Lena Kelm

Was hat das mit Ohren zu tun?

An einem kalten Winterabend sitzen wir, Freundinnen um die dreißig – Alexandra, Vera und ich – in Veras gemütlicher Küche am gedeckten Tisch. Veras Mutter gesellt sich dazu, von uns liebevoll Baba Pana genannt. Baba ist die Kurzform für Babuschka, Oma. Wir trinken schwarzen Tee, das kasachische Nationalgetränk, zu Baba Panas gefüllten Piroggen und lauschen ihren traurigen und lustigen Geschichten aus dem Dorfleben der fünfziger und sechziger Jahre. Erst vor ein paar Jahren zog sie in die Stadt in die Nähe ihrer Tochter.

Baba Pana erinnert sich an Alexej, einem Mann aus dem Dorf, bärenstark, aber faul, nur in einer Hinsicht sei er fleißig gewesen, wenn er Frauen nachstellte. Weibergeschichten wurden ihm nachgesagt. „Was die Dummerchen wohl an dem fanden?“, fragt Baba Pana. „Und du fandest ihn nicht gut?“, neckt Vera die Mutter. Prompt kommt die Antwort. „Weder gut noch schön!“ Wir lachen herzlich. Wie wählerisch doch unsere Baba Pana war! Ermuntert erzählt sie weiter: „Der hatte große abstehende Ohren wie Propeller. Komisch, viele Kinder im Dorf hatten ähnliche Ohren.“ Wir kugeln uns vor Lachen, Baba Pana bleibt todernst, was uns noch mehr belustigt. Tadelnd schaut sie uns an. „Das ist doch klar, bei den Aktivitäten des Dorfhelden!“, wirft Vera ein. Da widerspricht Baba Pana offensichtlich entrüstet: „Was hat das mit den Ohren zu tun?“ Wir können vor Lachen nicht an uns halten. Baba Pana sieht verunsichert aus. Will sie nicht wahrhaben, wie viele uneheliche Kinder im Dorf aufwuchsen? Alexej war schon ein Hurenbock! Aber das so viele Frauen von ihm Kinder auf die Welt brachten, versteht Baba Pana nicht. Was für eine Schande!

Damals konnten wir Baba Panas Reaktion nicht nachvollziehen. Wir dachten auch nicht ernsthaft nach. Wir hatten einfach unseren Spaß. Erst Jahre später kam ich zur Erkenntnis, dass die Mentalität einer älteren Frau in den fünfziger, sechziger Jahren auf dem Dorf es nicht zuließ, dass viele Frauen, darunter auch verheiratete, uneheliche Kinder zur Welt brachten. Was nicht sein sollte, durfte auch nicht sein. Man äußerte sich nicht einmal zu diesem Thema, Sex war tabu. Es war eine Frage des Anstands, der Ehre und der Verschwiegenheit unter Frauen. So prüde waren wir, die nächste Generation, nicht. Vermutlich versteht es heute niemand mehr, gerade deshalb schreibe ich die Geschichte auf.



 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.01.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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"Schmetterlinge im Kopf und Bauch" ist mein holpriger lyrischer Erstversuch. Mit Sicherheit merkt man, dass es keine Lektorin gab, wie übrigens auch bei den anderen beiden Büchern nicht. Ungeordnet sind viele Gedichte, Gedankenansätze, Kurzgeschichten chaotisch vermengt veröffentlicht worden. Ich würde heute selbstkritisch sagen, ein Poet im Aufbruch. Im Selbstverlag gedruckt lagern noch einige Exemplare bei mir. Oft schau in ein wenig schmunzelnd in dieses Buch. Welche Lust am Schreiben von spontanen Gedanken ist zu spüren. Ich würde sagen, ein Chaot lässt grüßen.

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