Fernand Muller-Hornick

Die Beförderung


Weber möge sofort zum Chef kommen, kreischte die barsche Stimme der Chefsekretärin ins Telefon. Weber war sich keines Vergehens bewusst. Seit nun fast zwanzig Jahren arbeitete er in der Bank, erschien immer pünktlich und war stets korrekt gekleidet.

„Setzen Sie sich, Weber.“

Weber hing vorne auf dem Ledersessel, er fühlte sich nicht wohl. Bisher war er nur einmal im Büro des Vorgesetzten gewesen, das war bei seiner Einstellung, ein kurzes Vorstellungsgespräch, ein paar nichtssagende Worte, mehr nicht. Wahrscheinlich konnte sich der Chef nicht einmal an Weber erinnern, hätte er sonst gefragt, wie lange er bereits im Betrieb beschäftigt sei.

„Nächsten Monat werden es genau zwanzig Jahre“, sagte Weber leise.

Eine lange Zeit, meinte der Chef und notierte sich etwas auf ein vor ihm liegendes Blatt Papier.

Was sollte Weber darauf antworten? Wenn er gefeuert wird, kann er sich aufhängen, oder von einer Brücke in die Tiefe springen. Die Wohnung, in einem großen Miethaus ist noch nicht abbezahlt, die beiden Kinder, fast schon erwachsen, kosten immer noch Geld, das Studium frisst Unsummen. Wer findet mit fünfundvierzig Jahren noch Arbeit? Die Arbeitslosenunterstützung reicht doch nie aus, um auch nur die niedrigsten Bedürfnisse zu erfüllen.

Ob er nie an eine Gehaltserhöhung oder an eine Beförderung gedacht habe, forschte der Vorgesetzte, Weber dabei tief in die Augen blickend.

Weber spürte, wie seine Beine zu zittern anfingen. Zuerst ganz langsam, dann wie unter Strom stehend. Gewiss hatte er bereits mehrmals daran gedacht, vor allem seine Frau sprach ihn dauernd darauf an, warf ihm vor, sich nicht zu bemühen. Weber rutschte immer mehr nach vorn. Der Vorgesetzte drängelte, es schien, als wolle die Antwort aus Weber herauspressen.

„Wenn ich ehrlich sein soll, also, es wäre bloß wegen der Familie, die Kinder sind auf der Universität, und vielleicht wissen Sie ja...“, sprudelte es plötzlich aus Weber heraus, um dann ebenso abrupt zu verstummen. Was ging den Vorgesetzten sein Privatleben an.

Der Vorgesetzte schien zu wissen, was Weber bewegte, jedenfalls hielt er dessen Forderungen nichts entgegen und nickte nur kurz mit dem Kopf.

„Also, um es kurz zu machen, Weber, der Vorstand hat beschlossen, eine weitere Filiale zu eröffnen, in Wasserburg. Und Sie, Weber, wurden einstimmig als Abteilungsleiter benannt, was sagen Sie dazu?“

Der Vorgesetzte machte eine Pause, sah erwartungsvoll auf Weber. Der schluckte. Die Beförderung überrumpelte ihn. Hätte es sich um eine kleine Gehaltserhöhung gehandelt, er wäre eventuell vor Freude in die Luft gesprungen. Vielleicht hätte er seine Frau und die beiden Kinder zum Italiener eingeladen, zur Feier des Tages. Aber Abteilungsleiter?

„Ich weiß nicht“, war alles, was über Webers Lippen kam.

„Nun ja, das kommt alles ein bisschen überraschend, aber Sie müssten sich schon entscheiden, und zwar ziemlich rasch, die Filiale soll bereits nächsten Monat geöffnet werden. Nun geben Sie sich schon einen Ruck“, insistierte der Vorgesetzte.

Weber bat sich einen Tag Bedenkzeit, immerhin müsse er das mit seiner Frau besprechen, und ob er sich zutraue, und dann auch noch in einer anderen Stadt.

„Aber bis morgen Abend müssen Sie sich entschieden haben“, insistierte der Vorgesetzte.

Eine Minute später war Weber draußen. Die Chefsekretärin tippte, ohne Weber zu beachten.

Zurück im Büro setzte er sich auf seinen Stuhl, atmete tief durch. Wenn er die Stelle annimmt, braucht er einen Mitarbeiterstab, Leute, auf die er sich verlassen kann. Er wird Bedingungen stellen, immerhin hat man ihm den Posten angeboten, er hat sich nicht dafür beworben. Er wird sich jene Leute aussuchen, die nicht hinter seinem Rücken Intrigen gesponnen und sich die Beförderungsleiter hochgeleckt haben. Kleinschmitt und Hermes kommen nicht in Frage. Wagener und Roth ebenfalls nicht. Wenn, dann Huber und Drescher, die hocken bereits mindestens so lange in derselben Position wie er. Und eine Chefsekretärin wird er brauchen. Er wird darauf bestehen, dass es die Zimmermann sein muss. Dieses arrogante Gehabe wird der blöden Kuh vergehen, wer weiß, ob sie nicht ein Techtelmechtel mit dem Vorgesetzten hat.

Wie viel er denn mehr verdiene, und ob sie ein eigenes Haus bekommen, oder zumindest eine Mietwohnung, die die Firma natürlich bezahlt, und eventuell Spesen, wegen der Unkosten, immerhin müssten sie in eine andere Stadt umziehen, sprudelte es aus Webers Frau heraus.

Dass er nicht danach gefragt habe, in so einem Moment denke man nicht an Einzelheiten und Belanglosigkeiten, versuchte Weber sich zu rechtfertigen. Bestimmt wird man ihm eine Wohnung zur Verfügung stellen, wahrscheinlich ein ganzes Haus, vielleicht mit Park, zumindest mit einem Garten, wo sich seine Frau sonnen und Blumen anpflanzen kann, in einem Apartmenthaus wäre das unmöglich, allerhöchstens Geranien auf dem Balkon.

Seine Frau machte ihm Vorwürfe, nicht nach dem Gehalt gefragt zu haben, aber er habe sich nie für Geld interessiert, arbeitet in einer Bank und interessiert sich nicht für Geld.

Natürlich interessiere ihn das Geld, meinte Weber. Weitaus mehr Kopfzerbrechen bereite ihm allerdings die Frage, ob er der Sache überhaupt gewachsen sei, und wieso sie ausgerechnet ihn befördern, so plötzlich, nach zwanzig Jahren. Die ganze Sache komme ihm faul vor, nie habe man nach ihm gefragt, und nächsten Monat soll er eine ganze Abteilung leiten.

Unfug, Schwachsinn, was er wieder einmal verzapfe, er sei einfach feige und faul, habe zu nichts Lust, kurzum, ein Versager, meckerte seine Frau, drängelte, flehte, er möge es doch zumindest versuchen, ihr zuliebe und auch den Kindern, die dann stolz auf ihren Vater sein können.

Weber verbrachte eine unruhige Nacht. Was passiert, wenn er es nicht schafft, die Filiale ordnungsmäßig zu leiten, wenn er Defizit produziert und die Außenstelle nach einem halben Jahr schließen muss? Oder spekuliert man von Anfang an mit einem Scheitern, möchte man, aus welchen Gründen auch immer, einen finanziellen Misserfolg provozieren, weil man etwas vertuschen möchte, Schwarzgeld vielleicht?

Am anderen Morgen erschien Weber wie immer pünktlich im Büro. Gegen Mittag aß er, wie immer, in der Kantine, redete mit diesem oder jenem Kollegen über alles Mögliche, Belanglosigkeiten, Bürogetratsche, kein Sterbenswörtchen über eine bevorstehende Beförderung. Wahrscheinlich war sowieso noch nichts durchgesickert, was Weber nur recht sein konnte.

Gegen sechzehn Uhr klingelte das Telefon. Er möge sofort zum Vorgesetzten kommen, befahl die Zimmermann in gewohnt barschem Ton. Kaum fünf Minuten später hockte Weber wieder in dem Ledersessel, merkte, wie er langsam nach vorne rutschte.

Auf die Frage des Vorgesetzten, wie er sich entschieden habe, betonte Weber, er wisse nicht, ob er der Sache gewachsen sei. Die Gehaltsansprüche erwähnte er mit keinem Wort, obwohl seine Frau ihn noch am Morgen dreimal daran erinnert hatte.

Der Vorgesetzte gab sich optimistisch, natürlich wird Weber das schaffen, drängelte förmlich, Weber möge sich einen Ruck geben und zusagen.

Weber hatte immer noch ein ungutes Gefühl, an der Sache musste etwas faul sein, und er wird nachher, wenn die Karre im Dreck steckt, die ganze Scheiße auslöffeln müssen. Man wird ihn fristlos entlassen, als Unfähigen darstellen. Keinen Schritt wird er mehr vor die Tür setzen können, ohne, dass man mit dem Finger auf ihn zeigt. Nein, Weber musste an sich und seine Familie denken. Die Kinder werden keine Chance haben, auch nur in irgendeinem Beruf Fuß zu fassen, nicht einmal als Putzfrau. Weber wird sich auf der Straße wiederfinden, als Penner in der Fußgängerzone sitzen und dankbar sein, wenn ihm jemand einen Cent in den Hut wirft.

Weber fasste sich kurz: "Nein". Betonte, kein williges Werkzeug übler Machenschaften zu sein, irritierte damit sein Gegenüber, der wollte wissen, was Weber damit andeuten wolle.

„Das müssen Sie nicht mich fragen, sondern die Männer im Dunkeln, die mit den weißen Westen, Sie wissen, was und wen ich meine". Webers Stimme klang für ihn selbst überraschend laut, fast schon barsch.

Ob er vielleicht etwa getrunken habe, sich Mut zugeprostet habe. Wenn er, Weber, sich entschuldigt, wäre das eben Gesagte vergessen, meinte der Vorgesetzte. Weber ignorierte dessen ausgestreckte Hand, sagte, wenn auch leise, so doch überzeugend, er kündige, und zwar sofort.

Webers Kündigung wurde ohne weitere Kommentare akzeptiert.

Wie es war, ob er mehr verdiene, ob sie ein eigenes Haus bekommen, wollte seine Frau wissen, bettelte, er möge sie doch nicht so lange zappeln lassen. Sie hatte ein Festessen bereitet, Hummer als Vorspeise, anschließend Entenbraten, als Nachtisch Mousse flambée, nach echt französischem Rezept, zur Feier des Tages.

„Jaja", war alles, was Weber erwiderte, dabei lustlos in seinem Essen stochernd.

Nach dem Essen rief seine Frau sofort die Kinder an, die ganze Familie erfuhr es, alle freuten sich, taten jedenfalls so.

Weber verließ das Haus, seine Frau quasselte immer noch am Telefon, nächsten Monat wird es eine teure Telefonrechnung geben, wovon sollen sie die bezahlen?

Weber ging zur Brücke, die über den Fluss zu dem anderen Stadtteil führt, und schaute hinunter ins Nichts. Von der gegenüber liegenden Uferseite leuchteten die Glasfenster der Bürohäuser, meist Banken, wie kleine, helle Sterne. Weber beugte sich vornüber, die Wellen deutlicher zu hören.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.12.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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