Ralph Bruse

Wir liefen zum See

Wir liefen zum See
(Kurzprosa)



Es war Winter. 
Einige Leute schüttelten die Köpfe, als sie uns wegrennen
sahen: Hand an Hand, lachend, übermütig jubelnd. 
Wir waren wie Kinder.
Nein, Kinder - ohne das wie.
Der Ort blieb zurück. Wir standen schließlich außer Atem
am Seeufer. Hörten es rauschen, knacken und knirschen.
Sahen, wie sich dünnes Eis voranschob. Scholle um Schol-
le. Bis das graubraune Gewässer ganz unter hellglitzerndem
Eis verschwand. Starr und still wurde es. Kein Laut durch-
drang die eisig anbrechende Winternacht. Unsere Geheim-
Höhle aus Bretter, Zweigen und gesammeltem Sperrmüll wi-
derstand der Kälte trotzig. Wir krochen hinein, warfen uns
löchrige Filzdecken über die Leiber. Rutschten zusammen,
fühlten uns wie Helden und spähten hinaus. Da war nur ein
winziger Auskuck, mit muffigem Kartoffelsack behangen, 
den wir seitwärts schoben. Unsere Höhle, Haus, Nest und
stolzer Besitz. Hier waren wir geschützt. Beschützten auch
einander. Manchmal Stunden, manchmal länger. Frei wa-
ren wir. Niemand holte uns aus der Kälte, die tief in uns
drinnen längst warm und wärmer wurde. Alles fror zu - und 
wir tauten immer mehr: abends, nachts, am Tage.

Sie schüttelten ihre Köpfe, wenn wir in den Ort kamen, nur
um für kurze Zeit getrennt zu sein und schnell das Nötigste
zu holen.
Sie schüttelten wieder die Köpfe, wenn wir später endlich -
außer Reich - und - Sichtweite - zum Seeufer rannten.

Jetzt ist auch Winter. Anderswo ist es kalt. Oft kalt. Eigent-
lich fast immer. Aus Kindern werden anderswo Alte. Dort
herrschen ewig Winter, eisiges Schweigen und dämliches
Kopfgeschüttel.
Hier nicht.

Wir laufen zurück, zum See. 
Die Höhle. Unser bisschen Glück in großer, klarer Winter-
luft. Kinder sind wir. Vogelfrei. Träumen, fliegen.
Fliegen!


(c) Ralph Bruse

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