Heinz Lechner

Nur nicht alt werden!

 

Es war Freitagnachmittag und ich wiedermal der Letzte im Betrieb. Eigentlich hätte ich auch schon längst Schluss machen können wie meine Kollegen, aber da lief eine Sendung im Radio die mein Interesse geweckt hatte, so beschloss ich noch zu bleiben. 
Es handelte sich um einen Bericht, der das Thema des Alterns behandelte, genauer gesagt, wie man dem geistigen Verfall im Alter entgegenwirken oder zumindest verlangsamen konnte. Gespannt lauschte ich dieser Sendung, welche sich mit dem Thema “Musik im Alter“ befasste. Ich fühlte mich angesprochen, schon alleine deshalb, weil ich mich ja auch schon kurz vor dem Renteneintrittsalter befand.
Ein Bericht aus einem Seniorenheim.
Es hieß, Menschen, die ihr Leben lang musizierten oder auch ein Musikinstrument beherrschten, blieben im Alter länger geistig fit. Auch ich bin überzeugt von dieser These und nahm mir - wie sich später heraus stellte - wiedermal vergeblich vor, mehr Gitarre und Keyboard zu spielen. Meine einzige Betätigung in Sachen Musik ist, in der Badewanne sitzend meine geliebten Hits der Beat - Ära in vollster Lautstärke mit zu schmettern.
In der Sendung wurden nun Beispiele von alten Leuten angeführt, die auch selbst zu Worte kamen. Ein etwa 80jähriger Mann wurde gebeten, sein Lieblingslied zu singen. Er konnte noch den gesamten Text auswendig. Es war ein Hit aus den 60er Jahren, wurde damals gesungen von dem berühmten schweizerischen Sänger Vico Torriani und hieß: "Cafe Oriental". Ein Lied, wie es hieß, welches nur noch wenige Menschen kennen dürften.
Mit brüchiger, aber dennoch kräftiger Stimme und voller Inbrunst begann er zu singen, - besser gesagt zu schnarren,:
"jeder Scheich war schon mal - im Cafe Oriental,
dort gibts Mädchen ohne Zahl - im Cafe Oriental". u.s.w.
Muss ich erwähnen, daß ich hätte mitsingen können? Wenigstens konnte ich noch schmunzeln bei der Vorstellung, was der Tattergreis mit "Mädchen ohne Zahl" wohl anstellen wollte.
Nach dem Ende dieser rührigen Darbietung erklärte die Berichterstatterin aufs Neue, wie wichtig es doch sei, sich selbst im Alter noch musikalisch zu betätigen. Ich begann, an der Ernsthaftigkeit dieses Berichtes zu zweifeln.
Denn nun wurde eine Dame portraitiert, die das Lied " Für mich soll´s rote Rosen regnen" singen sollte. So begann sie schauerlich zu krächzen. Das war damals von einer gewissen Hildegard Knef, - wurde man zwischendurch aufgeklärt. Als Besitzer einer Hildegard Knef Schallplatte wurde mir erneut klar, in welcher Altersklasse ich mich befinde. Auch von diesem Lied war mir der Text bekannt. Und weil ich allein im Raum war, und mich eine sentimentalen Stimmung erfasst hatte, begleitete ich die alte Dame mit leiser, trauriger, ebenso brüchiger Stimme:
„Für mich soll's rote Rosen regnen,
mir sollten sämtliche Wunder begegnen,
die Welt sollte sich umgestalten
und ihre Sorgen für sich behalten.“
Tief beeindruckt von unserer musikalischen Darbietung kann ich sagen, dass unsere beiden Stimmen auf die schauerlichste Art und Weise harmonisierten und wir ein wunderbar schräges Duett abgaben. Der alte Tom Waits hätte seine Freude an unserer gesanglichen Vorstellung gehabt.
Zutiefst gerührt von unserem gemeinsamen, erbärmlichen Singsang, die Augen schon im Tränenglanz, dachte ich: " verdammt, was passiert mit mir? Und plötzlich wurde mir wieder bewusst wie tief ich schon in dieser Scheiße stecke und es einfach nicht akzeptieren kann zu diesen alten Knackern zu gehören.
Ich werde nie zu ihnen gehören. Sie leben in einer anderen Welt. Einer Welt, die ich nicht verstehe. Es ist halt nur dieser verdammte Körper, der nicht mehr so will und allmählich gewaltige Verschleißerscheinungen zeigt. Aber deswegen alt werden?
Ein Leben als Senior ist mir unvorstellbar!
Die werden mich niemals kriegen.
„Hört ihr,niemals werde ich zu euch gehören, ihr Alten!
Niemals!“
Geknickt verließ ich meinen Arbeitsplatz und um es mir selbst zu beweisen, noch nicht „dazuzugehören,“ trank ich abends am Stammtisch aus purem Trotz zwei Biere mehr als sonst.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.01.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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