Angela Pokolm

Mein Freund der Wolf

 

Meine Geschichte widme ich den Ausgegrenzten und Abgelehnten unter uns und den misshandelten Tieren.
Angela Pokolm

 

 

1. Satz (Allegro molto appassionato)

 

 

Laut und gehässig gellten die Schreie hinter ihm her, hefteten sich an seine Fersen, ja schienen ihm manchmal sogar voraus zu eilen.

Schleich dich! Krüppel! Hau ab, du Missgeburt!“

Schon eine ganze Weile waren sie hinter ihm her. Martin lief so schnell, wie es sein behindertes Bein zu ließ, stieß sich geschickt mit seinem Holzstock ab und suchte verzweifelt seine Verfolger abzuschütteln. Sein Bündel mit den Schulsachen und ein Brotzeitbeutel aus grobem Leinen hingen an einem Riemen über seine Schulter und schlugen hart gegen seine Hüfte. Keuchend ging sein Atem.

Martin warf einen raschen Blick zurück. Ja, da waren sie schon. Er konnte bereits die Gesichter erkennen. Sie waren zu sechst! Allen voraus rannte Ludwig, der Sohn des Oberbauern, der gefürchtetste Raufbold weit und breit. Martin wusste, wenn es ihm nicht gelang, noch vor den Jungs den Waldrand zu erreichen, würde er heute wieder einmal mehr mit blauen Flecken oder noch Schlimmerem nach Hause kommen. Gegen so viele Gegner hatte er keine Chance!

Wir kriegen dich! Gleich haben wir dich!“ klang es schon bedenklich nahe hinter ihm.
Etwas zerplatzte auf seinem Rücken, durchnässte sein Hemd. Martin verdoppelte seine Anstrengung, gleich hatte er es geschafft. Der Waldrand lag unmittelbar vor ihm. Er packte seinen Gehstock fester und beachtete nicht mehr die hässlichen Rufe hinter ihm und auch nicht die zunehmende Schwäche in seinem kranken Bein. Im Wald war er in Sicherheit! Dort kannte er sich aus, wusste viele verborgene Pfade und Verstecke, die es ihm ermöglichen würden, die Verfolger abzuschütteln. In den Wald waren sie ihm noch nie gefolgt, vielleicht weil es zu mühsam gewesen wäre, im dichten Unterholz nach ihrem Opfer zu suchen, das so geschickt im Tarnen und Verbergen war ...


Noch drei, zwei, ein Sprung, und es war geschafft! Das Buschwerk und das grüne Blätterdach schlossen sich um Martin. Die gellenden Schreie entfernten sich, verstummten schließlich ganz. Die Stille des Waldes umfing den behinderten Jungen, der keuchend an einem Baumstamm lehnte. Sein wehes Bein zitterte und begann empfindlich zu schmerzen. Doch Martin gönnte sich noch keine Rast. Mühsam mit seinem Stecken humpelnd, suchte er eine der verborgenen Stellen im Unterholz zu erreichen, die nur er kannte. Dort erst konnte er sich sicher fühlen.

Geschickt schlüpfte er zwischen niedrigem Astwerk und Dornenranken hindurch, erstaunlich behend und leicht für einen Jungen mit einem kranken Bein. Doch der Wald war seit jeher Zuflucht und Trost für Martin gewesen. Hierher hatte er sich geflüchtet, wenn es zu Hause nicht auszuhalten war, weil der Vater ihn einmal mehr für den Tod der Mutter verantwortlich machte, ihn seine Verbitterung und sogar Verachtung spüren ließ, weil er nur ein minderwertiger Helfer auf dem Hof sein konnte. Wenn der Schulalltag zur Hölle wurde, wie eben heute; Kinder können grausam sein.

 

Da war es schon, Martins Versteck. Behutsam bog er ein paar der fast bis zum Boden reichenden Zweige einer Tanne auseinander und glitt dicht an ihren Stamm, ließ sich still auf die warme, mit unzähligen Nadeln bedeckte Erde nieder. Mit einem tiefen Seufzer lehnte sich Martin an den Baum und schlang die Arme um sein gesundes Knie; das wehe Bein streckte er gerade aus, eine Lage, die half, den Schmerz etwas zu lindern.

Das Sonnenlicht sandte feine Muster und Kringel durch die Äste der Bäume hindurch bis auf den Boden. Strich ein Windstoß durch die Baumwipfel, so bewegten sich die Kringel, tanzten leise hin und her, auf und ab, auf und ab. Irgendwo hämmerte ein Specht, rief ein Eichelhäher. Martin spürte, wie die ruhige Atmosphäre des Waldes seine Sinne beruhigte, gleichsam in sein Herz eindrang und sich wie kühlender Balsam über die wunde Stelle legte. Er lehnte den Kopf zurück und schaute in das dunkle Gezweig des Baumes um ihn herum.

Wie so oft schon dachte er über sein kleines Leben nach, sein Zuhause, die trostlose Zukunft, die wohl vor ihm liegen würde, wenn die Schulzeit beendet wäre. Martin war vierzehn, noch zwei Monate Schule, und dann sollte er am Hof arbeiten. Aufgrund seiner Behinderung konnte er nur kleine Hilfsarbeiten verrichten, sich überwiegend nur im Haus nützlich machen, obgleich er eigentlich viel lieber für die Tiere gesorgt hätte, mit ihnen auch wunderbar umgehen konnte.

Es graute ihm vor der Eintönigkeit und Ausweglosigkeit dieses Lebens, und davor, den Demütigungen durch den Vater voll ausgesetzt zu sein. Auch seine fünf Jahre ältere Schwester Karin vermochte es nicht, sich gegen die harte, abweisende Haltung des Vaters durchzusetzen, traute sich nur selten, ihm verstohlen über den Kopf zu streichen oder ihm heimlich etwas zuzustecken. Und bald würde sie heiraten und den väterlichen Hof für immer verlassen.

 

Der Vater. Von der alten Martha, die auf dem Hof gekocht und ihn und Karin aufgezogen hatte wie ihre eigenen Kinder, aber leider schon lange, vor nunmehr sechs Jahren, verstorben war, wusste er, dass der Vater nicht immer so hart gewesen war.

Heiter, stets mit einem kleinen Scherz auf den Lippen, ein fröhlicher Bursche, nach dem sich die Mädchen der ganzen Gegend umdrehten, war er durchs Leben gegangen. Doch keiner Bauerntochter gelang es, sein Herz zu gewinnen. Es war ein Mädchen aus der Stadt, anmutig und von liebenswertem Wesen, dem seine Liebe galt. So zart sie war, so bezauberte sie sein Herz durch ihren Gesang, ihre Neigung zur Musik. Und die hatte sie mit auf den Hof gebracht, hatte mit ihr das alte Bauernhaus erfüllt, war mit einem Lied auf den Lippen in den Stall und aufs Feld hinausgegangen, eine Arbeit, die sie trotz ihrer feinen Gestalt gerne und gut erlernt hatte. Und Martins Vater genoss sein Glück in vollen Zügen, ein Glück, das ein jähes Ende fand, als der kleine Sohn Martin mit einem Klumpfuß geboren wurde und Martins Mutter bei der Geburt dieses Kindes starb. Für den Vater brach eine Welt zusammen. Er verlernte Heiterkeit und Scherz, wurde hart, verschlossen und bitter.

Es war Martin nie gelungen, einen Zugang zum Herzen seines Vaters zu finden, der alle seine Erbitterung auf den Sohn übertrug. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Martin die Neigung seiner Mutter zur Musik geerbt hatte. Als kleines Kind schon war er singend über den Hof und durch die niedrigen, dunklen Stuben gehumpelt. Die Mundharmonika seiner Mutter, die ihm die alte Martha einmal zugesteckt hatte, war sein liebster Begleiter gewesen. Bis, ja bis der Vater sie ihm eines Tages wegnahm und zerstörte, das Singen des Jungen jedes Mal hart bestrafte, sobald es ihm zu Ohren kam.

Wehmut wollte Martin überkommen, als er daran dachte. Die Mundharmonika war das Einzige gewesen, das er von seiner Mutter hatte, das Einzige, das irgendwie ein Band zwischen ihm und ihr, die er nie gekannt hatte, knüpfte. Und sie hatte ihm auch geholfen, einem seltsamen Gefühl nachzugeben, das er immer wieder in seinem Herzen hochsteigen spürte: das Bedürfnis, sich in Tönen auszudrücken, das, was er in seinem tiefsten Inneren trug, alle Traurigkeit, aber auch die wenigen Freuden, Hoffnungen und Träume seines kleinen Lebens gleichsam fliegen, sich verströmen zu lassen. Nie war Martin so glücklich gewesen, als wenn er auf seiner Mundharmonika spielte – bis zu dem dunklen Tag, an dem er das Instrument einmal in seiner Kammer vergessen und der Vater es dort gefunden hatte. Sieben Jahre war er damals gewesen, kam eben von der Schule heim und wollte sogleich in seiner Kammer die kleine Harmonika holen und an sich nehmen, deren Fehlen ihn den ganzen Unterricht über beunruhigt hatte. Doch der Vater packte ihn derb am Kragen, kaum dass er zur Türe hineinkam, zerrte ihn mitten in die Stube, wo er mit bösen Worten auf die Mundharmonika wies, die auf dem großen Esstisch lag.

Dir werd' ich helfen, so ein Larifari in meinem Haus zu haben!“ brüllte der Vater das Kind an. „Das kommt mir nicht mehr vor!“ warf das kleine Instrument heftig auf den Boden und zertrat es mit seinem Holzschuh. Als wenn Fasern seines eigenen Körpers zerstört, zertreten würden, so schmerzte den Jungen diese Gewalttat des Vaters an seiner geliebten Harmonika.

Was machten die folgenden Schläge, der wochenlange Hausarrest, während dem er nicht einmal den Trost im Wald suchen konnte, gegenüber dem Schmerz dieses Verlustes! Noch jetzt, nach sieben Jahren, wollten Martin die Tränen in die Augen steigen, als er daran dachte. Tapfer würgte er sie hinunter, schluckte und presste die Fäuste an die Augen.

Dazu kam, dass erst vor wenigen Tagen der Lehrer, der Einzige, der sein musikalisches Talent verstand und mit seinen bescheidenen Möglichkeiten zu unterstützen versuchte, dem Jungen eröffnet hatte, dass er ihm gerne helfen würde, in der Stadt eine höhere Schule zu besuchen und eine Ausbildung in der Musik zu erhalten.

Was für eine wunderschöne, verheißungsvolle Vorstellung! Einen Moment lang wollte ein tiefes Gefühl des Glücks Martin ganz durchströmen, das sich sogleich wieder zurückzog. Der Vater! Niemals würde er für so etwas seine Erlaubnis geben! Und so hatte der Junge den Lehrer nur mit seinen tiefen dunklen Augen traurig angeblickt und war dann mutlos nach Hause gegangen.

 

Ein Kitzeln an seinem Bein ließ ihn nach unten blicken – eine Waldameise suchte sich ihren Weg über seine Wade. Martin griff sich ein Stöckchen und ließ das kleine Tier darauf krabbeln. Wie zielstrebig die Ameise lief, sie kannte ihren Weg, fand ihn unbeirrbar dank ihrer feinen Sinne. Sie hatte ihren Platz unter den Mitbewohnern ihres Nestes, war eingebettet in ihre Gemeinschaft. Martin beneidete in diesem Moment das winzige Geschöpf geradezu verzweifelt um sein Dazugehören, um seine Aufgabe, die es ganz nach seiner Natur ausfüllte.
Er legte das Ästchen behutsam auf die Erde und beobachtete, wie die Ameise rasch zwischen den Nadeln der Tanne verschwand.

Die Sonne war inzwischen weitergewandert und Martin musste sich sputen, dass er nach Hause kam, wollte er nicht noch zusätzlich den Ärger des Vaters hervorrufen, wenn er auch noch zu spät zum Mittagsmahl kam.
Der Junge zog sich mühsam am Stamm der Tanne hoch, an die gelehnt er gesessen hatte und versuchte behutsam das wehe Bein zu belasten. Ja, es ging, wenn er nicht wieder rennen musste. Geschickt schlüpfte er zwischen den Stämmen und Zweigen hindurch, bis er auf das, für ein unbefangenes Auge kaum sichtbare, für Martin aber wohlvertraute Weglein traf, das ihn zum Waldrand brachte. Zögernd blieb er im Schutz der Bäume stehen und blickte vorsichtig nach vorne - der Waldrand grenzte unmittelbar an die Südseite des Dorfes – nein, niemand war in der heißen Mittagsstunde unterwegs, auch seine Peiniger saßen sicherlich schon längst in der kühlen Stube vor ihrem Teller.

Rasch glitt Martin aus dem Schatten auf die sonnenüberflutete Straße und wollte eben in der Seitengasse verschwinden, die zum väterlichen Hof führte, als sein Blick zwischen zwei Häusern hindurch auf den Dorfanger fiel. Dort reihten sich farbige Wohnwagen und Karren um ein riesiges kegelförmiges Zelt mit einem bunt verzierten Torbogen mit der Aufschrift „Zirkus Veroni“. Leise Rufe von Menschen und Tieren, das Geklapper von Gestänge oder Geschirr, satte und scharfe Gerüche nach frisch zubereiteten Mahlzeiten und nach Tieren trug der warme Sommerwind in Martins Richtung. Hin- und hergerissen zwischen dem plötzlichen Aufwallen eines intensiven Wunsches, sich dem Zirkusgelände zu nähern und dem heftigen Drang, nicht noch später heim zu kommen, blieb Martin wie angewurzelt stehen. Einen Moment lang gab der Junge dem seltsamen, fast schon sehnsüchtigen Gefühl nach und lauschte in sich hinein, dann riss er sich mit aller Macht von der Empfindung los und machte sich eilends auf den nun nicht mehr weiten Weg nach Hause.

 

&&&

 

Schläfrige Stille lag über dem Hof, als Martin viele Stunden später leise die Haustür öffnete und ins Freie trat. Es war eine so schöne Nacht, deren Zauber auch das Herz des einsamen Jungen umfing. Ein halber Mond tauchte den Hof und seine Gebäude in ein feines silbriges Licht, vom kleinen Teich her hörte man den einen oder anderen Frosch rufen, und der Gesang vieler Heuschrecken in den Wiesen und Feldern erfüllte die warme, nach Blüten, Heu und reifen Früchten duftende Luft.

Tief nahm Martin die ruhigen Atemzüge der Nacht in sich auf, bevor er die wenigen Schritte zum Stall humpelte und dessen Tür leise öffnete. Unzählige Male hatte er dies getan, hatte in der Nacht, wenn alles auf dem Hof schlief, heimlich seine Freunde im Stall besucht, bei ihnen Trost und Verständnis gefunden. Er kannte sie alle, die freundlichen Kühe, die quirligen und neugierigen Schweine und die beiden sanften, kräftigen Pferde. Er brauchte keine Worte, um mit den Tieren zu sprechen, ihnen all seinen Kummer und Herzeleid anzuvertrauen. Die Tiere verstanden den Menschen und seine Seele mit ihrem ganzen Wesen und vermittelten ihm, jedes auf seine Weise, den Trost, den fühlende Geschöpfe einander so wunderbar auch ohne Sprache spenden können. Nicht selten war es vorgekommen, dass der Junge, an den Hals einer Kuh geschmiegt oder mit einem Ferkel im Arm seinen Tränen freien Lauf ließ, die er sonst aus Angst, von Vater und Mitschülern noch mehr miss- und verachtet zu werden, stets hinunterschluckte.

Doch heute suchte Martin keinen Trost bei seinen Freunden, sondern wollte Mut und Kraft tanken für ein Vorhaben, das ihm, wenn er ertappt würde, sehr viel Ärger und noch Schlimmeres von Seiten des Vaters einbringen würde.
Das rätselhafte Gefühl, das Martin auf unerklärliche Weise zum Zirkus hinzog, hatte ihm den ganzen Nachmittag und selbst noch im Bett keine Ruhe gelassen. Da der Vater alles, was mit Musik und Gesang zu tun hatte, hasste und strikt verboten hatte, blieb dem Junge keine andere Wahl als sich heimlich, im Schutz der Nacht, auf den Weg zum Zirkus zu machen.

Als er durch die Stalltür trat, umfing ihn die sanfte Atmosphäre der schlafenden Tiere. Nur Erika die Leitkuh erwartete ihn bereits stehend, hob ihren Kopf und schnaufte vernehmlich. Martin trat zu ihr und lehnte seine Stirn an diejenige des großen Tieres, das leise dunkle Töne von sich gab und ganz still hielt. Und Martin spürte wie eine geheimnisvolle Kraft in seine Seele strömte, ihn mehr und mehr erfüllte und schließlich wie ein wärmender Mantel ganz umfing. Als er den Kopf hob und der guten Kuh mit sanftem Streicheln dankte, berührte sie ihn leicht am Arm mit ihrer rauen Zunge. Nach einem letzten tiefen Einatmen der friedvollen Atmosphäre trat der Junge ins Freie.

Der Weg bis zum Dorfrand war glücklicherweise nicht allzu weit, auch nicht für einen Beinkranken mit Stock und zudem hilfreich beleuchtet durch das Mondlicht, sodass Martin rasch die ersten Häuser erreichte. Nun galt es, möglichst ungesehen zum Zirkusgelände zu kommen. Martin blieb stehen, blickte um sich und lauschte. Alles war still, bis auf die vertrauten Geräusche der Nacht, hier und da ein verhaltenes Rauschen weicher Schwingen, ein hohes Quieken, das rasch verstummte, das ferne Bellen eines Hundes, das sanfte Murmeln des Dorfbaches.
Wie ein Schatten näherte sich Martin dem Zirkus, spürte die Anwesenheit vieler Tiere und Menschen, hörte ihre Stimmen. Vermutlich waren doch noch viele munter, die letzte Zirkusvorstellung wohl noch nicht so lange vorbei. Jedoch zu sehen war niemand, die Zirkusleute hatten sich offenbar schon in ihre Wohnwagen zurückgezogen, wie die aufschimmernden beleuchteten Fenster zeigten.

Das rätselhafte Gefühl brannte in Martins Herzen und zog ihn mit einer geradezu schmerzhaften Intensität zu einer Stelle, die irgendwo hinter den Wohnwagen lag. Vielleicht könnte er einfach rasch zwischen den Wagen, Käfigen und Zelten hindurchschleichen?
Doch nein, da war ein Zaun! Viel zu hoch und stabil für ihn mit seinem kranken Bein! Martin humpelte vorsichtig vor bis zum Torbogen, den er heute Mittag gesehen hatte, doch auch der war geschlossen. Eigentlich hätte er sich das alles denken können ...

Traurig und mit sinkendem Mut wollte der Junge schon umkehren, auch wenn das brennende Gefühl in seinem Inneren nicht nachließ, sich vielmehr noch zu verstärken schien, als ihn etwas ein paar Schritte zur Seite machen und eine der Zaunlatten berühren ließ. Sie und die benachbarte Latte waren lose und machten eine Öffnung frei, die gerade groß genug für eine schmale Gestalt wie die seine war! Mit nur wenig Kraftaufwand konnte der Junge sie ganz zur Seite schieben und hinter sich wieder schließen. Er musste sich nur gut die Stelle merken, für die Rückkehr.

Wie ein feines und zugleich starkes Band zog ihn das rätselhafte Brennen in seiner Seele zielgerichtet zwischen den Wohnwagen und allerlei anderen Gehäusen und Zelten hindurch. Bis er vor einem ganz am Ende des Zirkusgeländes abgestellten Käfig stand. Vorsichtig trat Martin näher. Er konnte nichts erkennen, wer oder was sich darin befand. Der Käfig lag fast völlig im Dunkeln, nur ein dünner Mondstrahl erhellte den vorderen Bereich. Und es roch nicht gut. Der Junge war auf einem Bauernhof aufgewachsen und kannte Tiergerüche in den verschiedensten Schattierungen. Doch dies hier war etwas anderes.
Es roch wie Exkremente und Verwesung zusammen und verursachte ihm fast Übelkeit.
Doch seine Seele brannte ...

Als Martin noch über das merkwürdige Empfinden seines Herzens an einem solchen Ort, wo er bestimmt nichts Lebendes mehr finden würde, und seinen Rückweg nachdenken wollte, bewegte sich auf einmal etwas. Er hörte ein Rascheln, Scharren und Kratzen, als würde ein Tier mühsam versuchen auf die Beine zu kommen.
Und dann sah er es auch. Ein dunkles felliges Etwas schleppte sich bis in den vorderen Bereich des Käfigs heran. Martin blickte in ein Paar überraschend lebendige bernsteinfarbene Augen über einer spitzen Schnauze.
Es war ein Wolf, der hier abgemagert mit eingefallenen Flanken, räudigem Fell und übersät von mehr schlecht als recht verheilten Wunden im Mondlicht vor ihm stand.
Eine Woge tiefsten Mitgefühls mit der geschundenen Kreatur überflutete das Herz des Jungen und ließ seine Seele sich vor Schmerz geradezu krümmen.

Da sah er, dass der Wolf sich auf die Hinterläufe setzte und die Augen schloss.

 

 

2. Satz (Andante)

 

 

Ein eisiger Windstoß fegte über die Schneefläche, ließ den Schnee in raschen Wirbeln tanzen und sich im noch immer dichten Winterfell meines Vaters und meines Onkels verfangen, die witternd vor unserer Höhle standen. Eine seltsame Unruhe hatte unser Rudel erfasst und uns trotz der ermüdenden, langen nächtlichen Streifzüge auf der Suche nach Nahrung wach und aufmerksam gehalten. Ein besonders harter und langer Winter neigte sich dem Ende zu, doch sein erneutes heftiges Aufbäumen nach den ersten wärmenden Sonnenstrahlen machte das Aufspüren von Beutetieren selbst geübten Jägern wie uns nicht einfach. Schon seit längerer Zeit hatten wir nichts Nahrhaftes mehr zu uns nehmen können, außer einigen Kleintieren wie Mäusen, was gerade für meine Mutter, die wieder Nachwuchs erwartete, nicht so gut war.
Meine vier Geschwister und ich waren nun etwa ein Jahr alt und wuchsen mehr und mehr in unsere Aufgaben, unsere Ränge im Rudel hinein.
Ich suchte von Anfang an eigene Wege, sobald ich konnte, bewunderte meinen Vater, der neben meiner Mutter der Rudelführer war, geradezu grenzenlos.

 

An diesem verhängnisvollen Tag, der mein Leben für immer verändern sollte, hatte ich nur kurz versucht, mich zu meiner Familie zu legen. Immer wieder zog es mich zum Höhleneingang. Ich hielt meine Nase in die eisige Luft und versuchte mit dem uns Wölfen eigenen überaus feinen Geruchssinn die Ursache meiner stetig wachsenden Unruhe herauszufinden, lauschte immer wieder in die winterliche Umgebung hinein, bis mein Onkel nach einem Blick meines Vaters mich ganz energisch auf meinen Platz verwies.
Doch das Gefühl einer drohenden Gefahr wich nicht von mir und erfasste bald das ganze Rudel. Mein Vater wollte sich eben meiner Mutter zugesellen, die mit dem feinen Gespür der Rudelführerin und Mutter in hochgespannter Aufmerksamkeit im Hintergrund der Höhle stand, und meiner Tante und meinem Onkel den Späherposten überlassen, als ein für unsere Ohren völlig ungewohnter furchtbarer Lärm in unseren Unterschlupf drang. Meine Tante und mein Onkel waren herumgewirbelt und zu uns zurückgewichen. Alle standen wir mit gesträubtem Nackenhaar auf den Beinen. Mein Onkel und meine Tante verständigten sich mit kurzen Blicken mit meinen Eltern, wiesen uns fünf Jungwölfen unsere Plätze zu und schlichen geduckt mit gesträubtem Fell, gefletschten Zähnen und knurrend auf den Eingang unserer Höhle zu.
Eigenwillig und vorwitzig wie ich war, hielt mich nichts, nicht einmal die strengen Rudelregeln,
angesichts der Explosion eines Gefühls von höchster Gefahr in meiner Seele, an dem mir zugewiesenen Platz. Ich sprang knurrend neben meine Tante, machte mich, den Jährling, so groß wie nur möglich, da traf mich ein Biss und Stoß zugleich von ihrer Schnauze und schleuderte mich zur Seite. Heute weiß ich, dass diese ungewohnt heftige Zurechtweisung mir das Leben rettete. Ich taumelte nach draußen gegen einen Felsvorsprung und verkroch mich instinktiv sofort hinter diesem.
Noch heute fällt es mir schwer, das nun folgende Geschehen in mir lebendig werden zu lassen ...


Der Wolf schwieg und öffnete die Augen für einen Moment, sah an Martin vorbei in die Ferne.
Dann fuhr er fort:


Es war ein Rudel Menschen, die in unser Revier eingedrungen waren. Sie hatten die sorgfältigen Markierungen, die meine Eltern zur Abgrenzung unseres Territoriums hinterlassen hatten, nicht beachtet. Sie konnten es wohl auch gar nicht, waren sie doch, wie ich viel später erfahren sollte, aus der Luft gekommen, wie die Vögel, mit Hilfe einer Art fliegender Höhle, die diesen furchtbaren Lärm verursachte, für den es in meiner bisherigen, eher stillen Welt keinen Vergleich gab.

Von den Älteren meiner Familie hatten wir Jungwölfe erfahren, dass es verschiedene Arten von Menschen gibt. Solche, die ähnlich riechen wie wir oder zumindest die Welt, in der wir leben. Diese achten und verehren uns, wir leben in Harmonie mit ihnen und jagen oftmals sogar miteinander. Und dann gibt es die Menschen, die Gerüche mit sich bringen, die nirgendwo in unserem Lebensraum vorkommen und die für unseren feinen Geruchsinn schwer zu ertragen sind. Von diesen Menschen geht, leider mit wenigen Ausnahmen, fast immer höchste Gefahr aus. Sie verfolgen unsere Art mit allen Mitteln und haben uns in manchen Gegenden sogar völlig vernichtet.
Die Menschen, die jetzt vor dem Unterschlupf meiner Familie standen, gehörten zu den letzteren. Ich habe nie herausgefunden, woher sie wussten, dass mein Rudel gerade hier Zuflucht vor dem erneut hereinbrechenden Winter gefunden hatte.

Verborgen hinter meinem Felsvorsprung konnte ich sehen und noch besser riechen und hören, wie Menschen auf den Höhleneingang zugingen. Ich weiß nicht, was sie dann taten, weiß nur, dass es nach Rauch und Feuer, verbranntem Fell und nach panischer Angst roch, hörte und spürte, wie meine Familie verzweifelt versuchte zu fliehen. Dann hörte ich mehrere sehr laute, kurze Geräusche, peinvolles Aufjaulen und dann war alles still. Ich spürte, dass es meine Familie nicht mehr gab. Ich konnte ihr Blut und ihren Tod riechen.

 

Wieder schwieg der Wolf, aber er öffnete nicht die Augen. Martin spürte die tiefe Traurigkeit des Tieres als wäre es seine eigene.

Auch wir Wölfe haben Empfindungen und wir haben sehr enge Bindungen in der Familie.
Die Menschen denken nicht daran, dass wir Tiere ebenso Schmerz empfinden wie sie, dass auch wir Leid fühlen wie sie. Und die Menschen vergessen, dass auch wir, wie alle Tiere, Achtung und Respekt verdienen als Bewohner dieser Erde wie sie.

Mich erwischten sie kurz darauf, durch einen Zufall – oder war es Schicksal? Einer der Menschen stolperte beim Umherstreifen über den kleinen Felsvorsprung, hinter dem ich zusammengekrümmt kauerte. Etwas Schweres, Dunkles, das schlecht roch, wurde über mich geworfen, und alles Beißen, Kratzen, Knurren und verzweifeltes sich Winden half nichts. Ich war ein Gefangener der Menschen.

 

Meine Welt war nun ein Käfig, oft viel kleiner als der, in dem ich jetzt bin. Gewohnt, mit unserem Rudel weit umherzustreifen, den hohen Himmel über uns, mit unseren feinen Nasen den flüchtigsten Duftspuren folgend, verzehrte ich mich vor Sehnsucht nach meiner Familie und nach meiner Heimat.
Die Menschen haben seltsame Vorlieben entwickelt. Um uns Geschöpfe der Wildnis sehen zu können und um ihres Vergnügens willen, werden wir gerne, wenn sie unser habhaft werden, in enge Käfige gesteckt und müssen es ertragen, in glühender Hitze ebenso wie bei gnadenloser Kälte auf ein- und demselben Raum auszuhalten, ohne Schutz, ohne Auslauf, werden zu Verhaltensweisen gezwungen, die unserer Natur völlig fremd sind. Ich habe es bei vielen meiner Leidensgefährten hier miterlebt, ihre peinvollen Laute oder Bewegungen, ihre Not, gerochen und gespürt.

Für mich hatten die Menschen sich etwas Besonderes ausgedacht. Da viele von ihnen meine Art hassen und zugleich fürchten, bot sich ihnen mit meiner Gefangenschaft eine gute Gelegenheit, ihre Macht über eines dieser Geschöpfe zu zeigen, das ihnen hilflos ausgeliefert war. Sie versammelten sich vor meinem Käfig, schrieen mich an, warfen mit Steinen und anderen unangenehmen Dingen nach mir. Sprang ich anfangs noch auf und versuchte mich mit Knurren und Beißen gegen diese Angriffe zu wehren, wurde der gehässige Lärm vor meinem Käfig geradezu ohrenbetäubend. Wenn das alles nichts half, kamen die langen spitzen Gegenstände, denen ich ganz besonders meine Wunden verdanke. Nur selten standen Menschen vor mir, die mich mit den Augen mitfühlender Wesen betrachteten.

Im Laufe der Zeit lernte ich, meine Seele vor den Aggressionen und den Gehässigkeiten, vor der Sehnsucht nach der Freiheit und nach meiner Familie, vor dem Leid der Einsamkeit und vor den stets schmerzenden Wunden zu verschließen. Ich lernte, in der Enge meines Käfigs meine Heimat zu sehen, in den Menschen, die vor mir standen, gleich, wer und wie sie waren, mein Rudel und schließlich Werkzeuge der großen Macht, von der wir Lebewesen alle ein Teil sind, und die unseren Lebenswegen, unseren Schicksalen, Richtungen weist, die wir oftmals nicht verstehen.
Und ich erinnerte mich immer wieder an einen tröstlichen Gedanken, den meine Eltern uns Jungwölfen beibrachten und der mir bis heute die Kraft zum Überleben gibt:

"Wir sind alle Kinder des Universums, wir haben ein Recht hier zu sein und ein Recht, so zu sein, wie wir sind."


Der Wolf schwieg und öffnete die Augen. Martin hob den Kopf. Es kam ihm vor, als hätte er eine sehr lange Zeit, ja ein ganzes Leben, hier auf seinen Stock gestützt gestanden und mit dem Tier Zwiesprache gehalten und doch waren nur wenige Augenblicke vergangen, wie er am Mondlicht sehen konnte. Seine Seele fühlte sich an wie ein Gefäß, in das etwas sehr Kostbares geströmt war.

Der Wolf stand jetzt unmittelbar vor den Gitterstäben und blickte ihn unverwandt an. Er strahlte trotz seines elenden Zustandes eine Würde aus, die in Martin eine Empfindung auslöste, die er nur mit dem Begriff Ehrfurcht umschreiben konnte. Das struppige Fell schimmerte im Mondlicht und fast schien es, als lächle das Tier.

Wie in Trance trat Martin ganz nah vor den Käfig und griff nach den Stäben. Wider jede Vernunft ließ ihn ein jäh aufflammender Impuls daran zerren. Vergebens! Die Käfigtür ging nicht auf. Natürlich nicht.

Fast schämte sich Martin seiner heftigen Reaktion angesichts der Gelassenheit des Geschöpfes vor ihm, als mit einem deutlichen Klirren etwas auf den Boden vor seine Füße fiel. Ein Türschloss! Vermutlich hatte jemand das Schloss nicht richtig einschnappen lassen, und unter Martins Rütteln am Gitter hatte es sich gelöst. Martin sah nach oben. Tatsächlich, er konnte den Türriegel gut mit seinem Stock erreichen, hob ihn an, zog die Käfigtür auf und trat ein wenig zurück, wartete, was geschah.

Ob der Wolf seinen Weg in die Freiheit annehmen würde, ja könnte? Doch das Tier war am Ausgang stehen geblieben, hob die Schnauze und witterte. Dann blickte es wieder Martin an, als würde es ihn zu etwas auffordern, etwas von ihm erwarten. Einen Moment zögerte der Junge, lauschte in sich hinein, dann verstand er.

Noch einmal versank sein Blick in demjenigen des Wolfes, und der einsame behinderte Junge spürte eine derart tiefe Verbundenheit mit diesem Geschöpf aus der Wildnis, wie er sie bisher nur mit seiner Musik empfunden hatte.

Einem aus der Tiefe seiner Seele aufsteigenden Gefühl folgend, verneigte sich Martin vor dem Wolf, der mit erhobenem Kopf in der offenen Käfigtür stand und ihn unverwandt ansah.
Dann drehte sich der Junge um und machte sich auf den Heimweg. Die losen Zaunlatten ließ er offen.

 

 

3. Satz (Allegretto non troppo – Allegro molto vivace)

 

Mit rauschenden Akkorden von Geige und Orchester verklang das Finale von Mendelssohns Violinkonzert e-Moll op. 64, seine Töne schwebten noch eine Weile leichtfüßig und heiter im Raum und brachten die Herzen der lauschenden Menschen zum Klingen.
Das virtuos-gefühlvolle Zwiegespräch zwischen dem Solisten und dem Orchester hatte die Zuhörer verzaubert und sie wie in einen Bann geschlagen.
Eine geradezu atemlose, feierliche Stille entstand.
Dann brach ein wahrhaft ohrenbetäubender, ja frenetischer Beifall aus.
Immer wieder musste sich der junge Violinist verneigen, alleine und mit den Kollegen, und hielt dabei sein Instrument liebevoll im Arm.

Nur wer unmittelbar in seiner Nähe stand, vermochte wahrzunehmen, dass er mit den Tränen kämpfte. Und ein sehr aufmerksamer Beobachter mochte auch bemerkt haben, dass der vielversprechende Nachwuchsgeiger ein wenig hinkte.

 

&&&

 

Leise schloss Martin die Tür seiner Garderobe hinter sich, der Lärm auf den Gängen hinter ihm, die Schritte der hin- und hereilenden Menschen, das Stimmengewirr, verstummten. Er war froh, diesen kleinen Rückzugsort jetzt für sich zu haben.
Aufatmend ließ Martin sich auf den einzigen Stuhl sinken, der in dem Umkleideraum stand und schloss die Augen. Die Klänge der wundervollen Musik der großen Meister Tschaikowski, Beethoven und Mendelssohn, die er mit seiner Geige zu den Menschen sprechen lassen durfte, wehten durch sein Gemüt, und er gab sich ihnen gerne noch für eine kleine Weile hin.
Es war sein erstes wirklich großes Konzert gewesen, und er hoffte sehr auf eine möglichst gute Kritik und auch auf die Aufmerksamkeit von Menschen, die ihm, dem Späteinsteiger, auf seinem Weg in der Musikwelt weiterhelfen konnten – und wollten.

Noch unter dem Eindruck des reichen Erlebens, griff Martin nach seiner Brieftasche und entnahm ihr ein sorgfältig zusammengelegtes, mittlerweile schon vergilbtes und abgegriffenes Stück Zeitung, das er vorsichtig entfaltete und geradezu liebevoll betrachtete. In ganz besonderen Lebenssituationen war ihm dies wie zu einem Ritual geworden.
Der alte Zeitungsausschnitt bildete die Brücke zu seinem anderen Leben, zu seiner Kindheit; die Brücke zu dem ausgegrenzten und einsamen, behinderten Jungen auf dem Bauernhof, dem von einem hart gewordenen und verbitterten Vater das Schönste in seinem Leben verwehrt worden war, der Zugang zur Musik, und dessen einzige Freunde Tiere waren.
Ein überwältigendes Gefühl der Traurigkeit und des Schmerzes – und des Zorns - wollte in ihm hochsteigen, wie stets, wenn er an seinen Vater dachte, an dessen Demütigungen, an dessen Zurückweisung der kindlichen Bemühungen des Sohnes um Anerkennung und – ja, auch um Liebe. Doch es gelang ihm rasch, dessen Herr zu werden, als er auf den Zeitungsausschnitt in seiner Hand blickte, auf die Zeilen, die von einem Ereignis kündeten, das vor siebzehn Jahren das ganze Dorf und seine Umgebung in Aufruhr versetzt hatte.

Der Zeitungsartikel berichtete vom damaligen Gastspiel eines Zirkus „Veroni“ in seinem Heimatdorf und von dem ungeklärten, ja rätselhaften Entkommen eines Tieres aus seinem eigentlich verschlossenen Käfig. Es handelte sich um einen Wolf, dessen „Zurschaustellung“ für den Zirkus einige Jahre lang zu einer lukrativen Nebeneinnahme geworden war. Die verschiedensten Spekulationen waren angestellt worden über Verantwortliche und Täter, über Gefahren und Gefährdungen … Die groß angelegte Suchaktion nach dem entlaufenen Tier und die hochaufflackernden Ängste und Schreckensvisionen verloren sich schließlich im Sande. Der Wolf wurde nie gefunden.
Martin erinnerte sich gut, mit welchem Bangen er den Wirbel um das entflohene Tier damals verfolgt und wie er diesen Zeitungsbericht heimlich an sich genommen hatte. Er spürte bis heute ein Echo der unendlichen Erleichterung, die er vor siebzehn Jahren empfand, als die Fahndungen nach dem flüchtigen Wolf eingestellt wurden und das Dorfleben nach und nach wieder zum Alltag zurückkehrte.

Die Begegnung mit dem alten Wolf hatte Martin tief in seinem Herzen eingeschlossen und wie einen kostbaren Schatz bewahrt, er hatte nie zu jemandem davon gesprochen. Bis heute fühlte er sich auf rätselhafte Weise mit dem Tier verbunden, hatte seit damals das klare Empfinden, ja Wissen, dass der alte Wolf sein Freund war. Sein Freund, dessen Nähe er irgendwie immer spürte, ganz besonders, wenn er es am meisten brauchte.

Es war diese Begegnung gewesen, die ihm den Mut und die Kraft gegeben hatte, zu sich selbst zu stehen, der zu sein, der er war. Den Mut und die Kraft, der harten und abweisenden Haltung seines Vaters mit einer ganz neuen Würde und Selbstvertrauen zu begegnen und sich endlich dem hilfreichen Angebot seines Lehrers zu öffnen, durch das er die höhere Schule in der Stadt besuchen und schließlich, wenn auch spät, doch nicht zu spät, den so sehr ersehnten Weg zum Musiker einschlagen konnte. Und sie hatte ihm auch in schweren Stunden, unterwegs auf dem erfüllenden, aber auch an Dornen reichen Parkett der Musikwelt, immer wieder neue Hoffnung gegeben.

Martin drückte den alten Zeitungsausschnitt behutsam an sein Herz und strich mit dem Finger fast zärtlich darüber. Dann verstaute er ihn wieder sorgfältig in seiner Brieftasche.
Noch in seine Erinnerungen verloren, stand der junge Musiker auf und begann sich umzukleiden. Er wusste, dass er eigentlich jetzt mit den Kollegen und Gästen in ihrer Künstlerkneipe verabredet war. Doch er brauchte einfach noch etwas Zeit für sich. Vielleicht würde ihm ein kleiner Spaziergang im nahegelegenen Park, an der frischen Luft, gut tun. Er würde eben etwas später in die Kneipe nachkommen.
Martin nahm seine Tasche und seinen Stock, den er gerne noch bei sich trug, wenn er einen weiteren Weg vorhatte, löschte das Licht, verschloss die Tür und ging rasch zum Ausgang des Konzertgebäudes.

Als er aus der Tür auf den nachtdunklen Gehsteig trat, empfing ihn ein kühler Windstoß, der nach Wiese und feuchter Erde roch. Es hatte geregnet und dichte Wolken bedeckten den Himmel. Kein Mond, keine Sterne waren zu sehen, nur die Straßenlaternen verbreiteten ein müdes Licht. Frische Windböen bliesen Martin immer wieder versprengte Regentropfen von den umstehenden Bäumen ins Gesicht. Martin atmete tief ein. Es tat ihm gut, die feuchte Luft mit ihren intensiven Düften im Gesicht und am Körper zu spüren. Er wollte eben vom Künstlereingang die wenigen Schritte bis zum Fußgängerüberweg gehen, um auf der anderen Straßenseite sein Ziel, den Park, zu erreichen, als sich aus dem Schatten der Hauswand eine dunkle Gestalt löste und sich ihm in den Weg stellen wollte.

Martin erschrak, wich instinktiv zum Künstlereingang zurück und wollte sich schon mit seinem Stock verteidigen, als ihn etwas im Moment Undefinierbares, ja fast Vertrautes, anwehte und ihn den Stock senken ließ. Wachsam und abwehrbereit blickte Martin die dunkle Gestalt forschend an, die in einer fast bittenden Geste ansetzte, stumm nach seinem Arm zu greifen. Irgendetwas in Martin hinderte ihn an einer Abwehr, ließ es zu, dass der Fremde ihn an seinem Mantelärmel fasste und in den Lichtkreis der nächsten Laterne zog.
Dort nahm er den Hut ab, der seine Züge anfangs völlig im Schatten gehalten hatte und Martin blickte – in das Gesicht seines Vaters!

 

Wie betäubt stand Martin für einige Augenblicke ganz still.

Dann ließ ihn impulsive Abwehr jäh einen Schritt zurück treten, aus dem Lichtkreis der Laterne heraus.
In seinem Inneren begann sich sich eine geballte dunkle Woge aufzutürmen. Die ein Leben lang angesammelten Gefühle drohten ihn zu überfluten.

Nur mehr unter Aufbietung all seiner Willenskraft konnte Martin diese Sturmflut im Zaum halten, hatte nur den unbändigen Wunsch „weg!", "möglichst weit weg!“, zu fliehen!

Er wandte sich heftig ab und strebte wieder dem Künstlereingang zu, als der Hauch eines fast erstickten Lautes zu ihm drang.

Martin!“ klang es mit leiser, brüchiger Stimme. Und noch einmal, geradezu flehend, „Martin!“.

Martin blieb wie angefroren stehen.

Was willst du?“, stieß er hervor.

Er bekam keine Antwort. Doch das Schweigen hatte seine eigene Stimme und veranlasste Martin, sich langsam umzudrehen.

Der Vater war unter der Laterne stehen geblieben, wirkte irgendwie klein und verletzlich. Hilflos drehte er den Hut in seinen groben Bauernhänden und blickte unverwandt auf ihn. Sein Mund bewegte sich, doch er blieb stumm, brachte keinen Laut heraus. Man sah, dass er schwer mit etwas in seinem Inneren kämpfte und rang, das herauswollte und doch nicht konnte.

Hinter dem anbrandenden Tosen seiner hoch aufschäumenden Gefühle, all seiner Abwehr und Bitterkeit, seinem brennenden Fluchtgefühl und seinem überwältigenden Schmerz, erreichte Martin wie das Wehen einer fernen Melodie eine andere Stimme:

Wir sind alle Kinder des Universums, wir haben ein Recht hier zu sein und ein Recht so zu sein wie wir sind.“

Und das Echo einer bemerkenswerten Würde auch im tiefsten Leid und Unrecht flutete in seine Seele.
Ganz intensiv, geradezu körperlich, spürte Martin nun die Nähe seines Freundes, des alten Wolfes.
Und er wusste mit einemmal, dass irgendetwas anders war mit seinem Vater als bisher, dass es eine besondere Bewandtnis haben musste, dass er vor ihm stand.
Unsicher, bittend, geradezu schüchtern und, ja, fast irgendwie sehnsüchtig, blickte ihn der Mann an, der ihn über dreißig Jahre lang abgelehnt hatte!
Er war alt geworden – siebzehn Jahre sind eine lange Zeit, - das Haar des Achtundfünfzigjährigen war schlohweiß geworden und sein Gesicht von Gram, Bitterkeit und Konflikten gezeichnet.
In den Augen des Vaters schwamm ein Ozean von Leid, erzählte von endlosen Jahren, ja einem ganzen Leben voller Härte und Ablehnung, von Schuld und Reue, von innerer Zerrissenheit. Und der tiefen Sehnsucht nach Vergebung.
Und ganz in der Tiefe schimmerte noch etwas, ein Funken von etwas noch nicht Greifbarem – vielleicht Hoffnung?

Martin sah und spürte die Unsicherheit, ja Schüchternheit des Vaters, und wie viel Mut es ihn gekostet haben musste, hierher zu kommen.

Nach all den vielen Jahren.

Lange blickten sich die beiden Männer in die Augen.

Der Vater und der Sohn.

Die sich überhaupt zum allerersten Mal von Auge zu Auge, von Mensch zu Mensch, gegenüberstanden.

Martin wusste, ja sie beide wussten, - es war noch ein weiter Weg zu gehen.

Doch der erste Schritt war getan.

 

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 ©Angela Pokolm

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.01.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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