Francois Loeb

DIE ANMELDUNG

 

Warteschlangen? Warten? Zu erfahren in meiner Wochengeschichte

 

 

 

DIE ANMELDUNG
Ich solle mich unbedingt anmelden, beschied mir mein 19-jähriger Enkel. Es nicht verpassen. Es sei wichtig. Er gebe mir gerne die URL. URL? Was soll das bedeuten frage ich ihn gleich. „Weisst Du Opa“, sagt er mit leicht belustigter Stimme, „das ist so was wie eine Hausadresse im Internet. Um Dich zu finden muss ich, oder andere auch den Ziegelhausweg 26, 3. Stock finden. So ist es auch im Internet. Statt einem Weg eben die URL. Die tippst Du dann in deinen IPad, den du zu Weihnachten geschenkt erhalten hast und landest wo das für dich Wichtige liegt. Dort findest du alle Informationen wie du dich anmelden kannst. Und das ist wichtig für Dich. Hat doch mein Papa, also Dein Papa auch gesagt. Also, mach‘s gut und Tschüss, ich muss an die Arbeit. Zuspätkommen ist eine unlässliche Sünde. Das erste Mal zumindest, aber das ist bereits verflossen wie Schokoeis an der Sonne. Sag mir dann wies gelaufen ist.“
Und schon ist er aus der Wohnungstüre geschlüpft und ich sehe ihm aus dem Fenster nach, sehe wie er auf seinem Rollbrett wie ein Blitz davon wieselt. Stehe da mit dem Strassennamen, dem URL fürs Internet, der so kompliziert aussieht und für mich einfach keinen Sinn erbringen will. Na ja, sage ich mir, frisch gewagt ist halb gewonnen, etwas Spannung ist auch im hohen Alter nicht schädlich. Klappe meinen IPad auf - wie kommt man nur auf einen so komischen Gerätename - und tippe den so fremden Strassennamen ein. Es klackt leise im Gerät. In Großschrift erscheint, und das in roter Farbe:
WÄHLEN SIE 0800 17 65 87! Na ja, denke ich so einfach scheint die moderne Welt! Greife zum Telefon das noch, was bin ich glücklich darüber, mit einer altertümlichen Wählscheibe bestückt ist und stelle die Nummer ein. Unverzüglich meldet sich eine freundliche weibliche Stimme: “Gespräche können zu Kontrollzwecken aufgenommen und 30 Tage gespeichert werden, falls Sie damit einverstanden sind sagen Sie JA.“ Mit fester Stimme wiederhole ich dieses Wort, habe nichts zu verbergen, denke ich. Die Stimme, muss einer hübschen Dame gehören, fährt fort, ich stelle mir ihre sich elegant bewegenden, in leichtes Rouge getauchten Lippen vor: „Wünschen Sie eine Bestellung einzugeben, sprechen Sie die 1, möchten Sie weitere Auskunft, die 2.“ Nun, da ich noch nicht weiss um was es sich handelt, sage ich laut und deutlich zwei. Ha, ich beherrsche doch die moderne Welt, denke ich mit stolz geschwellter Brust, die sich tatsächlich unmittelbar nach vorne wölbt.
Und wieder die herrlich frauliche sanfte Stimme, ich könnte dieser stundenlang zuhören: „Haben Sie etwas Geduld, der nächste freie Mitarbeiter ist gleich für Sie da“. Nein rufe ich empört in den Hörer. Nicht einen Mitarbeiter, will bei Ihnen bleiben. Doch die Dame scheint kein Musikgehör zu besitzen, oder schwerhörig zu sein, denn sie wiederholt den Geduldsatz mit dem Mitarbeiter. Keine Spur von Mitarbeiterin, so oft ich auch meinen Protest anbringe. Mein Arm schmerzt bereits vom Hörer halten. Aber auf den Tisch legen kommt nicht in Frage. Hoffe immer noch auf Verständnis. Aufs Verstanden werden. Möglicherweise hat Sie ja den Hörer auf den Tisch gelegt. Schaue auf die Wanduhr. 20 Minuten sind bestimmt bereits vergangen. Und jetzt, oh mein Herz schlägt bereits schneller, flötet die Hübsche einen neuen Satz: „Der nächste freie Mitarbeiter ist für Sie reserviert, bitte haben Sie noch etwas Geduld“.
Zum Donnerwetter, ich gehe gleich in die Luft! Immer noch kein Verständnis für meinen Wunsch! Der Satz wird erneut wiederholt und wiederholt. Da, erneut ein leises Klicken! Bin ich erhört? „Bitte noch etwas Geduld Sie sind jetzt Nummer 3 in der Warteschlange, voraussichtliche Wartezeit 7 Minuten und 30 Sekunden“. Kein Hinweis auf den Mitarbeiter mehr. Nach Ablauf der angekündigten Zeit erneut eine Ansage: „Wir bitten um Geduld, Sie sind jetzt Nummer 1 in der Warteschleife.“ Immerhin nicht mehr Warteschlange. Mir ist eine Schleife lieber als eine falsche Schlange. Erneut die freundliche Stimme: „Leider verzögert sich die Wartezeit um weitere 3 Minuten, da ein kompliziertes Anliegen zu bewältigen ist. Haben Sie Geduld legen Sie nicht auf!“ Obwohl ich bereits mehrmals an diesen Notausgang gedacht habe, will ich meinen Platz nicht verlieren. Warte geduldig! Und da ein Wunder!
Ein lautes Hupen erklingt. Eine männlich strenge Stimme, oh wie riesig ist meine Enttäuschung, erklingt, nein erbasst: „Darf ich Ihnen die Empfehlung des Tages ans Herz legen (oh nein, ans Herz kann der mir nichts legen), Sie kennen bestimmt die frischen Eier von freilaufenden Hühnern, unser heutiges Angebot sind glückliche frische freilaufende Eier, eine Erfindung der Genwissenschaften, Sie werden begeistert sein!“
Da werfe ich den Hörer auf die Gabel! Und stelle fest, dass ich mich verschrieben oder verwählt haben muss. Der Enkel wollte doch, dass ich mich für die Corona Impfung anmelde ...

Und zu Ehren Ihrer Geduld in der genmanipulierten Warteschlange hier ein kostenloser Fastreadroman aus meiner Feder, entstanden in den frühen Neunzigerjahren DER WARTER
https://www.francois-loeb.com/fileadmin/wochengeschichte/Der_Warter.pdf
Eine Woche ohne Warteschlangen wünscht Euer François

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.01.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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