Sven Eisenberger

Alternativlos

Ob es allein eine Bundeskanzlerin war, die diesem Begriff zu fataler Breitenwirkung verholfen hat, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, ist der Ursprung alltagssprachlicher Infektionsketten häufig doch noch schwieriger zu ermitteln als der von Zoonosen. Ganz unbeteiligt war sie sicher nicht, und das ist allemal erstaunlich, dient doch die im politischen Feld vorherrschende Massenworthaltung üblicherweise nicht als attraktives Sprachvorbild. Noch erstaunlicher ist, an mir selbst festgestellt zu haben, dass sich meine Aufmerksamkeit momenthaft zuschaltet, sobald sie dieses Adjektiv benutzt, bevor die rhetorische Seichtheit des politischen Redeflusses mich wieder tiefensediert. Es könnte daran liegen, dass auch ich mich dem Nimbus der promovierten Physikerin nicht entziehen kann, der gemeinhin zugestanden wird, unschärfefrei zu wissen, wovon sie spricht. Der Kanzlerin Problemzone indes beginnt dort, wo komplementär hochpräzise in Worte(n) zu fassen wäre, wovon sich wissen lässt. Obendrein muss man kein Physiker sein, um darauf zu beharren, dass es zu jedem physikalischen Ereignis wenigstens eine Alternative gibt: die des Nicht-Ereignisses – ein freilich unaussprechlicher Gedanke in Dezisionistenkreisen! Doch was repräsentiert die sich viral vervielfältigende Rede der Alternativlosigkeit eigentlich?

Beginnen wir mit einem Merkel-Paradox der etwas anderen, historisierenden Art: Einerseits bedient sie sich seit einem Jahr virtuos eines alten Kunstgriffs des Ur-Kanzlers Bismarck, einen damals monarchischen Föderalismus zur Einhegung des Parlamentarismus, ja gar zu machtpolitischer Ausschaltung des wichtigsten Verfassungsorgans einzusetzen. Während der Bundestag nicht mehr “systemrelevant” zu sein scheint, tönt es von Kiel bis München: “Und freudig grüßt der Landesfürst.” Und ein Musterbeispiel charismatischer Herrschaft, die den permanenten Krisenmodus für ihren Selbsterhalt noch mehr braucht als die Weißwurst den Senf, bekommt man frei Haus dazu geliefert. Andererseits negiert sie seit Jahren den Bismarckschen Begriff von Politik als einer “Kunst des Möglichen”, den sie ebenso schlicht wie erfolgreich auf die Formel einer “Unmöglichkeit des Möglichen” reduziert hat, denn "alternativlos" ist nur die neutechnokratische Ersatzvokabel für die leicht verstaubt anmutende Sprachhaubitze "deterministisch". Zwar noch nicht der Begriff, aber immerhin die Logik der “Naturnotwendigkeit”, bekannt aus programmatischen Grundsatzdebatten der vorletzten Jahrhundertwende, scheint - pandemiebeschleunigt - wieder Einzug zu halten. Wo aber vorgeblich keine Alternativen mehr existieren, verschwindet da nicht auch der politische Raum? Worüber soll noch debattiert und leidenschaftlich gestritten werden, wenn es nichts mehr zu ent-scheiden gibt? Schlimmer noch, da Alternativen stets noch die fundamentale Offenheit und Unbestimmbarkeit eines Morgen verbürgt haben, stirbt mit ihnen zugleich – und das ist so dramatisch, wie es sich anhört – jegliche Zukunft, die einst ja auch glückhafte Überraschungen parat hielt (Erinnern wir uns!). Trostlose Gegenwart wird auf Dauerbetrieb geschaltet.
Dystopische Ernüchterung müsste sich an dieser Stelle breit machen, doch mehrheitlich lässt sich nur ein halbdebiles Frohlocken vernehmen angesichts der Aussicht auf ein bereits determiniertes Morgen: Frei von aller Ungewissheit kann nichts mehr misslingen, weil alternativlos gehandelt wird und wir damit immer richtig liegen! Eine allumspannende Notwendigkeit verschlingt selbst den bereits marginalisierten Irrtum. Die Autohypnose des Alternativlosigkeitsdiskurses steuert einstweilen auf ihren fatal-destruktiven Höhepunkt zu.
Vermeintliche Alternativlosigkeit verweist jedoch nicht allein auf eine vorausgehende Absenz von kreativem Geist und Imaginationskraft, sondern – schlimmstmöglich – auch auf einen zutiefst gestörten Realitätssinn: Wo man keine Alternativen zu denken vermag, da sieht man auch keine. Wo ein Teiresias, der blinde Seher, fehlt, da bleibt gewählten Verantwortungsträgern nur die Flucht in die Phrase, dass man hinterher immer klüger sei. Dabei beweist die Weisheit dieser Binse bravourös, dass es zuvor Handlungsalternativen gab, die zu denken sogar ermöglicht hätte, im Vorhinein klüger zu sein. Wo unsouverän alles dem Geltungsabsolutismus naturwissenschaftlicher Kausalitäten untergeordnet wird, da bekommt man auch keinen Zugang mehr zu einer nicht minder komplexen sozialen Wirklichkeit; und wo sich dieser verliert, da bleibt einem nur der ordnungspolitische Blindenstock, der sich – tu felix Bavaria – teleskopartig immer weiter verlängern lässt. Das ist das politische Grundmuster, das der Rede von der Alternativlosigkeit zugrundeliegt. Beispielhaft gesprochen: Wenn es regnet, werde ich nass. Also spanne ich den Regenschirm auf. Alternativlos. Politische Konsequenz: Wer ab morgen ohne Regenschirm das Haus verlässt, muss mit einem Bußgeld in empfindlicher Höhe rechnen.
Dass es Menschen geben könnte, die (zumindest im Sommer) gerne durch den Regen laufen, die gar keinen Schirm besitzen, dafür aber einen Regenmantel oder eine Plastiktüte (darf man das überhaupt noch schreiben?); dass Regenschirme ohnehin gerne irgendwo vergessen werden; dass man sich einfach irgendwo unterstellen könnte, bis der Regen vorüber ist; dass sich nasse Kleidungsstücke auch trocknen lassen – all das ist in einer Welt der Alternativlosigkeit nicht mehr vorstellbar. Dabei bewege ich mich hier erst auf dem Terrain simpler handlungspraktischer Alternativen, für die es überhaupt noch keiner Vorstellungskraft bedarf.

Vor der Errichtung einer Hegemonie der Alternativlosigkeit könnte ein Blick auf das Modell des Schreibens bewahren: Man kann es tun oder unterlassen, man kann einen Text völlig anders schreiben, jederzeit korrigieren oder revidieren, ihn lesen oder ignorieren, als Ausgangspunkt für neue Texte nehmen oder als ultima linea rerum, um alternativlos einmal das letzte Wort zu haben.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.01.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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