Manfred Bieschke-Behm

Zwei Lehnstühle unterhalten sich

"Ist das toll", sagt der Zwei-Lehnen-Stuhl zum Eine-Lehne-Stuhl, die im menschenleeren abgedunkelten Salon stehen. Der Eine-Lehne-Stuhl ist sosehr mit seinem Leid beschäftigt, das er gar nicht registriert, dass er angesprochen wurde. Erst nach einer zweiten Ansprache will er wissen, was toll ist.

„Wir können uns ungestört unterhalten."

„Worüber?“

„Es gibt unendlich viele Themen, über die wir sprechen können", erklärt der Zwei-Lehnen-Stuhl, ohne konkret zu werden.

„Ist das so?"

„Ja sicher", behauptet der Zwei-Lehnen-Stuhl und plustert seine Rückenlehne auf. „Wir können uns zum Beispiel über den letzten Besuch von Tante Martha unterhalten. Mir ist aufgefallen, dass sie …"

„Erinnere mich nur nicht daran“ fällt der Eine-Lehne-Stuhl ins Wort.

Der Zwei-Lehnen-Stuhl erschrickt über die Reaktion. Krampfhaft versucht er sich zu erinnern, was damals so Außergewöhnliches geschehen sein soll: "Was, war denn vor drei Wochen passiert?“

Wie kann ein Lehnstuhl nur so unsensibel sein“, protestiert der Eine-Lehne-Stuhl. „Wie immer scheinst du auch an diesem Tag die meiste Zeit geschlafen zu haben. Du hättest besser ein Ohrensessel werden sollen als ein Zwei-Lehnen-Stuhl.“

Der attackierte Stuhl fühlt sich zu Unrecht angegriffen. Trotzdem rechtfertigt er sich nicht. Er weiß, dass er die meiste Zeit mit Schlafen verbringt und das ihm dadurch manches entgeht. ‚Ich bin fünf Jahre älter. Soll der erst einmal in mein Alter kommen, dann schläft er auch mehr, als dass er wach ist’, denkt er und scharrt mit den Füssen.

Der Eine-Lehne-Stuhl ärgert ich darüber, dass er sich auf ein Gespräch eingelassen hat. Wenn er könnte, würde er sich wegdrehen und ihm die blanke Rückenlehne zeigen.

Vielleicht erinnerst du dich, dass wir uns bis vor drei Wochen äußerlich sehr ähnlich waren?"

‚Waren?‘ Überlegt der Zwei-Lehnen Stuhl und sagt: "Natürlich weiß ich das. Ich habe doch keine Erinnerungslücken.

„Scheinbar doch. Wenn dem nicht so wäre, wüsstest du, dass ich den Verlust einer meiner Lehnen Tante Martha zu verdanken habe.“

Der Zwei-Lehnen-Stuhl denkt nach. „Ja richtig. Ein fürchterliches Krachen hatte mich aus dem Schlaf gerissen. Ich dachte, irgendwas muss passiert sein? Dann sah ich das Malheur. Es müssen wahnsinnige Schmerzen gewesen sein, die du aushalten musstest."

„Das kannst du laut sagen, ich hätte aufschreien können. Aber ich war in dem Moment wie betäubt. Schreien hätte auch nichts genutzt. Menschen verstehen die Stuhlsprache nicht. … Ich sehe es vor mir, als wäre es gestern gewesen: Tante Martha betritt das Wohnzimmer und steuerte direkt auf mich zu. Ihr schwerer Gang und ihre, … sagen wir mal … barocke Figur ließen nichts Gutes ahnen. Während ich darüber nachdachte, wieso sie nicht dich angesteuert, rückte sie mich barsch zurecht, zeigte mir ihr Gesäß, hielt sich an meinen zwei Lehen fest und … und ließ sich rückwärts fallen. Rums hatte es gemacht und gleich danach war es passiert. Sie musste feststellen, dass ihr Körper zwischen meine zwei Lehen nicht genügend Platz hat und ich … . Es kam, wie es kommen musste. Meine linke Lehne brach ab und fiel krachend zu Boden. Ich war einer Ohnmacht nahe und konnte nicht verstehen, dass von dir keine Reaktion kam.“

„Was hätte ich tun sollen?, frage ich dich. … Es ist das Schicksal aller Möbelstücke, dass sie nicht für die Ewigkeit geschaffen sind. … In meine Sitzfläche …“

„Die Geschichte von deinem Brandloch hast du mir schon tausendmal erzählt“, protestiert der Eine-Lehne-Stuhl. „Jetzt geht es um meine Armlehne und nicht um dein Loch.“

„Entschuldige. … Im Moment weiß ich nicht, wie Tante Martha auf den Unfall reagiert hat.“

„Sie schrie auf und meinte, dass so ein morscher Stuhl im Salon nichts zu suchen hätte. Ich hätte mir das Genick oder sonst was brechen können, echauffierte sie sich."

Der Zwei-Lehnen-Stuhl versteht, warum der Eine-Lehne-Stuhl an das Ereignis nicht erinnert werden wollte. Sein Verlust ist einfach zu groß. Aber nun ist es passiert und lässt sich nicht rückgängig machen. Er überlegt, was er Tröstendes sagen kann und meint: „Genauso gut hätte es mich treffen können. Tante Martha hätte mich zum hinsetzten auswählen können, und wenn ich Pech gehabt hätte, wäre eine meiner Lehnen weggebrochen, vielleicht sogar beide."

„Sie hat sich aber für mich entschieden. Und das mit dem hätte hilft mir nicht.“

„Dafür kann ich nichts. Vielleicht liegt es daran, dass unsere Besitzer dir den besseren Platz im Salon zugewiesen hat und du dadurch begehrter bist als ich.“

„Bitte nicht wieder einer deiner Eifersuchtsszenen.“

„Schon gut. Vergiss es. Auf alle Fälle tut es mir leid, was die widerfahren ist. Schau mich an, wie abgetakelt ich aussehe, mit Brandloch und so. Viel Zeit bis zur Ausmusterung bleibt mir sowieso nicht, und da wäre es nur gerecht, wenn ich das Opfer gewesen wäre.“

„So solltest du nicht denken“, erklärt der Eine-Lehne-Stuhl, als die Wohnzimmertür aufgeht. Herr Brömmel, der Hausherr betritt den Raum. Er schaltet die Deckenbeleuchtung ein. Beide Stühle fühlen, als würden sie auf einer Bühne stehen, auf der sich ein Trauerspiel dem Ende nähert. Unter Herrn Brömmels linkem Arm klemmt eine Säge, seine rechte Hand trägt einen Werkzeugkoffer.

Beide Lehnstühle fühlen sich im Schmerz vereint.

Jetzt wird Kleinholz aus mir gemacht‘, denkt der Eine-Lehne-Stuhl.

Ich werde gleich mit aus dem Verkehr gezogen‘, denkt der Zwei-Lehnen-Stuhl.

Vor dem Eine-Lehne-Stuhl wird die Säge und Werkzeugtasche abgelegt. und großzügig geöffnet. Herr Brömmel entnimmt ihr die abgebrochene Lehne. Geschickt hantierend montiert er sie an Ort und Stelle. Die Operation erweist sich als nicht ganz schmerzfrei für den Eine-Lehne-Stuhl. Nachdem der Hausherr sein Werkzeug zusammen gepackt, das Licht gelöscht hat und das Wohnzimmer verlässt, sagt er an den älteren Lehnstuhl gerichtet: „Nächste Woche bist du dran. Da werde ich deine Sitzfläche erneuern.“

Na siehste“, sagt der reparierte Lehnstuhl. „Ende gut, alles gut.“

Mir macht es Spaß Gegenstände sprechen zu lassen. Habt ihr es auch schon einmal versucht?Manfred Bieschke-Behm, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.01.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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