Indra Seidler

Regnerische Tage

Diese Worte, immer wieder diese Worte! Sie prasseln auf mich ein, wie starker Regen im tiefsten Sturm. Ich hocke hier, krümme meinen Oberkörper, bis mein elendiges Gesicht den dreckigen Boden erreicht. Mein Herz, es soll nie wieder schmerzen!

Ich muss Abstand gewinnen von all dem, was mich hier umgibt. Jeder einzelne Gegenstand – verknüpft mit meiner Vergangenheit. Alles ist schlecht, böse, nicht mein! Wenn ich doch nur Mut genug hätte um alles zu verbannen. Das Fenster öffnen und so weit werfen, dass nichts zu mir zurückkehren kann.

Die Flügel spannen, hoch hinaus fliegen und feststellen, dass die Welt zu klein ist, um sich vor sich selbst zu verstecken. Mein Schatten wird mich nie verlassen. Er steht mir zur Seite und wenn ich gerade einmal dabei bin ein Lächeln aufzusetzen, so zieht er meine Mundwinkel mit zwei spitz geschnittenen Fingernägeln rasch wieder hinunter. Lächeln bringt am Ende des Tages sowieso niemandem etwas. Ich bin geboren um zu arbeiten. Glückseligkeit hat hier nichts verloren.

Aber Mitten in der Nacht, da ist kein Schatten. Wenn ich nun draußen auf der Straße tanze, dann ist da keiner, der mich durch ein magisches Tor in die Realität zurückführen kann.

Sie sagen, ich sei faul, unbrauchbar, nicht lebensfähig. Das stimmt. Ich strecke meine Hand nach der Musik, die mich zu trösten vermag und schleiche mich aus der Wohnung. Bereits im Hausflur umgibt mich ein Gefühl der Freiheit. Auf der Straße angekommen, fühle ich mich endlich unsicher. Diese Unsicherheit gleicht der reinen Freiheit. Angreifbar und doch unverletzlich. Meine Gleichgültigkeit nimmt sich ein Messer und schneidet all die Trauer, Missmut und Abhängigkeit aus meinem Herzen. Nicht einmal eine weitere Minute in meinem Leben möchte ich für andere sein. Die letzte Träne, sie kullert die Wange hinunter und schmeckt süß.

Musik an! Die Dunkelheit zeigt mir tanzend den Weg durch die Nacht. Es ist so schön kalt, ich spüre das Lebendige in mir, es verlangt mehr! Die Hose ausgezogen, reiße ich nun auch den Pullover von mir. Die Kälte und Musik kleidet mich genug ein. Nie wieder werde ich sie an mich heranlassen, nie wieder werden sie über mich bestimmen. Ein eigenständiges Wesen, das bin ich – ob Mensch, oder nicht.

Nackt gekleidet, lege ich meinen Körper auf den kühlen Asphalt, der Regen, er kommt!

Ende

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.01.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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