Siegfried Fischer

Das Dreikönigstreffen

Wer nicht lesen will, kann mit diesem Link hören und sehen: https://youtu.be/-dAhmrbxoUs

Weihnachtskrippengeschichten
1. Das Dreikönigstreffen (Text wie unten - Lesedauer ca. 7 Minuten)
2. Das katalanische Scheißerchen (Lesedauer ca. 2 Minuten)

 

Es begab sich am 5. Januar im Jahre 2003 n. Chr. Geb. kurz vor Einbruch der Dunkelheit,
da machten sich drei besonders Eilige, als da wären Hausmann Sigi,
dessen Töchterlein und beider Gefährt(e), ein kleiner grüner Opel Corsa
vom hohen Norden Valencias auf den Weg zum „Nordbahnhof“ im Süden* der Stadt,
um Fahrzeughalterin, Eheweib und Mutter Christiana abzuholen.
Diese hatte zuvor unzählige Tage und Nächte im bitterkalten Deutschland zugebracht
und war nun ins nordspanische Barcelona gereist, um von dort aus die restliche Strecke
in einem Zug zurückzulegen.

Exakt zur selben Stunde waren die „Reyes Magos“, die Heiligen Drei Könige,
mit einem stattlichen Schiff in Valencias Hafen gestrandet,
um von dort aus die Strecke zur Innenstadt in einem Zug zurückzulegen.
Der Corso der Könige mit dem farbenprächtigen Hofstaat zog nun von Osten
genau gen Westen bis zu einer Krippe auf dem Rathausplatz.
Die Wege der drei Eiligen aus dem Unterland (Region in Baden-Württemberg)
und der drei Heiligen aus dem Morgenland (Region östlich von Europa)
mussten sich zwangsläufig an einem Punkt irgendwo im Zentrum der Stadt kreuzen.

Hunderttausende wollten sich dieses erregende Schauspiel nicht entgehen lassen
und harrten geduldig und dichtgedrängt auf den Plätzen und in den Straßen aus.
Die königliche Garde hatte die Innenstadt weiträumig für den Verkehr gesperrt.
Auch dem kleinen grünen Opel wurde die Durchfahrt verwehrt
und so versuchte dieser die Absperrungen auf westlicher Seite zu umschiffen.
Jedoch kurz bevor er die Straße der Könige erreichte, wurde er wieder nach Osten geleitet,
genau in die dichtgedrängte Menschenmasse hinein. Somit bewegte sich der eilige Corsa
jetzt auf einer genau parallel verlaufenden Spur dem heiligen Corso entgegen.

Während nun aber auf der einen Seite die begeisterten Zuschauer
dem Zug der Weisen zujubelten, wurde der kleine Grüne auf der anderen Seite
von den Umstehenden arg bedrängt und böse beschimpft.
„Warum sind denn nur so viele Menschen hier?“,
fragte verängstigt das Töchterlein Fahrer und Vater Sigi.
Dieser, schon leicht genervt, entgegnete: „Die wollen sich bestimmt den Umzug anschauen.“
Doch das Töchterlein konnte dem nicht so recht Glauben schenken:
„Wieso? Bei unserem Umzug hat doch auch keiner zugeguckt!“ –
Wo sie Recht hat, hat sie Recht.

Als dann die zunehmend enger werdende Straße endlich wieder in nördlicher Richtung abbog,
ging ein deutlich hörbares Aufatmen durch den kleinen Corsa,
dem sich in der Zwischenzeit noch etliche verirrte Fahrzeuge angeschlossen hatten.
Doch plötzlich geriet der Verkehr ins Stocken. Ein Lieferwagen war wohl etwas
zu ausladend geraten und fand in der schmalen Gasse keinen Ausweg mehr.
In ihrer aussichtslosen Lage entdeckten die drei Eiligen am Straßenrand ein altes Gemäuer,
durch dessen weit geöffnete Tür ein helles Licht nach draußen drang.
Einige Menschen hatten sich bereits hier eingefunden und baten um Einlass.
Vater und Tochter ließen ihren Gefährten allein auf der Strecke stehen.
Sie folgten dem hellen Schein und standen nun tatsächlich vor ... der Krippe von Bethlehem!
Ein fleißiger valencianischer Krippenbauer hatte sie für einen Wettbewerb in seinem Keller aufgebaut.

Eine halbe Stunde später hatten der Esel und der Ochse ihre Karre endlich aus dem Weg geräumt
und so konnten sich die drei aus dem Unterland eiligst weiter auf den Weg nach Norden
zur nächstgelegenen Metrostation machen.
Dort mussten sich die drei Eiligen vorübergehend trennen:
Das Töchterlein wurde in die Obhut von Freunden gegeben,
der grüne Gefährte am Straßenrand seinem Schicksal überlassen
und mutterseelenallein machte sich Vater Sigi mit der Metro auf gen Süden zum Nordbahnhof.

Verzweifelt wartete Mutter Christiana nun schon seit zwei Stunden mit ihrer schweren Last
vor dem Bahnhof und machte sich große Sorgen um ihre Familienangehörigen.
Sie hatte ihren Lieben aus dem kalten Norden eine leichte Grippe mitgebracht. -
Ihren Lieben im kalten Norden hatte sie im Gegenzug zwei Wochen zuvor
eine kleine spanische Krippe mitgebracht.
Die Eilige Familie aus dem Unterland war bald danach wieder glücklich vereint.
Was jedoch aus den drei Heiligen Königen aus dem Morgenland geworden ist,
das ist nicht überliefert. Vermutlich hat sich der ganze Umzug irgendwie verlaufen.



text & foto © sifi 2012

Text aus dem Buch: Nicht alltägliche Hausmannspost, Verlag tredition 2012

 

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