Heinz Werner

Ich glaube

Ich glaube, dass wir die fürchterliche Pandemie erfolgreich hinter uns lassen und überstehen werden. Sicher mit vielen Schrammen und mit bleibenden Narben. Ich glaube, dass es dabei manche Gewinner und viele Verlierer geben wird. Ich weiß auch, dass nicht alles, für das Corona verantwortlich gemacht wird, dieser Seuche angelastet werden kann. Missmanagement und fehlende innovative Geschäftsideen gab es schon vorher.  Ich glaube,  dass sich vieles in unserem Denken und Handeln dauerhaft verändern wird und dass natürlich auch viele – teilweise gravierende - Fehler gemacht wurden. Ich glaube, manche von uns haben ihre Leidensfähigkeit verloren. Wir müssen wieder lernen, dass nicht alles, was wir bisher als gegeben ansahen und als normal voraussetzten, selbstverständlich ist. Ich glaube, es sollte uns möglich sein, in Zeiten dieser außergewöhnlichen Krise vorübergehend auf Reisen in die „DomRep“ oder nach „Malle“ zu verzichten (beide Abkürzungen hasse ich). Ich glaube, es gibt kein Recht unserer Regierung, ohne ausreichende und kluge Begründung und ohne das Parlament einzuschalten, tief in  Grundrechte  einzugreifen – es gibt aber auch kein Recht auf wöchentliche ausgelassene Feiern oder auf Partys und auf Ausleben der individuellen Freiheit auf Kosten Dritter.

 

Ich glaube, unsere Bundeskanzlerin macht während dieser Heimsuchung eine gute Figur. Ich bin jedoch sicher, dies wird die doch negative Gesamtbilanz Ihrer Regierungszeit nicht wesentlich verbessern. Zu viele Entscheidungen wurden getroffen, die uns langfristig zu schaffen machen werden und irreversible sind, Zu sehr wurde die Richtung verschoben, zu sehr dem angeblichen Mainstream gehuldigt.

Ich finde, es sollte wieder eine echte Diskussionskultur möglich sein, denn wenn alles alternativlos ist, bedarf es natürlich keiner Diskussion – schade! Ich glaube, für jedermann erkennbare Zeichen und sich abzeichnende Tendenzen werden nicht wahrgenommen oder absichtlich ignoriert. Man hofft, es wird schon nicht so schlimm kommen und verkennt, wie schnell sich uns wesens- und wertfremde Gesellschaftsstrukturen verfestigen.

 

Ich glaube wir sollten nicht dauernd vom hohen Ross herab auf Politiker schimpfen  (da wir ja ohnehin alles besser machen würden), sondern  - vor allem im Moment – deren Einsatz, harte Arbeit und ehrliches Bemühen anerkennen. Sicher wurden Fehler gemacht, Machtspielchen inszeniert und bestimmt wäre manches einfacher, besser und vorausschauender zu organisieren gewesen. Aber auch Politiker sind Menschen, nicht allwissend und auf guten Rat von Experten angewiesen. Außerdem sind viele divergierende Interessen unter einen Hut zu bringen. Oft bleibt wirklich nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Ich glaube, unsere Freiheit erfordert gegenseitigen Respekt um auch künftig  frei bleiben zu können.

 

 

Ich glaube, wir sollten uns bemühen, eine noch offenere, tolerantere und vielfältigere Gesellschaft zu schaffen. Bunt und weltoffen zu sein ist gut und schön. Wir müssen nur aufpassen, dass Vielfalt nicht in Beliebigkeit ausartet, dass bestimmte Normen und Grundwerte beachtet werden und uns nicht irgendwann eine nicht gewollte Gesellschaftsordnung übergestülpt wird.

 

 

Ich glaube an Liebe und Leidenschaft und bedauere, dass das Versprechen der ewigen Liebe in vielen Fällen wohl ein Mythos bleiben wird. Das berühmte Bauchkribbeln  hat angeblich mit Liebe wenig zu tun, sondern viel mit Verliebtsein. Mir ist bewusst, dass Liebe eben nicht nur das vielbesungene Many splendored thing ist, sondern sehr vielschichtig, nämlich rein, schmerzhaft, süß, schrecklich, brutal und zerstörerisch – und das alles in einem. Ich glaube, es gibt kein Recht auf Liebe. Wie sagte doch Oscar Wilde: In der Liebe täuscht man zuerst sich und später andere. Ich glaube, Liebe ist überfordert, wenn die ganze Erfüllung in der Beziehung gesucht wird.

 

Ich glaube an die Stärke von Menschen, die für ihre Ziele brennen und das Feuer, um diese Ziele zu erreichen, nie verlöschen lassen. Ich bewundere deren Ausdauer und deren Fähigkeit, im richtigen Moment auch einmal schwach zu sein. Ich glaube, um wirklich dauerhaft stark zu sein muss man auch den Mut haben, Schwäche zu zeigen – wer also stark sein will, muss auch schwach sein können..

 

Ich glaube an das Schweigen im richtigen Moment, an Stille, die die Seele berührt und tief drinnen nicht zu überhören ist, an Stille mit Menschen die verstehen. Oft ist Stille ohrenbetäubend, das Schweigen eisig.  Ich glaube jedoch, es gibt Gelegenheiten in denen man nicht schweigen soll. Manche Anlässe zwingen sogar dazu, Stellung zu nehmen und Gegenpositionen deutlich zu machen. Ich bewundere Menschen, die mutig genug sind, nicht mehr zu schweigen, selbst wenn es die Freiheit oder gar das Leben kosten kann.

 

Ich glaube an einen jungfräulichen Morgen am Meer, an einen unvergesslichen Sonnenuntergang über dem Ozean oder an einen atemberaubenden Blick über majestätische  Bergkuppen und einem Panorama, das einem schlicht die Sprache verschlägt. Ich denke an das Firmament mit Abermillionen Sternen in einer klaren Winternacht. Ich glaube an Demut, die unverdorbene Betrachter in solchen Situationen übermannt. Mir fällt Adalbert Stifter ein, der meinte: Nach dem Sternenhimmel ist das Meer das Größte und Schönste, was Gott erschaffen hat. Wir erahnen, dass der Ozean, die Natur, vermutlich die gesamte Schöpfung größer sind als unsere augenblicklichen Sorgen und Bedenken.

 

Ich glaube an Träume und Visionen. Ich bin nicht der Meinung, dass jemand der Visionen hat, zum Arzt gehen sollte, wie Helmut Schmidt einmal sagte. Träume sind eng verbunden mit Hoffnungen. Ohne Hoffnungen und Erwartungen zu leben, muss  traurig sein. Ohne Träume von einer anderen oder besseren Zukunft, ohne permanentes Bemühen, dieses Ziel zu verwirklichen, wird es schwer werden, Illusionen und Erwartungen zu erfüllen oder Hindernisse zu überwinden. Ich glaube, jeder Mensch hat Träume und hofft, dass einige davon wahr werden. Der Glaube an Träume und Visionen hilft oft, nach Niederlagen wieder aufzustehen und weiterzumachen. Große Erfindungen oder hochgesteckte  Ziele wurden in vielen Fällen nur erreicht, weil an Träumen und Visionen geglaubt und festgehalten wurde.

 

Ich glaube kein Mensch braucht Influencer, die uns dauernd belehren wollen, was wir tragen, lesen, hören oder konsumieren sollen. Wen sollte schon interessieren, wo diese selbsternannten „Promis“ ihren Urlaub verbringen oder womit sie ihre – oft gekauften - „Follower“ nerven? Dummerweise oft noch mit völlig unnötigen und inkorrekten Anglizismen, die sie vermutlich selbst nicht verstehen (ich verzichte mit Absicht auf die schwachsinnige Genderisierung unserer Sprache).

 

Ich glaube an eine höhere, übergeordnete Macht, weiß aber nicht, ob dies Jesus, Buddha, Mohammed oder Jahwe (Jüdischer Name für Gott) ist -  vielleicht auch eine andere metaphysische  Größe  (Metaphysik = hinter der Physik). 

 

 

Ich glaube, dass alle Menschen – die einen früher, andere später – einen Ort brauchen, an dem sie sich geborgen, sicher und angekommen fühlen. Einen Platz, der ein Zuhause inmitten Gleichgesinnter bietet, wo man angenommen wird und dazugehört. Ich glaube, es ist nicht falsch, diesen Ort Heimat zu nennen, besonders dann, wenn sich Gemeinschaften bilden und ein Zugehörigkeitsgefühl entsteht. Gorch Fock schrieb: Mit der Heimat im Herzen die Welt umfassen. In diesem Sinn verstehe ich Heimat durchaus als größeren Bereich, der sich im friedlichen Miteinander über Regionen, über Heimatorte, ja über Länder erstrecken kann. Ich meine, es ist deshalb neuerdings angemessen, von Europa als Heimat zu sprechen und diesen größeren Lebensraum aktiv miteinzubeziehen.

 

Ich glaube, Regierungen und besonders die EU sollten die unheimliche Macht und den Einfluss der maßgebenden Internetgiganten beschneiden. Mir graut vor der Vorstellung,  dass diese Firmen mein Handeln und sogar mein Denken (so weit sind wir schon) beeinflussen und in die von ihnen gewünschte Richtung lenken. Ich glaube, es ist höchste Zeit sicherzustellen, dass nicht Google, Facebook, Microsoft,  Amazon und Co. subtil aber sehr gezielt mein Leben, meine Gewohnheiten und mein Fühlen bestimmen. Ich möchte nicht, dass mich Leute wie Zuckerberg und andere zum gläsernen Menschen machen und indirekt sogar mein Wahlverhalten manipulieren. Diese Datenkraken sollten umgehend zerschlagen und in ihre Einzelteile zerlegt und unter strikter öffentlicher, parlamentarischer Kontrolle gestellt werden.

 

Ich glaube an die Vorteile und den großen Nutzen von freiem, aber fairen  internationalen Handel, an den gegenseitigen Austausch von Ideen, Waren und Dienstleistungen. Nicht unter Bedingungen eines Raubtierkapitalismus, sondern im Sinne von gleichberechtigter Partnerschaft, bei der die Beteiligten die Dienstleistungen oder Güter anbieten, bei denen sie konkurrenzfähiger und besser sind, also einen komparativen Vorteil gegenüber ihren Partnern haben. Ideologische Voreingenommenheiten oder Schranken sollten dabei keine Rolle spielen wenn das vielzitierte „Level playing field“ (faire und gleiche Wettbewerbsbedingungen) gegeben ist und von allen respektiert wird. Es ist nicht meine Absicht, dieses komplexe Thema hier im Detail zu erörtern, vielleicht hilft jedoch, was der französische Liberale Frederic Bastiat (1801-1850) geschrieben hat, nämlich: “Wenn Waren Grenzen nicht überschreiten, werden es Soldaten tun.“ Wäre das besser?

 

Ich glaube einer der meistgenannten Wünsche diverser Befragungen (z.B. You-Gov Umfrage) von Menschen in allen Kontinenten sollte in Erfüllung gehen, nämlich Frieden. Ich glaube, die Menschheit  hat ein Recht darauf, selbstbestimmt und friedlich zu leben, wobei ich als Voraussetzung dafür  Freiheit  ganz oben einordnen würde.

 

Ich glaube oft fehlt es schon an Frieden im viel kleineren Kreis -  der Familie, unter Freunden und Bekannten, im Arbeitsleben. Wenn wir uns Ziele setzen (nicht nur an Neujahr), sollten wir nicht da beginnen? Ich glaube, es wäre viel gewonnen, wenn wir versuchten, uns um die am meisten genannten Defizite zu kümmern. Bezogen auf zwischenmenschliche Beziehungen werden vor allem genannt: Nimm mir Ängste und Sorgen -  nimm mich wahr -  mach, dass ich mich besonders fühle -  vermisse mich, wenn ich nicht da bin.

 

Ich glaube, allen düsteren Zukunftsprognosen zum Trotz, wir – besser – dieser Planet werden es schaffen. Wenn ich an die ungeheuere kreative und innovative Kraft denke, die die Menschen entfalten können und zu Höchstleistungen bringt,  werden wir kommende Herausforderungen meistern. Der Optimismus und das Gefühl vieler Menschen, „Nichts ist unmöglich“ werden helfen, kommende Probleme und ernste Krisen zu entschärfen bzw. zu bewältigen. Es ist durchaus legitim, Angst vor der Zukunft zu haben – wir müssen aber nicht.

 

 

Heinz Werner

(Januar 2021)

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.01.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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