Wolfgang Hoor

Der Kaninchenmörder

Der Kaninchenmörder

Bei meinem Opa, der auf dem Land lebt, bin ich oft. Ich mag ihn sehr und freue mich immer, wenn wir zu ihm fahren. Er betreibt ein bisschen Landwirtschaft. Mama genießt die Ruhe hier außerhalb der Stadt und schreibt an einer Love-Story. Ich helfe Opa bei allem, was anfällt.

Am liebsten bin ich bei den Kaninchenställen. Der kleine weiße Harry ist mir besonders ans Herz gewachsen. Ich habe ihn immer, wenn ich bei Opa bin, auf dem Arm und streichele ihn. Opa hat es immer gerne gesehen, wenn ich mit Harry geschmust habe. „Du bist in ihn verliebt, nicht wahr?“, hat er oft anerkennenden gesagt. „Als ich so alt war wie du, hatte ich meinen Leo, der war braun und genau so süß wie Harry.“

An diesem Wochenende ist Opa aber ein bisschen seltsam. Diesmal zieht er die Stirn kraus, als er mich mit Harry sieht. „Du solltest ihn nicht so oft auf den Arm nehmen." – „Warum?" – „Damit du dich nicht noch mehr in ihn verliebst." - „Warum soll ich mich nicht in ihn verlieben? Er ist so süß!" – „Komm, setz ihn wieder in den Stall!" Er nimmt ihn mir aus dem Arm und sperrt ihn weg.

„Aber Opa!!!" Opa drückt mich an sich. „Du weißt, warum wir die Kaninchen halten?" Ich weiß es. An den großen Festtagen im Jahr gibt es immer Kaninchenbraten. „Aber Harry könntest du doch einfach leben lassen. Meinen Harry!" Opa drückt mich fester an sich. „Für ein Kaninchen ist das der Lauf der Welt, dass es irgendwann unters Messer kommt." Ich drücke meinen Kopf ganz fest in seine Weste. Sie riecht nach Kaninchen.

„Lass meinen Harry am Leben!", bettele ich. Das wird er mir doch nicht abschlagen, wo er doch immer meine Gefühle für Harry geteilt hat. Er streicht mir durch die Haare und atmet heftig. „Dummerchen", flüstert er. „Dummerchen. Was werden die anderen Kaninchen sagen, wenn wir Harry schonen? Das wäre doch ungerecht."

Ich spüre, wie gewaltiger Zorn in mir aufsteigt. Ich löse mich von ihm und bleibe zornig vor ihm stehen. Ich denke mir, dass an seinen riesigen Händen Blut kleben wird. Harris Blut. Ich habe nie darüber nachgedacht, was mit den Kaninchen passiert, bevor sie auf den Tisch kommen. Jetzt soll ich lernen, dass man sie nicht gern haben darf, bevor sie, wie Opa sagt, unters Messer kommen. Ich sehe das Messer in den Hals von meinem Harry eindringen. „Du bist ein Kaninchenmörder!“, rufe ich. Er scheint darüber nachzudenken, wie er jetzt reagieren soll. Ich sehe seine Zornesfalten auf der Stirn. „Geh jetzt ins Haus“, sagt er. „Geh weg von mir.“

Später beim Abendessen, plaudert Opa mit Mama über ihre Love-Stories. Er findet es lustig, dass sie so häufig gelesen werden, wo es doch im wirklichen Leben ganz anders zugeht. „Aber ein bisschen Spaß müssen die Leute haben“, verteidigt sich Mama. Mich redet er nicht an. Es kommt mir vor, als wäre ich für ihn gestorben. Darum wage ich es nicht, ihn noch einmal das Thema „Harry“ anzusprechen. Ich schaue unsicher zu Mama hin. Sie kann ich wahrscheinlich auch nicht für Harry gewinnen. Sie hat oft in entspanntem Ton gesagt: „Opa schlachtet heute“, und in ihrer Stimme war dabei immer etwas Festliches, so als wäre Töten schön.

Ein paar Tage später bin ich wieder bei Opa, diesmal ohne Mama. Bin total aufgeregt. Wie werden wir jetzt miteinander auskommen, wo ich ihn „Kaninchenmörder“ genannt habe? Spüre noch immer seine Hand auf meinem Hals. Ich hab ihn immer sehr gemocht, er hat mir nie weh getan, aber es ist jetzt alles anders geworden: Ich verbringe das Wochenende bei einem Kaninchenmörder.

„Wollen wir uns wieder wegen Harry streiten?", fragt er herausfordernd. „Ja“, rufe ich, „das wollen wir. Ich will ihn schützen, so gut ich es kann.“ - Ich dränge mich an Opa und möchte ihn gern mit den Händen umwerfen. Wenn das gelingen würde, dann würde ich mich auf ihn setzen und ihn zwingen, dass er schwört, dem Harry nichts anzutun.

Opa nimmt mich zwischen seine Pranken. Er bringt sein Gesicht ganz nahe vor meine Augen. Dann sagt er ganz langsam: „Harry hängt im Keller. Wir essen ihn am Sonntag." Eine ganz schreckliche Mischung aus Angst und Wut erfüllt mich. „Sag, dass es nicht wahr ist. Sag bitte, dass es nicht wahr ist!“ „Willst du mich jetzt nicht beschimpfen, kleiner Kaninchen-Krieger? Los, kämpfe noch einmal für Harry! Zeig ihm ein letztes Mal, dass du sein Freund warst!!!"

Ich weiß nicht, was in Opa gefahren ist. So hat er mich noch nie provoziert. „Ich sehe, dass du ein schlimmer Sturkopf bist“, ruft er. „Ich habe dir gesagt, du sollst dich nicht in Harry verlieben und du hast es trotzdem gemacht, du Sturkopf.“ Er schüttelt mich. „Also los!", ruft er streitlustig. „Mach mir wegen Harry eine Szene!“ Und seine Augen sind jetzt klein und gefährlich geworden. Ich habe nicht nur Harry, sondern auch meinen Opa verloren.

Ich mache mich von ihm los und laufe ums Haus und dann sehe ich den Keller offen. „Bleibst du wohl hier!“, höre ich Opas Stimme, aber ich kann ihn nicht mehr ertragen. Er ist ein Mörder. Ich eile die Kellertreppen hinunter und sperre die äußere Kellertür und dann auch die zum Haus hin ab. Es gibt nur ein kleines Fensterchen, das den Raum erhellt und in einer Ecke hängt Harry. Mein Harry. Mein geschlachteter, ermordeter Harry. Ich kann nur einmal hinschauen, dann lege ich meinen Kopf in meine Hände.

Ich weiß nicht, wie lange ich hier bei Harry gesessen und getrauert und geweint habe. Für mich war es eine Ewigkeit. Schließlich klopft es an der Tür, die zum Haus hoch geht. „Mach bitte auf“, höre ich Opa. Seine Stimme ist wieder die Stimme, die ich immer geliebt habe, wenn ich ihn besuchen durfte. Ich brauche jetzt Trost. Irgendeinen Trost, und wenn es der Trost eines Kaninchenmörders ist. Ich mache auf. Opa nimmt mich auf den Arm und trägt mich ins Wohnzimmer.

„1942 war eine schlimme Zeit“, beginnt er zu erzählen. „Da war ich so alt wie du jetzt bist. Und da sind uns nach einem langen Winter die Kartoffeln im Keller erfroren, und es gab nicht genug zu essen. Und damals befand sich mein großer Bruder mitten in einer Kaninchenzucht. Die war sehr erfolgreich und es gab immer neue Junge und immer neue Ställe, die er sich selbst zurechtzimmerte. Zuerst sagte mein Vater immer: Was sollen wir denn mit den vielen Kaninchen, und er wollte sie sogar freilassen.

Aber dann erkannte meine Mutter, dass es Unsinn ist, die Kaninchen freizulassen. „Wir haben alle Hunger und müssen was essen“, sagte sie. „Und dafür sind die Kaninchen jetzt gut.“ Glaub mir, ich habe damals auch meinen Liebling unter den Kaninchen gehabt, er hieß Leo, und ich hab auch um meinen Leo gekämpft so wie du es für Harry getan hast. Damals waren die Zeiten für trotzige Kinder noch härter als heute. Auch ich war ein Kaninchenkrieger, aber mein Hintern hat dafür bezahlen müssen, und frag nicht wie.“

Und Opa drückt mich ganz fest an sich und streichelt durch meine Haare. Das tröstet mich sehr. Ich bin fast wieder versöhnt. Fast. Bis mir einfällt, dass Opas Geschichte sich auf unsere Zeit nicht übertragen lässt. „Und wo ist denn unser Hunger, für den wir das Fleisch von Harry brauchen?“

Opa weiß keine Antwort. Ich gebe ihm trotzdem einen Gute-Nacht-Kuss, dem Kaninchenmörder.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.02.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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