Alina Marx

Der Aufzug

Langsam gehe ich auf das große Gebäude zu. Die Fassade erinnert mich stark an das Krankenhaus, in dem ich in der achten Klasse mein Praktikum absolviert habe. Der Eingang unterscheidet sich allerdings zu dem in meiner Erinnerung. Am Eingang des Krankenhauses gab es eine ganz normale Glastür, doch hier befindet sich eine Drehtür.

Ich drücke meine Hände gegen die Scheibe und bewege mich hinter dieser in das Innere des Gebäudes. Nun befinde ich mich in einem kleinen, gekachelten Treppenhaus. Mir gegenüber steht ein massiver stählerner und dennoch recht klein wirkender Aufzug. Rechts und links von ihm gehen Treppenstufen nach oben und nach unten ab. Gedankenverloren betätige ich den Knopf.

In welchen Stock muss ich eigentlich?

Plötzlich öffnet sich quietschend die Tür des Aufzugs. Eine Frau steht mir gegenüber und lächelt mich freundlich an. Ihre braunen Haare sind zu einem ordentlichen Pferdeschwanz zurückgekämmt. Sie trägt dezentes Markup, das ihre grauen Augen unterstreicht und einen seltsamen Kontrast zu ihrem pinken Overall darstellt. Ihre helle Porzellanhaut ist auffallend makellos.

„Willst du einsteigen?“ fragt sie und blickt mich dabei herzlich an.

Als ich nicke und zu ihr in den Fahrstuhl steige, kommt es mir so vor, als hätte da irgendetwas in ihren Augen kurzzeitig aufgeblitzt.

Die Tür schließt sich hinter mir.

„Nach oben oder unten?“ Fragt sie

„Nach oben, bitte“ antworte ich.

Sie nickt und drückt auf den Pfeil nach oben. Das ist aber seltsam. Hier gibt es keine zich Knöpfe für jede Etage des Gebäudes, sondern lediglich zwei. Ein Pfeil nach oben und einer nach unten.
Ruckelnd setzt sich der Aufzug in Bewegung.

„Wie heißen Sie eigentlich? “ frage ich die Frau.

Sie lächelt mich an, als wäre ich ein Kind, das gerade gefragt hat, warum der Himmel blau sei.

„Du kannst mich so nennen, wie du dir meinen Namen am ehesten vorstellst.“

Wie seltsam. Und auch vollkommen surreal. Dennoch, ohne es vorher bemerkt zu haben, schwebt seit Betreten des Fahrstuhls der Name Adriana in meinem Kopf.
Als hätte sie meine Gedanken gelesen, nickt sie.

Der Aufzug hält mit einem bekannten hellen „PING“ Ton an und die Tür öffnet sich. Ich blicke in den vollkommen leeren Raum. Die Wände sind hell und der Boden ist mit erstaunlich weißen Teppichen ausgelegt.

„Nur zu“ sie gibt mir mit einer Handbewegung zu verstehen, dass ich das Zimmer betreten soll. Behutsam setze ich erst einen Fuß auf den flauschigen Teppich, dann den nächsten. Es ist angenehm kühl hier. Vorsichtig streiche ich beim Vorbeigehen mit meiner Hand über die Wand zu meiner rechten. Die helle Tapete hat eine leicht raue Struktur. Die ebenfalls weiße Fußleiste ist verziert mit fein säuberlich eingravierten kleinen Wellen. Ich blicke durch das riesige Panoramafenster, welches sich über die gegenüberliegende Wand erstreckt. Von hier aus habe ich einen tollen Ausblick auf eine wunderschöne Gebirgskette. Dicht an dicht gedrängte Bäume, die von einem kleinen Trampelpfad durchzogen werden. Die Farben sind beeindruckend intensiv und es kommt mir so vor, als könnte ich die Nadeln der Tannen riechen. Weiter rechts befindet sich ein gigantischer Wasserfall, der Ähnlichkeiten mit den Niagara Fällen hat. Es ist einfach atemberaubend. Der Anblick hat eine so beruhigende Wirkung auf mich, sodass ich am Liebsten für immer hier bleiben würde.

Ein Räuspern von hinten reißt mich aus meinen Gedanken. Ich drehe mich zu Adriana um.

„Tut mir leid, aber wir müssen weiter“ meint sie und zeigt mit ihrem Finger nach oben.

Ich nicke und betrete erneut den Fahrstuhl, die Tür schließt sich hinter mir und wir fahren eine Etage höher.

„Was war das eben?“ frage ich sie.

„Wie hast du dich denn dabei gefühlt?“

„Ich weiß nicht…“ überlege ich “irgendwie friedlich… vielleicht auch ein bisschen ruhig. So als wäre ich angekommen. Ergibt das irgendeinen Sinn?“

Adriana nickt nur und dreht mir den Rücken zu. Ich warte darauf, dass Sie ihre Erklärung fortsetzt, doch sie bleibt stumm.

PING

Wir sind im zweiten Stock angekommen. Quietschend öffnet sich die Tür und gespannt halte ich die Luft an.

Ich kann meinen Augen nicht trauen. Der zweite Stock ist ein Raum so groß wie ein königlicher Ballsaal und von oben bis unten gefüllt mit Geld, Schmuck und weiteren unzähligen Dingen, die ich noch nie zuvor gesehen habe, die dennoch, dem Aussehen nach zu urteilen, ein Vermögen wert sein müssten. Es ist einfach Wahnsinn. Sofort steige ich aus dem Aufzug aus, nicht mehr so zögerlich wie eine Etage zuvor. Neugierig und fassungslos durchquere ich den Saal und nehme alles genauestens unter die Lupe. Unzählige Scheine, Goldbarren, Perlen und Diamanten stapeln sich bis unter die mindestens drei Meter hohe Decke. Der Boden besteht aus dunklem, sehr hochwertig wirkendem Massivholz. An der Decke befinden sich sechs gigantische Kronleuchter, mit beinahe unendlich vielen Kristall- Applikationen. Ich stürze auf den Berg aus 500 Euro Scheinen zu um danach zu greifen, aber als das Geld meine Finger berührt, fließt es plötzlich wie flüssiges Wachs zu beiden Seiten meiner Hände hinunter. Was soll das denn? Ich greife nach den Goldbarren, doch das gleiche passiert auch hier. Auch die Perlenketten, die Diamanten, alle wertvollen Dinge zerfließen in meiner Hand. Das ist ja verrückt!

Ich höre Adriana hinter mir leise kichern.

„Das wird aber auch nie langweilig“ lacht sie “na los, es geht weiter.“

Verdattert drehe ich mich suchend im Saal umher, doch der gesamte Inhalt ist verschwunden.
Völlig von der Rolle steige ich zu ihr zurück in den Fahrstuhl. Die Tür schließt sich erneut hinter mir.

„Und was sollte das nun schon wieder? Das Geld war da ich habe es doch gesehen, aber ich konnte es einfach nicht greifen.“ Immernoch kann ich es nicht fassen.

„Ganz genau.“ Adriana nickt zustimmend, als hätte ich mir gerade meine Frage selbst beantwortet. Diese ganze Geheimnistuerei geht mir so langsam echt auf die Nerven.

Sie drückt erneut auf den Knopf und wir bewegen uns nach oben.

PING

Der dritte Stock.

Die Tür öffnet sich und sofort trifft mein Blick auf einen großen, sehr antik wirkenden Spiegel in der Mitte des Zimmers. Ansonsten befindet sich nichts in diesem Raum, nicht einmal Fenster. Dennoch ist es hier hell, doch ich kann nirgends die Herkunft der Lichtquelle entdecken. Ich trete näher an den Spiegel heran bis ich direkt davor stehe. Er ist umrandet von einem silbergrauen Rahmen und verziert mit millionen von feinen Schnörkeln.. Ich erkenne mich selbst, allerdings sehe ich anders aus. Irgendwie… hübscher? Ich bin definitiv schlanker und habe blaue Augen, dabei sind meine Augen eigentlich braun. Der Anblick gefällt mir, ich wollte schon immer blaue Augen haben. Seltsam. Der Spiegel zeigt einem wohl wie man gerne aussehen würde.

„Könnte ich den vielleicht mit nach Hause nehmen?“ Ich lache, doch von Adriana kommt keine Reaktion.

„Wir müssen…“ setzt sie an.

„Weiter, jaja ich weiß schon“ unterbreche ich sie und befinde mich kurz darauf wieder im Aufzug auf dem Weg in den vierten Stock.

„Ich muss schon zugeben, diese Etage hat mir bis jetzt am besten gefallen“ meine ich grinsend.

Wieder nickt sie nur, statt mir zu antworten. In ihren Augen scheint jedoch etwas aufzublitzen, was ich vorher noch nicht gesehen habe. Verachtung? Hohn? Ich kann es nicht richtig deuten. Bevor ich weiter darüber nachdenken kann, sind wir auch schon stehengeblieben.

Die Tür öffnet sich, gespannt strecke ich meinen Kopf aus dem Fahrstuhl. Plötzlich stockt mir der Atem. Der Raum ist voller Menschen, die ich kenne. Sie lächeln mir, während ich an jedem einzelnen vorbeilaufe, aufmunternd zu. Langsam durchquere ich das Zimmer.

Da ist mein ehemaliger Biologielehrer, der mir zuwinkt.

Meine Urgroßmutter, die offensichtlich wieder sehen kann. Ich kann mich kaum daran erinnern, wann ich sie denn das letzte Mal gesehen habe.

Tobi, der kleine Junge aus meinem Heimatdorf, der in der Grundschule eine Klasse unter mir war. Er ertrank mit zwölf Jahren in einem See.

Vor meinem Patenonkel bleibe ich stehen.

„Du bist ziemlich groß geworden“ er lächelt mich freundlich an.

„Wo bin ich hier?“

„Ich glaube, das weißt du selbst“ antwortet er.

Ich denke kurz nach. „Und was passiert jetzt?“ frage ich.

„Die Entscheidung liegt bei dir. Das ist der oberste Stock. Entweder du bleibst hier oder du fährst zurück ins Erdgeschoss.“

„Kann man noch tiefer fahren?“ wenn es nach oben geht muss man schließlich auch nach unten können.

Adriana kommt ihm jedoch zuvor: „Wir müssen gehen.“

Ich will mich gerade wieder zu meinem Patenonkel umdrehen, um mich zu verabschieden, doch er ist weg. Alle sind weg, der Raum ist nun leer.

Ich betrete erneut den Fahrstuhl. Gedankenverloren und noch immer das Gesehene verarbeitend, bitte ich sie am Erdgeschoss vorbei in die unteren Etagen zu fahren.

„Bist du sicher? “ fragt sie skeptisch. Ich nicke entschlossen.

Wieder lächelt sie. Doch diesmal hat ihr Lächeln etwas Kaltes an sich. Sie betätigt den Knopf und wir bewegen uns nach unten. Währenddessen betrachte ich den Aufzug zu ersten Mal, seit ich eingestiegen bin genauer. Erst jetzt fällt mir auf dass hier gar kein Fluchtplan ausgehängt ist, wie das normalerweise der Fall sein sollte. Außerdem kann ich nirgendwo ein Notfalltelefon entdecken, geschweige denn einen Notknopf.

Es kommt mir vor wie eine halbe Ewigkeit als der Aufzug endlich stockend zum stehen kommt.

PING

Die Tür öffnet sich. Dahinter befindet sich ein großes zimmer, das komplett mit Spiegeln ausgekleidet ist. Nicht nur die Wände sondern auch der Boden und die Decke. Vorsichtig steige ich aus und drehe mich einmal um die eigene Achse, um alles genauer unter die Lupe zu nehmen. An den Wänden sind Haltestangen befestigt, wie man sie in jedem Tanzraum vorfindet. Ich erinnere mich daran, wie ich früher in einem ähnlichen Raum Ballettunterricht hatte.

Ich trete näher an die Stange heran und berühre mit beiden Händen den Holzgriff während ich diesen eingehender betrachte. Ein leicht vertrautes Gefühl macht sich in meiner Brust breit.

Ich blicke nach oben, meinem Spiegelbild entgegen. Langsam hebe ich meine Hand und drücke sie vorsichtig gegen die meines Spiegel-Ichs.

Dann geschieht etwas Seltsames.

Über das Gesicht meines Spiegelbildes macht sich nach und nach ein hässliches, geradezu verstörendes Grinsen breit. Verwirrt komme ich mit meinem Gesicht näher und näher während das Grinsen immer breiter und immer furchterregender wird. Angst beginnt mir die Kehle zuzuschnüren.

„Das bist nicht du! Das bist nicht du!“ wiederholt eine fremde Stimme in meinem Kopf in einem verstörenden, beinahe manischen Sing Sang.

Plötzlich streckt mein Spiegel-Ich den Kopf weit nach hinten, wie um auszuholen, und rammt ihn kurz darauf mit voller Wucht gegen seine Seite des Spiegels, welcher sofort zerspringt.

Erschrocken zucke ich zurück und lande rücklings auf dem Boden. Was war das??

Hinter mir huscht kichernd etwas vorbei. Panisch drehe ich mich um, doch bis auf mein eigenes Spiegelbild, welches wieder normal an meine Bewegungen angepasst ist, kann ich nichts erkennen. Angsterfüllt blicke ich wieder zu dem eben noch kaputten Spiegel, nur um zu erkennen, dass dieser vollkommen unversehrt ist. Nicht einmal ein kleiner Riss ist zu erkennen.

Schnell rappel ich mich auf und renne, wie von der Tarantel gestochen, zum Aufzug zurück.

„Können wir weiterfahren?“ fragt Adriana munter, als hätte sie eben nichts mitbekommen. Zitternd nicke ich und sie drückt auf den Knopf. Während sich der Fahrstuhl erneut eine Etage tiefer bewegt, sitzt mir der Schock immer noch tief in den Knochen.

Erst jetzt fällt mir die farbliche veränderung von Adrianas Overall auf. Das vorhin noch strahlende Pink hat sich mittlerweile in ein dunkles rot verwandelt und sieht an den Ärmeln nun leicht abgenutzt aus.

PING

Das Geräusch lässt mich erschaudern. Die Tür öffnet sich ächzender und langsamer als zuvor, als wäre sie eine Weile nicht mehr geölt worden. Ich betrete das Zimmer dahinter. Es ist düster und meine Augen brauchen zunächst eine Weile um sich daran zu gewöhnen. Nach einigen Sekunden erkenne ich dass auch dieser Raum leer ist, bis auf einen kleinen kastenförmigen Gegenstand, der in der Mitte auf dem Boden steht. Bis auf die makellos glänzende Box, ist das gesamte Zimmer sehr staubig. Die zwei Fenster an der gegenüberliegenden Wand sind notdürftig mit ein paar Brettern verriegelt und von der ehemaligen Scheibe ragen lediglich ein paar Glassplitter aus dem Fensterrahmen hervor. Ich habe das Gefühl als wäre ich schon einmal hier gewesen. Der ganze Staub in der Luft und auf dem alten Holzfußboden wirkt beinahe so, als hätte dieser Raum vor langer Zeit zu jemandem gehört, vielleicht einer Familie, die ihn einst verlassen, und von da an nie wieder betreten hatte. Es hat etwas Beklemmendes und Trauriges an sich.

Bei genauerem Hinsehen erkenne ich an der Seite des Kastens eine kleine Kurbel. Muss wohl eine von diesen Drehorgeln sein, mit denen Kinder so gerne spielen.

Als ich näher trete fangen plötzlich Stimmen von allen Seiten an auf mich einzuprasseln, ich kann jedoch niemanden sonst im Raum erkennen, geschweige denn die Richtung, aus der sie kommen ausmachen. Abrupt bleibe ich stehen und sofort verstummen auch die Geräusche wieder. Erneut setze ich einen Fuß vor den anderen und im selben Moment geht das Stimmengewirr von Neuem los. Gleichzeitig fängt nun die Kurbel der Drehorgel an sich langsam, ganz von selbst zu drehen. Sie dreht sich und wird schneller und immer schneller und im gleichen Takt werden die Stimmen langsamer, lauter und aggressiver. Der Lärm ist beinahe nicht mehr auszuhalten. Kurz bevor ich an das Spielzeug gelange hat die Kurbel ein mittlerweile rasantes Tempo erreicht und die Stimmen sind so laut und langsam. Ich kann nicht verstehen, was sie sagen, doch ich kann ihren Schmerz spüren. Sie leiden. Ich kann fühlen wie sehr sie sich quälen.

Schlagartig springt der Deckel der Box auf und plötzlich ertönt der markerschütternde Schrei einer Frau. Mir kommt es so vor, als wäre sie in meinem Kopf. Das Kreischen durchströmt meinen gesamten Körper, es ist, als hätte sich mein Blut in ätzende Säure verwandelt und als stünde ich in Flammen. Unter unbeschreiblichen Schmerzen windend lasse ich mich auf die Knie fallen und presse beide Hände gegen meine Ohren.

„Sie soll aufhören! Mach, dass es aufhört!“ schreie ich immer und immer wieder. Ich blicke auf und sehe den Aufzug. Mit allerletzter Kraft kann ich mich aufrappeln und schaffe es nur mit großer Mühe zurück in den Fahrstuhl zu steigen. Die Tür schließt sich und sofort stoppen das Schreien und die Schmerzen. Keuchend blicke ich an mir herunter. Ich bin vollkommen unversehrt. Noch immer sichtlich unter Schock bemerke ich nicht einmal, dass Adriana erneut auf den Pfeil nach unten drückt und wir weiterfahren. Erst das vertraute „PING“ reißt mich aus meiner Schockstarre.

„Nein!“ kreische ich und will auf den Pfeil nach oben drücken bevor sich die Tür öffnen kann, doch er ist verschwunden. Hier ist nur noch der Knopf mit dem nach unten gerichteten Pfeil.

Die Tür öffnet sich und offenbart mir einen furchteinflößenden Anblick. Das ist ein Kindergarten. Er sieht aus wie der, den ich als Kind besucht habe. Links von mir ist eine Leseecke mit zwei kleinen Bücherregalen. Dahinter liegen verstreute pechschwarze Bauklötze herum. An der wand hängen selbstgemalte Bilder, wie in meinem alten Kindergarten. Doch da sind keine Zeichnungen von Familien oder Autos oder Häusern. Manche Blätter wurden einfach mit schwarzen Wachsmalstiften so stark bearbeitet, dass sie in der Mitte gerissen sind. Auf einem Bild hält ein gezeichnetes Strichmännchen ohne Augen den Kopf eines anderen Männchens, welches zwei große X anstelle von Augen hat. Einige Bilder sind mit seltsamen Zeichen vollgekritzelt, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Aber sie erinnern mich an diese alten Runen, die oft in Filmen verwendet werden, wenn über Kulte oder Rituale gesprochen wird. Das hier ist nicht mein Kindergarten, dieser Ort ist definitiv böse.

Eine Gruppe von Kindern sitzt in der Mitte des Zimmers in einem Kreis auf dem Boden. Plötzlich heben sie alle gleichzeitig die Köpfe. Ich zucke erschrocken zurück. Jedes der Kinder hat vollkommen weiße Augen, bei keinem einzigen kann ich die Iris erkennen.

Ruckartig stehen sie auf und kommen mit bizarr abgehackten Bewegungen auf uns zu.

„Nein, nein, nein, nein, nein!“ panisch drücke ich wie wild auf den Knopf. Es ist mir egal ob es weiter nach unten geht, Hauptsache weg von hier. Endlich schließt sich die Tür.

Jetzt fällt mir erst auf, dass das Innere des Aufzuges langsam zu zerfallen scheint. An einigen Stellen fehlt die Stahlverkleidung und an anderen Stellen sind sogar Löcher, hinter denen sich das schwarze, endlose Nichts befindet. Auch Adriana hat sich sichtlich verändert. Ihr Overall hat mittlerweile die Farbe von Pech angenommen und ist komplett zerfetzt. Einige Haarsträhnen haben sich aus ihrem Pferdeschwanz gelöst und hängen ihr strähnig ins Gesicht.

Endlich setzt sich der Aufzug ruckelnd in Bewegung. Das Wackeln ist mittlerweile erheblich stärker geworden und nach und nach lösen sich mehr und mehr Bestandteile des Fahrstuhls in Luft auf. Bevor sich die Tür im nächsten Stock öffnen kann, drücke ich schnell den Kopf, damit wir nahtlos weiterfahren. Plötzlich nimmt der Fahrstuhl eine rapide Geschwindigkeit an. Das Ruckeln wird kräftiger und fühlt sich beinahe so an, als würden wir wie ein Pendel hin und herschwanken. Ich halte mich an den seitengriffen fest und blicke zur Tür, dich jedoch zu meiner Bestürzung nun vollständig verschwunden ist. In rasendem Tempo bewegen wir uns weiter nach unten, wir halten nicht einmal mehr an. Etage um Etage kommen die gruseligen Kinder mit ihren seelenlosen Augen immer näher, ein paar Stockwerke später werden sie bei uns angekommen sein.

„Bring mich bitte nach oben, ich will das nicht mehr!“ flehe ich Adriana an. Deren Gesicht ist jetzt zu meinem Erschrecken zu einer entstellten Fratze verzerrt, die direkt aus einem Horrorfilm hätte entspringen können.

„Hat man einmal den Weg nach unten eingeschlagen, gibt es kein zurück mehr.“ Sie beginnt zu kichern, immer lauter, bis sich das Kichern in ein hysterisches und gehässiges Lachen verwandelt.

Der Aufzug wackelt nun so stark, als würde er jeden Moment auseinanderfallen. Ich werde hin und hergeworfen und lande schließlich unsanft auf dem Rücken, während Adriana völlig regungslos auf mich hinabblickt.

„Was ist das nur für ein Ort??? “ kreische ich voller Panik.

„Wenn du das immer noch nicht kapiert hast, bist du endgültig verloren.“ Adriana wirft ihren Kopf in den Nacken und lacht, als hätte sie den Witz des Jahrhunderts gebracht.

Und plötzlich spüre ich wie wir nicht mehr fahren, sondern fallen. Unzählige Arme tauchen von unten auf und versuchen nach mir zu greifen. Angsterfüllt kauere ich mich wie ein kleines Kind in der Ecke auf dem Boden zusammen. Adriana blickt noch immer voller Belustigung auf mich herab. Ihre Haut hat nun nicht mehr den reinen Porzellanton von vorhin, sondern ist jetzt übersäht von frischen Brandwunden.

Ich schlage die Hände vor mein Gesicht und beginne zu weinen und mich hin und herzuwiegen.

„Ich will nach Hause. Ich will nach Hause. Ich will nach Hause“ schluchze ich immer wieder, während die Welt um mich herum zerfällt.

PING

Langsam und zitternd nehme ich meine Hände vom Gesicht. Ich stehe im Erdgeschoss vor dem Aufzug, der sich gerade öffnet. Adriana blickt mich freundlich an.

„Willst du einsteigen?“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.12.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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