Wolfgang Scholmanns

Winterspaziergang

Ein eisiger Wintermorgen. Die Nacht über hat es geschneit und auch jetzt noch treibt der Wind eine dichte Flockenherde vor sich her. Für Aron ist es ein großer Spaß, durch den hohen Schnee zu fegen. Aron ist ein „Kleiner Münsterländer“, eine Jagdhundrasse, die sich schon vor vielen Jahren einen Stammplatz in der Jägerschaft errungen hat. Es sind sehr gute Vorstehhunde und hervorragende Wasserarbeiter. Von der alten Lindenallee aus führt ein Weg zum Fluss, der allerdings, von etwa dreißig cm Schnee bedeckt, zu der geschlossenen weißen Decke gehört, die der Winter über das Land gelegt hat. Ein Bussard kreist am Himmel. Er sucht verzweifelt nach Beute. Die mir sonst so vertraute Gegend hat heute etwas Gespenstisches. Der Schnee hat bizarre Gestalten in die Landschaft gestellt, und der im Hintergrund schwer atmende Fluss, lässt diese noch unheimlicher erscheinen. Im Wasser schwimmen die Blesshühner und Stockenten nervös und schnatternd hin und her. Der Grund dafür ist wohl ein Fuchs, dessen Spur ich gerade entdeckt habe. Aron, der ein ganzes Stück hinter mir geblieben ist und wohl einen für Hundenasen interessanten Geruch aufgenommen hat, scheint es plötzlich eilig zu haben. Er rast, die Nase dicht am Boden und Spurlaut gebend an mir vorbei, zum Ufer des Flusses. Heftiges Knurren, Fauchen, Jaulen und Bellen mischt sich in die winterliche Stille und ich ahne, was sich gerade am Flussufer abspielt. Auslöser für die Unruhe ist ein Rotfuchs, dem eine am Ufer ausgelegte Bisamfalle zum Verhängnis geworden ist. Aron hat seinem Schicksal ein schnelles Ende bereitet und versucht nun die Beute seinem Herrn zu bringen. Das funktioniert natürlich nicht, denn die Falle ist mit einer Kette an eine in die Erde gerammte Stange befestigt. „Aus Aron, hier bei Fuß! Lass mal sehen, ob das Tier auch wirklich tot ist.“
Ich löse die Hinterpfote des Fuchses aus der Falle und erkenne, dass dieses Jagdgerät ordnungsgemäß mit einer Nummer versehen ist. „Na ja, der ist mausetot. Den können die Raubvögel sich holen.“
Der Bisamjäger ist mir bekannt. Bei meinen Ausflügen habe ich ihn schon so manches Mal getroffen, ein rotwangiger Herr mit weißem Bart und klaren Augen, dessen Leben sich überwiegend in der Natur abspielt. „Mir tun die Viecher ja auch leid.“, hat er mal zu mir gesagt. „Aber sie unterwühlen die Deiche und Uferböschungen, deshalb werden sie hier gefangen.“ Der Bussard kreist über uns, hat den Fuchs wohl entdeckt. „Komm Aron, lass uns weitergehen.“ Nach etwa fünfzig Metern drehe ich mich um und sehe gerade noch, wie der Bussard vom Himmel schießt und sich über den Rotfuchs hermacht. Die Natur hat viele Möglichkeiten dem Lebenden von seiner Sterblichkeit zu überzeugen und wenn nicht der Zufall es so gewollt hätte, dass wir diesen Fuchs finden, hätte der Bussard vielleicht nicht überlebt.

Der Schneefall hat nachgelassen und eisiger, starker Nordwind bläst mir ins Gesicht. Oben in der Allee stürmt er zwischen den kahlen Linden. Ein kurzes Schauspiel nur, dann wird es wieder still, nur hier und da fallen dürre Zweige in das weiße Schweigen.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.01.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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