Indra Seidler

Tagträume

Wie langweilig wäre das Leben ohne Tagträume?

Aus dem Hörsaal hinaus, gehe ich schnellen Schrittes zur nächstgelegenen Bushaltestelle. Ich steige ein, setze mich, ziehe meine Kopfhörer aus der Hosentasche und verbinde sie mit meinem Smartphone. Die Musik beginnt wie bunte Farbe in meine Ohren zu fließen und ich sauge sie auf. In meinem Kopf verbinden sich die einzelnen Töne, bilden eine Figur, eine Landschaft, eine Geschichte. Ein Film in mir und ich bin der Regisseur, mein Körper die Kulisse.

Allmählich beginnen meine Hände zu schweben. Als würden sie Wellen erzeugen, bewegen sie sich in gleichmäßigen Abständen gleitend auf und ab. Meine Füße können nicht länger still sein. Ein Schritt nach vorn, ein wippender nach hinten, schwungvolle Drehung. Mein Körper bedarf keiner Anleitung, die Bewegungen werden stilvoll geleitet von den Gefühlen der Musik. Gedanklich gleite ich über den Asphalt.

Meine Lippen können das Gesicht nicht verlassen, doch beginnen auf der Stelle zu tanzen, ihre Bewegungen entsprechen dem Gesang, der in meine Ohren dringt. Die Musik übernimmt meine Sinne und steuert mich. Die Sonne beginnt heller zu scheinen und zwinkert mir zu. Die Blätter der Bäume wechseln ihre Farbe in ein kräftiges Rot und verlassen den Baum schwebend. Sie tanzen wie ich durch die Lüfte und begleiten mich. Der Bürgersteig wird zur Tanzfläche. Jeder Stein, den ich berühre, wird bunt und erleuchtet die Straße.

Ich begegne meinen Kommilitonen Paul und Sam. Sie tragen ebenfalls Kopfhörer und scheinen Musik zu hören. Also warum nicht? Ich greife nach Pauls Hand und beginne mit ihm gemeinsam zu tanzen. Auch Sam ergreift die Musik. Somit sind nun drei Studenten auf ihrer ganz persönlichen Tanzfläche gefangen. Auf unserem Weg nach Hause, fallen wir anderen Passanten auf und sie schließen sich uns an. Eine tanzende Meute läuft durch die Straßen Kiels und zieht wie ein großer Magnet immer mehr Menschen an.

Die Farbe der Musik, die stetig in meine Ohren läuft, färbt meinen Körper nach und nach in den buntesten Farben. Ich bin die Musik und jedes Lied in mir hat ganz unterschiedliche Farben. Ich fühle die Welt und sie fühlt mich. Ein Blick hinter mich zeigt mir, dass die anderen Tanzenden ebenfalls an Farbe gewinnen. Die Welt wird bunter und bunter.

Hunderte Menschen kommen nun tanzend im Schrevenpark an. Es entsteht eine Feier, wie sie noch nie einer zuvor gesehen haben kann. Alle tanzen gemeinsam, sind glücklich und übertragen ihre gute Laune auf die anderen. Die Musik wird lauter und dröhnt bis in den Himmel. Ich wünsche mir, dass sich das nie ändert.

Nächste Haltestelle: Seefischmarkt.“, schallt aus der Lautsprecheranlage im Bus, überwindet die Kopfhörer und trifft mein Gehör. Das ist meine Haltestelle. Auch der fantastischste Gedankengang muss wohl ein Ende haben. Keine tanzende Meute im Park, keine Farbe auf meinem Körper. Die Musik allein ist es, was bleibt.

Wie langweilig wäre das Leben ohne Tagträume?

Ende

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.01.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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