Fabio Fornito

Fuga

Der Sand unter meinen Füssen fühlte sich rau und klebrig an. Eine letzte Erinnerung an die Regenfälle des heutigen Morgen. Die Wolken, die ihre kühlen Tränen über dem Haupt der Welt ausgeschüttet hatten, waren mittlerweile von der Sonne vertrieben worden und der massige Feuerball liess den ganzen Horizont in einem satten Orange leuchten. 
Ich schloss die Augen und konzentrierte mich auf meine Sinne. Roch das salzige, unendliche Blau. Hörte die Wellen an den Strand schwappen; wie sie es seit eher taten und wie sie es auch bis in alle Ewigkeit tun würden.
So sass ich ein Weile da, still und praktisch regungslos. Umgarnt und umsorgt von den Elementen der Erde.
Dann fühlte ich einen kalten Schauer meine Rücken hinab rieseln. Irgendetwas veränderte sich. Die eben noch lustig hüpfenden Wellen wurden lauter und mächtiger. Ein Rauschen ertönte, bauschte sich auf und ging in ein sirenenartiges Heulen über. Mir war es, als könnte ich den Wind spüren. Böe für Böe. Und obwohl ich meine Augen weiterhin trotzig zusammenkniff, konnte ich doch auch alles sehen.
Ich stand auf einem Schiff. Einem Ruderboot. Dreckig knarzte es unter meinen Füssen, die Riemen beiderseits vor Rost starrend. Ich konnte keine Ruder entdecken, also hob ich meinen Blick, als hätte ich erwartet, dass die Ruder vor mir durch die Lüfte schwebten.
Ich sah keine fliegenden Ruder - trotzdem stockte mir der Atem: Der Wind, den ich gespürt hatte, war tatsächlich ein tosender Sturm. Die Wellen die ich zu hören meinte, waren das Meer. Schwarz und schaumig erstreckte es sich in alle vier Himmelsrichtungen, schlug auf und ab – es schien als würde es mit meinem Boot spielen; liess es die Wellen hinauf und hinab wandern, drehte es, hob es an und senkte es dann wieder.
Das war mein Ende, schoss es mir durch den Kopf. Mein Leben gehörte nun dieser unendlichen, dunklen Masse und alles was ich tun konnte, war sie ein ums andere Mal anzubetteln, mir noch ein paar weitere Sekunden auf der Welt zu schenken, bis sich Poseidon schliesslich genügend amüsiert hatte und das Meer mich verschlingen würde. Eine Welle brach über mir zusammen. Plötzlich und unerwartet. Ich stürzte vom Boot, ging unter und schluckte Meerwasser. Ich konnte spüren, wie es in meiner Kehle brannte. Dann ging mir die Luft aus. Einfach so. Ich wollte schreien, toben, mit baren Fäusten auf diese Masse, die mich so unnachgiebig umschlungen hatte, einschlagen.
Und während ich meine letzten kostbaren Momente nutzte, um alles Wasser auf dieser Welt zu verfluchen, wurde es urplötzlich still. 
Kein Rauschen. Kein Heulen. Nichts. Ohrenbetäubende Stille. Und dann: eine Stimme. Gefangen unter der Meeresoberfläche, in den letzten Sekunden meines Todeskampfes, hörte ich doch tatsächlich eine Stimme.
Zu Beginn noch ein unmöglich verstehbares Gemurmel, wurde sie nun lauter und klarer. Sie sang. Heller, klarer Gesang, der jeden einzelnen Part meines Kopfes auszufüllen schien. Sowas hatte ich noch nie in meinem Leben gehört.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.01.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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