Wolfgang Hoor

Die Welt mit neuen Augen sehen

Die Welt mit neuen Augen sehen

Es gibt nicht wenige aus meinem Bekanntenkreis, die behaupten, die Einschränkungen in der jetzigen Pandemie hätten auch einen Vorteil. Man lerne die Welt mit neuen Augen zu sehen. Ich versuche es immer wieder und sehe meine Welt, wie sie immer war, nur ein bisschen enger und unangenehmer, und von der neuen Mitmenschlichkeit am Anfang der Pandemie ist aus meiner Sicht nicht viel übrig geblieben.

Nur einmal in meinem Leben hatte ich den Eindruck, dass ich es gelernt habe, die Welt mit neuen Augen zu sehen. Das war 1957. Ich war damals 16 und hatte die Chance, für sechs Wochen in einer französischen Familie im französischen Lothringen, in der Heimat von Jeanne d’Arc und Charles de Gaulle, ein paar Wochen zu verbringen. Mein Schulfranzösisch war schlecht – wir lernten damals im Französischunterricht kaum sprechen – und die Familie, in der ich aufgenommen wurde, kannte ich so gut wie gar nicht. Mein jüngerer Bruder, der in Frankreich zur Schule ging, hatte mir diesen sechswöchigen Aufenthalt vermittelt.

Es fallen mir sehr viele Dinge ein, die ich neu sehen lernte: Zum Beispiel das Mittagessen. Das Mittagessen dauerte mehr als zwei Stunden, wir zu Hause waren in 20 Minuten damit fertig. Zum Beispiel die Unterhaltung bei Tisch. Das Quatschen und Lachen und Witze-Erzählen bei Tisch war für die jungen Leute in dieser Familie selbstverständlich, bei uns zu Hause war es für uns Kinder strikt verboten. Zum Beispiel die Einstellung zur Religion. Die positive Einstellung zur Religion gehörte in unserer Familie zum Selbstverständlichsten von der Welt, in dieser Familie konnte der Patriarch des Hauses sagen: Ich glaube an Gott, aber nicht an die Priester, und damit begründete er, dass er nie zur Kirche ging. Ich fühlte mich in dieser Familie gut aufgenommen, und in stillen Stunden war ich tief beeindruckt davon, dass ein solches Leben mit solchen Tabubrüchen überhaupt möglich war.

  1. kleines Erlebnis, das sich bei mir tief eingebrannt hat, ereignete sich bei einem kleinen Ausflug, den man, mir zur Ehre, nach Domrémy la Pucelle unternommen hat, dem Ort, an dem die heilige Johanna von Orléans besonders verehrt wird. Wir saßen an einem Tisch im Freien, tranken eine Limonade, aßen ein Eis und schwatzten vergnügt miteinander, als mir eine kleine Szene an einem Nachbartisch auffiel. Dort saß ein Ehepaar mit einem vielleicht neunjährigen Jungen. Der Junge fand es am Tisch wohl langweilig, er entdeckte einen Hund, der bettelnd zu dem Stuhl des Jungen herangetrippelt war. Mit dem begann der Junge zu spielen. Er beugte sich zu dem Hund herunter, streichelte ihn und war mehrmals nahe daran, das Gleichgewicht zu verlieren. Ich sah, es voraus, ich sah es voraus!! Meine Eltern hätten mir als Kind längst entschieden gesagt: Sitz gerade, benimm dich, hör auf zu kippeln, wer weiß, was der Hund für Dreck und für Flöhe mit sich führt, und überhaupt, was sollen die Leute denken. Die Eltern des kleinen Jungen waren in ein Gespräch und dann in einen Kuss vertieft und sahen nichts und unternahmen nichts. Und da kam es, wie es kommen musste: Der Junge stieß sein Limonadenglas vom Tisch, das in tausend Splitter zerschellte.

Ich war elektrisiert. Das musste eine lautstarke Zurechtweisung, mindestens eine Ohrfeige geben. Wie kann man sich auch so benehmen und den Eltern Schande bereiten! So wäre es wenigstens mir ergangen, wenn mir das in dem Alter dieses Jungen passiert wäre. Mir schien die Zeit stehen zu bleiben. Eine Weile lang geschah gar nichts. Natürlich starrten auch die anderen Gäste, die draußen saßen, auf den Tisch mit dem Jungen, dem Hund und dem zerbrochenen Glas. Vielleicht hatten auch die anderen Gäste die Vorstellung, dass jetzt etwas Drastisches passieren müsse. Die Eltern des Jungen wendeten sich ihrem Sohn langsam zu, unbegreiflicher Weise ohne Zorn. Niemand schimpfte mit dem Jungen, die Ohrfeige blieb aus. Der Vater rief den Kellner herbei, bat ihn, die Scherben zu beseitigen und der Friede an dem Tisch war wieder hergestellt.

Etwas neu sehen lernen – das war hier im Begriff sich einzustellen. Aber nicht sofort. Zunächst dachte ich mit den Gedanken und Vorstellungen meiner Eltern, dass hier das Ansehen und die Autorität von Respektpersonen in Frage gestellt worden war und dass es unmöglich war, dem Jungen so ein Verhalten durchgehen zu lassen. Später dann begann ich zu begreifen, dass auch der Junge ein Anrecht darauf hatte, nicht in aller Öffentlichkeit niedergemacht und gedemütigt zu werden. Und später und dann immer häufiger dachte ich an viele Situationen in meinem bisherigen Leben zurück, in denen ich mir so einen Vater und so eine Mutter wie die in Domrémy gewünscht hätte. Ich begann das Verhältnis von Eltern und Kindern neu zu sehen.

Erst viel später erfuhr ich, dass dieser Vorfall auch in Frankreich eher eine Ausnahme gewesen sein muss. Die Prügelstrafe ist in Deutschland 2000, in Frankreich erst 2016 abgeschafft worden.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.01.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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