Patrick Rabe

Die Leiche

 

Ich war ein Kind, und lief eines Frühlingstages durch den Park, der nahe an unserem Haus gelegen war. Ich kannte den Park, und hatte keine Angst vor ihm. Warum auch? Ich war ja oft genug mit meiner Mutter hier gewesen.

 

Ich wollte zu dem Spielplatz in der Mitte des Parks. Vielleicht könnte ich dort auch ein paar andere Kinder treffen. Beschwingt lief ich den Parkweg voller Birken hinab, und gelangte schließlich zu dem Spielplatz.

 

Sofort befiel mich ein ungutes Gefühl. Der ganze Ort hatte eine Aura des Bedrohlichen, die ich nicht kannte.

 

Und dann sah ich es.

 

Auf der Parkbank direkt vor dem Spielplatz lag eine Leiche. Ein Mann in schwarzen Kleidern (heute weiß ich, dass das das Ordinat eines Pfarrers ist). Sein Kopf war merkwürdig abgewinkelt, seine Hände nach rechts und links von sich weisend. An seinem Hals lief ein dünnes, halbgetrocknetes, rotes Rinnsal hinab. Er musste schon eine ganze Weile tot sein. Ich schrie, und versuchte, wegzulaufen. Aber ich war vor Schreck wie angewurzelt. In meinem Kopf und in meiner Seele rasten Eindrücke, Worte meiner Eltern, Ratschläge und mögliche Verhaltensmaßgaben… Einer dieser Gedanken war, dass es sich auch um einen Betrunkenen handeln konnte. Aber das verwarf mein kleiner Kopf sofort. Denn der Mann hier auf der Bank war eindeutig tot. Und es lag auch nirgendwo eine Flasche oder ähnliches. Was mich nur total ängstigte, war die merkwürdige Aura, die von diesem Toten ausging. Eine Aura, wie etwas Schwarzes, Drückendes, einen Einsaugendes. Schließlich lösten sich meine Lippen, und ich schrie laut: „Mama!!!!“

 

Dann drehte ich mich um, und lief weg.

 

Plötzlich merkte ich, dass mir jemand, oder etwas zu folgen schien. Wie hypnotisiert drehte ich mich um. Und da sah ich es. Der Tote saß jetzt auf seiner Bank. Er grinste. Ein fahles, irres Leichengrinsen. Seine Hände umspielten etwas, das er aus der Tasche gezogen hatte. Es sah aus wie eine Kette mit Perlen. Heute weiß ich, dass es sich dabei um einen Rosenkranz handelt. „Omnipotente Maria Omnipotente…“ murmelten seine falben Lippen mit dunkler Stimme. Auf seinen Augen lag ein fiebriger Glanz. Sie hatten mich längst gewahrt. Sein Mund grinste immer irrer und abgehackte Lachlaute drangen aus seiner Kehle. „Eine Perle fehlt noch.“, sagte er mit einer Stimme wie blätternder Morast. „Ich habe sie hier verloren. Sie haben mir meinen Rosenkranz zerrissen.“.

 

Ich stand wieder stocksteif vor dem Mann. Konnte nicht fliehen. Nicht begreifen, was ich hier sah. „Ah, du bist die Perle.“, sagte seine dunkle Stimme. „Die eine Perle, die noch fehlt.“

 

Nun ging alles ganz schnell. Er stand auf und kam mit eckigen, wackelnden Bewegungen auf mich zu. Mit eisiger Hand fasste er in meinen Haarschopf und warf mich zu Boden. Dann stürzte er über mich, und ich roch seinen fauligen Atem. „Die Perle ist in deinem Gehirn!“, schrie er jetzt mit seiner morastigen Leichenstimme. Ich schrie. Noch ein letztes Mal. Dann hatte er mit fester Hand zugepackt und mir das Genick gebrochen.

 

Ich wachte auf der Liege einer Arztpraxis auf. Meine Mutter und mein Vater saßen neben dieser Liege und hatten ganz verweinte Augen. „Gott sei Dank, du lebst!“ rief mein Vater. Und meine Mutter schloss mich in ihre Arme und küsste mich über und über. „Es ist ein Wunder.“, sagte der Arzt. „Er muss im Park irgendeinen Schock erlitten haben.“ „Er hat sonst nie Angst.“, sagte meine Mutter. „Vor allem nicht vor diesem Park.“ „Passen sie immer gut auf ihren Jungen auf.“, sagte der Arzt. „Es gibt böse Menschen. Leider.“

 

Meine Eltern nahmen mich mit nach draußen, und in ihrer Mitte ging ich zum Auto, eine Hand meines Vaters, und eine meiner Mutter umfassend. „Gelobt sei Jesus Christus!“, murmelte sie und drückte mich zärtlich. Mein Vater öffnete die Autotür und ich stieg ein. Alles war wieder gut. Wie dies geschehen konnte, war mir ein Rätsel, aber ich war dankbar und glücklich. Ich schaute auf das Heilandsbild am Rückspiegel des Autos meiner Eltern.

 

Am nächsten Tag stand es in der Zeitung:

 

„ Die Leiche des von jugendlichen Satanisten ermordeten Pfarrers Ewald G. jetzt gefunden.“

 

 

 

© by Patrick Rabe, 26. Januar 2020, Hamburg.

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