Heinz-Walter Hoetter

Der Erbseneintopf

 


 

Wir waren eine große Familie mit zehn Kindern, sechs Jungen und vier Mädchen. Früher war das nicht so ungewöhnlich gewesen, dass Familien viele Kinder hatten.


 

Meine Mutter war eine gute Köchin, die für die ganze Familie kochen musste. An den normalen Wochentagen gab es in der Regel irgendeinen Eintopf und nur am Wochenende kochte sie meist eine kleine Vorsuppe, dann kam das Hauptgericht, bestehend aus Fleisch mit Soße, Kartoffeln oder Kartoffelbrei. Zum Nachtisch gab es entweder Schokoladenpudding, Apfelmus oder anderes, eingemachtes Obst aus dem Garten.


 

Als ältester Junge wollte ich meiner Mutter beim Vorbereiten des Essens immer helfen, so auch bei der Erbsensuppe, die sie oft für uns machte. Also habe ich mit ihr zusammen gekocht und aufgepasst, was sie tat.


 

Später, als ich dann schon etwas älter war, so 13 oder 14 Jahre, wollte ich irgendwann mein erstes Gericht alleine für die ganze Familie kochen. Richtig! Nämlich eine Erbsensuppe.


 

Ich legte also alle Zutaten auf unseren großen Esstisch, wie Kartoffeln, Speck, Petersilie, Zwiebeln, Lauch und Sellerie und fing fleißig an zu schälen und zu schnippeln, ganz wie ein richtiger Koch. Ich folgte dabei dem Rezept meiner Mutter. Als alles schon auf dem Ofen stand und am Kochen war, beschlich mich auf einmal so ein komische Gefühl, als ob ich etwas ganz Wichtiges vergessen hatte.


 

Ich dachte ein Weile nach. Dann fiel es mir siedend heiß ein: Die Erbsen! Verdammt noch mal, ich hatte die Erbsen vergessen! Eine Erbsensuppe ohne Erbsen ist doch keine Erbsensuppe, dachte ich so für mich und rannte sofort runter in den Keller, wo meine Mutter einen Sack mit Erbsen gelagert hatte. Ich war total verzweifelt, denn ich wollte mich nicht vor meinen Geschwistern blamieren.


 

Zu meiner großen Überraschung stand auf einem Regal, gleich neben dem Sack mit den Erbsen, eine Schüssel mit Wasser, in der die Erbsen schon eingeweicht waren. Als ich schließlich wieder oben in der Küche ankam, stand meine Mutter plötzlich am Ofen gebeugt über dem dampfenden Topf und zwinkerte mir zu. Dann verließ sie die Küche, ohne ein Wort zu sagen, und verschwand nach draußen in den Garten, wo sie mit meinem Vater zusammen Erdbeeren pflückte.


 

Schnell gab ich die Erbsen in den Topf und ließ die Erbsensuppe eine Zeit lang weiter kochen. Am Ende gab ich noch die Gewürze dazu, die mir meine Mutter auf auf den Tisch vorbereitet hatte. Ich gab sie ebenfalls in die brodelnde Suppe, deckte zwischendurch den Tisch für die ganze Familie, stellte später den großen Topf mit der Erbsensuppe genau in seine Mitte und rief alle zum Essen rein. Auch mein Vater und meine Mutter setzten sich zu uns, die zusammen ein Tischgebet sprachen.


 

Gemeinsam aßen wir alle die von mir selbst gekochte Erbsensuppe, die mir gar nicht so schlecht gelungen war. Mein Vater und meine älteste Schwester machten mir sogar ein großes Kompliment, als sie sagten: "Du kochst wie Mutter. Hat wirklich gut geschmeckt."


 

Meine Mutter grinste mich dabei verschmitzt an und nickte nur mit dem Kopf, sprach aber kein Wort über mein Missgeschick, dass ich beinahe die Erbsen vergessen hätte.


 

Und tatsächlich war der große Topf bald leer gegessen und alle wurden mehr als satt.


 

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

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