetzt nichts Neues mehr. Doch was im Buch steht, wird sich finden lassen.

„Dann geh mal ran. Du kennst es. Ich nicht.“

Stunden später geben wir auf. Kein Buchtitel, kein Autorenname – gar nichts finden wir. Bin ich einem Phantom nachgejagt?

„Mir reicht es. Hunger habe ich auch. Mal sehen, ob Messa da ist.“ Larissa drückt auf sein Symbol am Hauscomputer, ‚Willy’ erwacht. Eine freundliche Frauenstimme fragt nach dem Begehr.

Ich höre nicht hin, Larissas Hunger interessiert mich nicht. Es gibt nichts, was Liberty nicht weiß. Und ausgerechnet ich, der unbedeutende Lasuk Bodenschurf, will das nicht glauben?

„Iss jetzt, Träumer! Habe dir bei Messa Rührei und Spiegelei bestellt – wirst du brauchen.“ Verschwörerisch schiebt Larissa mir die Eier rüber. Ich esse, weil sie es so will, spreche dabei von meinem Vater. Der hat vor langer Zeit von ‚Wikipedia’ und ‚Google’ erzählt.

„Das ist doch alles zu Liberty geworden, damals nach der großen Wende“, antwortet Larissa mit vollen Backen.

„In der großen Wende ist Opa umgekommen, erlebte seinen Sieg nicht mehr“, füge ich hinzu.

„Ob er das heute als Sieg bezeichnen würde?“, fragt Larissa. „Mancher hat schon an einen Sieg geglaubt und fand sich um ihn betrogen.“ – „Na, du denkst Sachen!“ – „Ich studiere Geschichte wie du. Lies nicht nur das Lehrbuch, Lasuk. Manche Figur versuche ich zu erfassen, ihre Gefühle nachzuempfinden. Luther wollte die Kirche reformieren. Er hat sie gespalten. Wir lernen das als Sieg. Sah er das auch so? Ich habe da Zweifel.“

Mädchen und ihre Gefühle. Bringen sie gar in die Geschichte ein. So sieht sie das? Macht so aus dem großen Reformator einen Verlierer?

Angst vor meiner Tigerin steigt in mir hoch. Welche Überraschung erwartet mich noch?

Weg mit meinen Sorgen! „Ich gebe mal ‚Wikipedia’ ein!“ Essen beiseite, ran an Liberty. Ellenlange Erklärungen. Sie interessieren mich nicht wirklich. Dann gehen alte Masken auf. ‚Die dunkle Seite des Mondes’ – Buch suchen. Liberty nimmt an. Nanu, das dauert ja! ‚Error’! „Mist!“

„Versuch ‚Google’,“ sagt Larissa. Gar nicht gemerkt, dass sie hinter mir steht. Ich tippe, lese, tippe ... ‚Error’! Mir fällt ein, wie man auch bei dieser Meldung weiterkommen kann. Ich suche nach dem Grund für ‚Error’. Tippe, lese, tippe …

„Warning!” Ich lasse mich nicht verschrecken, grabe alte Tricks aus. Mein Gedächtnis arbeitet fabelhaft – das freut mich.

„Mir wird mulmig.“ Leise klingt Larissas Stimme neben meinem Ohr.

„Ach was! Da steht keiner mit einer Kanone hinter uns.“

„Dangerous!“

„Lass gut sein, Lasuk! Die Meldung kommt nicht umsonst!“ – „Ich tu doch nichts Verbotenes! Was erlaubt sich Liberty?“

„Hör sofort auf!“ – „Jetzt will ich’s gerade wissen. Das ist ein Grundrecht, nach Wissen zu streben!“ Ich tippe und lese weiter. – „Du spinnst! Liberty registriert und ortet dich, und schickt einen mit ’ner Kanone! Solche Meldung kommt nicht zum Spaß!“ – „Gräuelmärchen!“ Ich tippe, bin wieder bei ‚Wikipedia’, springe mal hier, mal dahin und taumele zwischen ‚Error’, ‚Warning’ und ‚Dangerous’.

„Mit einem Verrückten habe ich mich eingelassen, mit einem Lebensmüden! Das muss mir passieren!“ – „Ist doch nur ein Computer“, wiegele ich Larissa ab. – „Das denkst du! Wie naiv bist du nur?“ Larissa schreit: „Hör auf, wenn dir dein Leben lieb ist!“ – „Quatsch, wir sind doch nicht im Mittelalter!“ – „Nee, ganz bestimmt nicht. Aber ich hau ab. Muss an mich selber denken. Schade um dich, um uns.“ Die Tür knallt ins Schloss.

Meine Finger ruhen. War das ein Abschied? Gar für immer? Wegen Computermeldungen? Was sind Mädchen doch für Gefühlsgeschöpfe! Meine Gedanken laufen kreuz und quer, bis ich zu der Meinung komme: Sie wird sich wieder beruhigen. Sie ist doch keine Kleingläubige, hat sie gesagt. Gerade darum habe sie mich ausgesucht. Ich bin doch wer, oder? Diesen Ruf muss ich verteidigen. Ich muss weiter forschen. Das geht doch gar nicht mehr anders!

Langsam beruhige ich mich. Bedächtig gleiten meine Finger wieder über die Tasten.

Endlich sehe ich, was die Astronauten damals auf dem Mond gesehen haben. Unfassbar! Ich lehne mich zurück. Warum hat Larissa darauf nicht warten wollen? – Nun suche ich auf dem Mars weiter. Habe doch Liberty überlisten können! Was soll mich noch hindern?  

Im Monitor glimmt ein unbekanntes Licht auf. Es stört nicht beim Suchen. Vom Hauscomputer ‚Willy’ tönt ein unbekannter Glockenschlag. Ich fühle meine Augen müde werden. Ein leichtes Zischen, das ich nicht orten kann, wird mir bewusst. Es erfüllt den Raum ... 

                                                                                  

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.12.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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