Hans Fritz

Der stählerne Klang

 Wir befinden uns abermals in der Bezirkshauptstadt Moghsunda des vor Jahrhunderten vom Erdenmenschen eroberten und nach und nach besiedelten Planeten Tambosirk.
Der zweistöckige Flachbau sollte ein Zentrum für Medizinische Forschung werden. Doch daraus wurde nichts. Diesmal geht es um den Aldeno-Korradongk-Bau, von der Bevölkerung kurz und schlicht ‘Korra’ genannt. Das nach dem ersten Regenten des Kontinents Terragrande benannte Gebäude wurde nie bezogen, steht seit Jahrzenten leer.
In der Stadtverwaltung ist die Geschichte des ‘Korra’ zum hundertsten Mal Gegenstand einer heftigen Diskussion. Reisst das Ding doch endlich ab und schafft Platz für eine gewerblich nutzbare Fläche. Saniert den Bau und macht ein Museum draus. Die Meinungen gehen hin und her. Für so genannte Gewerbenutzflächen besteht zur Zeit kein Bedarf. Museen gibt es bereits zur Genüge. Ein Soziologe möchte einen Hort der Begegnung schaffen. Aber auch von solchen Einrichtungen gibt es, nach Meinung der Regierung, schon fast zu viele. Zu guter Letzt macht der derzeitige Stadtobere Wencklist den Vorschlag, Teile der Verwaltung in den ‘Korra’ auszulagern. Eine geeignete Infrastruktur sei ja vorhanden. Besonders der noch ausbauwürdigen Umweltschutzbehörde sei damit gedient. Mit sieben zu drei Stimmen heisst der Stadtrat den Vorschlag gut.
Eine Woche nach dem Beschluss macht sich eine Gruppe massgebender Verwaltungsleute in Begleitung Wencklists auf den Weg. Seine persönliche Referentin, Alice Korradonkg, eine Nachfahrin Aldenos, öffnet mit einem vernickelten Schlüssel die Hauptpforte und der Erkundungsgang kann beginnen. Lampenlicht gibt es hier nirgends, dafür fällt an diesem strahlenden Sommertag genügend Sonnenlicht durch die hohen schmalen Fenster. Im Erdgeschoss schliesst sich einem hässlich braun getäfelten Saal eine Reihe von Räumen an, deren Türen zum Teil einen Spaltbreit offenstehen. Hier ist ein Raum ganz ohne Inventar. Auf der anderen Seite des Flurs ist eine Tür mit einem Riegel verschlossen, der sich leicht zur Seite schieben lässt. Im Raum befinden sich über den Boden zerstreut Werkzeuge aller Art. Hämmer, Sägen, Feile, Zangen, Sonstiges. Die nächste Tür ist mit einem Klebeband verschlossen, das mit Hilfe eines scharfen Messers leicht zu entfernen ist. Und was ist in diesem Raum? Eine Art von Harfe, die wohl irgendwann umgestürzt ist, meint die Referentin. Bisher war Wencklist nicht als praktizierender Musiker in Erscheinung getreten. Das sollte sich nun schlagartig ändern. Er bittet einen Mitarbeiter einen Holzhammer aus dem gegenüberliegenden Raum zu stibitzen. Der Mann gehorcht und kehrt nach wenigen Augenblicken mit einem Prachtexemplar der Hammerwelt zurück. Wencklist bedankt sich und beugt sich über das geheimnisvolle Instrument. «Sechzehn Stahlsaiten unterschiedlicher Länge», ist sein kurzer Kommentar. Er nimmt den Hammer und schlägt die Saiten an, vorsichtig, als wolle er sie auf ihre Festigkeit prüfen. Nun beginnt er zum Erstaunen der Begleiter mit steigendem Eifer eine Melodie zu intonieren. Nach acht Minuten 'Allegro maestoso' legt er den Hammer beiseite, erhebt sich schweigend und eilt zur Tür. Was er nicht mitbekommen hat, vielleicht auch gar nicht gutgeheissen hätte, war Alices Tonaufzeichnung mit einem brandneuen, technisch ausgereiften Gerät. Wenige Tage später bietet Alice die Aufnahme der lokalen Rundfunkstation an. Dort sind alle höchst begeistert, allein schon von der Klangqualität. Doch dann sorgt Gerald Bulemihl, als ‘der’ Kenner und Schöpfer volkstümlicher Melodien, für Furore. Die Tambosirken sind immer noch auf der Suche nach einer schnittigen Nationalhymne. «Das ist sie», jubelt Bulemihl. In Windeseile verbreitet sich das Wencklist’sche Werk über den Kontinent, bis in den hintersten Winkel einer Zivilisation. Doch bald mehren sich die Stimmen, die nach einem Text verlangen. Hier kommt Alices Bruder Pelagot, der Kolumnist und Mitherausgeber einer Tageszeitung, zum Zug. Sein in kürzester Zeit hingezauberter Text könnte sinngemäss etwa so lauten:

«Heimat aller Tambosirken,
oh du mein freudenreiches Land,
wo Menschen nur in Frieden wirken,
den man auf Erden niemals fand.
In heller Städte Mauermacht,
in grauer Ödnis schroff Gestein,
beschütze uns bei Tag und Nacht
immerdar, jahraus, jahrein,
hohen Himmels Sternenpracht.
Land der reichen Ernten,
menschenfreundlicher Natur,
wo schon erste Siedler lernten,
zu wandeln auf der Hoffnung Spur».

Der Originaltext ist in der spröden Sprache des Hauptkontinents abgefasst. Bald gibt es auf den übrigen Kontinenten sprachlich angepasste Versionen des Liedes der Lieder. Wie nicht anders zu erwarten, ernten Komponist und Textverfasser nicht nur Lob. Der Originaltext sei ein Ausbund an Kitsch, die Melodie immerhin dem Flair eines gediegenen Gassenhauers würdig, meint der ‘Kulturverwalter’ von Moghsunda. Gestelzte, wenig ausgefeilte Dichtkunst, gepaart mit melodiearmen Klängen, eigneten sich weniger für die Allgemeinheit. Er hat darüber wohl vergessen, dass solche ‘Hymnen’, wo immer sie existieren, den Gemeinschaftssinn und das Zusammenstehen der Bevölkerung fördern. So argumentieren die Befürworter des Werks.
Trotz aller Voraussetzungen für ein friedliches Leben, bleibt Tambosirk kein durchweg von Idyllen geprägter Planet. Seine Bewohner sind letzten Endes nur Folgegenerationen von Erdenmenschen. Die Tagespresse berichtet immer häufiger von Delikten, von zum Teil unvorstellbaren Gräueltaten, denen die tambosirkische Rechtsprechung zunächst einmal hilflos gegenübersteht. Im zwangsläufigen Miteinander tritt nach und nach an die Stelle eines Füreinander ein Gegeneinander. Da muss schleunigst die bestehende Gesetzgebung einer neuen, von Kennern der Menschheit erwarteten, ‘ererbten’ Situation angepasst werden.

Tambosirk wäre kein echtes irdisches Erbe, wenn es nicht Prophezeiungen für ein Leben in der Zukunft gäbe. Als dann das tägliche (Über)leben tatsächlich auf einen absoluten Tiefpunkt abzusacken droht, kommt die Wende zum Guten. Es bahnt sich ein Zurück zur Zeit der Erstbesiedlung an und die Moghsundaer Tagespresse läutet, wenn auch nur mit Worten, ein postapokalyptisches Zeitalter ein.
Die Tambosirkharfe findet einen würdigen Platz in der grossen Tambo-Pyramide. Eines frühen Morgens soll eine unbekannt gebliebene Harfenspielerin (Alice?) eine, wie es heisst, sehr irdisch klingende Melodie angeschlagen haben.

 

  

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.01.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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