Nikolai Fritz

KOMM, LASS UNS WAS TRINKEN GEHEN

Von der Tragik des anderen Zusammenhangs

Niemand will jetzt wirklich Sätze hören, wie «Dieses Jahr ist alles anders», «Früher war alles besser» und «Die Natur holt sich alles zurück, was ihr gehört». Auffällig ist dieses Wort «alles» in – eben – allen Aussagen. Das wirkt so endgültig, martialisch und bestimmend. Wollen wir das? Wollen wir uns tatsächlich bestimmen lassen? Und wenn, von was und von wem? In den folgenden Kurzgeschichten soll der Versuch entstehen, mittels der Symbolik einer oft gehörten Aussage auf eine völlig andere Problematik zu lenken.  Es folgen ein paar Gedanken zum Jahresbeginn und darüber hinaus.
 

«Wasch Dir zuerst die Hände!»
Vom Rausch umspült

In den zurückliegenden Weihnachtstagen wurden wir wieder mit einem einzigartigen Phänomen konfrontiert. Unsereins hat eine gute Tat zu leisten. Oder gleich zwei. Nicht selten geschieht das dann aus schlechtem Gewissen. Aber meistens, weil eben Weihnachten ist. Besonders beim einzigen Patenkind könnte dies deutlich werden. Man war ja schliesslich das ganze Jahr über so beschäftigt, kam kaum dazu, sich zu melden. Und wenn, dann leitete man höchstens diese Verblödungsvideos weiter, die der Empfänger wohl auch schon zigmal erhalten hat. Egal, so hat man wenigstens an ihn gedacht und ihm eine Grussbotschaft zukommen lassen.

Doch heute ist schliesslich Weihnachten und die erweiterte Familie gruppiert sich um den schön geschmückten Christbaum. Leuchtende Augen und erwartungsvolle Gesichter spiegeln sich in den roten und goldenen Weihnachtskugeln. Schnell erliegt man dem Drang, sich den kunstvoll eingepackten Geschenken zu nähern. Mutter kann es nicht unterlassen, eine kurze Mahnung abzusenden: «Wasch Dir zuerst die Hände!»

Der Adressat, also der Patenbub, hat sofort kapiert und tut wie ihm geheissen. Nach der Vorspeise ist es dann endlich so weit. Die ersten Weihnachtsgeschenke sollen ausgepackt werden. Natürlich schnappt sich das Patenkind als Erstes so ein Paket. Natürlich genau das, in welchem es sein «Mega-Wunsch-Geschenk» am meisten vermutet. Doch es liegt falsch. Jedenfalls in der ersten Geschenkrunde. Als der Bub beim zweiten Mal dran ist, gibt es kein Halten mehr. Vom Rausch gepackt reisst er das Geschenkpapier auf und zerrt mit roher Kraft am roten Geschenkband.

Endlich kommen ein paar Buchstaben auf der Verpackung zum Vorschein: Apple. Seine Augen strahlen. Er malträtiert wie ein Besessener das Geschenkpapier. Endlich kann er jetzt alles lesen: Apple iphone 12 Pro 5G.

«Voll geil. Endlich habe ich es auch.»

«Freust Du Dich?» wirft ein sichtlich geschaffter Patenonkel seinem Göttibub einen fragenden Blick zu. Keine Antwort. Er wiederholt seine Frage: «Freust Du Dich?»

«Ja, klar. Super. Und …äh, danke Dir.» entgegnet das glückliche Kind.

Sofort beginnt der Patenbub mit den Einstellungen des Mobiltelefons. Er erstellt ein Kurz-Video und schickt erste WhatsApp Nachrichten an seine Kumpels:

«Schaut her, ich habe es!»

Für einen Teil unserer Gesellschaft mag nur das neueste gut genug sein. Koste es, was es wolle. Schenke es, wer kann. Nicht selten leiden Jugendliche und junge Erwachsene an Geltungsdrang und Kaufrausch. Gut möglich, dass sie nur als Aussenseiter am Rande unserer Spass-Gesellschaft wahrgenommen werden. Nichts trifft wohl mehr auf sie zu, als dieser eine Satz:

«Von dem Geld, das wir nicht haben, kaufen wir Dinge, die wir nicht brauchen, um Leuten zu imponieren, die wir nicht mögen … und die uns nicht mögen.»


 

«Du bist mit Abstand die Schönste!»
Umgang mit dem richtigen Leben

Zugegeben, die folgenden Worte stammen von einem Mann. Wer kennt sie nicht, diese Situation, die sich öfters in Deinem Alltag wiederholt: Du siehst sie schon von weitem an der Ampel stehen. Kurz überlegst Du, ob Du warten sollst, bis ihre Ampel auf Grün springt. Dies, obwohl Dein Ampelmännchen längst die grüne Farbe anzeigt. Nein, das wäre zu auffällig und albern. Also läufst Du weiter. Es kommt nicht zur erhofften Begegnung. Zumindest nicht heute.

Neuer Tag und neues Glück. Tatsächlich, es regnet und nicht zu knapp. Du beschliesst an der Haltestelle zu warten und spannst Deinen grossen Regenschirm auf. Der Bus kommt nicht gleich, dafür aber sie. Das ist Deine Chance. Sie wirft Dir einen kurzen Blick zu. Du glaubst darin, ein leises Lächeln erkennen zu können. Sie hat ganz andere Sorgen. Sie kämpft mit dem Wind resp. ihr Schirm kämpft mit dem Wetter. Du machst zwei Schritte nach vorne und hältst wie ein Gentleman den Schirm über sie.

«Oh danke, das ist sehr nett von Dir». Ihr englischer Akzent ist nicht zu überhören.

«Gerne geschehen, fährst Du auch zum Bahnhof? Ich meine, pendelst Du?

«Ja, nach Zürich und dies jeden Tag. Und Du?»

«Nach Baden, aber nicht jeden Tag. Manchmal arbeite ich im Homeoffice. Oh, der Bus kommt. Endlich. Ich wollte Dir noch einen schönen Tag wünschen. Ach ja, und weisst Du was: «Für mich bist Du mit Abstand die Schönste!»

Deine Angebetete schaut erst kurz auf den Boden und lächelt Dich dann an: «Danke».

Dein Tag ist gerettet. Ob es ihr Tag auch ist? Heutzutage ist es gerade als Mann nicht einfach, ein erstgemeintes Kompliment bei einer Frau zu platzieren. Besonders wenn diese stark emanzipiert ist oder gewissen Prinzipien der «MeToo» - Bewegung folgt. Kennenlernen in Echtzeit – fast unmöglich, Flirten in Realität – geht schon gar nicht. Oder doch? Es ist auffällig, wie erschrocken manche Menschen – und damit sind durchaus auch Männer gemeint – sind, wenn man ihnen ein nettes Kompliment macht. Es kann ja auch um kleine Dinge gehen, die Freude bereiten. Nicht etwa um plumpe Anmache oder gar üble Belästigung.

Den meisten Menschen fällt es in unser auf das Handy fokussierten Welt viel leichter, mal eben so per Kurznachricht eine Botschaft an jemanden zu adressieren. Dabei wäre das direkte Gespräch doch so viel wertvoller und könnte zudem Missverständnisse ausschliessen.  

Wann hast Du zuletzt jemanden ein nettes Kompliment gemacht? Probiere es aus und sei nicht zu sehr erstaunt, wenn Du manchmal eine Abfuhr erleidest.

 

«Deine Maske ist verrutscht»
Dein Ich im Sitzungszimmer

Wir alle kennen solche Situationen zu genüge. Am Hauptsitz ist eine kleine Sitzung anberaumt. Fünf Mitarbeiter und der Chef sitzen bereits am Tisch im abgetrennten Sitzungsraum. Der Beamer surrt. Auf der Leinwand ist schon die erste Folie zu erkennen. Ein Diagramm verheisst nichts Gutes. Vor allem seine Farbe. Rot.  

Auf einmal öffnet sich die Glastüre und I. betritt den Raum. Vollbepackt mit einer Aktenmappe inkl. dickem Papierstapel und vielen Klarsichthüllen.

«Entschuldigung, ich war noch am Telefon mit einer Kundin. Ich konnte sie zu einer Umbuchung überreden», meint I. stolz. Geräuschvoll bezieht er seinen Platz gleich auf Augenhöhe mit dem Chef.

Daraufhin übernimmt wieder der Chef das Kommando und führt gekonnt durch die einzelnen Folien. I. nickt immer wieder zu seinen Ausführungen und verstärkt sein Nicken manchmal sogar mit Aussprüchen wie «Genau», «Endlich» oder «Unfassbar».

Es werden erste Beschlüsse gefasst und Aufgaben verteilt. Nur ein Job ist noch nicht vergeben. Hier geht es um das nicht sehr beliebte «Einkaufsprogramm», welches auf seitenlangen Excellisten für die Geschäftspartner aufbereitet werden soll. Übrigens nicht der erste Versuch dieser Art. Für fast eine Minute ist es ganz still im Raum.

I. meldet sich zu Wort. «Also, ich kann dies schon machen. Aber dann muss ich mich teilweise aus dem Telefon rausnehmen.»

«Super, danke I.» antwortet der Chef. Dass mit den Prioritäten im Telefonverkauf bekommen wir schon hin.

Anschliessend werden alle Beschlüsse zusammengefasst. Als bei der üblichen Fragerunde zum Schluss I. an der Reihe ist, kann dieser trotz viel «Munition» in seiner Aktenmappe nicht mit besonders wichtigen oder gar neuen Erkenntnissen glänzen. Nach 45 Minuten findet diese Sitzung ihr Ende.

Wieder am Arbeitsplatz angekommen tauschen sich I. und S., die sich eine Arbeitsinsel teilen, kurz aus.

«Tolle Aussichten», meint I. «Und um dieses blöde Einkaufsprogramm muss ich mich jetzt auch noch kümmern.»

«Deine Maske ist verrutscht», entgegnet S.

«Ja, ist doch so. Immer mehr Verantwortung.» schiesst es aus I. hinaus.

Ja, solche Arbeitskollegen/innen haben wohl die meisten schon mal erlebt. Ihr Motto lautet: möglichst auffallen, viel Eindruck schinden und von eigenen Schwächen ablenken. Das Ziel bleibt stets das gleiche: einfach beim Vorgesetzten gut ankommen.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.01.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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