Marcel Hartlage

Blutspiele

Sie lag gefesselt unter mir. Es war ein schöner Anblick: Der Teint makellos und straff, die Brüste prall, aber nicht überproportioniert, die langen Beine für mich gespreizt. Ich hob meine rechte Hand und glitt mit den Fingern durch ihr haselnussbraunes Haar. Ihre Atmung war flach; ihre Brust hob und sank sich in aufgeregten Zügen, der Ausdruck in ihren blauen Augen kündete von Verlangen und Nervosität zugleich.

»Schau dich an.« Tadelnd blickte ich ihr zwischen die Beine; die Nässe ihres erwartungsfreudigen Geschlechts hatte bereits die Bettlaken befleckt. »So ungeduldig. So ungezogen.« Kopfschüttelnd schnalzte ich mit der Zunge.

Ihre Beine, ebenso an die Fußenden gefesselt, bewegten sich unruhig, und sie grummelte gegen den Knebel in ihrem Mund. Ich lächelte sie an.

Sie verspannte sich und stöhnte gegen den Knebel, als ich langsam einen Finger in ihrer nassen, pulsierenden Spalte versank. Ich krümmte ihn leicht, nahm einen zweiten hinzu und beobachtete genüsslich, wie sie sich in den Fesseln unter mir wand. Dann nahm ich die Finger wieder heraus – und schob sie mir in die eigene Fotze.

Hinter uns im Zimmer tat sich etwas. Während ich zwischen ihren Schenkeln kauerte und ihren Saft für mein eigenes Geschlecht missbrauchte, trat Mason ans Fußende des Bettes und strich mir das Haar hinter die Schultern. Seine Berührung bereitete mir wohlige Schauer auf den Armen, und mein Atem beschleunigte sich etwas. Ohne mich zu ihm umzudrehen, wusste ich, dass er weiter unsere Gespielin beobachtete, die wir uns für die heutige Nacht erwählt hatten. Und entweder war es sein Blick, oder mein unflätiges Vorgehen oder beides, was ihr noch mehr Schweißperlen auf die Stirn trieb.

Mason übte seichten Druck auf meine Schulterblätter aus. »Ich will zusehen, wie du sie leckst, Lis.«

Gierig befeuchtete ich meine Lippen. Die Kleine erschauderte und stöhnte kehlig gegen den Knebel, als ich mit meiner Zunge in ihrer Pussy versank, wie um ein auslaufendes Loch stopfen zu wollen. Mit beiden Händen strich ich dabei über die Innenseiten ihrer Schenkel; sie erschauderte förmlich und bäumte sich auf, so als würden Stromstöße durch ihre Muskeln jagen. Die Aromen ihres Saftes mischten sich mit denen von Schweiß, schwängerten die Zimmerluft mit einem penetranten, herrlich vernebelnden Duft. Gemächlich leckte ich weiter, saugte an ihrem Kitzler und küsste ihre Schamlippen, und mit jedem neuen Schwenk meiner Zunge atmete sie hektischer und lauter, die Stricke knarzten an ihren Hand- und Fußgelenken, derweil sie sich immer verzweifelter wand.

Hinter mir stemmte sich Mason auf die Matratze. Sein harter Schwanz streifte meine in die Luft ragenden Hinterbacken, und ich schnappte nach Luft. Er versenkte zwei Finger in mir, und bevor ich es überhaupt gänzlich registriert hatte, begann er sie schon zu bewegen. Vor und zurück. Grob und besitzergreifend.

Für eine Weile keuchte ich mit unserer Gespielin förmlich um die Wette. Der Rhythmus meiner Zunge wurde durch den seiner Finger immer wieder unterbrochen, und irgendwann erwischte ich mich dabei, dass ich nur noch gedankenlos die Klit des Mädchens umkreiste. »Mason –«

Statt zu antworten, nahm er einen dritten Finger hinzu, sodass ich mich nur noch mehr verspannte. »Beiß sie.«

Ich gehorchte sofort. Mit tropfnassen Lippen leckte ich ihr erst über den Bauch und biss ihr dann in den rechten Nippel – so fest und tief, dass sie sowohl vor Schmerz, als auch Überraschung aufstöhnte. Dieser erste Hauch der Angst war es, der dafür sorgte, dass sich meine Pussy um Masons Finger regelrecht verkrampfte. Ich hörte an seinem Keuchen, dass er lächelte – und ich konnte nicht anders, als es auch zu tun. Ich machte mich am anderen Nippel des Mädchens zu schaffen, schraffierte ihn mit den Zähnen und biss hinein. Gleichzeitig presste sich Mason mit seinem gesamten Gewicht auf mich, sodass ich zwischen ihm und unserer Gespielin lag, die nun regelrecht bis zu den Schultern in die Matratze gedrückte wurde. Während ich über sie herfiel – ihre Brüste knete und quetschte, sie vom Hals bis zum Nabel liebkoste, ihre cremige Haut ableckte wie Porzellan –, machte Mason sich an mir zu schaffen; er küsste mich auf dem Rücken, biss in meine Schultern, fingerte mich umso härter, je besinnungsloser ich mich an dem Mädchen austobte. Wir steigerten uns in einen Rausch.

So begann es immer.

Schon nach kurzer Zeit stand ich vor meinem ersten Höhepunkt. »Mach es«, kam es aus mir heraus, und meine Stimme klang belegt, erstickt. »Mach es mit ihr.«

Wäre ich nicht von allein beiseite gewichen, hätte er mich womöglich von sie geschubst. Kaum lag ich neben ihr, drang er mit einem harten Stoß in sie ein. Ich leckte mir über die Lippen, als sie in einer schwindelerregenden Mischung aus Pein und Lust gegen den Knebel grölte; ihre Zehen verkrampften sich und ihre Glieder spannten sich an. Mason fickte sie erbarmungslos; sein mächtiger, drahtiger Körper schimmerte im halbdunklen Licht des Raumes, er ächzte und schnaufte, seine Muskeln spielten faszinierend unter der Haut. Das Mädchen quiekte förmlich gegen den Knebel, während er sie bearbeitete; hätte sie uns in der Bar, in der wir sie heute am frühen Abend angesprochen hatten, nicht anvertraut, dass sie vierundzwanzig war, hätte ich nun geglaubt, dass sie unter Masons muskelbepacktem Körper viel zu zerbrechlich und schwach aussah, um als erwachsene Frau durchzugehen. Während sein Rhythmus noch brutaler wurde, begann ich mich erneut zu fingern und tastete dabei mit der anderen Hand unters Bett.

Mit verschwitzten Fingern umschloss ich das Messer.

Mason lächelte mich an. Ich erwiderte es auf diabolische Weise, und kurzerhand kletterte ich auf das Gesicht des Mädchens. Ich löste den Knebel aus ihrem Mund, doch ihr blieb keine Zeit, auch nur ein Wort zu japsen, denn sofort drückte ich mein Geschlecht auf ihre Lippen. »Wenn du kommen willst, sei brav«, sagte ich. Wie um es zu untermalen, kniff ich ihr in die Brustwarzen, und sie stöhnte auf, bevor sie mich artig zu lecken begann. Dabei fickte Mason sie weiter, und unsere Blicke ruhten aufeinander.

Er schlang einen Arm um meinen Hals, und wir küssten uns. Lange und innig.

Dann rammte ich ihr das Messer in den Magen.

Mein erster Orgasmus kam, als ihr erstickter Atemstoß direkt in meine Fotze glitt. Ein ruckartiges Zittern fuhr durch den Körper unter uns, ein Schaudern folgte, ein schmerzgeplagtes Grölen. Der kupfrige Geschmack von Blut erfüllte die Luft. Wohlig drückte ich meine Schenkel zusammen, damit sie ihren Kopf nicht bewegen konnte, bewegte das Messer mit der flachen Hand am Knauf und lauschte mit geschlossenen Augen ihren dumpfen Schreien und dem nassen Schmatzen, das der Wunde entstieg. Mason stieß dabei weiter in sie. Ihre Glieder verkrampften sich, dass sich die Stricke an ihren Hand- und Fußgelenken in die Haut bohrten. Das Laken zwischen uns färbte sich rot. Wir grinsten einander an, und dann hob ich das Messer und stach erneut zu. Und erneut. Sie schrie jedes Mal, und während ich dabei erneut laut stöhnend kam, spürte ich, wie meine Säfte ihr Gesicht übersprudelten.

Hektisch bewegte ich mein Becken, als ich das Messer wegwarf und mich vorbeugte, um das austretende Blut aufzulecken. Der bloße Geschmack auf meiner Zunge ließ tausende Blitze in meinem Kopf explodieren. Mit den Fingern wühlte ich durch die Wunde, sodass das Mädchen wie von Wahnsinn befallen bockte und mich von sich zu schubsen versuchte. Mason lachte, derweil ich die Finger noch tiefer in das weiche Fleisch grub, wie in Knetmasse. Immer mehr Blut rann an den Lenden des Mädchens hinab und sammelte sich in der konkaven, eleganten Kuhle unweit ihres Nabels. Ich badete meine Wangen und Lippen in der roten Pampe wie in warmer Soße, während Masons ruppige Stöße es immer wieder aufspritzen ließen und es, gleich warmen, klebrigen Regens, in meine Augen spritzte. Mit kehligem, selbstvergessenem Stöhnen verschmierte ich es mir auf Brüste und Bauch.

An dem schwindenden Widerstand des Mädchens spürte ich, dass sie bereits schwächer wurde, dennoch grummelte sie noch einmal heulend auf, als ich mit meinen Lippen in Richtung der Wunde glitt und mit dem gesamten Gesicht in den heißen Spalt drängte. Die gärende, enge, stickige Hitze war überbordend, und als Mason mich mit einer Hand grob am Hinterkopf packte und mein Gesicht in die breiige, zerstochene Fleischmasse drückte, winselte ich, dass Bläschen aufblubberten und ich mich verschluckte.

»Das gefällt dir, nicht wahr?«, hörte ich seine schnaufende Stimme zu mir durchdringen. »Du verdorbenes Miststück, hm? Du Schlampe?«

Ich kam zwei weitere Male, so kurz und heftig hintereinander, dass mein Körper spastischer zuckte als der des Mädchens. Ich ertrank förmlich in dem Blut, das aus ihr ran. Und auch Masons Griff wurde krampfhafter. Während das Mädchen unter uns krepierte, riss er mich am Haarschopf zurück, zog sich aus ihr heraus – und spritzte mir sein Sperma in das blutverschmierte Gesicht. Die Routine gewährleistete es, dass ich trotz meines dämmrigen Zustandes den Mund aufhielt, und die heißen, zähen Batzen seiner Wichse landeten auf meiner bluttriefenden Zunge.

»Gott«, stöhnte er, »du bist wundervoll, Lis.«

Lächelnd schluckte ich seinen Samen herunter, wischte mir mit dem Daumen über den Mundwinkel. »Wir sind es, mein Liebster. Wir beide zusammen.«

 

***

 

Dass wir uns kennengelernt hatten, verdankten wir dem schlichten Zufall. Ich war zu jener Zeit selbst vierundzwanzig gewesen, ging aufs College, und die Beziehung zu meinem damaligen Freund, Jasper, hatte sich auf dem Weg bergab befunden. Ich hatte, wie man es so schön nannte, »tiefsitzende emotionale Probleme«, die daher rührten, dass mich mein Stiefvater in Kindesalter nicht nur mit Samtpfoten – oder überhaupt nur Händen – angefasst hatte, derweil meine Mutter die praktische Angewohnheit besessen hatte, wegzuschauen. Neben der Neigung, des Nachts zu mir ins Bett zu steigen, hatte er zusätzlich Schnittwunden in meine Arme geritzt und mein Blut getrunken, angeblich, weil er unter einer ausgesprochen starken Form des Renfield-Syndroms litt – dem klinischen Vampirismus. So zumindest hatte man es mir erklärt. Und so, wie ein Blutsauger laut häufigster Legendenbildung seinen Fluch durch einen Biss übertrug, hatte auch ich in meiner Jugend erkannt, dass ich seine ausgesprochen große Vorliebe zum roten Lebenssaft übernommen hatte. Natürlich war da noch ein weitaus größerer Schaden in meinem Kopf entstanden, doch einem Teil von mir, so hatte ich erkannt, scherrte das nicht. Nachdem mein Stiefvater schon vor etlichen Jahren aus meinem Leben geschritten war, hatte ich den Kontakt zu meiner Mutter abgebrochen, kaum dass ich achtzehn Jahre alt wurde. Schon kurz darauf hatte ich mich an Jasper geworfen. Jasper stammte aus gutem Elternhaus, war gepflegt und kultiviert, in einer Ironie des Schicksals sozusagen aristokratisch.

Nach der Kennenlernphase hatte sich schnell abgezeichnet, dass er mit mir nicht zurechtkam. Wir zogen zusammen, weil vorrangig seine Eltern es so wollten (es genügte ihnen vermutlich nicht, dass die Freundin ihres Sohnes in einer College-Absteige lebte und sich mit Billigjobs über Wasser hielt), doch kaum teilten wir die eigenen vier Wände miteinander, forderte das permanente Aufeinanderhocken seinen Tribut. Jasper war nicht so gestrickt wie ich, stand nicht auf die Spielchen, die mich antörnten – und am allerwenigsten auf die, in denen Blut floss. Zu Beginn war das noch verkraftbar gewesen, doch wurde es mit jedem weiteren Tag schlimmer, und bald schon dominierte der Sog aus Frust, Gereiztheit und beiderseitigem sexuellen Unerfülltseins.

»Weißt du, vielleicht solltest du mal einen Therapeuten aufsuchen«, sagte er mir – häufiger. »Ich meine, ich will nicht … Ich will dir nicht das antun, was dein Stiefvater mit dir gemacht hat, Lis. Du hast da sehr tiefsitzende Probleme.«

»Fick mich einfach«, hatte ich erwidert, und dann, mit einem etwas obszöneren Grinsen: »Oder ich schneide dich, Jasper. Ich töte dich. Willst du das?«

Er hatte es nicht witzig gefunden (und ehrlich gesagt weiß ich aus rückblickender Sicht nicht einmal, ob es tatsächlich nur ein Witz gewesen war). Aber es war der letzte Tropfen gewesen. Nach zwei Jahren halbgarer Liebesbekundungen und noch halbgarerem Sex wurde er jetzt noch reservierter, und das womöglich sogar zurecht. Ich hatte jedoch kein schlechtes Gewissen. Schon nach kurzer Zeit begann ich, mich hinter seinem Rücken mit anderen Männern zu treffen. Ich schrieb sie auf BDSM-Plattformen an und traf mich an abgelegenen Plätzen mit ihnen, doch neben ein paar heißen, kurzweiligen Affären sprang nichts Größeres dabei herum. Obschon viele dem Cutting nicht abgeneigt waren (meinem Körper konnte ich ja schlecht Schaden zufügen, ohne, dass Jasper es bemerken würde), blieben die Resultate weniger erfüllend, als ich mir vorgestellt hatte. Eine entscheidende Komponente schien jedes Mal zu fehlen, und das Ganze erschien mir mit jedem weiteren Typen nicht nur verzweifelter, sondern auch sinnloser.

Das änderte sich, als ich Mason traf.

Schon bei unserem ersten Treffen machte er keinen Hehl daraus, dass er gerade erst aus dem Gefängnis entlassen worden war, nachdem er eine achtjährige Haftstrafe wegen Mordes abgesessen hatte. Das geringe Strafmaß verdankte er zum einen seinem guten Anwalt, zum anderen den etlichen Unklarheiten ob seiner Tat: Angefangen bei der Tatsache, dass es sich bei seinem Opfer um einen vorbestraften Räuber gehandelt hatte, der seinen Wagen hatte stehlen wollen, bis hin zu der These, dass es womöglich Notwehr gewesen war, hatte sich die Jury lange Zeit nicht einigen können. Als das letztliche Urteil schließlich fiel, hatte Mason nur geschnaubt. Bei unserem zweiten Treffen hatte er mir verraten, was wirklich geschehen war:

»Der Typ hatte lediglich an meinem Auto gelehnt und ’ne Zigarette geraucht. Seine Vorstrafe spielte meinem Anwalt schlicht in die Hände. Ich hab ihn erwürgt, weil ich es wollte. Weil in meinem Kopf jede Sicherung durchbrannte. Manchmal hab ich mich nicht richtig im Griff.«

Der Gedanke, in den Armen eines Mörders zu liegen, machte mich an. »Kannst du mich auch würgen?«, hatte ich ihn gefragt und zu ihm aufgeschaut. Und sein Blick – hungrig, gebannt, sogar leicht tödlich – hatte unseren Bund endgültig besiegelt. Ich war erst am nächsten Morgen nach Hause zurückgekehrt, und ich hatte meine Kurse geschwänzt, um den notwendigen Schlaf nachzuholen, den ich in dieser Nacht nicht bekommen hatte … und weil ich sowieso Probleme damit gehabt hätte, länger als zwei Minuten auf meinem Hintern sitzen zu können.

Jasper fielen meine Ausflüge bald auf. Zu Beginn rechtfertigte ich sie damit, mich mit Freundinnen zu treffen, aber er forschte nach, und eines Abends, als ich gerade von einem weiteren Treffen mit Mason heimkehrte, wartete er im Wohnzimmer auf mich und stellte mich zur Rede.

»Du treibst es mit jemand anderem, nicht wahr?«

Es zu hören und – was noch viel schlimmer war – nicht dementieren zu können, war beschämend. Seine Familie finanzierte die (nicht gerade kleine) Bleibe, in der wir während unseres Studiums residierten, sein Vater war regelrecht vernarrt in mich und mit seiner Schwester, Allison, hatte ich schon mehr als eine verschwenderische Shopping-Tour hinter mir. Wenn es einen Moment gab, in dem ich erstmals tatsächlich so etwas wie Gewissenbisse verspürte, dann war es dieser: Als ich dort an jenem Sommerabend gegen halb eins im Türrahmen unseres Wohnzimmers stand, Jasper auf der Couch saß und mich zur Rede stellte … und ich nur noch wenige Minuten davon entfernt war, selbst zur Mörderin zu werden.

»Ja«, sagte ich.

Er lächelte schwach. Und dieses Lächeln jagte mir Angst ein. In diesem Lächeln verbarg sich etwas Großes, eine signifikante Veränderung meines Lebens, der kommende und unabwendbare Verzicht auf Wohlstand und Eleganz und Ausgelassenheit. Für mich war Jasper der Draht in diese Welt gewesen, und nun wussten wir es beide. Wussten beide, weshalb ich ihn mir überhaupt noch warmhielt.

»Können wir darüber reden?« Meine Stimme klang vorsichtig.

Er trank von dem Wein, den er sich eingeschüttet hatte. Dabei sah er mich weiterhin nicht an.

»Ich glaube, ich war zu gut zu dir.« Er ließ das Glas in seiner Hand kreisen. »Zu gut – und zu sehr voller Anteilnahme. Ich schätze, dass ich dich bemitleide, hat mich zu lange geblendet.«

Er trank. Und seine Worte erzielten ihre Wirkung. Mehr allerdings, als er sich im Vorfeld womöglich gedacht hatte. In jenem Moment spürte ich, wie sich etwas Heißes, Kratziges in meiner Magengrube ansammelte und aufstieg. Wie es mich bis in die Fingerspitzen erfüllte und meinen Kopf flutete, ein Magmastrom, der alles Menschliche, das unser Hirn ausmacht, unter sich begrub und zerkochte. Alles wurde heiß und rot. Alles begann zu rauschen.

Manchmal hab ich mich nicht richtig im Griff.

Vielleicht war es Masons Einfluss. Vielleicht hatte er inzwischen häufig genug an meinen Instinkten gekitzelt, sodass sie nun gänzlich erwacht waren, vielleicht hatte sich dieser Reiz auch einfach nur angestaut und verlangte nun danach, gestillt zu werden. Vielleicht wäre so oder so irgendwann geschehen. Doch als ich auf Jasper zuging, geisterten mir nur immer wieder diese Worte durch den Kopf – Manchmal hab ich mich nicht richtig im Griff –, und mit ihnen rangen die Worte, die sie überhaupt erst in mein Gedächtnis gerufen hatten: Ich schätze, dass ich dich bemitleide, hat mich zu lange geblendet.

Er bemerkte mich erst, als ich bereits hinter ihm stand. Jasper war ein ziemlich begnadeter Schwimmer, und die massive Trophäe, die er vor zwei Jahren beim Wettschwimmen gewonnen hatte, thronte als unübersehbarer Beweis seines Könnens auf dem Beistelltisch neben der Couch, sodass jeder eintrudelnde Gast sie sofort erblickte und gezwungen war, seine Bewunderung auszusprechen. Als ich sie mir schnappte und ausholte, tat ich das mit einer seltsamen, zielgerichteten Gewissheit, ohne jedwede Überlegung. Ich traf ihn an der Schläfe, just als er sich zu mir drehte und es ihm gerade noch gelang, die Brauen zu heben. Dann machte es Plonk, und der Aufschlag des Messings auf seinen Schädelknochen vibrierte mir bis in den Ellenbogen. Er klatschte vornüber auf den Couchtisch, das Weinglas zerbrach auf dem Boden.

Das, was danach geschah, würde sich mir auf Ewig ins Gedächtnis brennen: Er blieb auf der Wange liegen und rutschte langsam über die Tischkante. Es dauerte nur wenige Sekunden, und doch kam es mir wie volle fünf Minuten vor, während ich einfach nur dastand und mit halboffenem Mund zuschaute. Mein Freund, den ich zu diesem Zeitpunkt seit über drei Jahren kannte, rutschte zwischen Couchtisch und Sofa und blieb in einer seltsamen Verrenkung auf dem Scherbenmeer seines Weinglases liegen.

Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis das Geschehene zu mir durchsickerte. »Scheiße«, sagte ich in die Stille. Wie um mich aufzuziehen, zerrte das Gewicht der Trophäe allmählich an meinem Arm, und ich warf sie aufs Sofa, nur um den dunkelroten Spritzer an ihrer Unterseite zu betrachten. »Scheiße. O großer Gott, Scheiße.«

Ich weiß nicht, ob mein Verhalten, das ich in den nächsten zwanzig Minuten an den Tag legte, nur auf den Schock allein, oder auch auf die Überforderung zurückzuführen war. Ich geisterte ziellos durchs Haus und hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. Ich zerrte an meinen Haaren und kehrte immer wieder ins Wohnzimmer zurück, einerseits um mich zu vergewissern, dass das wirklich geschehen war, anderseits, weil ein Teil von mir sich in aller Verzweiflung wünschte, dass es nicht wirklich geschehen war. Schließlich blieb ich stehen und kramte mit zitternden Fingern mein Handy aus der Rocktasche.

»K-Kannst du kommen? Bitte, ich … ich hab Mist gebaut. Gewaltigen Mist.«

Ein Teil von mir befand es wohl als schlau – vielleicht sogar durchtrieben – ihn zu kontaktieren; schließlich hatte er mit solchen Dingen ja schon Erfahrung. Als es eine Viertelstunde später klingelte, rieb ich mir die nassen Hände am Rock ab und öffnete ihm die Tür. Seine große, mächtige Gestalt erschien mir in diesem Moment so einschüchternd und respektvoll wie noch nie zuvor.

»Er liegt im Wohnzimmer.« Ich war kreidebleich.

Mason grunzte nur und drängte sich an mir vorbei.

Ich blieb im Türrahmen stehen, als er bereits über Jasper kniete. Mit den Händen hielt ich meine Ellenbogen umschlungen. Auf perfide Art kam ich mir vor wie ein Mädchen, das einem Freund mit erhabenem Respekt beim Aufbau eines Ikea-Möbels zusah. Nicht dazwischenfunken, keine oberschlauen Sprüche reißen.

Schließlich lehnte Mason sich zurück. »Er ist noch nicht tot.«

Ein Stein schien meine Innereien zu zerfetzen, und ich machte einen Satz vor. »Was?«

»Der Puls ist noch da. Wenn auch schwach.« Mason packte Jasper unter den Armen und zerrte ihn zwischen Couchtisch und Sofa hervor.

»Sei doch vorsichtig.« Aber meine Stimme war kleinlich, wie die eines scheuen Mädchens. Ich starrte Jaspers leblosen Körper an und konnte ihn nicht in Einklang mit dem bringen, was Mason sagte. »Wie –«

»Du hast ihm gewaltig eins übergezogen.« Unsanft ließ er die Schultern meines Freundes los und grinste zu mir auf. Er grinste. »Aber das hat ihn nicht getötet.«

Ich schluckte. Fokussierte meinen Blick auf Jasper und sah tatsächlich, dass sich seine Brust noch etwas hob.

»Was willst du jetzt machen?«, fragte Mason.

»Den … Krankenwagen rufen, schätze ich.«

Er bemerkte das Zögern in meiner Stimme. Bemerkte es, so wie ich es bemerkte. In diesem Moment sah ich erstmals dieses hungrige Funkeln in seinem Blick – dasselbe, das er auch beim Sex häufig zeigte. »Bist du sicher?«

»Großer Gott, weshalb denn nicht?« Aber ich biss mir auf die Unterlippe. Sah zwischen ihm und Jasper hin und her. Die Standuhr auf dem Flur, ein staubverhangenes altes Ding, das sein Vater uns spendiert hatte, schlug zwei. Ich wusste nicht, warum mich das noch nervöser machte.

»Er weiß, was du getan hast.« Mason sah meinen bewusstlosen Freund an. »Sicher, vielleicht ist die Verletzung schwer genug, dass er’s vergessen hat, vielleicht behält er sogar bleibende Schäden – aber willst du darauf wirklich hoffen? Wenn er es noch weiß, geht’s dir an den Kragen, Lis. Dann ist dein tolles Leben vorbei. Und glaub mir – dort, wo es dann hingeht, willst du nicht sein.« Er klopfte sich die Hände ab und stand auf.

»Außerdem, warum hast du’s überhaupt getan?«

Meine Zunge grub sich in die Mundhöhle. Unbeholfen stand ich da, barfuß, in knielangem Rock und Bluse. Es fiel mir auf, weil Mason mich mit diesem eindeutigen Blick von Kopf bis Fuß musterte. Regelrecht auszog.

»Weil er mich wütend gemacht hat«, sagte ich. Aber dann sah ich das Lächeln auf seinem Gesicht. Dieses wissentliche, finstere, verheißungsvolle Lächeln, und ich spürte, wie sich etwas in mir zusammenzog. »Weil ich es wollte.«

Er kam auf mich zu. Und als er mich dann grob packte und küsste, wollte ich im ersten Moment protestieren, ihn wegschieben – doch mein Widerstand zerschmolz, und bereitwillig ließ mich von ihm an die Wand drängen, wo er seine Zunge gleich fordernder, hektischer, in meine Mundhöhle grub. Zunächst war es nur die Nähe, jemanden bei mir zu haben, schätze ich – die Erleichterung, nicht allein zu sein.

So zumindest redete ich es mir ein.

Als ich mich schweratmend von ihm löste, strich er mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Willst du dich ausziehen?«

»Nein.« Ich sagte es sofort, doch es kam nur als Reflex heraus. Mir gelang noch ein kurzer Blick an Mason vorbei, auf Jasper – würden wir einen Krankenwagen rufen, könnten wir ihn vielleicht noch retten.

Mason packte mich am Haarschopf und schleuderte mich auf die Knie.

»Kriech auf ihn zu, du Miststück.«

Ich schluckte schwer. Aber ich tat, was er sagte. Auf allen Vieren krabbelte ich übers Parkett zu meinem sterbenden Freund. Mein Herz raste, dass es beinahe wehtat, vor Nervosität und einer verbotenen Erregung, die ich mir nicht eingestehen wollte. Die Ereignisse des Abends schwankten immer unwirklicher vor meinem geistigen Auge.

Tue ich das hier gerade wirklich? Jasper –

»Setz dich auf ihn. Bleib so.«

Mason verschwand aus dem Raum. Ich saß mit gespreizten Beinen auf Jasper, die Unterseiten meiner Schenkel streiften sein Shirt und den Bund seiner Jeans. Beides fühlte sich seltsam kalt an. So, als lägen seine Kleidungsstücke keinem Menschen mehr an, sondern nur noch einem Objekt. Ich betrachtete seine geschlossenen Augen und die große, blutverkrustete Wunde an seiner Schläfe. Aromen von Eisen und abgestandenem Schweiß drangen mir in die Nase. Probehalber streckte ich einen Arm aus und legte ihm eine Hand auf die Brust.

Sein Herz schlug.

Mason kam zurück, gerade als ich meine Hand in einer Mischung aus Unglauben und Fassungslosigkeit zurückzog. In der Hand hielt er ein Küchenmesser, und er legte es auf den Boden schlitterte es zu mir herüber. Mit der stumpfen Seite streifte es Jaspers Arm.

Hätte mir nicht allein die Beule in Masons Hose verraten, was ihn antrieb, so war es der direkte Anblick seines Schwanzes selbst, als er ihn hervornestelte und mit einer Hand umschloss. »Bring’s zu Ende, Lis.«

»Bist du völlig übergeschnappt?«

Er lächelte halb, noch während er zu masturbieren begann. »Du willst es genauso.«

Ich schaute zu, wie er sich einen runterholte. Nach ein paar Sekunden leckte ich mir über die Lippen und umschloss das Messer, betrachtete abwechselnd die Klinge und Jaspers Leib.

»Mach es.«

»Ich – wo denn, ich hab das noch nie –«

»Stell dich nicht so an, Lis.«

Er wusste, welche Knöpfe er bei mir drücken musste. Ich funkelte ihn an, ehe ich mit einem Anflug von Entschlossenheit Jaspers Shirt aufschnitt und seine nackte, flache Brust entblößte. Zaghaft setzte ich die Klingenspitze unterhalb des Brustkorbes an. Mein Puls raste. Schweiß sammelte sich auf meiner Stirn und ran mir in die Augen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nie jemanden umgebracht.

Deshalb war es auch so besonders.

Als ich zustach, legte ich meine gesamte Kraft, mein gesamtes Gewicht, in die Bewegung. Zunächst war ich überrascht, wie lautlos die Klinge in das Fleisch schnitt, wie zäh … aber dann hörte ich einer Art Knirschen, und mit einem pflockenden Lärm versank die Klinge plötzlich bis zum Anschlag in Jaspers Leib. Ich rutschte hinterher und stöhnte gleichermaßen voller Wollust auf. Blut quoll aus der Wunde, sammelte sich um seinen Leib und an meinen Knien. Wenn er auf irgendeine Art reagierte, vielleicht zuckte oder gluckste, übersah ich es; ich war zu gebannt. Ich strich mit der Hand durch das Blut und hob die Finger zitternd, aber gleichermaßen irgendwie instinktiv, an meine Lippen.

In diesem Moment hörte ich, wie Mason nach Luft schnappte. Ich sah zu ihm. Sein Schwanz ragte steif und hart zwischen seinen Fingern hervor. Ich musste bei seinem fokussierten, geradezu konzentrierten Ausdruck lächeln und leckte das Blut kurzerhand ab. Ein wohliger Schauer durchfuhr mich, meine Zungenspitze kribbelte, als würde ich an einem Stromkabel lutschen. Ich tauchte die Hände erneut ins Blut und verrieb es auf meinen Lippen, meinem Kiefer, meinem Hals. Der metallische Geruch umnebelte mich, drang wie Alkohol in meinen Kopf.

Jasper atmete immer noch, oder zumindest bewegte sich seine Brust. Mit angehaltenem Atem verschmierte ich das Blut auf meinen Schenkeln und schob meinen Rock höher, um auch die Innenseiten zu erreichen. Dort, wo mich das Blut bedeckte, fühlte sich meine Haut herrlich warm und klebrig an. Es war völlig überwältigend. Als ich Zeige- und Mittelfinger an mein Geschlecht führte und die dortige Nässe bemerkte, war es der letzte, endgültige, unleugbare Beweis meiner Verdorbenheit – und Mason bezeugte sie mit der seinen. Als ich meine Finger in mich schob, als ich laut stöhnte und beinahe sofort völlig unkontrolliert und zitternd kam, wusste ich, dass ich eine andere Welt betreten hatte, dass ich übergetreten war in eine dunkle, abwegige, verkommene Sphäre, einen Ort so herrlich primitiv und sündig, dass mich die bloße Gewissheit seiner Existenz mehr erregte als der Akt des Eintritts selbst. Wild und hemmungslos fingerte ich mich, schnitt die Wunde mit der anderen Hand noch weiter auf und verschmierte das Blut mit kehligem Stöhnen überall auf meinem Körper. Die Kleidung war ruiniert, mein bisheriges Leben auch, und nichts davon kümmerte mich. Ich hatte meinen eigenen moralischen Ruin herbeigeführt, und es fühlte sich großartig, befreiend, machtvoll an.

Vielleicht hatte mein Stiefvater sich genauso gefühlt.

Ich verlor mich völlig, zwängte mich gerade aus Bluse und BH, als Mason auf mich zukam. Inzwischen sammelte sich so viel Blut um Jaspers Körper, dass die Schritte meines Liebhabers regelrecht platschten, und als er mich packte und mit dem Rücken voran in die warme Pfütze schleuderte, lachte ich. »Fick mich«, stieß ich aus, während er sich knurrend an meinem Rock und meinen Slip zu schaffen machte, während ich das Blut ungehalten auf seinem Körper zu verschmieren begann. »Fick mich, du Scheißkerl, fick mich endlich.«

Und er fickte mich. Wir fickten. Ungehalten, grob, so besinnungslos wie die Tiere, die wir waren. Meine Füße rutschten durch das Blut, weil ich irgendwann keinen Halt mehr fand, ich stieß immer wieder an Jaspers Körper und lag bald sogar halb auf ihm. In diesem Moment drehte Mason mich auf den Bauch, spreizte meine Hinterbacken und verwendete das Blut als Gleitmittel, derweil er mein Arschloch mit den Fingern weitete. Als er mit seinem Schwanz reinstieß, musste ich mich mit einer Hand an Jaspers Leiche festkrallen, um den Stößen Herr zu werden, und vor lauter Wollust grunzte ich, so kehlig und heiser und versessen, als hätte ich überhaupt kein Hirn mehr. »Härter«, bettelte ich, und mit der anderen Hand griff ich unter mich und zupfte und rubbelte verzweifelt an meinem Kitzler, »fick mich noch härter, bitte.«

Er schob seine Finger in meinen Mund, und wie seine willenlose Sklavin leckte ich, saugte ich an dem Blut.

»Bitte!«

Wir kamen zusammen, und Masons Sperma triefte aus meinem Arsch und auf die Leiche meines Freundes.

 

***

 

Seitdem waren zwölf Monate vergangenen.

Seitdem hatten wir uns schon gut sieben Mal auf diese Weise ausgetobt.

Es war Abend. Mason kam gerade aus der Dusche, als ich vorm Laptop am Schreibtisch saß und mich durch die Portale klickte, auf die wir unsere Spielpartner fanden. Es war erst drei Tage her, seit wir uns mit unserer letzten Gespielin vergnügt hatten, doch etwas in mir verlangte bereits wieder nach Mehr.

Er trat neben mich und strich mir über die Schulter. Da ich selbst im Vorfeld geduscht hatte, verhüllte mich lediglich ein Bademantel, und mein nasses Haar wurde von einem perlweißen Handtuch toupiert. Im Hintergrund dudelte The Taste of You von den Ritual Howls aus unserer Soundanlage.

»Suchst du etwa schon wieder jemanden?«, fragte er.

Ich lächelte bloß. »Warum nicht?«

»Wir haben sie noch nicht einmal entsorgt, Lis.«

»Nehmen wir einfach wieder jemanden aus einem anderen Staat. Fahren wir raus. Machen wir Urlaub.«

»Urlaub? Wovon?«

Er grinste mich wissentlich an, und ich erwiderte es. Er verdiente sein Geld mit Autoschieberei, Diebstahl und sogar dem ein oder anderen Menschenschmuggel (zwei unserer Opfer hatten wir auf diese Weise völlig unbemerkt ergattern können). Ich machte Gelegenheitsjob, von Boutique-Arbeiten bis hin zur Hotel-Rezeptionistin – allerdings nur, weil ich nicht einfach nur dumm rumsitzen wollte. Masons Verdienst allein reichte aus, um ein recht angenehmes Leben führen zu können, und obwohl seine Bleibe – eine dem Verfall überlassene Farm – bei Weitem nicht so luxuriös wie Jaspers war, gefiel mir an ihr, dass sie so abgeschieden lag und ein bisschen verwahrlost war. Hier draußen waren wir stets ungestört.

Mason beugte sich dichter vor dem Bildschirm, sodass mir sein frisches Aftershave in die Nase drang. »Ich könnte mich umhören, ob ich vielleicht wieder was arrangieren kann. Das hier ist noch zu heiß, Lis. Das Gesicht unserer letzten Freundin dümpelt bereits durch die ersten Newsseiten, und es ist wohl nur noch ’ne Frage der Zeit, bis es auch die Fernsehsender bringen.«

»Du schaust die Berichterstattungen doch genauso gern wie ich.« In dem Wissen, als einzige die Wahrheit zu kennen, machte es uns jedes Mal an, die Fälle unserer Opfer zu verfolgen, zumal eine Verbindung offiziell noch nicht einmal existierte. Wir benutzten fremde Namen, fremde Bilder, VPN-Netzwerke und dutzende verschiedener BDSM- und Sexforen, um nach Beute zu fischen – speziell solche, die als zwielichtig galten. Es kam dort immer wieder zu seltsamen Vorkommnissen, zu Missbrauchsvorwürfen, und hin und wieder – in besonderen Ausnahmefällen – verschwanden auch mal Menschen. Da wir unsere Anfragen variierten, reihten sich unsere Opfer zusammenhangslos in diese traurige Sammlung mit ein; ein Modus Operandi war nicht ersichtlich. Ein Risiko blieb natürlich trotzdem bestehen, und gewiss gab es dort draußen sicherlich Leute, die die nötigen Fäden längst zusammengesponnen hatten oder zumindest die richtigen Vermutungen anstellten … doch bereitete mir dieses Risiko mehr einen weiteren Kick, als großartige Sorgen. Man musste stets einen Schritt voraus sein, stets Raffinesse zeigen, sodass diese Ungewissheit noch einmal einen Rausch für sich bildete.

Mit entschiedenem Blick lehnte Mason sich wieder zurück. »Mal schauen, was ich die Tage organisieren kann.«

Ich strich ihm über die breite, muskulöse Schulter. Dann zog ich ihn an mich heran und küsste ihn. »Ich gehe nochmal zu ihr«, wisperte ich ihm ins Ohr.

Er grinste nur und biss mir ins Ohrläppchen. »Kleines Luder.«

Mason hatte die Farm von seinem Vater geerbt. Den ehemaligen Schweinestall hatte er größtenteils zu einer Autowerkstatt umfunktioniert, und barfuß, mit einem wohligen Prickeln im Unterleib, marschierte ich zwischen den frisierten Autos entlang in den unberührten Teil des Stalls. Nachdem ich das Schloss an der geteilten Tür geöffnet hatte, zog ich sie hinter mir zu und entledigte mich meines Handtuchs und meines Bademantels. Nackt tapste ich durch die Dunkelheit auf den Leichnam unserer Gespielin zu, der wie eine weggeworfene Puppe in der hinteren Ecke an der Wand lehnte. Sie war starr, kalt und blass, der süßliche, gärende Gestank ihres fauligen Leibes erfüllte den gesamten Raum. An der Wunde auf ihrem Bauch sammelten sich Fliegen.

Ich kniete mich vor ihr auf den Boden und sog die aussondernden Düfte auf. Bläuliche Verfärbungen an ihren Gelenken kündeten von den Fesseln und dem Widerstand, den sie in ihren letzten Momenten erbracht hatte, ein purpurfarbenes Blutrinnsal hatte sich an ihrem Mundwinkel gebildet. Lächelnd beugte ich mich vor und leckte es ab. Dann grub ich meine Zunge in ihren halboffenen Mund und setzte mich mit gespreizten Beinen auf ihren Schoß. Die Fliegen surrten auf und erwählten mich zu ihrem neuen Opfer. Es war mir gleich. Als mein Bauch die krustigen, fleischigen Ränder ihrer Schnittwunde streifte, stöhnte ich und presste mich fester an sie. Ihre Brüste drückten sich wie Eisberge gegen meine. Ich begann meinen Schritt an ihren zu reiben, wobei ich meine Finger in ihrem Haar festkrallte und Speichelfäden zwischen unseren Lippen hängenblieben.

In diesen Momenten – wenn ich noch einmal allein zu ihnen kam –, dachte ich oft an Jasper. Er war die erste Leiche gewesen, die ich gesehen hatte, der erste Mensch, den ich getötet hatte – alles ließ sich auf ihn zurückführen. Er war die Saat, aus der mein neues, in Verdorbenheit und Finsternis gedeihendes Leben, entsprossen war. Mit Masons Hilfe war es damals nicht schwer gewesen, ihn verschwinden zu lassen; nur meine Behauptung, er sei aus dem Land abgehauen, weil er unsere angebliche Trennung nicht verkraftet habe, glaubte mir seine Familie bis heute nicht. Zumindest was Allison, seine Schwester, betraf. Nach seinem »Verschwinden« war der Kontakt zu ihr schnell abgebrochen, doch hatte ich seitdem immer wieder den Eindruck, sie in größeren Menschenansammlungen – zum Beispiel, wenn ich in der Stadt unterwegs war – zu sehen, und zwar nicht zufällig. Vielleicht war es Einbildung, vielleicht auch Paranoia; letztlich war es mir egal, weil sie mir nichts nachweisen konnte. Dafür hatten Mason und ich gesorgt.

Meine Bewegungen beschleunigten sich, mein Atem ging schneller. Ich warf den Kopf zurück, und selbstvergessen, wie ich war, wühlte ich meine Hände in die Wunde und quetschte das zähe, erkaltete, runzlige Fleisch, erfühlte das Gewusel an Maden, die darin herumkrochen. Ich kam zuckend und biss dem Mädchen in den Hals, um meinen Schrei zu ersticken. Dämmrig und zufrieden, blieb ich danach noch eine Weile auf ihr liegen. Strich ihr durchs Haar und liebkoste ihre Schulter.

Ich fühlte mich unantastbar.

 

***

 

Mason versprach ein neues Opfer für die kommende Woche. Seine Zaghaftigkeit belustigte mich, weil normalerweise er derjenige war, dem es nicht schnell genug gehen konnte; entweder schwelgte er also tatsächlich in Unsicherheit, oder er wusste nicht, wie er mit meiner neu entfachten Spontanität umgehen sollte. Beides fand ich süß.

Wir entledigten uns unserer Gespielin am nächsten Morgen auf altvertraute, bewährte Weise: Wir warfen sie in die Jauchegrube. Dort fiel ihr Verwesungsgestank kein bisschen auf, zumal eine dicke Steinplatte die penetrantesten Gerüche sowieso unter sich erstickte. Im Verlauf der nächsten Tage rechnete ich eigentlich damit, zumindest einen Routinebesuch der Polizei zu erhalten, weil wir uns mit dem Mädchen in einer Bar getroffen hatten und die Hinweise darauf in ihren Chatverläufen mit uns zu sehen waren. Als dieser Besuch nicht erfolgte, wertete ich das als weiteren Sieg des Risikospiels, das wir mit jedem neuen Opfer begannen.

»Es war ein Samstagabend, Lis.« Mason schien ob meiner Enttäuschung regelrecht belustigt. »Der Laden war proppenvoll, es war mitten in der Innenstadt und womöglich erinnert sich niemand, der dort war, auch nur im Entferntesten an unsere Gesichter. Die Kleine war schließlich selbst ganz überrascht, als wir anders aussahen als auf unseren Fotos.«

»Du hast ja Recht«, sagte ich seufzend. Viel zu gerne malte ich mir ein filmreifes Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei aus, so wie es ein Zodiac- oder BTK-Killer getan hatte. Doch dafür führten unsere Aliase in den Foren zu sehr auf eine falsche Fährte.

Die Gewissheit eines bald bevorstehenden Spiels machte mich jedes Mal ungeduldig. Jeden Abend sehnte ich mich nach Beischlaf mit Mason, jeden Morgen verlangte ich nochmal dasselbige, und auf der Arbeit war ich unkonzentriert und in meinen Fantasien versunken. Zwischendurch verschwand ich auf dem Klo, schloss mich in der hintersten Kabine ein und kratze und biss mir die Narben an meinen Armen auf. Das Blut floss in wilden Verästelungen über meine Haut, und während sich ein taubes Kribbeln von meinen Fingern bis zu den Ellenbogen ausbreitete, leckte ich es gierig auf. Die langärmeligen Sweatshirts, die ich auf der Arbeit stets trug, gestalteten es nicht gerade leichter, die ballende Hitze in meinem Unterleib zu ertragen.

Am Freitagabend wartete ich voller Ungeduld auf Masons Heimkehr. Wenn alles glatt gelaufen war, würde er ein frisches Exemplar mit sich bringen, und diesmal hoffentlich einen Mann – denn darum hatte ich gebeten. Ihm gefiel es, zwei Frauen im Bett zu haben, und obwohl ich meinerseits keine Probleme damit hatte, wollte ich dieses Mal ganz egoistisch an meine Vorlieben denken. Daran und an Jasper. Wenn ich das Blut von Männern kostete, fühlte ich mich seiner Familie immer ein bisschen näher.

Es war bereits zehn Uhr, als das Scheinwerferlicht eines Autos unsere Auffahrt erhellte. Ich wartete auf dem Hof, und noch bevor Mason den Motor abgestellt hatte und ausgestiegen war, rannte ich bereits zum Kofferraum und nestelte am herum, aus dem die dumpfen, panischen Klänge einer geknebelten Stimme erklangen.

»Meine Fresse, zügle dich doch.« Lachend warf Mason die Fahrertür zu.

Ich tänzelte auf der Stelle herum, als ich den gefesselten, vielleicht zwanzigjährigen Jungen im Kofferraum erblickte. Sein Äußeres ließ darauf schließen, dass er lateinamerikanischen Ursprungs war. Er war nassgeschwitzt und blickte mich voller Panik an. »Bringen wir ihn in die Werkstatt, ja? Ich möchte ihn anketten und unter ihm liegen.«

Die Leuchtstoffröhren in der Autowerkstatt spendeten blasses, steriles Licht. Mason band die Arme des Jungen am Tragarm der Hebebühne zusammen. Als er das Gerät in Bewegung setzte und der Junge zappelnd in die Höhe gefahren wurde, erfüllte mich das Brummen der Motorik mit einem wilden Kribbeln. Sobald seine Füße keinen Halt mehr hatten, zappelte er wild durch die Luft, wie eine Marionette, der man die Fäden an den Beinen abgeschnitten hatte. Er schwebte vielleicht einen halben Meter über den Boden, ehe Mason die Maschine anhielt. Nur noch das Grummeln und Winseln unter dem Knebel erfüllte die Werkstatt.

Ich zog mich aus und traf auf ihn zu. Ich genoss das Gefühl der warmen, unebenen Steine unter meinen Fußsohlen, die mehlige Schicht von Ölen und Staub, die an ihnen kleben lieb. Noch mehr Dreck befleckte mich, als ich mich rücklings unter die Säule legte und der unbequeme, harte Boden gegen meine Schulterblätter drückte. Über mir zappelten die Beine des Jungen.

Mason zerschnitt ihm die Kleidung mit einem Cuttermesser. Als die Fetzen um mich wehten, vernahm ich den Schweißgeruch, der an ihnen haftete. Dann war auch der Junge nackt. Er winselte jetzt mehr, als dass er grölte. Mason traf vor ihn, sodass er mit gespreizten Beinen über meinen Oberschenkeln stand.

Er schlug dem Jungen ins Gesicht.

Der röchelnde, erstickte Laut brachte mich zum Stöhnen. Ich bog meinen Rücken durch und zwickte an meinen Nippeln, derweil Mason erneut die Faust ballte und ausholte. Als das verhoffte Spritzen erklang und gleich darauf ein erster, warmer Tropfen auf meinen Bauch fiel, war ich bereits so heftig erregt, dass es genauso gut der zischende Tropfen auf einer Herdplatte hätte sein können. Mit einer Hand streichelte ich die Innenseiten meiner Schenkel, derweil ich den Tropfen mit der anderen Hand verschmierte.

»Mehr«, bettelte ich. Meine Augen waren geschlossen. Meine Zähne gruben sich immer wieder in meine Unterlippe.

In den nächsten fünf Minuten schlug Mason immer wieder zu. Ich lauschte den dumpfen, klatschenden Lauten und spürte jedes Mal eine Woge der Lust durch meinen Körper branden; immer mehr Blut tröpfelte auf meinen Körper, sodass ich es entweder verschmierte oder an meine Lippen führte, um es aufzulecken. Schließlich, als mein Atem schon stoßweise ging, trat Mason zurück und wischte sich mit dem Ärmel über den Mund.

Ich rieb meine Brüste und hatte meine Beine bereits gespreizt, als ich mit düsterem Lächeln zu ihm sah. Nickte.

Er griff erneut zum Cuttermesser.

Ich wusste nicht, ob es der grölende Schrei des Jungen oder die erste Fuhre Blut war, die auf mich niederprasselte, was mich näher an den Orgasmus brachte. Ich sah es nur vage, weil die Beine des Jungen mir im Weg hingen und das Röhrenlicht mir in die Augen stach, aber Mason schnitt dem Jungen vertikal über den Bauch, von oben nach unten, so als öffnete er einen Reißverschluss. Herrlich warme, klebrige Flüssigkeit tröpfelte auf mich hinab, das altvertraute, wilde Rauschen füllte mein Blickfeld aus wie in tiefer, exzessiver Mediation. Noch ein Schnitt, noch ein Schrei, und die zweite Ladung überkam mich wie ein jäher Regenschauer. Ich lachte, rieb wie wahnsinnig meinen Kitzler und spreizte meine Schamlippen mit der freien Hand noch mehr, sodass das Blut geradewegs hineinplätscherte. Es in meinem Inneren zu spüren, an den empfindlichsten Stellen meiner Weiblichkeit, war, als würde es das Nervengeflecht in meinem Unterleib entzünden. Ich stöhnte, verkrampfte mich und kam so heftig, dass sich meine Zehen wölbten. Die Nägel schrappten über die Steine, genauso wie mein Steißbein, das ich mir in meiner wilden Verrenkung aufschürfte. Der Schmerz drang kaum zu mir durch, wurde einfach mitgerissen von der heißen, prickelnden Flut, die mich durchschnellte.

Gleichzeitig prasselte noch mehr Blut auf mich nieder, und ich hörte nicht auf, mich zu berühren. Es war erst der Anfang, der Anfang einer endlos langen Nacht. Ich nahm noch zwei Finger hinzu und sehnte mich danach, von Mason ausgefüllt zu werden. Ich wollte mit ihm auf den rauen Boden ficken, derweil die Blutdusche auf uns niederging, wollte es von dem Leib des Jungen lecken und ihn beißen und es zwischen den Zähnen schmecken, wollte ihn seinen eigenen Körpersaft schmecken lassen und es mit ihm treiben, derweil er starb. Ich wollte alles davon und ich wollte es gleichzeitig und ich wollte noch unendlich mehr, viel mehr. »Mason«, stöhnte ich, und meine Finger trieften vor Vaginalsekret und Blut, als ich meine Arme gegens Licht anblinzelnd in seine Richtung streckte, um ihn an mich zu ziehen.

In diesem Moment bemerkte ich die Gestalt, die hinter ihm stand. Ich blinzelte, tat es als Sinnestäuschung ab, die von dem stechenden Licht herrührte. Aber dann bewegte sich die Gestalt, und auch Mason bemerkte es und wandte sich um.

Noch nie hatte ich ihn vor Schock und Schmerz aufkeuchen hören.

Die Empfindungen verblassten, die Realität sickerte auf mich ein, als ich sah, dass er das Cuttermesser fallen ließ und sich im Schock die Wunde zudrückte. Die Frau, die das Jagdmesser in ihm versenkt hatte, stand regungslos da und schaute zu, wie er an die Wand torkelte, daran hinabrutschte. Mein Hirn kam nicht hinterher, zu verstehen, was vor sich ging. Ich sah seinen verständnislosen Blick, den perlenden Schweiß auf seiner Stirn, die Blässe, die sich über sein Gesicht legte. Über mir winselte noch immer der Junge, doch er hätte genauso gut an einem der Bäume entlang der Einfahrt hängen können.

»Mason.« Allmählich kapierte ich, was geschehen war, und ich rollte mich auf die Knie. »Mason!«

Hinter mir erklang die Frauenstimme: »Ganz ruhig, Lis. Sieh mich an. Sieh zu mir.«

Ich tat es, halb aufrecht und völlig blutverschmiert. Im ersten Moment erkannte ich sie natürlich nicht. Sie trug dunklere Kleidung als noch vor einem Jahr, auch ihr Haar schien einen schwärzeren Ton angenommen zu haben und war von weißen, eingefärbten Strähnen durchzogen. Die Erkenntnis kam eher schleichend daher.

»Allison? Aber was –?«

»Steh auf, Lis. Komm nicht auf falsche Ideen.«

Mehr perplex, als bewusst, kam ich ihrer Aufforderung nach. Dabei streifte mein Blick das Werkstattor, aber natürlich war das weiterhin geschlossen. Die Tür zum Flur stand jedoch einen Spalt auf. Entweder war sie durch ein Fenster hereingekommen, oder ich hatte in meiner Versessenheit die Haustür offengelassen.

»Was tust du hier?« Blut tröpfelte an mir hinab, als ich nackt, mit schmerzenden Schultern und Wirbelsäule, vor ihr stand. »Woher –?«

»Ich hab euch schon den ganzen Abend beobachtet, Lis. Die ganzen letzten Abende bereits, um genau zu sein. Und was für einen wundervollen Moment ich doch erwischt habe, um euch zu stellen, nicht wahr? Mitten in flagranti.«

Ein Teil von mir fragte sich, ob nicht so etwas wie Scham angebracht wäre. Panik, vielleicht, und wenn nicht aufgrund dieser Konfrontation, dann wenigstens um Mason, der sich jetzt mit schwerem Keuchen und einem glasigen Blick nach mir umsah. »Lis? Lis? Hey, ich –«

»Halt deine dumme Fresse«, sagte Allison.

Mit dem Jagdmesser zeigte sie direkt auf mich. Drei Meter Luftraum trennten uns voneinander. Doch selbst wenn ich es gewollt hätte, ich konnte mich nicht rühren. Ich war zu verwundert, zu umgehauen, sie hier vor mir zu sehen. Das Zappeln des Jungen hinter mir wurde derweil immer schwächer. Er heulte nur noch leiser gegen den Knebel, seine Bewegungen wurden langsamer. Weder ich, noch Allison, widmeten ihm Aufmerksamkeit. Eine Weile schaute wir uns nur an.

Schließlich gewann ich meine Kontenance wieder etwas zurück. »Ich habe mich schon gefragt, wo du so lange bleibst.«

Sie musterte mich mit zusammengekniffen Augen. Sie hatte tiefe Augenränder, war gänzlich ungeschminkt. Sie war so viel jünger als ich, und dennoch schien sie in diesem Moment so viel älter zu sein.

»Du hattest Angst, was?«, fragte ich weiter. »Angst, dich wirklich mit uns anzulegen, nicht wahr? Das Jahr muss hart für dich gewesen sein, nehme ich an.«

»Zwölf Monate.« Ihre Stimme war gepresst, beinahe flüsternd. Dennoch war sie genauso scharf wie das Messer, das sie hielt. »Zwölf Monate lang habe ich darauf gewartet, zu sehen, was du wirklich bist. Niemand hat mir geglaubt. Meine Familie nicht … mein Vater nicht, dem du den Kopf komplett verdreht hattest –«

»Oh, ich weiß.« Mir war ein bisschen danach, sie aufzuziehen. »Hätte ich gewollt, hätte ich ihn ficken können.«

»– und selbst die Polizei nicht. Meinem Vater war es lieber, eine bequeme Lüge zu glauben, als der Tatsache ins Gesicht blicken zu müssen, dass du nicht diejenige warst, für die du dich ausgegeben hast. Du hast dich in seinen Kopf geschlichen wie ein Parasit. Er hat seinen Sohn abgeschrieben und eine Fremde geliebt – ohne, dass es ihm am Ende etwas brachte. Du hast meine Familie kaputt gemacht.«

»Und jetzt bist du hier.« Ich lächelte sie an.

Sie leckte sich über die spröden Lippen. »Ich habe lange auf den geeignetsten Moment gewartet. Habe es mir genau ausgemalt. Ich wollte es sehen – und ich habe es gesehen.« Ihr Blick wanderte über meinen dreckigen, blutverschmierten und mit Körpersäften verklebten Körper.

»Schau dich an.« Ich konnte nicht anders, als weiterzulächeln. »Völlig in Mitleidenschaft gezogen, die Kleidung so zerzaust wie deine Haare, dein Blick so müde, wie dich deine Schlaftabletten womöglich machen. Nimmst du bloß Schlaftabletten, Allison? Oder noch mehr? Antidepressiva, vielleicht? Alkohol? Ich wette, in deiner Versessenheit, mich zu überführen, hat dein Vater dich genauso verstoßen wie seinen toten Sohn. Ich wette, du bist ganz allein.«

»Ich habe nie aufgehört, dich zu verdächtigen. Es stimmt, dass Vater es nicht hören wollte - aber ich habe mich von ihm abgewendet. Ich wusste, dass du des Mordes fähig bist, schon damals.« Sie nickte zu Mason rüber. »Bestätigen tat es mir dieser Wichser dort, mit dem du kurz nach Jaspers Tod zusammenzogst. Ich habe Nachforschungen über ihn anstellen lassen. Ich weiß über ihn Bescheid.«

Ich lächelte. »Was hat dich zögern lassen?«

Sie schaute zu Boden. »Ich brauchte absolute Gewissheit. Und die bekam ich, als ihr euch letzte Woche mit diesem Mädchen in der Bar getroffen habt. Ich habe dich beobachtet, Lis. Wann immer ich konnte. Wann immer du diese versiffte Kloake eines Zuhauses verlassen hast, um dich wie ein normaler Mensch in der Öffentlichkeit zu bewegen.«

»Nächstes Mal solltest du das vielleicht geschickter anstellen.«

»Ich habe beobachtet, wie ihr sie umgarnt habt … verführt habt … und zwei Tage später tauchte ihr Gesicht wie durch Zufall in einer Vermisstenanzeige auf.«

»Du hättest zur Polizei gehen können.«

»Glaubst du wirklich, die kann mir geben, was ich brauche?« Ihre Stimme wurde ein wenig schriller. »Glaubst du wirklich, diesen Leuten traue ich noch? Ein Prozess, eine milde Strafe mit drei warmen Mahlzeiten am Tag … du hast Schlimmeres verdient.«

Ich schnalzte mit der Zunge. »Wie unmenschlich von dir, das zu behaupten.«

»Du bist kein Mensch. Du warst nie einer. Du hast mir meinen Bruder genommen. Etliche Menschen, wenn ich in meiner Annahme richtig liege. Du bist ein verdammtes Monster.«

Ich lächelte. »Und ist das meine Schuld?«

»Du wusstest es besser. Es war deine Entscheidung, diesen Weg zu gehen.«

»So?« Theatralik mischte sich in meine Stimme. »Macht dich das dann nicht auch zu einem Monster? Indem du deine persönlichen Rachegelüste über das Gesetz stellst? Obwohl du doch deinerseits weißt, dass das nicht der richtige Weg ist?«

»Spar dir das. Dein Verständnis von Moral hat schon lange keinen Wert mehr.«

»Das Verlangen nach Rache ist eine große, böse Sünde, Allison. Aber ich will sie dir nicht absprechen. Mein Leben war erfüllend.«

»Dein Leben, Lis … konnte man schlecht Leben nennen.«

»Ich habe gelebt«, sagte ich schlicht. »Mehr als alle anderen dort draußen. Mehr, als die meisten es in sechzig oder siebzig Jahren tun.«

»Genug davon.« Ihr Griff festigte sich um das Messer.

Wissentlich lächelte ich darauf hinab. »Möchtest du es auch haben?«

Sie schaute mich irritiert an. »Was haben?«

»Ein solches Leben? Ein erfülltes Leben, Allison? Du standest schon mal kurz davor.«

»Mein Leben ist erfüllt, sobald deines vergangen ist.«

»Du lechzt nach Blut, so wie ich es tue. Du kannst mir mein Blut rauben, zusammen mit meinem Leben – aber damit muss es nicht enden. Wie wäre es, wenn es damit erst anfängt?«

Sie runzelte die Stirn. Das war der Moment, auf den ich gewartet hatte, den ich in meinen Vorstellungen immer und immer wieder durchgekaut und seziert hatte, wie eine Leiche auf dem Obduktionstisch.

»Manchmal verkommt Vernunft zu einer Nichtigkeit.« Ich kam auf sie zu, während ich sprach. »Das solltest du am besten wissen, findest du nicht?«

Sie lachte schnaubend auf, wandte das Gesicht ab. Dabei war es die Wahrheit.

Unsere Wahrheit.

»Wer von uns beiden ist heute die Glücklichere, Allison? Vernünftig wäre es jetzt, Jaspers Tod zu rächen und mich zu töten. Mich endlich zu vergessen und mit dieser Eintönigkeit, die du dein Leben nennst, fortzufahren.« Ich blieb vor ihr stehen. »Aber im Angesicht wunderbarster Dekadenz … könnte das nichtig sein. Verstehst du, was ich meine? Außerdem«, fügte ich hinzu, als ich ihre freie Hand in die meinen schloss, »Außerdem glaube ich dir nicht, dass du der Rache wegen hier bist. Hm? Das ist eine Lüge. Und das weißt du.«

Sie wandte den Blick ab. Fast schon verlegen. Ich rieb weiter ihre Hand, strich weiter über ihre zarte, glatte Haut. An ihrem Blick sah ich, dass ihr Konstrukt aus Rechtfertigungen schwankte, dem Zusammenfall nahe war … dass die Wahrheit durchsickerte, und mit ihr all die Niederträchtigkeit, die sie so gekonnt hinter ihrer Fassade versteckt hielt. Zumindest gegenüber anderen. Ich hatte sie damals schnell durchschaut. Ihr Begehren gewittert wie ein bevorstehendes Gewitter in der Luft.

»Wir beide wissen, dass du noch andere Motive hast, Allison. Andere Gründe, weshalb du mich nicht an die Polizei aushändigst … oder du mich all die Monate beobachtet hast. Erspar mir also das Gerede deiner vermeintlichen Rechtschaffenheit. Wir beide wissen, dass du eifersüchtig auf deinen Bruder warst, ihn womöglich sogar gehasst hast. Auf deinen Vater warst du ebenso neidisch. Womöglich sogar auf das Mädchen in der Bar … und auf Mason. Oh, gerade auf Mason, nicht wahr? Er kam nach dir, weißt du …«

»Du hast mich verstoßen.« Nun blickte sie zu mir auf; ihre Augen waren tränenerfüllt, der Ausdruck darin wie ausgetauscht. »Als Jasper es nicht konnte, habe ich dir gegeben, was du brauchtest. Mehr als all diese Männer, mit denen du dich getroffen hast. Mehr als er.« Das letzte Wort spuckte sie regelrecht in Masons Richtung, und mit einem Funkeln im Blick starrte sie mich wieder an. Ihre Finger, so sah ich aus dem Augenwinkel, verkrampften sich noch fester ums Messer.

»Das war nicht fair, Lis.«

Ich legte eine Hand an ihre Wange. Sie schmiegte sich ihr entgegen, liebkoste mit halboffenen Lippen das angetrocknete Blut. Ich lächelte fürsorglich und strich ihr eine Haarsträhne beiseite.

»Zwölf Monate hast du dich an mich festgebissen, Liebes. Zwölf Monate hast du dich bereits von deinen Instinkten leiten lassen. Warum jetzt damit aufhören? Warum nicht noch zwölf Monate mehr? Oder zwölf Jahre? Diese Rache ist dir doch nur ein Vorwand. Ich verstehe, dass du wütend bist. Wütend auf mich. Auf Jasper. Auf deinen Vater. Wütend, weil ich dich fallen gelassen habe. Seinetwegen.«

Ich trat beiseite, sodass wir beide auf Mason schauen konnten.

»Lass es mich wiedergutmachen.«

Mason war ein robuster Kerl. Die Wunde war tief genug, dass er bereits Unmengen von Blut verloren hatte, doch er war noch bei Bewusstsein, und als er meine Worte hörte, blickte er mühselig empor. »Lis …?«

Ich kehrte ihm den Rücken zu und legte meine Hände auf Allisons Schultern. »Tob dich an ihm aus, Liebes. Lass es uns zusammen tun. Und dann spielen wir. In seinem Blut – und dem von hundert weiteren. Ich zeige dir meine Welt.«

Sie schniefte, lächelte mich an. »Ist sie schön?«

»Wunderschön. Du wirst dich frei fühlen. Dein Bruder ist jetzt nicht mehr da. Deine Familie steht dir nicht mehr im Weg. Wir müssen nichts mehr verheimlichen, und ich bin endlich voll und ganz dein.«

»Versprichst du es mir dieses Mal?«

Ich nahm ihr das Messer ab. Ohne den Blick von ihr zu wenden, setzte ich die Klingenspitze an das empfindliche Fleisch meiner Lippen an und schnitt hinein, sodass sich ein feiner Blutstrom über mein Kinn ergoss. Stechender Schmerz pochte bis in meine Backenzähne und Schläfen. Als ich fertig war, lächelte Allison mich bereits an. Sie spreizte ihrerseits die Lippen und zog scharf Luft ein, als ich das Prozedere bei ihr wiederholte. Das Blut rann an ihrem Kiefer hinab und glitt in ihren Ausschnitt.

Schließlich warf ich das Messer beiseite und schloss beide Hände um ihr Gesicht. »Deine Hingabe will ich entlohnen.« Dann drückte ich meine Lippen auf ihre, und sie erwiderte den Kuss inbrünstig, seufzend, mit so viel hilflosem Verlangen, dass es mich feucht machte. Unsere Münder schmatzten, derweil wir uns liebkosten, und wohliges Stöhnen mischte sich hinzu, als wir noch mehr Blut aus den Wunden quetschten und es mit den Fingern, mit den Zungen, in unseren Gesichtern und Mundhöhlen verteilten, es uns gegenseitig von den Kuppen leckten und an ihnen lutschten, es wie zäher, von Speichel verklebter Schleim zwischen uns hinabtropfte. Allison lachte, als ich die Pampe mit der Handfläche bis auf ihre Stirn verrieb, sie schmiegte sich noch fester an mich und streifte mit ihren Fingern meine Hüfte. Ich hatte längst vergessen, wie sie schmeckte. Wie sich ihre Rundungen auf den meinen anfühlten.

»Mach es«, sagte ich, als ich mich endlich schweratmend von ihr löste. »Töte ihn. Für mich. Es wird sich gut anfühlen.«

Sie lächelte mich an. Mit einem letzten Kuss löste sie sich von mir, dann hob sie das Messer auf und marschierte auf Mason zu. Und ich musste plötzlich an Jasper denken. Wenn er damals mitbekommen hatte, was geschehen war, hatte er da vielleicht – zumindest im Hinterkopf – gedacht, ich würde ihn noch retten? Hatte er darauf gehofft, ich würde wieder zur Vernunft kommen, vielleicht sogar Reue zeigen? Hatte er gehofft, dass ich noch auf seiner Seite stand, so wie Mason es in diesem Augenblick tat? Sein müder Blick, mit dem er so hilfesuchend – gar flehend – in meine Richtung schaute, diese Hoffnung, dass ich doch niemals zu einem solchen Verrat fähig wäre …

Zur Antwort hob ich bloß die Schulter. Lächelte ihn entschuldigend an.

Manchmal hab ich mich nicht richtig im Griff.

Als Allison vor ihm stand und das Messer hob, lehnte ich mich an die Motorhaube einer seiner frisierten Wagen, schob mir zwei Finger in die Fotze und schaute zu. Wut war ein mächtiger Antrieb, vor allem gepaart mit Eifersucht. Allison stach nicht nur auf ihn ein – sie riss ihn auseinander. Zerfetzte ihn mit der Anmut eine Leopardin, einer wilden, majestätischen Bestie. Und sie war wunderschön dabei. Grazil. Begehrenswert. Die Luft wurde schwer und dick vom Eisengeschmack, von den Schreien, die durch die Werkstatt halten und bald verklangen … von den Aromen meiner Körpersäfte, die mir über die Schenkel rannen. Allison hieb sich so sehr in Rage, dass sie das Messer alsbald wegwarf und auf die Knie fiel, um diesem Berg eines Mannes, der jetzt nur noch ein zusammengesunkener Haufen war, regelrecht die Innereien aus dem Bauch zu schaufeln. Sie wühlte in seinen Eingeweiden. Sie zog an seinen Darmgewinden wie an Kabeln, zerbiss sie, stopfte sie ihm in den Mund, zermatschte sein Herz und seine Leber wie eine faulende, weiche Frucht. Bald konnte ich nicht mehr an mich halten, kam auf sie zu und fiel an Ort und Stelle über sie her; wir wälzten uns durch das Blut und die auslaufenden Innereien, zerquetschten sie wie Nacktschnecken mit unserem bloßen Körpergewicht, badeten in ihnen und ihren stinkenden, gärenden Düften. Wir nahmen den sterbenden Jungen dazu, der noch immer am Trägerarm hing, rissen ihn förmlich herab und fielen über ihn her wie tollwütige Wölfe über ein Stück Fleisch. Am Ende saßen wir mit ineinander verkeilten Beinen da, bewegten unsere Hüften stöhnend und hektisch, leckten uns gegenseitig Blut und Fleischfetzen von den Lippen, und ergaben uns, verloren uns, versanken, bis nichts Menschliches mehr vorhanden war.

Nicht immer bedurfte es eines Bisses, um den eigenen Fluch weiterzureichen.

Ich bin mir sicher, mein Stiefvater würde mir da zustimmen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.12.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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