Sabrina

Die Winterbraut

Winterkind
Teil 1

Einst, als sich die Jahreszeiten noch im Gleichgewicht befanden, entdeckte man nach Tagen eines Wintersturms ein kleines Mädchen, tief im Schnee vergraben.
Man glaubte, es sei bereits tot, so blass war seine Haut, doch dann schlug es plötzlich die eisblauen Augen auf. Die Menschen die es fanden, erschraken, fragten sich, wie das möglich sei. Dennoch nahmen sie das Kind mit in ihr Dorf.
Von da an war das kleine Mädchen ein Mitglied ihrer Gemeinschaft. Doch es sollte noch zu Problemen kommen, die erst viel später bemerkbar würden.

Daia war von Anfang an ein sonderbares Kind. Mit ihrem schneeweißen Haar und den hellen Augen unterschied sie sich grundsätzlich von den anderen Kindern, grundsätzlich von anderen Menschen. Im Winter fühlte sie sich am wohlsten, sie benötigte keine dicke Kleidung, während der Sommer sie geradezu schwächte und ermüdete. Dann wurde ihre Haut trocken, rissig und stumpf. Doch jeder, der sie sah, erkannte ihr gutes Herz. Wo Hilfe gebraucht wurde, dort war sie zu finden.
Aber mit der Zeit, die verging, fielen den Dorfbewohner diverse Seltsamkeiten auf. Denn dieses Kind schien nicht älter zu werden. Sowohl körperlich, als auch geistig.
Wäre das alles gewesen, hätte sich das Unheil vielleicht noch abwenden lassen. Die Jahreszeiten zogen vorüber und letztlich kam es zu einem Winter wie ihn das Dorf und dessen Bewohner noch nie erlebt hatten. Der Sturm, der tagelang wütete, begrub die Häuser bis zur Hälfte unter Schnee, er zerrte an den Dächern und pfiff durch die Ritzen. Die Menschen hatten Angst und das blieb Daia, die der Sturm am wenigsten störte, nicht verborgen. Am vierten Tag öffnete sie plötzlich den Mund, nicht jedoch um zu sprechen, nein, sie stimmte ein kleines Liedchen an, in einer Sprache die niemand verstand.
Noch während Daia sang, merkten die Bewohner desselben Hauses, die sich um das Mädchen kümmerten, wie das Geheul von draußen langsam verebbte. Daia kam zum Ende und um sie herum wurde es still. Zuerst glaubte man an einen Zufall, aber unter den gegebenen Umständen kamen die Dorfbewohner schnell zu dem Schluss, dass das kleine Mädchen den Sturm besiegt hatte. Das Kind mit der ‘Gabe’ wurde gefeiert.
Aber wo Gutes gedeiht, ist Böses nicht weit.
Nicht alle Dorfbewohner waren von der sonderbaren Fähigkeit begeistert. Viel zu schnell verbreiteten sich Gerüchte und das Übel nahm seinen Lauf.
Es begann mit den Kindern, die mittlerweile älter geworden waren. Neid zerfraß die schönen Erinnerungen an Daia und ließ nur noch Platz für Spott und Hohn.
Bald hatte das Mädchen nur noch mit Hänseleien zu kämpfen. Und zum ersten Mal verstand sie, dass das was sie war und tat, nicht normal war.
 
Abartig.

Zusehends isolierte sie sich von den anderen Kindern, doch das Schlimme an Kindern ist: Dass sie in solchen Situationen nicht so leicht aufgeben.
Wie sehr Daia versuchte, ihnen aus dem Weg zu gehen, sie ließen sie nicht in Ruhe.
Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Lage eskalieren würde.
Als sich die Mädchen und Jungen plötzlich darauf fixierten, ihr eine neue Frisur zu verpassen, die sie nicht wollte, kam es unweigerlich zu diesem Punkt.
Eines der Mädchen legte kichernd die Schere an, während die anderen ihre Arme und Beine festhielten.
“Oh mein Gott, sie heult. Nur wegen ihrer Haare”, lachte ein Junge, stutzte jedoch kurz darauf. “Missy, was ist los?”, wandte er sich an das Mädchen mit der Schere in der Hand, welches stocksteif in seiner Bewegung verharrte, ohne auch nur ein einzelnes Haar bereits durchschnitten zu haben.
Stumm und angstvoll blickte sie in die plötzlich pechschwarzen Augen, die zu ihr hoch sahen. Als hätte sich Missy verbrannt, ließ sie blitzartig die Schere fallen und wich zurück.
Nun bemerkten auch die anderen, was los war und taten es ihrer Freundin gleich. Doch Daia rührte sich nicht.
Stattdessen erhob sich über ihnen ein Tosen und Heulen. Der Himmel verfinsterte sich und bevor den Kindern gewahr wurde, was passierte, ertönte ein markerschütterndes Kreischen.
Eine Böe erfasste Missy, hob sie von den Füßen wie ein Fliegengewicht und ehe man sich versah, flog sie durch die Luft und krachte gegen die nächste Holzwand einer Scheune.
Alle Blicke flogen zu Daia, welche geradezu leblos in den Himmel starrte, die Augen immer noch wie tiefe Abgründe.
Sie wagten nicht, die Zeichen falsch zu deuten, suchten schreiend das Weite.
Der plötzliche Sturm verging zwar schnell, aber das Grauen für Daia nahm erst seinen Anfang.
Es dauerte nicht lang, bis die Kinder ihren Eltern erzählten was vorgefallen war, noch dazu kamen Missy´s schwere Verletzungen. Und noch weniger Zeit brauchte es, bis alle Dorfbewohner derselben Meinung waren. Daia hatte den Sturm nicht besiegt. Viel eher unterlag er ihrer Kontrolle. Für die Menschen eine gefährliche Waffe. Eine Bedrohung.
Das Blatt hatte sich gewendet.
 
Monster.

Daia hatte ihr Werk zwar mitbekommen, dennoch verstand sie nicht den plötzlichen Groll der Dorfbewohner. Ihre Rechtfertigungen erreichten nichts. Niemand erwies ihr Gnade oder Verständnis. Angst kroch in ihr hoch. Und erneut entfesselte sie damit etwas, das sie nicht beabsichtigte.
Dieses Mal befreite sie sich aus ihrer Lähmung, nutzte die Gelegenheit des losbrechenden Schneesturms, um darin zu verschwinden. Mit schwarzen Augen und gefrorenen Tränenspuren auf den Wangen flüchtete sie aus dem Dorf, vor den Menschen die ihr einst ein Zuhause schenkten. Nicht sicher wo sie landen würde. Und was aus ihr würde.
 
***

Die Jahre zogen ins Land, welches sich vor Daias Augen viel zu schnell veränderte. Aus Dörfern entstanden Königreiche. Mit den Königreichen kamen die Kriege. Und mit den Kriegen fielen jene Königreiche wieder und nichts als Asche und Staub blieben zurück.
Daia selbst bemerkte, dass sie sehr wohl alterte. Aber um so unendlich vieles langsamer. Da sich auch ihre Psyche ihrem Alter anpasste, ließen sich gewisse Dummheiten trotz ihrer schlechten Erfahrungen nicht vermeiden. Wie beispielsweise der Junge, den sie kennenlernte und dem sie unbedingt beweisen wollte, was sie alles konnte. Er selbst begeisterte sich zwar für die kleinen Winde, die von ihren Fingern geleitet, durch sein Haar fuhren und die Haut streichelten, doch seine Eltern, denen er dies in keiner bösen Absicht erzählte, weniger.
Erneut musste Daia fliehen, wie so viele weitere Male zuvor und wie so viele weitere Male, so wusste sie, noch folgen würden.
Mit den Jahrhunderten lernte sie dennoch dazu; und im Körper eines ungefähr fünfzehnjährigen Mädchens besaß sie immerhin schon mehr geistige Reife als ein solches im Normalfall.
Wenn man sich nirgendwo zugehörig fühlte und erkannte, dass dies auf einem rationalen Grund beruhte, betrachtete man die Welt eher als außenstehender Zuschauer, erst recht nach all den Jahren, die sie schon hinter sich hatte. Und die, die Menschheit hinter sich hatte.
Sie kam schnell zu dem traurigen Schluss, dass Menschen im Grunde ihres Herzens nur selten in der Lage waren, friedlich miteinander zu leben. Deshalb mischte sie sich nicht oft in deren Angelegenheiten ein, schon allein, um ihre Fähigkeit im Verborgenen zu halten. Und trotz all ihrer Vorsicht wurden aus wenigen Zeugen laute Gerüchte, die von Mal zu Mal, in denen sie an ihre Ohren drangen, an Absurdität zunahmen. Doch Daia ließ die Leute glauben was sie wollten, bis sie zu einer Sagengestalt mutierte und niemand mehr von ihrer Existenz überzeugt war.
 
So ist es am besten.

Aber die Menschen fanden sie trotzdem wieder…
Die Zeit der Königreiche hatte noch lange nicht sein Ende gefunden. Menschen, vor allem Menschen mit Macht waren fleißig darin, andere das wieder aufbauen zu lassen, dessen Zerstörung sie selbst herbeigeführt hatten.

Wenn es Winter wurde, und die Schneeflocken in regem Tempo zu Boden sausten, begab sie sich ab und an gern in die Nähe des Volks, verborgen hinter Tannen, die bis in den Himmel ragten. Auch wenn ihr die Kälte nichts ausmachte, hüllte sie sich und ihr Haar in einen reinweißen Umhang mit pelzbesetzter Kapuze.
Kleine Kinder tobten in dem frisch gefallenen Schnee am Rand der kleinen Stadt. Daia beobachtete wie sie sich damit bewarfen, hineinsanken und Figuren mit Armen und Beinen zeichneten, die sie als Schneeengel bezeichneten. Daia war dieser Ausdruck neu und sie blickte nachdenklich auf ihre Hände. Ob sie wohl auch so ein Schneeengel sein könnte?
Als sich ihr Kopf wieder hob, bemerkte sie einen Jungen, der kleiner war als die anderen. Er wirkte ängstlicher und scheuer; und als ein Kind etwas Schnee in seine Jacke stopfte, kamen ihm die Tränen. Wenn ihm ansonsten zwar nichts passiert war, rührte Daia sein bitterliches Weinen und ein leiser Hauch von Mitleid überkam sie. Erst recht, als der Kleine von den anderen ausgelacht und als Weichei bezeichnet wurde. Sie biss sich auf die Lippe, fühlte sich an ihren eigenen Schmerz vor so langer Zeit zurückerinnert, und tat einen unüberlegten Schritt nach vor. Kurz darauf bereute sie es, als ein scharfer Wind aus Schnee und Eis an ihr vorbei zischte und wie ein Pfeil auf eines der Kinder zuraste. Ruckartig streckte sie die Hand aus, als würde sie nach etwas greifen und der Wind löste sich in dem Hauch eines Atemzugs auf. Gerade noch rechtzeitig hatte sie ihn erwischt.
Ein frustriertes Seufzen entwich ihrer Kehle und nach einem letzten Blick auf die Szenerie wandte sie sich ab. Noch immer konnte sie ihre Gefühle nicht im Zaum halten. Besser, sie begab sich wieder in sichere Entfernung.
Am Eingang einer Höhle, die sie seit geraumer Zeit bewohnte lehnte sie oft gegen das Gestein und sah zu wie der Schnee das Land in weißglänzenden Puder hüllte. So wie auch an diesem Abend. Die Nacht würde stürmisch und kalt werden, das spürte sie.
Als das Dunkel hereinbrach, wollte sie schon tiefer in die Höhle gehen, doch dann nahm sie noch etwas anderes wahr. Es war wie ein lauer Frühlingswind, der gegen ihre Haut schlug und sie jedesmal aufs Neue befremdete. Erschaudern ließ. Aber er wurde schwächer.
Schlagartig fuhr sie herum, trat erneut an den Rand der Höhle und ließ den Blick durch das unbarmherzige Schneegestöber schweifen. Selbst sie konnte nichts erkennen. Aber sie konnte es fühlen. Den warmen Atem eines Menschen, der irgendwo unter diesen Schneemassen begraben war. Aber was um alles in der Welt ließ jemanden bei solch einem Wetter hinausgehen?
Verflixt. Immer noch zauderte sie mit sich aber eigentlich stand ihre Entscheidung bereits fest. Sie würde keine Menschen mehr gefährden, aber ebenso wenig könnte sie sie im Stich lassen. Unbemerkt schlich sie durch die Dunkelheit, während ein leises Lied ihre Lippen verließ. Mit jeder weiteren Zeile beruhigte sich der Sturm und es dauerte gar nicht lang, bis sie in der glatten Decke aus frischem Schnee stehen blieb und zu ihren Füßen blickte. Unverständliche Worte verließen ihren Mund und fast augenblicklich rieselte der Schnee wie Kies zur Seite bis es den winzigen Körper eines Jungen offenbarte, dessen Blässe dem Weiß, das ihn umgab, glich.
Für einen kurzen Moment verlor Daia die Fassung und stolperte rückwärts. Ein fürchterliches Gefühl zog durch ihre Brust und hinterließ Angst und Sorge. Resigniert schloss sie die Augen und nahm kurzerhand das Kind auf die Arme, das sie vor einigen Stunden noch weinen sah.
Während sie zur Höhle zurückkehrte, fragte sie sich abermals, was so ein Kind um die Zeit und erst bei dem Wetter draußen trieb. Seine Eltern mussten krank vor Sorge sein.

Daia hatte noch nie ein Feuer gemacht, weil sie dessen Wärme nicht benötigte. Glücklicherweise hatte sie aber schon dabei zugesehen. Dennoch funktionierte es erst beim elften Mal. Hastig eilte sie von einer Seite zur anderen und sah zwischendurch immer wieder nach dem Jungen. Sie wusste, Menschen überlebten nicht unter solchen Umständen - schon gar nicht Kinder, also musste sie sich beeilen. Mit den Händen auf seinen Wangen konnte sie zwar etwas Kälte aus seinem Körper ziehen, aber die Wärme musste er sich woanders herholen.
Die ganze Nacht hockte sie neben ihm und betete, er möge gesunden, denn was konnte sie sonst tun, wo ihre eigene Haut doch kalt wie Eis war?

Als die ersten Strahlen der Dämmerung den Morgen ankündigten, stellte Daia erleichtert fest, dass das Herz des Jungen noch schlug. Ohne zu zögern, nahm sie ihn wieder hoch und trug ihn bis zum Rand der Stadt.
Sie war so konzentriert auf ihre Umgebung und das Ziel vor sich, dass sie nicht bemerkte, wie der Junge schon seit geraumer Zeit hellwach und voller Neugier zu ihr hoch starrte.
“Wer bist du?”
Beinahe zuckte sie zusammen.
“Ich bin niemand”, sagte sie. Aus dem Augenwinkel nahm Daia wahr, wie er fragend den Kopf schief legte.
“Das versteh ich nicht.”
“Das musst du auch nicht.” Kurz sah sie doch zu ihm hinunter. Seine Miene blieb unverändert. Nun, wenigstens schien er keine Angst zu haben, das hätte die Sache nur wesentlich verkompliziert. “Sag mir lieber, warum ein Winzling wie du in diesem Sturm unterwegs war.”
“Ich bin kein Winzing”, protestierte er, ohne seinen Fehler zu bemerken. Doch dann senkte er beschämt den Kopf. “Maur und die anderen haben gesagt, ich traue mich nicht, da rauf zu gehen.”
Typisch Kinder, ging es ihr in einem Anflug von Resignation durch den Kopf.
“Darauf darfst du dich nicht einlassen, das ist gefährlich.”
Schweigen folgte. Der Stadtrand befand sich bereits in unmittelbarer Nähe. Als sie ihn endlich absetzen konnte, lag sein Blick immer noch beharrlich auf ihr. Momentan schlief die halbe Welt noch, niemand befand sich in Sichtweite, weshalb sie sich seufzend hinhockte und auf seine Augenhöhe begab. Dabei fiel ihr die Kapuze vom Kopf.
Wie in Zeitlupe weiteten sich die Augen des Kleinen und sein Mund klappte auf vor Erstaunen. “Wooow, dein Haar ist ja toll. Bist du etwa die Schneefee?”
Perplex zuckte eine ihrer Augenbrauen in die Höhe. Schneefee?
“Du siehst gar nicht so böse aus? Du hast mich doch gerettet, oder? Dann müssen dich die anderen aber auch kennenlernen. Ich wusste, dass die Mutter gelogen hat.”
Daia kam nicht mehr mit. Dieses Kind überforderte sie und sie hatte keine Ahnung wie sie mit ihm, mit der Situation, geschweige denn mit seinen vielen Fragen umgehen sollte.
Noch immer plapperte er munter vor sich hin. Daia hob den Finger an ihre Lippen. “Schhh”, zischte sie und zu ihrer größten Erleichterung verstummte der Junge. “Hör mir zu. Es ist ganz wichtig, dass du niemandem von mir erzählst. Das bleibt unser Geheimnis. Versprich mir das.”
Der Junge wirkte inzwischen gar nicht mehr so, als wäre er letzte Nacht beinahe gestorben. Mit roten Wangen und hinter dem Rücken verschränkten Armen wippte er auf den Fersen vor und zurück.
Seine Lippen verzogen sich zu einem Schmollmund. “Aber alle sagen so gemeine Dinge über dich.”
Daia wollte gar nicht wissen, was das für Dinge waren. Wenn sie sie fürchteten, hatte sie zumindest ihre Ruhe. “Das macht nichts. Wichtiger ist, dass du dein Versprechen hältst, ganz egal was die anderen sagen. Kann ich mich auf dich verlassen?”
Er zögerte, seine Mundwinkel sanken betroffen nach unten. “Okay..”
Im Versuch, sich nicht davon beeinflussen zu lassen, lächelte sie. “Sehr gut. Und jetzt geh. Deine Eltern machen sich bestimmt schon Sorgen.” Mit diesen Worten legte sie eine Hand auf seinen Rücken und drehte ihn um, Richtung Stadt, doch er bewegte sich nicht von der Stelle. Mit großen Augen schaute er sie an, als sie sich erhob.
Zuerst dachte sie, er würde fragen, wohin sie ginge oder ob sie wiederkäme, aber stattdessen sagte er: “Ich habe keine Eltern.”
Hart pressten sich ihre Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. Nicht auch das noch.
Daia hörte nicht zum ersten Mal von elternlosen Kindern und Waisenhäusern, welche von solchen bewohnt wurden. Aber jedes Mal versetzte ihr der Gedanke daran einen merkwürdigen Stich.
Ein Kloß bildete sich in ihrer Kehle und sie rang um Fassung. Sie sollte nicht weiter nachbohren. “Aber es gibt sicher dennoch Menschen, die sich um dich sorgen. Und wie sehr deine Freunde”, ein bitterer Geschmack legte sich auf ihre Zunge bei dem Gedanken, dass seine sogenannten Freunde ihn in den Tod geschickt haben, “staunen werden, wenn sie dich sehen.”
Diese Worte wirkten. Der Kleine nickte mit strahlendem Lächeln und drehte sich um. Bevor Daia jedoch ebenso den Rückweg antreten konnte, hielt sie etwas zurück. Verwirrt sah sie runter, ihr Umhang hing an etwas fest.
Nein. Jemand hielt ihn fest. Der Junge hatte sich wohl kaum wegbewegt, wenn er sich nun wieder an sie klammerte. Im Gegensatz zu dem Lächeln von vorhin standen nun Tränen in seinen Augen.
“Ich will nich’, dass du gehst.”
Was sollte sie nur tun? Das hatte man von seiner Hilfsbereitschaft. Daia ballte die Fäuste und nahm einen tiefen Atemzug. Die Luft veränderte sich. Der Morgen wurde allmählich zum Tag; sie musste jetzt verschwinden!
“Ich werde wiederkommen”, versprach sie hastig. “Ich werde wiederkommen und dich besuchen.”
“Wirklich?” Wer hätte gedacht, dass selbst kleine Kinder solch ein Misstrauen zeigen konnten. “Und wie…?”
“Du wirst es merken. Versprochen.”

Ein erleichtertes Seufzen entwich ihren Lippen, als sie durch die Tannenwälder zur Höhle zurück schlich. Doch kurz darauf packte sie das schlechte Gewissen. Sie konnte ihn nicht besuchen. Ebenso wenig konnte sie sich auf sein Wort verlassen.
Es folgte ein Seufzen des Bedauerns. Der Erschöpfung. Daia würde wieder weiterziehen. Sie hatte gedacht, in einem kleinen Königreich eher unbemerkt zu bleiben, doch an solchen Orten machten nur noch schneller Gerüchte die Runde.
Plötzlich drang ein Klicken an ihre Ohren, sowie das unverkennbare Geräusch eines Schwerts, das aus seiner Scheide gezogen wurde. Sie hielt an.
“Keine Bewegung.”
Sie gehorchte und ließ den Blick unter ihrer Kapuze über Bäume und Schneeflächen schweifen. “Zeigt euch. Das Verstecken nützt euch ohnehin nichts.”
Kurz zögerten sie noch, ehe fünf Männer in Uniform in ihrem Sichtfeld erschienen, ihre Waffen kampfbereit erhoben. Das war nicht gut. Diese seltsamen, neuartigen Metallrohre könnten ihr im Handumdrehen eine Kugel ins Herz jagen. Daia wusste nicht, ob sie sterben konnte, aber sie hatte keine Lust, es darauf anzulegen. Nicht mal der Winter könnte ihr jetzt helfen.










 
 
 
Winterbraut
Teil 2

“Wenn du mit uns kommst, tun wir dir nichts.”
Soldaten. Den Wappen und der aufwändigen Machart der Uniformen nach zu Urteilen, handelte es sich wohl um welche von hohem Rang. Deshalb ahnte sie, wohin genau sie mitkommen sollte.
Daia verabscheute Gewalt. Auch wenn ihr die Art dieses Empfangs nicht gerade zusagte, wehrte sie sich nicht, als man ihr die Handgelenke hinter dem Rücken fesselte und sie auf direktem Weg zum Königshaus führte. Die Fesseln würden sie ohnehin nicht behindern, wenn es darauf ankäme.
Noch bot sich ihr die Gelegenheit zur Gegenwehr. Auf der anderen Seite vermutete sie weitere Wachen in einiger Entfernung, die sie stetig anvisierten. Selbst wenn sie sie lebend brauchten, würden sie wohl nicht zimperlich mit ihr umgehen.
In dieser weisen Voraussicht zog sie es vor, abzuwarten und den Gründen dieser ‘Einladung’ genauer auf den Grund zu gehen. Auch wenn sie bereits glaubte es zu wissen.
Selbst den Käfig, in den sie steigen sollte, betrat sie ohne Zögern. Eine weitere lächerliche Maßnahme, die Daia im Schlimmstfall nicht aufhalten könnte. Aber sie würde die letzte sein, die die Soldaten darüber aufklärte.
Das Schlafzimmer mit den weinroten Tapeten und dem goldenen Luster, in dem der Käfig stand, waren etwas Neues für Daia. Aber sie konnte noch nicht feststellen, ob sie sich wohl darin fühlte. Vielleicht würde es ohne den Käfig auch einen Unterschied machen.
Ein Klicken ließ sie zusammenschrecken, doch dieses Mal war es keine Waffe, sondern die Tür auf ihrer rechten Seite, die sich öffnete. Herein trat ein junger blonder Mann, einen gelangweilten Ausdruck im Gesicht. Mit der Krone auf dem Kopf war es nicht schwer zu erkennen wer da vor ihr stand. Sie hatte allerdings nicht gewusst, dass der König dieses Reichs so jung war.
Es gab nur ein Gerücht, das ihr über ihn zu Ohren gekommen war: Der König hielt sich ein besonderes Haustier.
Sie hatte diesen Worten keine Aufmerksamkeit geschenkt, es kümmerte sie nicht. In den nächsten Minuten sollte sie jedoch begreifen, wie besonders besagtes Haustier war.
Als der König sie erblickte, erhellte sich seine Miene sichtlich, grasgrüne Augen leuchteten ihr entgegen. “Sie ist perfekt. Hab ich es dir nicht gesagt?”
Daia verwirrte zunächst, mit wem er sprach, doch dann trat noch ein Mann ein, welcher optisch das komplette Gegenteil zum König bildete. Als sie jedoch genauer hinsah, erkannte sie, dass es ein Junge in ihrem Alter sein musste - wenn man von menschlichen Jahren ausging. Mit dem dunklen Haar, das ihm bis unters Kinn reichte und der gebräunten Haut wirkte er buchstäblich wie von der Sonne geküsst. Das was ihr jedoch besonders ins Auge fiel, war das schlichte Goldkettchen um seinen Hals und ein irritierender Gedanke ging ihr durch den Kopf, den sie sofort wieder verwarf, als sie den durchdringenden Blick aus seinen goldenen Augen bemerkte.
Er hatte etwas seltsam Elektrisierendes an sich. Etwas das ihr vertraut vorkam. Sie wusste es von der ersten Sekunde an. Er war so wie sie.
Ein blinder Impuls zog sie nach vorn zu den Gitterstäben, durch welche sie ihren Arm zwängte, in einem wirren Versuch, nach diesem Jungen, der so seltsam war wie sie, zu greifen, ihn zumindest nur mit einer einzigen Fingerspitze zu berühren.
 
Hilf mir!

Aber sie benötigte seine Hilfe nicht, sollte sie wirklich gehen wollen. Der Schrei in ihr verstummte. Daia erreichte ihn nicht. Nicht mal annähernd. Und trotzdem zuckte er zusammen, als hätte er sich an ihr verbrannt. Was für eine merkwürdige Ironie, wenn man bedachte, dass sie praktisch aus Sturm und Schnee bestand.
Das erheiterte Lachen des Königs lenkte sie ab. “Sei lieber vorsichtig”, wandte er sich grinsend an den Dunkelhaarigen. “Ihre bloße Berührung soll Eiszapfen durch deinen gesamten Körper jagen.”
Daia ließ die Hand sinken. “Was für ein ausgemachter Schwachsinn”, platzte es aus ihr heraus. Im Nachhinein fragte sie sich ob diese Wahrheit ihr zum Vorteil gereichte.
“Oh, du kannst ja doch sprechen. Dann sag uns doch deinen Namen.”
Sie hoffte, die Antwort nicht zu bereuen. “Daia. Und mit wem habe ich das Vergnügen?”
“Ihr lebt in meinem Reich und kennt den König nicht?”
“Ich interessiere mich nicht für Politik”, entgegnete sie salopp, “Abgesehen davon müsste ich dann viele Könige kennen. Aber sie kommen und gehen. Selbst Unkraut hält mehr aus.” Als ihr Blick wieder zum Schwarzhaarigen schweifte, registrierte sie ungläubig das belustigte Zucken um dessen Mundwinkel.
Der Blondschopf indes ließ sich nicht aus dem Konzept bringen und deutete eine spöttische Verbeugung an. “Dann verzeiht mir meine Unhöflichkeit. Wenn ich mich vorstellen darf: König Lias Lumirae IV.”
Doch Daia wollte etwas ganz anderes wissen. “Wie ist dein Name?”
Flüssiges Gold drohte sie zu ertränken, als sie abermals den Blick des Jungen kreuzte. Doch der König antwortete für ihn und ließ damit ihre Befürchtungen immer weiter wachsen.
“Das ist Novyn. Er ist mein… treuester Untergebener. Aber wie ich bemerke, seht Ihr noch etwas anderes in ihm, nicht wahr?”
Daia war nicht dumm. Sie roch die Falle des Königs, wenn sie auch nicht ahnte, wie viel er über sie, über diesen Jungen wusste.
Und, Eure Majestät? Womit kann ich dienen?”, wollte sie schließlich wissen, ohne auf seine Frage einzugehen. Sie schaffte es nicht, den Sarkasmus aus ihren Worten zu verbannen, aber durch die gegenwärtigen Umstände konnte man es ihr wohl kaum verdenken.

Wie sich herausstellte, befand sich der König in einer schwierigen Lage. Noch frisch in seinem Amt bot er den Aasgeiern von angrenzenden Ländern die perfekte Gelegenheit, sein kleines Reich an sich zu reißen.
Aber auch der junge König war nicht dumm. In der weisen Voraussicht seiner bevorstehenden Situation hatte er zum Schutz seines Landes Vorkehrungen getroffen.
Und Daia bildete eine davon.
“Ich benötige dich als meine Braut.”
“Wie bitte?”
Ihre Verwirrung ließ sich kaum noch überbieten. Hatte sie vieles erwartet, stand das nicht zur Auswahl.
“Wisst Ihr, abgesehen von den Erben empfinde ich eine Ehe als durch und durch lästige Sache. Aber du, meine Liebe kannst mir weit mehr bieten. Ich brauche dich für den Schutz dieses Reichs. Als… Verbündete”, schloss er mit einem versöhnlichen Lächeln, aber Daia machte einen wachsamen Schritt zurück. Es war lange her, seitdem ihr jemand, der von ihr wusste, freundlich begegnet war. Naja, so freundlich wie eine Zelle, die sie in Schach halten sollte, sein konnte.
Trotz der Hilfe um die er sie indirekt bat, traute sie ihm nicht über den Weg. Mal abgesehen davon, dass sie nichts daran reizte, die Frau eines Königs zu spielen; wer würde schon…? “Wer würde schon ein Monster zur Braut haben wollen?”
Lias stutzte für einen Moment, ehe sich seine Oberlippe hob und zwei spitze Eckzähne freigab. “In den Augen jener, die nichts über dich wissen, bist du ein Monster, richtig. Ich gebe zu, diese Annahme kommt mir natürlich entgegen, aber ich sehe weit mehr in dir. Lass es mich dir demonstrieren, Winterkind.” Mit einer kurzen Geste seiner Hand lösten sich die Wachen an den Ecken des Zimmers aus ihren Positionen und betätigten einen Mechanismus, der die Zellentür empor hob.
Misstrauisch zogen sich ihre Augenbrauen zusammen, als der König ihr einen Arm hinhielt. Sie trat zwar hinaus, verzichtete jedoch darauf, sich bei ihm einzuhaken und stellte sich stattdessen vor den dunkelhaarigen Jungen mit dem Namen Novyn, während sie erneut zu Lias sprach.
“Ich kann Euch nicht helfen. Wie eure Bezeichnung für mich so treffend ausdrückt, kann ich nur einen Teil des Winters beeinflussen.” Mit ihren Worten spielte sie auf etwas ganz Bestimmtes an. Sie wollte es wissen. Wer oder was genau war dieser Junge vor ihr. Der König musste es ihr sagen, denn Novyn selbst wollte kein Wort von sich geben. Nichtsdestotrotz starrte er ihr unentwegt in die Augen, ohne ein weiteres Mal zurückzuweichen. Und das obwohl sie ihn nun tatsächlich berühren könnte. “Ich allein kann Euer Reich nicht beschützen.”
Ob er es nun wusste oder nicht, Lias gab ihr die Antwort nach der sie verlangte.
“Wenn dies zuträfe, hättest du Recht. Aber ich habe nicht nur dich. Und das weißt du sicher schon.”
Resigniert schlug sie die Augen nieder. Oh ja. Genau das hatte sie bereits geahnt.
“Ich habe ihn lange vor dir aufgelesen, aber wie du siehst, ist er immer noch hier. Und ich hoffe, du wirst dasselbe tun.”
Ein Kloß bildete sich in ihrer Kehle als Novyn immer noch keinen Laut von sich gab. Ganz wie ein treues Hündchen. So wollte sie garantiert nicht enden.
“Danke. Aber nein danke. Ich hege nicht das geringste Interesse an einem solchen Bündnis.”
Der König ließ sich nicht beirren. “Seid nicht so voreilig, Werteste. Ich weiß, Ihr führtet bisher kein einfaches Leben. An meiner Seite müsstet ihr euch nie wieder fürchten, es würde Euch an nichts mangeln.”
Bei diesen Worten huschte ihr Augenmerk abermals zu Novyn, welcher den Blick nun beinahe beschämt abwandte. Das war es also? Er hatte sich für ein Leben in Wohlstand verkauft?
Ihre Miene erkaltete schlagartig. Nun, das war seine Entscheidung. Die Ähnlichkeit die sie vor wenigen Minuten zu ihm noch empfunden hatte, erlosch von einen auf den anderen Moment. Und mit der Ernüchterung drang die Kälte ins Schloss. Die Fenstertüren knallten hart gegen die Wand, als ein von Schneeflocken begleiteter Windstoß herein wehte und die Umstehenden frösteln ließ.
Auf Novyns Haut bildeten sich Risse wie auf altem Pergament. Ihre Stirn legte sich in Falten. Die Anzeichen seiner Unverträglichkeit glichen ihren. Aber warum reagierte er so auf Kälte?
Daia schüttelte den Kopf im Versuch, bei der Sache zu bleiben und drehte sich zur Tür.
“Ich lebe lieber in Verborgenheit und Armut. Ich bin lieber eine Geächtete, als ein Werkzeug. Deshalb werde ich Eure Majestät nun verlassen.” Ungeachtet ihrer Manieren stolzierte sie durch die hohen Türen, schritt Gänge und Treppen entlang, ohne dass ihr jemand folgte. So dachte sie zumindest.

Doch Daia hatte den Raum schon lange verlassen, wodurch sie die unmissverständliche Kopfbewegung des Königs nicht mitbekam. Ebenso wenig wie das missbilligende Zungenschnalzen und seine Worte an ihr Ohr drangen.
“Du weißt, was du zu tun hast.”

Das junge Mädchen kam gerade mal bis zum Schlosstor. Trotz allem hatte sich Daia gewundert, nicht aufgehalten zu werden. Obgleich es sie erleichterte. Doch dann, kurz bevor sie dieses verfluchte Schloss verlassen konnte, nahm sie eine Bewegung im Augenwinkel wahr. Kampfbereit fuhr sie herum. Niemand Geringeres als Novyn stand vor ihr, allein und ausdruckslos. Ihre Anspannung fiel. Ein Fehler.
Plötzlich streckte er seinerseits eine zitternde Hand nach ihr aus und auf einmal wirkte er alles andere als emotionslos. Ein bedauernder Blick traf sie. “Es tut mir leid.”
Sie verstand nicht und war noch viel zu abgelenkt von dem Ton seiner Stimme, sodass sie zu keiner Regung fähig war, als er ihren Arm umfasste. Statt Kälte, wie sie erwartet hatte, drang Wärme durch ihre Haut. Und die Temperatur, die sich durch ihren Körper schlich, stieg mit jeder verstrichenen Sekunde. Sie wollte sich losreißen, aber der Griff um ihren Arm war stärker, als seine schlanke Gestalt vermuten ließ.
Die Hitze ließ ihre Haut aufspringen, ähnlich wie zerbrochenes Porzellan. Sie befürchtete, wie eine Vase zu zerspringen, bis nichts weiter als ein Scherbenhaufen von ihr übrig blieb.
“Warum tust du das?”, hauchte sie und begriff endlich. Dabei war es doch eigentlich so offensichtlich gewesen. Er war nicht wie sie. Nein, im Gegensatz zu ihr musste er in frischem Grün und strahlendem Sonnenschein erwacht sein.
Novyn war ein Sommerkind.

Schon bevor sie die Augen aufschlug, konnte sich Daia an alle Ereignisse erinnern. Einen Moment später saß sie kerzengerade im Bett. An ihrer Seite hockte Novyn, der schweigsame Junge mit dem goldenen Blick. Als er die Hand bewegte, zuckte sie zurück. Nun glaubte sie, seine erste Reaktion ihr gegenüber besser zu verstehen. Denn sie fürchtete sich vor seiner Berührung.
“Was machst du hier?”
“Ich habe auf dein Aufwachen gewartet.”
Ungeduldig schüttelte sie den Kopf. “Das meine ich nicht. Was… Wer… Wieso bist du hier?” Sie wusste nicht, was sie zuerst fragen sollte. Zu viel, zu große Verwirrung tobte immer noch in ihrem Kopf.
Doch Novyn senkte betreten den Blick, er wollte mir nicht antworten.
“Werde ich jetzt doch hier festgehalten? Hatte ich überhaupt je eine Wahl?” Natürlich hatte sie die nicht.
Novyn schwieg erneut. Kurzerhand warf sie die Decke zur Seite, aber bevor sie aus dem Bett springen konnte, griff der Junge abermals nach ihrem Handgelenk. Daia befürchtete, von Hitze erfasst zu werden, doch stattdessen zog er sie einfach wieder zurück aufs Bett. Nichts passierte.
“Du…”
“Ich kann es kontrollieren. Wenn ich es nicht will, spürst du es nicht. Dasselbe solltest du auch können.”
Das stimmte. Aber bisher war sie auch niemandem begegnet, der so war wie sie. “Woher kommst du?”
Er blickte in eine unerkennbare Ferne, ein trauriges Lächeln auf den Lippen. “Von einem Ort an der Küste. Manchmal glaube ich, immer noch das Meeresrauschen zu hören.”
Und das obwohl er sicherlich schon ebenso viele Jahre hinter sich hatte wie sie. Gerade deshalb konnte sie es besser als jeder andere verstehen. Sie versuchte einen weiteren Anlauf.
“Was ist mit dir passiert? Warum lebst du dieses Leben? Wir sollten uns nicht in die Angelegenheiten der Menschen einmischen.”
Als er sich ihr wieder zuwandte, entdeckte sie in seinen Augen einen Schmerz, der sich auch in ihren spiegeln musste. Ein tiefsitzender, vergifteter Dorn, entstanden aus Enttäuschung und Angst. Mit einem Mal wirkte er unglaublich zerbrechlich. Ihre Finger zuckten, aber sie unterdrückte den Drang, ihn zu berühren.
Er nicht.
Wie eigenartig… Als er hauchzart ihre Wange berührte, staunte sie über die neue Art von Wärme, die sie weder schwächte noch ihre Haut verletzte. Sie hatte nicht gewusst, dass so etwas möglich war. Zum ersten Mal in diesem Leben verstand sie, wie die Menschen diese Wärme empfanden. Ihr kamen die Tränen.
Wie konnte selbst jemand wie er, mit dieser tröstlichen Aura, verstoßen werden?
Erneut bestätigte sich ihr, wie grausam die Menschen waren.
“Sag es mir? Warum dienst du diesem Mann?” Ihr Blick fiel auf die filigrane Kette an seinem Hals. Er bemerkte es und legte die Hand darauf.
 
Der König hielt sich ein besonderes Haustier.
 
“Ich bin vielen Menschen begegnet. Der Sommer ist nicht immer eine Wohltat. Hitze kann für Feuer sorgen. Und Feuer erzeugt Brände.” Ein Schatten legte sich über sein Gesicht, während seine Hand in der Luft tanzte, als würde er etwas schreiben. “Die Menschen haben große Angst vor dem Feuer. Und wenn Menschen Angst haben… sind sie am gefährlichsten.”
Die Verbindung zu ihm, die sie verloren glaubte, tauchte mit einem elektrisierenden Schlag wieder auf.
“Lias hatte Recht mit dem was er sagte. Er hat mich gefunden, und mir dieses Leben angeboten, während ich im Gegenzug das sommerliche Wetter für die Ernte stabil halte oder Truppen der angrenzenden Länder in Brand stecke. Solange ich ihm helfe, seinen Thron zu schützen, habe ich es hier gut. Dafür muss ich nicht mehr flüchten.”
Das Blut gefror ihr in den Adern, während seine Mundwinkel unbeteiligt zuckten, den Blick auf die Bettdecke gerichtet. Sie schluckte.
In diesem Moment öffnete sich die Tür.
“Ich hatte wirklich nicht vor, solche Maßnahmen zu ergreifen, das musst du mir glauben. Bedauerlicherweise hast du mir keine Wahl gelassen.” Welche Wahl? Betont fröhlich ließ sich der König in einem Ohrensessel neben dem Bett nieder, die Beine elegant übereinander geschlagen. “Wie dem auch sei. Ich fürchte, ich kann dich nicht gehen lassen. Ich brauche dich. Dir wird kein Leid widerfahren und ich lasse dich in Novyns Obhut. Aber solltest du türmen”, er machte eine bedeutungsvolle Pause, während das Lächeln langsam aus seinen Zügen wich, “kann ich für nichts garantieren.”
Noch gab Daia nicht auf. Wäre doch gelacht, wenn sie sie hier festhalten konnten. Sie würde nicht wie Novyn...
Als ihr Blick von dem Goldkettchen um seinen Hals zufällig tiefer glitt, stach ihr unter seinem Kragen etwas entgegen, das ihre Kehle austrocknete.
Ihre Hände verkrampften sich in der Decke. So schnell konnte sich das Blatt wenden.
Daia hatte ihre Entscheidung getroffen.

Sie würde niemanden töten. Das war ihre Bedingung. Der König akzeptierte zwar, aber nur unter der Voraussicht des Ehegelübdes. Jedes Mal, wenn Daia daran dachte, schnürte es ihr die Brust zu. Doch zu ihrem Glück hatte der König in dieser Zeit andere Dinge zu tun, als sich um eine Hochzeit zu kümmern. Und sie selbst würde keinen Finger rühren.
So verging ein Monat praktisch in Gefangenschaft. Sie durfte sich frei bewegen, aber sobald sie das Schloss verließ, blieb Novyn an ihrer Seite. Im Grunde verbrachte sie mehr Zeit mit ihm, als mit dem König selbst, aber daran störte sie sich nicht.
Allzu oft fragte sie sich, ob sie die richtige Entscheidung getroffen hatte. Sie könnte immer noch verschwinden. Auch Novyn hätte nicht ewig etwas von diesem Übereinkommen. Irgendwann würde das Leben des Königs und seines gesamten Reichs verrinnen, während sie beide zurückbleiben.
Bevor es soweit kam, würde sie gehen. Nur…
Vor ihrem inneren Auge zeichnete sich der Ansatz einer hellen wulstigen Linie auf gebräunter Haut ab. Sie musste dem auf den Grund gehen, auch wenn sie die Wahrheit fürchtete.
Eines Nachts schlich sie durch die Korridore zu dem Zimmer am anderen Ende des Ganges. Mondlicht drang durch die hohen Fenster und schickte ihr einen langen Schatten hinterher. Ohne zu klopfen, öffnete sie leise die Tür, in dem Raum brannte kein Licht.
Als Daia ans Bett herantrat und sich über die schlafende Gestalt beugte, beging sie den ersten Fehler. Schneller als sie reagieren konnte, wurde sie am Arm gepackt und auf die andere Seite des Bettes geworfen. Einen Atemzug später lag sie neben ihm, seine Augen blitzten deutlich im Halbdunkel hervor.
“Was machst du hier?”
Er wirkte nicht gerade so, als hätte sie ihn aufgeweckt. Schlief dieser Junge überhaupt mal?
“Ich will etwas wissen”, flüsterte Daia zurück.
“Und dafür kommst du mitten in der Nacht?”
Daia schwieg beharrlich. Tatsächlich hatte sie gute Gründe für diese Uhrzeit. In diesem Augenblick vernahm sie ein Seufzen. “Du spürst die steigenden Temperaturen, nicht wahr? Die Nacht ist kälter.”
Ein normaler Mensch bemerkte es vielleicht nicht, aber Daias Sinne fühlten mit jedem weiteren Tag das nahende Ende des Winters.
“Gibt es noch mehr von denen, die so sind wie wir? Andere Jahreszeiten?” Ihre Fragen mussten ziemlich wirr klingen, aber Novyn schien sie dennoch zu verstehen. Er fuhr sich übers Gesicht.
“Ich weiß es nicht. Möglicherweise. Aber dann wissen sie genauso wenig voneinander wie es bei uns der Fall war.”
Daia hatte sich das schon einmal gefragt, aber nie eine Antwort bekommen. “Weißt du, warum wir hier sind? In… dieser Welt? Was ist unsere Aufgabe?”
“Auch das kann ich dir nicht beantworten. Bist du nur wegen Fragen gekommen, deren Antworten ich auch nicht kenne?” Genervt drehte er sich um und zog die Decke höher. “Dann kannst du ja wieder gehen.”
“Nein.” Sie wartete, bis er ihr wieder das Gesicht zuwandte. “Zieh dich aus.”
Ihre Augenbrauen schossen erstaunt in die Höhe, als sie die plötzliche Röte auf seinen Wangen bemerkte. Sie fragte sich, ob wohl auch sie, dessen Blut aus flüssigem Eis zu bestehen schien, erröten konnte.
“Drehst du jetzt völlig durch?”
Sie hatte sich wohl etwas missverständlich ausgedrückt. “Ich meine dein Hemd.”
Seine Augen verengten sich. “Ich denke, eher nicht.”
“Warum?”
“Weil es dich nichts angeht!”
Das saß. Für einen Moment verstummte Daia, erhob sich vom Bett. Ein Kloß steckte in ihrer Kehle, es trieb ihr die Tränen in die Augen, aber sie blinzelte sie weg. “Na gut. Dann.. nicht.” Ihre Stimme brach im entscheidenden Moment und sie biss sich auf die Lippe vor Frustration. Seine Worte hatten sie tiefer getroffen, als ihr lieb war.
Mit nackten Füßen tapste sie zur Tür zurück. Nicht mal die Kälte des Steinbodens konnte sie beruhigen.
“Warte”, ertönte es da hinter ihr widerwillig, begleitet von einem leisen Rascheln. Sie wagte keine Bewegung. “Jetzt komm schon wieder her.”
Zögerlich tat sie wie geheißen. Der Mond hatte seine Position geändert, der Raum verdunkelte sich ein Stück weit. Und dennoch reichte der Rest an weißem Licht, um das zu erkennen, was sein Oberkörper preisgab, als sein Hemd langsam zu Boden glitt.
Narben der unterschiedlichsten Art zogen sich wie Dornenranken über seinen Körper. Von unregelmäßig gezackten und kaum sichtbaren bis hin zu dem wilden Gewebe, das nie richtig verheilte.
Der Anblick war schlichtweg grauenerregend.
 
Und wenn Menschen Angst haben… sind sie am gefährlichsten.

Sie mochte sich nicht ausmalen, was er durchgemacht hatte. Als er ihren Ausdruck bemerkte, huschte ein bitteres Lächeln über seine Lippen und er griff nach dem Hemd um es wieder anzuziehen.
“Bist du jetzt zufrieden?”
“Stopp.” Daia achtete nicht auf seine Worte, sondern konzentrierte sich ganz auf das irreal wirkende Narbengeflecht, das im schwindenden Mondlicht beinahe silbern schimmerte. Mit ein paar hastigen Schritten war sie bei ihm. Sie wusste nicht ob es ihm genauso helfen würde, wie es seine Fähigkeit bei ihr vermochte, aber sie hoffte es inständig, während sie behutsam eine Hand auf seinen Rücken legte und eine Narbe nach der anderen mit den Fingern entlang fuhr. Beim ersten Mal zuckte er zusammen, doch nach und nach ergab er sich stumm ihrer Berührung. Vielleicht konnte ja auch Kälte etwas Angenehmes in sich bergen.
“Es war nicht deinetwegen”, murmelte er irgendwann und ließ mich aufhorchen. “Das ist keine Sache, die man gern herzeigt, geschweige denn darüber zu reden.”
Sie sagte nichts. Jedes Wort der Zustimmung wäre überflüssig gewesen.
Vielleicht, so dachte sie, war es ja sein Hilferuf gewesen, damals bei ihrer ersten Begegnung.
Nachdem sie sein Zimmer wieder verlassen hatte und auf schnellstem Weg zu ihrem zurückkehrte, entging ihr der Blick aus grünen Augen, welcher ihr lauernd folgte.
Ein Zungenschnalzen durchbrach die Stille. “Das könnte zu einem Problem werden.”


Daia konnte sich nicht mit ihrem Aufenthalt in diesem Schloss anfreunden. Noch immer plante sie, von dort zu fliehen. Aber nicht mehr ohne den schweigsamen Jungen mit den goldenen Augen. Novyn wuchs ihr mit jedem weiteren Tag mehr ans Herz.
Einen halben Monat später kam ihr eine Idee.
In einer Kleidung, die ihr schneeweißes Haar verbarg suchte sie mit Novyn im Schlepptau nach dem einzigen Waisenhaus dieser Stadt. Ihr Magen verkrampfte sich in der unergründlichen Angst, dem Jungen könnte in der Zwischenzeit etwas passiert sein. Nicht, dass ihn die anderen Jungs wieder in die Wälder geschickt hatten.
“Bist du sicher, dass du das willst?”
Daia hatte sich immer für misstrauisch und skeptisch gehalten, aber jetzt wo sie Novyn kannte, bekamen diese Worte eine völlig neue Bedeutung.
“Nein”, erwiderte sie ehrlich. “Aber auch nur weil ich nicht weiß, was mich erwartet.” Ein Ziegelhaus, ähnlich einer Kirche, schob sich in ihr Blickfeld. “Das muss es sein.”
Daia wollte schon hinein, doch dann vernahm sie ein Lachen in der Nähe. Ihr Blick schweifte suchend durch die umliegenden Gassen, da entdeckte sie ihn. Unversehrt. So ungern sie es zugab, ihr fiel ein Stein vom Herzen.
“Win-!”, rief der Kleine, als er ebenfalls auf sie aufmerksam wurde, stockte dann aber und schlug sich die Hand vor den Mund. Daia musste unweigerlich lächeln. Wenn er draußen schon so sehr darauf achtete, diese Bezeichnung für sie nicht auszurufen, war ihr Geheimnis sicher bei ihm. Er hatte sein Versprechen gehalten. Jetzt war sie dran.
Wie damals hockte sie sich hin, um mit ihm auf einer Augenhöhe zu sprechen. Obwohl es gerade mal eineinhalb Monate her war, kam er ihr ein kleines Stück größer vor. Allerdings hatte sie nicht damit gerechnet, dass er sich ihr gleich stürmisch um den Hals warf. Zaghaft erwiderte sie die Umarmung. Als er von ihr abließ, rieb er fröstelnd die Hände aneinander. Dann schien ihm endlich auch Novyn aufzufallen.
“Wer bist du?”
Novyn schien den Umgang mit Kindern ebenso gewohnt wie sie noch vor einiger Zeit. Sie spürte wie er sich hinter ihr versteifte, bevor sie ihn kurzentschlossen zu sich nach unten zog.
“Stell dich nicht so an”, flüsterte sie ihm ins Ohr. “Wärme ihn etwas.” Er starrte sie an, als hätte sie den Verstand verloren. Dabei kannte der Junge ja auch schon ihre Fähigkeit. Seufzend gab sie es auf.
“Das ist Novyn. Er ist mein Freund. Aber wie ist eigentlich dein Name?”
“Ameru.”


Weitere Wochen vergingen, in denen Ameru regelmäßig von Daia und Novyn besucht wurde. Es dauerte seine Zeit, aber selbst das zurückhaltende Sommerkind schloss Ameru allmählich ins Herz. So dauerte es nicht lange, bis dieser auch von Novyns wahrem Ich erfuhr, von welchem er jedoch ebenfalls, so versprach er, niemandem etwas erzählen würde.
Auch wenn es der Dunkelhaarige nicht bemerkte, öffnete sich sein eigenes Herz soweit, dass er bereit war, den Menschen nochmal eine Chance zu geben.
Die ersten Blüten im Frühling zeigten bald ihre Pracht und während Novyn wieder an Stärke gewann, wurde Daia schwächer. Doch die beiden hatten schon lange gelernt, mit ihren körperlichen Schwächen umzugehen und entsprechend dagegen zu agieren.
Daia konnte es nicht lassen, Novyn von einem Leben außerhalb der Schlossmauern mit all seinen Vor-und Nachteilen zu überzeugen. Aber sie hatte sich auch damit abgefunden, ihm die Zeit einzuräumen, die er brauchte.
Und während sich das Winterkind in ständiger Geduld übte, und sich sogar mit der gegenwärtigen Situation arrangierte, begannen ihre Bemühungen endlich Früchte zu tragen. Denn in Novyn keimten die ersten Zweifel.
Das Sommerkind half weiterhin dem König, sein Reich zu schützen. Lias zeigte ihm auf der Karte Flüsse oder Seen in den anderen Reichen und Novyn ließ sie durch ein oder zwei tiefen Atemzüge verdunsten. Mit einem Fingerzeig entzündete er Feuer, die zu Waldbränden an den Grenzen führten und die Truppen der anderen Länder zurückhielt. Doch so sehr er dem König auch gehorchte, achtete er immer öfter auf geringe Opferzahlen.
Und diese Veränderung blieb dem wachsamen König nicht verborgen.

Vergänglichkeit zeigt sich in jeder einzelnen Sekunde des Lebens. Nichts hält ewig. Nichts bleibt wie es ist. Veränderungen würde es immer geben. Die Welt war nicht dazu gemacht, in ihrem Zustand stillzustehen. Wäre dies möglich, würde wohl nicht mal mehr Zeit eine Rolle spielen, geschweige denn existieren.

Und für Daia und Novyn, die einen anderen Rhythmus des Lebens kannten, offenbarte sich diese Vergänglichkeit manchmal in einem so hohem Tempo, dass sie Gefahr liefen, an den Folgen zu zerbrechen.
Ein lauer Frühlingsmorgen nahm seinen Anfang und die beiden Jahreszeitenkinder wanderten lautlos durch die anbrechende Dämmerung zu einem Ziegelhaus am Rande des Reichs.
Wie so oft in letzter Zeit, wollten sie nichts anderes, als dem kleinen Waisenjungen einen Besuch abzustatten.
Doch kaum hatten sie das Heim erreicht, mussten sie wieder gehen.
Die Leiterin wandte das Gesicht ab. “Ameru geht es nicht gut. Er hat sich wohl etwas eingefangen.”
“Na gut, dann… nächstes Mal.”
Doch wenige Tage später wurden sie erneut fortgeschickt. In Daia rührte sich etwas. Ein Hauch von etwas Unbekanntem. Sie erkannte noch nicht, was es bedeutete, aber es machte ihr Angst.
Der König indes widmete Daia von einem Tag auf den anderen Tag mehr Aufmerksamkeit.
Während sie mit Novyn auf einer Fensterbank in einem der langen Korridore saß und in den rosafarbenen Abendhimmel blickte, trat Lias plötzlich zu ihnen.
“Da bist du ja, meine Zukünftige”, sagte er und zog sie vom Sims zu sich heran. Mit seinen langen Fingern fuhr er sachte durch ihr Haar und legte schließlich besitzergreifend den Arm um sie. Daia stand mit dem Rücken zu ihm, weshalb sie Lias´ Gesicht nicht sehen konnte. Umso mehr irritierte sie Novyns versteinerte Miene. “Ihr scheint euch inzwischen ja gut zu verstehen. Leider habe ich dich etwas vernachlässigt. Aber ich verspreche, dass sich das schon bald ändern wird”, flüsterte er, während sein Atem über ihre Wange streifte. Ihr Kiefer verkrampfte sich. Er ließ wieder von ihr ab und trat, immer noch mit einer Strähne ihres Haars zwischen den Fingern, vor sie. “Nun das erinnert mich daran, weshalb ich hier bin. Du kannst dich freuen, Teuerste. In weniger als einem Monat wirst du dich meine Frau nennen dürfen.”
Mit einem Mal begann der Boden unter ihren Füßen gefährlich zu wanken. Übelkeit stieg in ihr hoch.
“So plötzlich?“
“Wir haben lange genug gewartet, meinst du nicht?“
“Aber-?”
“Hmm?”, unterbrach er sie lächelnd.
Sie öffnete den Mund. Und schloss ihn wieder. Es wollte ihr nicht über die Lippen kommen. Ihre Zunge verweigerte den Dienst.

Daia und Novyn konnten es nicht wissen. Doch sie dachten beide dasselbe. Sie hielten diese Heirat für keine gute Idee. Vielleicht dachten sie dies aus unterschiedlichen Gründen, aber zu diesem Zeitpunkt spielte das wohl die geringste Rolle.
Dennoch taten sie das, was sie am wenigsten tun sollten. Sie sprachen ihre Bedenken nicht aus. Vielleicht aus Unsicherheit, inwiefern es die Situation verändern könnte. Die Ausweglosigkeit, der sie sich in dem Moment, in dem sie es laut aussprechen, bewusst werden würden. All das ging ihnen vielleicht durch den Kopf. All das beherrschte ihre Gefühle.
Noch wogen sie sich in ihre Freundschaft, glaubten an den Faden, der sie miteinander verband, nicht wissend, dass er bereits zum Zerreißen gespannt war. Es fehlte nur noch ein kleiner Ruck.

Denn Taten können Worte ersetzen. Und wenn wir nicht sprechen, ist das auch eine Reaktion. Novyns Reaktion äußerte sich in diesem Sinn mit Rückzug. Im Unvermögen seiner Zerrissenheit Ausdruck zu verleihen, wählte er die einzige Möglichkeit, die er kannte und distanzierte sich Stück für Stück von Daia. Zunächst war es nur eine Wand im Geiste. Eine Mauer aus Einsilbigkeit und Unmut.
Daia entging diese Veränderung natürlich nicht. Trotz der vielen Jahre an Erfahrung hatte sie sich seit ihrer Kindheit nie mehr so stark auf Menschen eingelassen, um deren Gefühle genauer zu verstehen. Es hatte die Sache vereinfacht, wenn sie von Dorf zu Dorf und von Land zu Land zog. Aus diesen Gründen konnte sie mit Novyns Verhalten auch nicht viel anfangen. Es lähmte sie in ihrem Tun. Die Entfernung zwischen ihnen vergrößerte sich mit jedem Tag. Selbst wenn sie die Hand nach ihm ausstreckte, schien er meilenweit entfernt zu sein. Bald wusste sie nicht mehr, wie sie ihn noch erreichen konnte.
Und trotz ihrer Frustration wusste der König, diese Distanz noch zu vergrößern.

Die Zeit verging viel zu schnell. In wenigen Tagen würde sie sich Ketten anlegen, die sie auf eine andere Art und Weise töten könnten, als sie einfach nur zu erschießen.
Daia schluckte. Vor wenigen Stunden hatte sie ihr Brautkleid anprobiert. Obwohl ihr Hals nackt geblieben war, fühlte sich ihre Kehle zugeschnürt an.
Lange nachdem die Sonne hinter dem Horizont verschwunden war, lag Daia wach in ihrem Bett, umhüllt von Dunkelheit. Die Stunden zogen dahin und sie bekam kein Auge zu. Sie konnte es nicht. Verzweifelt drückte sie sich die Handballen gegen die Augen. Sie konnte nicht in diesem Schloss bleiben. Sie würde wahnsinnig werden.
Sie musste weg von hier. Aber Novyn… Sein seltsames Verhalten konnte sie immer noch nicht verstehen. Das würde sie jedoch nicht davon abhalten, ihn mitzunehmen. Die Zeit des Schweigens würde nun ihr Ende finden.
Entschlossenheit packte sie. Das Adrenalin überdeckte ihre Angst und die Zweifel, ließen sie aus den Laken springen. In diesem Augenblick trafen die ersten Sonnenstrahlen des Morgens in den Raum. Aber anstatt sie zu schwächen, machten sie ihr Mut.
Noch wurde der Korridor nicht in dasselbe strahlende Morgenrot gehüllt wie ihr Zimmer, aber der Nachthimmel zeigte sich in der Sommerzeit prinzipiell heller; ihre Füße fanden sicher ihren Weg.
Sie rannte fast schon, weshalb sie auch nicht mehr abbremsen konnte, als eine Person plötzlich aus dem Mittelgang trat und sich ihr in den Weg stellte.
“Na na na. Nicht so hastig, meine Schöne. Wohin des Weges?“, fragte Lias.
Daia zögerte.
“Novyn also wieder“, schloss er. Einen Wimpernschlag später schwand das Grinsen und machte einer ernsten Miene Platz. “Du bist dir sicher bewusst, dass diese Eintracht nach der Heirat ihr Ende finden wird. Wobei ich in letzter Zeit feststellte, dass Novyn dies offenbar schon verstanden hat.“
“Wie...?“
Ein vergnügtes Kichern entkam ihm. “Für die zukünftige Königin ziemt es sich nicht sonderlich, in anderer Männer Gemächer zu verschwinden. Das verstehst du doch sicherlich.“
Sie starrte ihn an. “Ehrlich gesagt nein.“ Sie wollte nicht verstehen, was er da von sich gab. Der Himmel klarte schnell auf, erhellte sich und offenbarte ein buntes Farbenspiel, während in ihrem Inneren dunkle Schatten tobten.
Der König neigte den Kopf. “Nun, dann will ich es dir mal erklären.“ Sein Blick hob sich für einen Moment über sie hinweg. “Eure traute Zweisamkeit ist inakzeptabel. Deshalb wird sie auf ein Minimum beschränkt.“
“Aber er ist mein Freund. Du hast nie gesagt, dass das ein Problem ist.“
“Die Umstände haben sich geändert. Ich bin sicher, du wirst mich noch verstehen.”
Das bezweifelte Daia stark. In diesem Augenblick schlangen sich immer mehr Ketten um ihren Körper und ihre Seele. Jeder Atemzug wurde allmählich zur Qual. Sie schüttelte den Kopf, wollte schreien und ihm sagen, dass ihre Vereinbarung hinfällig wäre und sie mit Novyn, im schlimmsten Fall sogar allein dieses Schloss verlassen würde. So viel ihr Novyn auch bedeutete, so stark sie sich auch mit ihm verbunden fühlte; selbst seinetwegen würde sie sich das nicht antun können. Jeder ging seinen Weg. Im rechten Moment noch hielt sie sich zurück. Es wäre unklug, ihre Gedanken offenzulegen. Sie würde Novyn schon noch erwischen und dann still und heimlich verschwinden.
Doch selbst ihre weise Voraussicht und ihre Pläne rieselten bei seinen nächsten Worten wie Sand durch ihre Finger.
“Schon allein deinem kleinen Freund zuliebe. Wie hieß er noch gleich?“
Eine schiere Ewigkeit schien zu vergehen bis seine Worte bei ihr durchsickerten. Ihre Augen weiteten sich ungläubig. “Was.. was hast du getan?“
Bitte nicht.
“Hm?“, brummte er unschuldig. “Ich habe gar nichts getan. Noch nicht jedenfalls.“
Daia hielt nichts mehr. Mit einem Schwung entriss sie sich Lias’ Griff und sprintete aus dem Schloss. Sie musste sich selbst überzeugen.
Schwer atmend blieb sie schließlich vor der Heimleiterin stehen, von der sie schon zweimal weg geschickt wurde. Ohne zu fragen, schüttelte diese abermals den Kopf. Doch Daia ließ sich nicht so leicht abspeisen.
“Ich will ihn sehen.”
“Das geht leider nicht”, entgegnete die Frau.
Resigniert schlug Daia die Augen nieder. Als könnte sie diese Antwort aufhalten. Ohne Zögern sauste sie wie ein Wind an der Leiterin vorbei, achtete nicht auf die Rufe hinter sich. Um diese Zeit verwunderte es nicht, die meisten Kinder noch in ihren Betten zu sehen. Und ein krankes Kind erst recht nicht. Aber nachdem sie den Blick kurz durch den kleinen Schlafsaal schweifen ließ, wurden ihre schlimmsten Befürchtungen wahr.
Als die Leiterin ihr hinterher kam, versteifte sie sich. Wut stieg in ihr hoch, aber sie wusste, was diese anrichten konnte und versuchte sich zu beherrschen. Leise hauchte sie: “Wo ist er?”
Noch bevor die Frau antworten konnte, wurde Daia schlagartig bewusst, dass sie von Anfang an belogen wurde. Ameru war nie krank gewesen.
Als sie keine Antwort bekam, drehte sie sich um, aber die Leiterin konnte ihr nicht mal ins Gesicht sehen. Zitternd ballte sie die Fäuste, während sich ihr Inneres mit einer Kälte füllte, die sie lange nicht mehr verspürt hatte.
Sie bekam kaum mit, wie sie plötzlich ganz nah an die Leiterin herantrat und ein eisiger Wind herein wehte, der die übrigen Kinder selbst im Schlaf wimmern ließ. “Wo ist er?”, fragte sie nochmal langsam, lauernd und betonte jedes Wort.
“Ich weiß es nicht. Er wurde von Soldaten mitgenommen, aber mehr weiß ich nicht. Es tut mir leid.”
Hass flammte wie ein schwarzes Feuer in ihr auf. Empfand diese Frau tatsächlich etwas wie Schuld? Daia glaubte nicht daran. In diesem Moment hätte sie liebend gern das gesamte Gebäude in einen einzigen Eisblock verwandelt, mitsamt seinen Bewohnern. Die anderen Kinder waren ihr egal, noch hatte sie ihre Tat nicht vergessen. Aber sie wusste, dass es nicht richtig war. So ungern sie es zugab, traf die Leiterin nur ein kleiner Teil an Schuld. Selbst wenn sie mehr wüsste, hätte sie gegen die Soldaten nichts tun können. Dennoch…
Mit immer noch geballten Fäusten wandte sich Daia schließlich ab. Es traf nur einen die volle Schuld. Wieder im Schloss angekommen, musste sie nicht lange suchen. Er stand fast immer noch an der selben Stelle, an der sie ihn zurückgelassen hatte und lächelte sie unverblümt an.
“Was hast du mit ihm gemacht?”
Der König blinzelte sie an, als wüsste er nicht wovon sie sprach. “Achso. Wie ich bereits sagte, ich habe gar nichts getan. Es geht ihm gut.”
“Ich will ihn sehen.”
“Das wirst du, das wirst du”, versicherte er. “Nach der Hochzeit.”
Daia machte einen tiefen Atemzug. Man könnte meinen, sie würde sich beruhigen, doch es kam ganz anders. Das eigentümliche Geräusch von berstendem Glas zerriss die Stille. Eines der großen Fenster neben ihnen zersprang mit einem lauten Klirren und trotz dem Sonnenschein wehte ein eisiger Wind herein. “Ich denke, mir ist jetzt lieber.”
Lias hob ergeben die Arme, aber seine Geste wirkte eher herablassend als ängstlich. “Schone doch deine Kräfte, Liebes, du siehst schon ganz blass aus. Also noch blasser als sonst, meine ich.”
Er hatte Recht. Es war nicht allein ihr Tempo gewesen, dass ihr den Atem raubte. Die sommerlichen Temperaturen forderten ihren Tribut. Noch immer atmete sie schwer. “Keine Sorge, um dich von dieser Erde zu tilgen, wird meine Kraft reichen.”
Tadelnd wedelte er mit dem Zeigefinger. “Überleg dir das nochmal. Wenn du mich tötest, bringt dir das den Jungen auch nicht zurück. Ganz im Gegenteil, sollten die Wachen meine Leiche finden, werden sie kurzen Prozess machen, du verstehst?”
Stille.
Daia sah sie nun klar vor sich. Die Ausweglosigkeit. Der König hatte das Winterkind in eine Falle geführt, aus der sie nicht flüchten konnte. Nicht, wenn sie Ameru, der ihr ans Herz gewachsen war, lebend wiedersehen wollte.
Geschlagen senkte sich ihr Kopf. Aaaah… Sie hatte doch von Anfang an gewusst, dass sie den Menschen nicht zu nahe kommen sollte. Ob es wohl besser gewesen wäre, wenn sie den Jungen damals einfach im Schnee hätten sterben lassen? Ein bitteres Lächeln legte sich auf ihre Lippen. Ihr damaliges Ich hätte vielleicht so gedacht, hätte es all das kommen sehen. Aber jetzt konnte sie es dennoch nicht bereuen.
“Und? Wirst du jetzt brav sein?”

Der Tag der Hochzeit war gekommen. Abermals drohte das Brautkleid sie zu ersticken. Die letzten Tage hatte sie damit zugebracht, Ameru im Schloss zu suchen, aber Lias ließ sie kaum noch aus den Augen. Sie wollte Novyn von den Spielchen des Königs erzählen, wollte auf seine Unterstützung hoffen, aber er ließ sie nicht mal mehr in sein Zimmer, sabotierte jede Möglichkeit, mit ihm ins Gespräch zu treten.
So allein wie diese Tage hatte sie sich nicht mal gefühlt, als sie es tatsächlich noch war. Ihr Herz raste so sehr, dass sie glaubte, es würde ihr jeden Moment aus der Brust springen.
Die Zeremonie fand in einem Kreis ohne Publikum statt.
Lias musste trotz der Ketten der Erpressung, die er ihr bereits anlegte, Vorsorge getroffen haben, falls sie unverhofft wie ein Berserker toben würde. Ob es wohl auch zu seinem Plan gehörte, sie in der Sommerzeit zu ehelichen? Ihre Haut zeigte bereits die ersten Spuren; die für Menschen noch angenehmen Temperaturen brachten ihr Blut zum kochen. Ihr Körper wehrte sich gegen die Wärme, aber das machte ihren Zustand nur schlimmer.
Daia hoffte auf ein Wunder, als sie Lias gegenüberstand, während ein Mann überflüssige Reden schwang und sie letztlich fragte, ob sie den König zum Mann nehmen wolle.
Ihr Mund öffnete sich, doch kein Laut wollte über ihre Lippen kommen. Zitternd senkte sie den Kopf, musste ein Würgen unterdrücken. Sie konnte nicht mehr sagen, ob ihr schlechter Zustand vom Wetter oder ihren Gefühlen herrührte.
“Natürlich will sie”, vernahm sie da Lias’ bestimmten Ton. Eine Hand schob sich sanft unter ihr Kinn, hob es an. Ein tröstliches Lächeln zierte seine Lippen, das die Augen nicht erreichte. “Sie ist nur etwas aufgeregt. Nicht wahr, Liebste?”
Sie merkte kaum wie sie nickte. Der Pastor fuhr fort. Auch der König gab sein Ja-Wort.
Damit war es offiziell. Sie waren Mann und Frau. König und Königin. Ihr wurde speiübel.
Es geschah kein Wunder.

Daia gingen viele Dinge durch den Kopf, als sie sich vom König den Gang entlang führen ließ. Sie hatte einiges über Ehen gehört. Ein Band für die Ewigkeit. In vielen Fällen zwischen Menschen, die sich kaum kannten oder mehrere Jahre trennten. Mochten es auch nur Gerüchte sein, kam ihr die Ehe wie ein Käfig vor, aus dem sie nicht mehr entkommen konnte. Etwas Spürbares, das sie kaum noch einen Schritt von ihrem Mann weg machen ließ. Lias’ Worte hatten sie nur wieder daran erinnert und sie bestätigt. Würde sie Schmerzen empfinden, wenn sie mit anderen sprach oder nicht immer in direkter Nähe zu ihm stand? Würde sie brennen, wenn sie nicht mit ihm das Bett teilen wollte?
All das hatte sie sich schon lange vor der Hochzeit gefragt und auch jetzt dachte sie daran.
Doch es hatte sich etwas verändert. Nun war sie verheiratet.
Aber sie fühlte… nichts. Unbemerkt ließ sie ihren Blick über sich wandern. Ihre Haut sah immer noch nicht besser aus. Aber der Druck der die ganze Zeit auf ihrem Herzen gelastet hatte, begann allmählich zu schwinden und ermöglichte ihr eine andere Perspektive. Es war, als würde sie endlich aufwachen. Dennoch blieb sie vorsichtig. Spürte sie vielleicht keine Veränderung, weil sich zu jenem Zeitpunkt der König fröhlichen Gemüts bei ihr einhakte?
“Wir sind da”, drang Lias’ Stimme zu ihr durch und riss sie mit einem Schlag aus ihren Gedanken. Sie standen vor den Türen zu seinen Gemächern. Daia schluckte. Er wollte doch nicht…
“Keine Sorge, Winterkind. Es wird dir gefallen.” Mit diesen Worten zog er sie durch die Tür. Sie war so benebelt, dass sie ihm einfach folgte, bis sie schließlich auf das Bett mit den seidenen Laken sank. Dieses Leben wollte sie nicht.
 
Abartig.
 
Lias ließ sich neben ihr nieder, fuhr ihr durchs Haar. “Ich freue mich.”
Als sie ihm in die Augen sah, glaubte sie sogar, seine Worte entsprachen der Wahrheit. Wenn sie nicht wüsste, wie der König sein konnte, was er getan hatte um sie festzuhalten, vielleicht, aber nur vielleicht hätte sie sich dann mit der Situation, mit ihm anfreunden können. Ihn möglicherweise sogar lieben können.
 
Monster.

Aber das war sie nicht. Zudem dachte sie in diesem Moment an jemand ganz anderen. Sie konnte nicht sagen, was sie für ihn empfand. Aber er bedeutete ihr so viel, das sein Verlust ihr die Tränen in die Augen trieb.
“Nicht weinen. Bitte weine nicht”, flüsterte der König und sie glaubte einen beinahe leidenden Ausdruck in seinem Gesicht zu sehen, ehe sich plötzlich seine Lippen hauchzart auf ihre legten. Sie hatte noch nie geküsst, nur Menschen dabei beobachtet. Es war ein eigenartiges Gefühl. Vielleicht hätte sie sich dem hingeben können. Doch dann schmeckte sie etwas Metallisches auf der Zunge. Und bevor sie auch nur ansatzweise verstehen konnte, biss ihr Lias heftig in die Unterlippe.
Flüssiges Rot benetzte die schneeweißen Laken. Ruckartig riss sie sich von ihm los. Ihr geschockter Blick suchte seinen, während ihre Finger die blutende Lippe betasteten.
Mit Entsetzen sah sie zu, wie er sich mit verklärtem Ausdruck über den ebenfalls blutenden Mund leckte.
Was zum…?
In diesem Augenblick ertönte ein lauter Knall. Die Türen flogen auf. Sie musste nicht hinsehen um zu wissen wer dort stand. Der warme Wind, der mit ihm hereinwehte, verriet ihn. Dann vernahm sie sein lautes Fluchen. “Du hast es also bereits getan. Wie konntest du..? Du kennst die Auswirkungen nicht!”
Daia verstand immer weniger. Als sie Novyns Blick kreuzte, winkte er sie zu sich. Doch sie konnte keine einzige Bewegung tun. Eine Hand schloss sich um ihren Arm. Als sie den Kopf zurück drehte, zu dem König, der sie nicht gehen ließ, erstarrte sie.
“Bleib.”
Vielleicht bildete sie sich diesen flehenden Unterton ja nur ein. Vielleicht handelte es sich wieder um eine Manipulation. Trotzdem konnte sie sich nicht rühren. “Was hast du getan?”
Lias antwortete nicht, stattdessen tat es Novyn. Ein weiteres Geräusch ertönte und ihr Blick heftete sich auf zusammengerollte Pergamente, die das Sommerkind auf den Boden geworfen hatte. “Ein Blutschwur. Ich habe die Bibliothek durchforstet. Eine Ehe kann nicht mal Menschen für immer aneinander binden. Doch ein Blutschwur möglicherweise schon. Er wusste, du würdest ihn verlassen, sobald du die Wahrheit erfährst. Zudem wollte er ein Stück deiner Kraft. Aber es gibt nur Legenden über diesen Schwur. Niemand weiß, was er anrichten kann.”
Ihr rauchte der Kopf. Mit einem Mal offenbarte sich ein Stück einer Welt, von dessen Existenz sie nichts geahnt hatte.
Lias knirschte mit den Zähnen, ehe sich ein herablassendes Lächeln auf seine Lippen schlich. “Ich hätte nicht gedacht, auch auf dich ein Auge haben zu müssen. Offenbar war ihr Einfluss auf dich schon viel größer als du mich glauben ließest.”
Sie achtete kaum auf Lias’ Worte. Noch immer geisterte Novyns Erklärung durch ihre Gedanken. Dann sprach sie es endlich aus. “Welche Wahrheit?”
Ruckartig wandte sich der König ihr zu. Aber erneut war es das Sommerkind, welches ihre Frage beantwortete. “Ameru ist längst nicht mehr hier. Er wurde an einen Sklavenmarkt verkauft!”
Mit einem Mal schien sich der Boden unter ihr aufzulösen, Finsternis umgriff ihr Herz, wollte sie verschlingen. Daias Augen färbten sich tiefschwarz.
“Stimmt das?!”, wandte sie sich an den König. Ein falsches Wort von ihm und sie würde sich nicht mehr beherrschen können. Das erste Mal seit einer Ewigkeit würde sie wieder verletzen, vielleicht sogar töten.
Lias löste sich schnell aus seiner Starre, gab sich unbekümmert, selbstsicher. “Es ist wahr.”
Der Schrei, der ihrem Mund entwich, drang nur dumpf an ihre Ohren, als sie sich auf ihn stürzte. Trotz ihrer Wut wollte ihre Kraft nicht hervorkommen; der strahlende Sonnenschein, der durch die Fenster fiel, lähmte sie beinahe. In weiter Ferne sah sie einen Sturm, ein paar Schneeflocken, die im Wind tanzten und von ihrer Zerrissenheit und Schwäche zeugten. Er tobte dort draußen, aber entzog sich ihrer Kontrolle, wollte nicht zu ihr kommen. Aber sie brauchte ihn nicht. Das war das erste Mal, dass sie jemanden schlug. Es wäre das erste Mal gewesen, doch dann wurde sie unerwartet vom König weggerissen.
“Beruhige dich, Daia. Er ist es nicht wert! Lass uns einfach von hier verschwinden. Wir werden nach ihm suchen. Und wir werden Ameru finden.” Eine selten heilende Wärme umfing sie, als Novyn seine Arme um Daia legte. “Komm wieder zu dir.”
Zu ihrer eigenen Überraschung zeigten diese wenigen Worte, die Umarmung schon Wirkung. Ihre Sicht klärte sich. Vor ihr saß Lias, mit dem Rücken zur Wand, ihr schutzlos ausgeliefert. Sie konnte seinen Blick nicht deuten. Sie wollte noch etwas sagen, doch ihr Mund schloss sich wieder und ganz langsam wandte sie sich von ihm ab, erhob sich. Nichts und niemand hielt sie fest. Nicht physisch, nicht seelisch.
In diesem Moment fielen die Ketten, die sie sich selbst angelegt hatte. Endlich begriff sie. Ein Eheversprechen, ein simples Wort hätte sie niemals fesseln können. Aber auch dieser Schwur vermochte das nicht. Wie sollte sie sich von einem Menschen binden lassen können, dessen Leben sie innerhalb eines Wimpernschlags überdauerte?
“Gehen wir”, sagte sie und Novyn folgte ihr wortlos, schritt neben ihr, als sie gemeinsam das Schloss und das Königreich verließen.

Menschen neigen oft dazu, alles in Schwarz und Weiß aufzuteilen. Nicht unbedingt aus böser Absicht, sondern weil ihre Zeit begrenzt ist. Ihr Leben ist zu kurz um über die vielen Grautöne dessen nachzudenken. Manche mögen sich ihrer Existenz bewusst sein, doch ihr Umfeld zwingt sie nicht selten, darüber hinwegzusehen. Und mit jeder weiteren Epoche die an ihnen vorüberzieht, werden ihre Lebensrhythmen facettenreicher, flexibler. Und sie erleben einen Umbruch, der sie unvorbereitet trifft. Ein Umbruch, dem sie nicht mehr hinterherkommen.

Manchmal dachte Daia an die kurze Erstarrung und den Blick des Königs zurück. Doch in jenem Moment war sie beherrscht von Wut und Enttäuschung, nicht fähig, eine Wahrheit zu sehen, die vielleicht nicht existierte.
Novyn hielt sein Wort. Gemeinsam begaben sie sich auf die Suche nach dem Jungen, den sie beide ins Herz geschlossen hatten. Ein kleiner Mensch, der sie nicht verurteilte.
Irgendwann drangen Geschichten an ihre Ohren, die sich schnell zu Legenden entwickelten und immer klangen sie ein Stück weit anders. Sie erzählten von einem jungen König, der sein Herz an ein Mädchen aus Sturm und Schnee verloren hatte. Einem Mann, der gleichzeitig einen Teil ihrer Macht begehrte und von dieser verschlungen wurde. Das Blut in seinen Adern hatte zu gefrieren begonnen, hatte seine Haut und sein Haar erblassen lassen. Bis sogar das leuchtende Grün aus seinen Augen gewichen gewesen war.
Wie sie wusste, konnte man solchen Geschichten nur wenig Glauben schenken. Doch an seinem Tod zweifelte sie keine Sekunde. Wenn selbst sie manchmal mit ihrer Kraft kämpfte, wie könnten sie Menschen dann beherrschen?
Eine einsame Träne suchte sich den Weg über ihre Wange. Ebenso wenig wie sie Novyns damaliges Verhalten nicht verstanden hatte, würde sie nie von Lias’ wahren Beweggründen erfahren. Von dem was er wirklich getan hatte und was nicht. Von der Lüge und von der Wahrheit hinter seinen Worten.

Novyn und Daia lernten aus ihren Erlebnissen.
Auf ihrem Weg würden sie die Welt vielleicht ein Stück weit besser machen. Aber weiterhin im Verborgenen lebend.
Hatte sich denn irgendetwas für sie geändert? Immer noch mussten sie von einem Ort zum anderen ziehen, waren zu einem Leben als ewige Wanderer verdammt. Sie wollten den Menschen helfen, aber wurden nie vollkommen von ihnen akzeptiert.
Vielleicht, wenn sie den Jungen gefunden hätten und er bei ihnen blieb, würde er irgendwann auch Angst bekommen, sich wahrhaftig bewusst werden, was sie waren. Das wäre okay.
Es würde nicht mehr so weh tun wie früher.
Es hat sich etwas geändert, dachte Daia lächelnd, während sie sich einen Pferdeschwanz band und hinter sich zu Novyn blickte, dessen Augenmerk in die rotglühende Abenddämmerung gerichtet war.
Denn wir haben zumindest einander. Wir sind nicht mehr allein.


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.01.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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