Christa Astl

Naz, der alte Hirte


 

"Was ist das heute für eine besondere Nacht?", denkt der alte Naz, der heute als Einziger noch auf dem Feld verweilt, um die paar restlichen Schafe zu hüten. Die anderen Schafe und Lämmer sind mit den Hirten in die höheren Regionen gezogen. Er, der fast Achtzigjährige, schafft es nicht mehr, diese Höhe noch zu ersteigen.

Verschlafen reibt er sich die Augen, irgendetwas scheint heute anders zu sein. Er schaut herum, doch alles ist ruhig, die Tiere liegend wiederkäuend oder schlafend auf der Wiese, das Feuer ist fast herunter gebrannt.

Alles ist still, so besonders still, kommt es dem alten Hirten vor, oder sind seine Ohren wieder schlechter geworden? Nein, als Hirte taugt er nicht mehr, ihn könnten sie ja mitsamt seinen Schafen davon tragen, er hörte es nicht. Und wenn wirklich mal ein wildes Tier die Herde angreifen wollte, sie versprengen oder gar eines reißen, könnte er überhaupt noch deren angstvolle Schreie vernehmen? Was kann er denn als Hirte noch leisten? Und was kann er denn als Mensch noch leisten, taub, halbblind, steif an Armen und Beinen, - nein das Leben ist keine Freude mehr, nur noch eine Last. Er blickt in den hellen Himmel: "Dort oben wäre jetzt mein Platz, wann mich der Herrgott wohl holt?"

Mühsam richtet er sich auf die Knie, schwerfällig ächzend steht er auf. Sein Blick richtet sich zu den Sternen, um die Zeit der nächtlichen Stunde zu bestimmen. Die Mitternacht dürfte erst knapp vorüber sein. Also genug Zeit, noch einmal einzuschlafen.

Naz rückt näher zur Feuerstelle, stochert ein wenig in der Glut, legt ein paar Holzscheite, die ihm Agnes abends bereit gelegt hat, darauf und wartet, bis sich das Feuer von neuem entfacht.

Agnes, ja die ist sein Sonnenschein, oder überhaupt der Sonnenschein aller Hirten. Als die Eltern des Mädchens vor fünf Jahren beide von einem Bären getötet worden sind, nahmen sich die Hirten des armen Kindes, das sonst keine Verwandten hatte, an. Sie war brav und fleißig und immer zum Spaßen aufgelegt, was auch den rauen Männern bisweilen recht gut tat.

Naz hockt noch immer vor der neu aufleuchtenden Glut, die Wärme tut seinen alten Knochen gut. Sein Blick geht wieder die Runde, alles ist still. Der Hund kommt langsam von einem seiner Kontrollgänge zurück und schmiegt sich an seinen Herrn, der ihm das struppige Fell krault. "Bist ein braver Kerl," sagt Naz,  "ein tapferer Hüter".

Vorsichtig betastet er die kaum verheilte Wunde, die ihm vor einigen Monaten ein Wolf zugefügt hat. Aber der Wolf musste ohne Beute abziehen! "Ja ein braver, starker Hund bist du". Der Hund rückt noch näher, legt den Kopf auf die Pfoten und schaut seinen Herrn an. Der versucht sich auch wieder in eine bequeme Lage zu bringen, seinen Brotsack faltet er als Kopfkissen zusammen, den Mantel breitet er über seine ständig kalten Füße.

Doch der Schlaf flieht ihn. Unruhige, böse Träume entführen ihn in dunkle Welten, mit lauter wilden Tieren, die ihn angreifen wollen. Er setzt sich ruckartig auf, - doch da ist nur sein schlafender Hund, der ihn beruhigend mit einem Auge anblinzelt.

Wieder versucht der Alte einzuschlafen, das Gesicht ins Fell des Hundes vergraben, damit der die Helle des Himmels nicht sehen muss. Doch in seinen Träumen wird es nun auch licht, noch viel heller als diese Nacht. Es leuchtet, als ob der Himmel brennt! Und alles rennt, flüchtet, will sich retten, der ganze Himmel ist voll von fliegenden Wesen. Überall schwirren und fliegen Engel herum. Aber sie scheinen keine Angst zu haben. Langsam oder auch beschwingt fliegen sie herum, kommen näher und näher zu dem am Boden Liegenden. Und dann hört er sie mit glockenhellen, engelsreinen Stimmen singen. Er, der fast Taube, hört die Engel singen? Ist es sein Ende? Holen sie ihn?? Versteht er sie auch, was sie singen? Nein, verstehen kann er in dem Stimmengewirr nichts, so sehr er sich auch anstrengt. Da kommt ein großer Engel, bückt sich ganz nahe zum Hirten und spricht: "Hör gut zu, jetzt ist in einem Stall bei Betlehem ein Kindlein geboren, das ist der Sohn Gottes. Deine Hirten sind alle auf dem Weg zu ihm. Fürchte dich nicht, wenn du alleine hier bist. Wir Engel beschützen dich und Gott ist als kleines Kind ganz in deiner Nähe." Der Engel berührt die Ohren des Naz, und plötzlich kann er ihre Stimmen unterscheiden, sie alle verstehen, er hört sogar das leise Atmen seines schlafenden Hundes.  

Naz richtet sich auf die Knie, er will dankbar die Hand des Engels ergreifen und drücken, jedoch die himmlische Schar ist bereits wieder in den Wolken verschwunden.

Als die Hirten zurück kommen, liegt Naz noch immer betend auf den Knien. Er hebt den Kopf, als er sie von weitem sieht und hört, wie sie aufgeregt durcheinander reden. "Naz, du alte Schlafhaube, jetzt hast du was versäumt", ruft einer und läuft auf den alten Hirten zu, um ihm die Neuigkeit ins Ohr zu schreien. - Doch Naz hat ihn bereits gehört, ja er hört tatsächlich wieder ! Und auch er hat eine Neuigkeit, er muss seinen Traum berichten. Erstaunt stehen die Männer um ihn herum. Was der Alte berichtet, ist ja wahr! Wieso weiß er, was sich ereignet hat? Die Engel haben auch sie, die Hirten gesehen! Dann war es also gar kein Traum?

Weihnachtswunder  scheint es doch noch zu geben. Denn nun berichten auch die Hirten, wie sie die Heilige Familie im Stall angetroffen haben, genauso wie es der Engel verkündet hat.

 

 

ChA 26.12.14

 

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