Qayid Aljaysh Juyub

Der Korrektor

Wohl abgeschirmt von der weniger erquicklichen Umgebung führte der solvente Tourist im ‚Crusoe Club‘ in einem der ärmsten Länder der Welt ein gar sorgloses und angenehmes Leben. Im Gegensatz zum größten Teil der nativen Bevölkerung, der schon auf Erden das unendliche Privileg genießen durfte, einen Vorgeschmack auf die christliche Hölle und der ewigen Verdammnis genießen zu dürfen, herrschten im Resort gehobener, westlicher Reisekultur wirklich paradiesische Zustände.
Der Spezialist – nennen wir ihn Ratzen, denn Namen sind Schall und Rauch – schlürfte seinen alkoholfreien Drink und beobachtete mit einem amüsierten Glitzern in den Augen die unbedarften Luxusurlauber; Schafe die sie doch alle waren. Es wäre ein Leichtes für den Beobachter jeden einzelnen binnen kürzester Zeit in eine bessere Welt weiterzubefördern. Einen kurzen Moment dachte Ratzen daran, sich einen kleinen Spaß zu gönnen und einen der Observierten mittels eines lustigen Unfalls von seinem kleinen, spießigen Dasein zu befreien, aber letztendlich siegte doch die Professionalität über die befreiungs-theologischen Neigungen.
Dabei unterschied sich das Äußere unseres Mannes nicht wesentlich von dem eines X-beliebigen, braven Wohlstandsbürgers. Vielmehr gehörte er zu denen Durchschnittstypen, die man gerne aufgrund ihrer vermeintlich harmlosen Unscheinbarkeit übersah; ein unschätzbarer Vorteil in seinem Metier. Ihr werdet vermutlich eine vage Ahnung haben, worin das wohl bestand? Ratzen korrigierte sozusagen das Zeitgeschehen, indem der Mitfünfziger Dank seiner speziellen handwerklichen Begabung dafür sorgte, dass störende Zeitgenossen vorzeitig ein Ende fanden, bevor diese die Kreise der wahren Macht tangieren konnten. Tragische Unfälle, misslungene Operationen und tödliche Krankheiten wurden gerne gesehen. Wenn allerdings alles nichts nützte, musste eben halt zur Not jemand ‚gebarschelt‘ oder durch einen offenkundigen Mord beiseitegeschafft werden; sozusagen als Ultima Ratio. ‚Gebarschelt‘? Nehmt mich bloß nicht ernst, ist sowieso alles nur absolut unrealistische Fiktion und voll die Verschwörungstheorie. Sollte sich jemand interessieren, woher der Begriff stammt, so empfehle ich Google oder eine andere Suchmaschine.
In diesem Kontext kam Ratzen zu seinem einträglichen Job durch recht ungewöhnliche Situation. Ein halbeingeweihter Politiker – seines Zeichens Ministerpräsident eines Bundesstaates Fantasiens – knallte im Rahmen einer peinlichen, politischen Affäre komplett durch und drohte, sein gefährliches Halbwissen in seinem Wahn der Öffentlichkeit zu offenbaren. Normalerweise ging man in solchen Fällen mit subtilen Methoden vor, wie beispielsweise eine schnelle Entsorgung in verschwie-genen, psychiatrischen Anstalten. Aber dummerweise war der Störenfried völlig unberechenbar und durchaus Eile geboten. So beging denn der potenzielle Whistleblower mit Hilfe eines wenig begabten Amateurs ‚Selbstmord‘ in einer Weise, dass selbst systemkonforme Schreiberlinge ins Grübeln gerieten; und die wurden nicht einmal misstrauisch, als sich einige Jahre vorher äußerst lästige Terroristen im Hochsicherheitstrakt ebenfalls entleibten. Nach dieser Affäre kam unser Mann – damals noch freischaffender Künstler – ins Spiel, um derartig unbequeme Vorkommnisse mit Todesfolge möglichst diskret zu erledigen. Dabei gelang Ratzen – Codename ‚Korrektor‘ – ein wahres Meisterstück mit der ‚Neuauflage‘ der ‚Rote Brigade Union‘. Eigentlich ging die RBU im Wesentlichen mit dem ‚Suizid‘ bereits genannter Terroristen in die ewigen Jagdgründe ein – naja, kleinere Reste firmierten noch unter diesem Namen, lösten sich aber nach dem Untergang des unterstützenden Machtblocks (UdFZS=Union der feudalistischen Zwangssysteme)  auf. Nach der Wiedervereinigung Fantasiens gab es dann ein diverses Problem mit dem Verwalter des UdFZS-Nachlasses, der durch den Besitz diverser Akten des verblichenen staatlichen Sicherheitsdienstes sich getraute, wichtige ‚Leute‘ wegen ihrer unsauberen Deals mit der ‚Demokratischen Republik Fantasiens‘ zu erpressen, um seine eigenen Taschen zu füllen. Quasi als Ein-Mann-Armee inszenierte der Korrektor die Wiederauferstehung der Roten Brigaden und beseitigte den kleinen Frechdachs, der durch vorgetäuschtes Entgegenkommen seiner ‚Opfer‘ nicht mit einer derartigen Aktion rechnete. Nach dem erfolgreichen Attentat bekannte sich die RBU noch zu einigen, harmlosen Aktionen, bei denen Ratzen nur Sachschaden produzierte und verschwand dann wieder in der Versenkung. Die Stelle des tragisch verblichenen Treuhänders wurde im Anschluss von einem inoffiziellen Zwangsmitarbeiter des ehemaligen staatlichen Sicherheitsdienstes besetzt, der aus rein christlicher Barmherzigkeit den Mantel des aktenvernichtenden Schweigens über allzu kompromittierende Dokumente breitete und den die himmlischen Heerscharen danach mit einer höllischen Karriere belohnten; Halleluja!. Aber zurück zu unserer Geschichte.
Ratzen wandte sich mit einem bedauernden Seufzer von der Beobachtung unbedarfter Touristen ab und konzentrierte sich auf seinen Auftrag. Auch dieses Mal handelte es sich um eine Angelegenheit, die rasch erledigt sein sollte, obwohl hier keine mörderische Zeitkritikalität bestand. Wie immer verwies eine harmlose Kontaktanzeige in einer bebilderten Zeitung auf eine Referenz in einem anderen Medium:
‚Aufgeschlossene ältere Dame in leitender Position sucht netten, jungen Mann für gemeinsame Unternehmungen. Blablabla. Liest gerne, u.a. auch Fachliteratur wie das ‚Güldene Schmalzblättche‘…etc… Zuschriften an <Fakeadresse>‘ bis <Datum in 2 Wochen>
I.e.: Das Opfer ist weiblich, älteres Semester und Unternehmerin. Der Job ist innerhalb von zwei Wochen zu erledigen. Nähere Details zur Person finden sich in der aktuellen Ausgabe der erwähnten Zeitschrift.
Die Authentifizierung erfolgte sozusagen durch die in der Annonce angegebene Adresse, damit unser Mann nicht zufällig ohne Auftrag jemanden weiterbeförderte. So lernte der Korrektor seine Brötchengeber nie kennen und das war gut so.
Wie erwartete befand sich in dem Magazin ein ausführlicher Artikel über Katharina Medici - einer Großindustriellen mit fortgeschrittenem Verfallsdatum – und ihren geplanten Aufenthalt in der Franziskanischen Republik. Natürlich standen im Vordergrund des typisch deutschen Machwerks unkritischer Hofberichterstattung – selbst der Christenfreund und bekennende Narzisst Nero selig hätte wohl den Autor aufgrund seiner im schlechten Stil geschleimten Lobhudeleien den Löwen vorwerfen lassen – die karitativen Bemühungen der munteren Multimillionärin in der ‚Franz Rep‘ und weniger die an Käfighaltung gemahnenden Arbeitsbedingungen in den Medici-eigenen Textilfabriken ebenda. Natürlich konnte man dies schlecht mit dem elenden Zustand der ausgebeuteten, europäischen Arbeitermassen im 19. Jahrhundert vergleichen, da deren Work-Life-Balance eindeutig besser war; vermutlich hatten sogar Gerhart Hauptmanns ‚Weber‘ ein weitaus günstigeres Los gezogen.
So folgte der problemlösende ‚Staatsdiener‘ eilig den Spuren jener Profit maximierenden Wohltäterin, die ganz bescheiden im ‚Majestic Colonianistical‘ residierte; ein wirkliches Luxushotel der mittleren ‚High Society‘ und keinesfalls für jene, die sich nur dafür hielten, wie bspw. gewisse präsidiale, laienpredigerhafte Beamtenseelen.  Dementsprechend waren auch Selektionskriterien und Sicherheitsmaßnahmen gestaltet, sodass unser ‚Torpedo‘ vor einer gewissen Herausforderung stand, die aber auch seinen Sportgeist anregte.
Die vergangenen Tage verbrachte Ratzen damit, bezüglich der Location und des Jagdwilds diskret zu investigieren. Vorteilhaft war dabei, dass man den Crusoe Club jederzeit und relativ unkompliziert verlassen konnte.
Der Korrektor trank mit einem Zug seinen exquisiten Drink aus und beendete seine mentalen Reflektionen, denn die Arbeit rief, die er heute freudig beenden würde.
(…)
‚An urgent message for her highness Katharina Medici!‘
‚Was Du nicht sagst! Du kannst mit mir deutsch reden, aber verschone mich mit Deinem grauenhaften Akzent!‘
Der hünenhafte NEGER – das ist speziell für Euch, meine unbedarft politisch korrekten Freunde, damit ihr in kleinbügerlichem Furor Eure engstirnige Frustration ausleben könnt – betrachtete Ratzen in seiner gewöhnlichen Armanigewandung verächtlich.
‚Sehr wohl, mein Herr! Ich komme vom Asgard Express, wenn ich mich legitimieren dürfte?‘
Der farbige Kriegerfürst in seiner maßgeschneiderten Designeruniform betrachtete den Boten kritisch. Als Außenportier und Wagenmeister war er mit seinen beiden Untergebenen dafür verantwortlich, dass keine unpassenden Leute das ‚Majestic Colonianistical‘ betraten.
‚Asgard Express Global Information Service? Dann lass mal Deinen Dienstausweis sehen, Pal. Aber ganz langsam!‘
Wachsam beobachtet vom Wagenmeister und seinen zwei Türstehergenossen, die sich derweil strategisch günstig aufgestellt hatten, um im Notfall ihre gut verborgenen, großkalibrigen Handfeuerwaffen sprechen zu lassen, holte der vermeintliche Kurier das gewünschte Dokument, hervor und reichte es schleimig grinsend dem schwarzen Riesen. Der wiederum holte mit geschickter Grazie sein Smartphone hervor und authentifizierte den Ausweis via entsprechender Applikation.
Wir sollten hier vielleicht einige erklärende Worte einfügen. Der AEGIS war, wie der geneigte Leser vermutlich schon erkannt hatte, ein Kurierunternehmen. Das Spezielle an dieser Organisation bestand darin, dass Nachrichten ausschließlich verbal weitergegeben wurden, da es sich durchaus als fatal erweisen konnte, wenn hochsensible Daten in schriftlicher oder elektronischer Form in die falschen Hände gerieten. Die Außendienstmitarbeiter dieses Unternehmens erhielten zwar ein fürstliches Entgelt, gingen aber unter Umständen ein gewisses Risiko ein, da es in manchen Fällen durchaus ratsam war, den Boten nach Vollzug verschwinden zu lassen oder es sehr unangenehme Methoden Unbefugter gab, störrische Kuriere zum Reden zu bringen.
‚Hmm, Frank Jacson, Stufe 3c. Sage mal Pal, überbringst Du irgendeine Bettelanfrage eurer Regierungschefin oder irgendwelche Glückwünsche? Na ich hoffe, die Medici hat für solchen Unsinn Zeit!‘
Während sich die ‚schlagfertigen‘ Torwächter sich mit einer gewissen Sorglosigkeit entspannten, rief ihr Chef einen Zuständigen in den Innereien des Luxushotels an.
‚Django, Du altes – jetzt für alle bigotten Pharisäer zum wutschnaubenden Vergnügen – ZIGEUNERSCHNITZEL, Shaka hier. Wir haben hier einen drittklassigen AEGIS-Kurier für die Medici. Roger, ich warte.‘
Während der schwarze Prinz auf die Replik am anderen Ende wartete, betrachtete er Ratzen geringschätzig; nach einigen Minuten erfolgte dann auch eine Antwort.
‚Will ihn sehen, echt? Affirmative, der ist wirklich eine Flasche. Am besten schickst Du Schlachtinger, den teutonischen MOHRENKOPP, der Vollpfosten wird genügen! Out.‘
Shaka schenkte dem Boten der dritten Garnitur ein belustigtes Grinsen.
‚Du hast Glück, Pal. Offensichtlich langweilt sich die Medici und will sich Dein Sprüchlein anhören. Du wirst gleich von einem Security abgeholt und durch den Personaleingang geführt, wir wollen ja schließlich unseren Gästen nicht den Appetit durch deine mickrige Erscheinung verderben. Verstanden?‘
‚Jawohl, Herr Shaka!‘
Der gab einen unverkennbar verächtlichen Laut von sich und ignorierte den kleinen Kurier.
Ratzen bebte vor innerlichem Vergnügen, wie immer, wenn ihm eine Täuschung gelang. Die Jungs waren schon Profis, aber hatten ihre Schwachstellen. Shakas beispielsweise bestand aus Arroganz und übergroßem Selbstbewusstsein, das aus der erfolgreichen Karriere des Ex-Söldners auf allerlei Kriegsschauplätzen resultierte. Nach den Recherchen des Korrektors bot der farbige Kriegerfürst von den insgesamt vier Frontex-Security-Chefs die beste Chance, in das Luxushotel einzudringen. Da die Einteilung der Außenchefs einem starren Schichtplan folgte, war es ein leichtes Unterfangen, die Dienstzeiten Shakas zu ermitteln. Des Weiteren war seine AEGIS-Identifikationskarte –vom Gelsumer ‚Großfamilienchef‘ Walidu Al'akadhib zum Discountpreis käuflich erworben – für einige Stunden gut, bis der Schwindel auffliegen würde, was nicht zuletzt an dem niedrigen ‚Rang‘ des Inhabers lag. Vorteilhaft stellte sich auch die Tatsache dar, dass es zwar sehr schwierig war, das ‚Majestic Colonianistical‘ zu betreten, aber innerhalb des Komplexes nicht einmal Videoüberwachung existierte, da die exklusive Kundschaft ihre Privatsphäre überaus schätzte und die Hotelinhaber hinsichtlich der rigiden Zutrittsbeschränkungen die Sicherheitsmaßnahmen als der-maßen effektiv betrachteten, dass auch auf eine Kontrolle der Personalbereiche verzichtet wurde.
‚Ah, da ist ja Schlachtinger, das alte WEISSBROT!‘
Oh, dat is ja politisch korrekt, nee. Sorry, meine puritanischen Freunde, das ist wohl nichts für euren heiligen Zorn.
Eine ungeschlachte Gestalt, ähnlich einem Troll aus schlechten Fantasyfilmen, näherte sich der Gruppe mit einem stupiden Grinsen und grüßte den Frontex-Security-Chef mit erhobener Hand.
‚Detlef Schlachtinger, ready for job service as working man, surely!‘
Shaka grinste breit. Wie sehr er es liebte, wenn dieser weiße Idiot versuchte auf Englisch zu konversieren.
‚I suppose, you are not qualified as a working man, but you can give me head, if you want. For a blow job, maybe, you are good enough.‘
‚What is? Not understatement?‘
Schlachtingers unförmig dümmliche Mimik sorgte für eine gewisse Erheiterung seiner Kollegen.
Ratzen beschloss, die sich anbahnende Komödie im Keim zu ersticken.
‚Ich dachte, Herr Shaka, man kann deutsch mit Ihnen reden?‘
Der König der Zulus blitzte den Spaßverderber leicht ungehalten an.
‚Wer hat Dich PELLKARTOFFEL – Mist, laut Katechismus für den braven Untertan auch kein Unwort- denn gefragt? Schlachtinger, Du altes – Bingo! – NEGERKÜSSCHE, Du bringst jetzt diese verschrumpelte GRUMBEERE – ein kleines Quiz für unsere kleinen Spießerche, korrekt oder nicht? – zum Personaleingang.‘
‚Yes Sir chief!‘
Den Kurier unsanft in die gewünschte Richtung stoßend, schickte sich das Sprachgenie an, die Anweisungen seines Meisters auszuführen.
‚Jacson, noch ein Wort!‘
Ratzen nebst dem klobigen Detlef wandten sich zum spitzbübisch lächelnden Shaka Zulu um.
‚Wenn du dich nicht benimmst, dann müssen wir Dich leider liquidieren; vielleicht schneiden wir Dir aber nur Deine kümmerlichen Genitalien ab.‘
Die entsetzte Miene des vermeintlichen Kuriers – Ratzens schauspielerisches Talent in allen Ehren – sorgte für erhebliche und lautstarke Erheiterung der Frontex-Truppe, die kurz davorstand, vor Vergnügen in die Hose zu urinieren; selbst der dumpfe Schlachtinger, konnte ein dümmliches Grinsen nicht unterdrücken. Eilig und von weiteren Lachsalven begleitet, machte sich das ungleiche Paar auf den Weg zum Personaleingang.
(…)
‚Ah, der Botenjunge!‘
Katharina Medici betrachtete Ratzen, der flankiert vom getreuen Detlef soeben ihre Suite betreten hatte, mit spöttisch leuchtenden Augen. Der Weg bis zum ersehnten Ziel stellte sich für den Korrektor nicht ganz umstandslos dar. Am stacheldrahtbewehrten Personaleingang von schwerbewaffneten Schwarzhemden des ‚International Mercenary and Samurai Service‘ – von deutschen Hotelgästen auch feixend mit den Anfangsbuchstaben der letzten beiden Begrifflichkeiten abgekürzt – empfangen und einer routinemäßigen Leibesvisitation, bei der selbst der Anus nach versteckten Waffen abgesucht wurde, unterzogen, passierten Ratzen und sein Schatten eine kugelsichere Schleuse, um letztendlich von drei hochkarätigen ‚Sicherheitsspezialisten‘ in Maßanzügen empfangen zu werden. Die unterzogen den gebeutelten Boten einem kleinen, aber intensiven Verhör, das allerdings ohne die üblichen physischen Repressalien (=leichte Folter) verlief, denen ansonsten Bedienstete und Kuriere ausgesetzt waren, da man sich erwartungsgemäß auf das Urteil des farbigen Wagenmeisters verließ. Die kleinen, hässlichen Details mögen dem geneigten Leser erspart sein, zumal der Autor auch einfach zu faul ist, diese detailliert zu beschreiben. Jedenfalls schätzte man den Korrektor als dermaßen harmlos ein, dass man ihm den wenig mental begabten Schlachtinger als Geleit mitgab. Wie erwähnt erwarteten unseren Mann keine weiteren, sicherheits-technischen Unannehmlichkeiten und der restliche Weg verlief problemlos.
‚Da hat man mir aber wirklich einen schmalen Wallach geschickt!‘
Sexismus und Arroganz waren ohne Zweifel zwei Makel des großindustriellen Charakters. Der dritte Mann – ein wohlproportionierter Jüngling, dessen Äußeres an den ‚David‘ von Michelangelo gemahnte – im Wohnbereich der ebenso prachtvoll, wie geräumigen Suite nahm die Worte seiner Meisterin zum Anlass, ein wohlklingend sardonisches Kichern auszustoßen. Dies erregte jedoch nicht das Wohlgefallen seiner Herrin, die den dummen Detlef mit einem bedeutungsvollen Nicken bedachte, das dieser natürlich nicht verstand und in seiner stupiden Art zurückgab. Medici stieß ein leicht genervtes Seufzen aus und verpasste dem Adonis gleichen Jüngling, nachdem sie sich diesem gemessenen Schrittes genähert hatte, ein schallende Ohrfeige.
‚Habe ich Dir nicht gesagt, dass Du Dich geschlossen zu halten hast, bis ich dir erlaube zu reden. Darunter fällt auch dümmliches Gelächter! Du gehst jetzt schon einmal ins Schlafzimmer, ziehst Dich aus und wartest auf mich. Hopp, hopp Sylvester!‘
Der gezüchtigte Fruchtbarkeitsgott tat, einem geprügelten Hunde gleich, wie ihm geheißen.
Katharina die Gestrenge bedachte Detlef die Intelligenzbestie mit einem kurzen Blick, der an Freundlichkeit knapp den unterschritt, mit dem sie normalerweise lästiges Ungeziefer oder Arbeiter in ihren Fabriken bedachte.
‚Kretin!‘
‚Nee, gnädige Frau, mein Name ist Detlef Schlachtinger!‘
Ohne den begnadeten Sicherheitsmitarbeiter weiter zu beachten, wandte sich die vornehme Dame nun endlich dem wartenden Kurier zu. Ratzen hatte inzwischen die Situation analysiert und mit Freuden den Eispickel entdeckt, der einsam neben einem angebrochenen Champagnergedeck und einem Eiswürfelbehälter lag. Den unförmigen Schlachtinger mit bloßen Händen zu erledigen, könnte doch gegebenenfalls zu zeitintensiv werden – Glück gehört eben zum Geschäft! Ansonsten verlief die Operation nach Plan, denn eine weitere Unart der Medici bestand in ihrer unglaublichen Pedanterie, die sich zu Gunsten des Korrektors in einem starren Tagesablauf und einem ausgeprägten Sinn für Nebensächlichkeiten, wie die per-sönliche Entgegennahme einer potentiell unwichtigen Nachricht, äußerte.
‚Diese toy boys, wie heißt der jetzt noch einmal? Ich habe doch tatsächlich den Namen meines ‚Italian Stallion‘ vergessen, aber der ist ja schließlich völlig unwichtig. Aber nun zu Dir, kleiner Botenjunge. Was gibt es denn?‘
‚Mutti lässt Sie demütigst grüßen…‘
‚Die schon wieder, waren meine Anweisungen nicht klar. Alles muss man der sagen, also…‘
Mit einer geschickten Bewegung ergriff Ratzen den Eispickel und rammte ihn zielsicher in das Herz, des wenig reaktionsschnellen Schlachtingers, der Winde aus seinem Munde und südlichere Gegenden fahren lassend, verstarb. Bevor der Auerochsen gleiche Security zu Boden ging, riss der Auftragsmörder bereits den Eispickel aus der Brust seines Opfers und hatte sich geschwind hinter der völlig konsternierten Geschäftsfrau platziert, ihr die Tatwaffe an den Hals haltend.
‚Keinen Mucks, gnädige Frau! Wir gehen jetzt ganz langsam zum Telefon. Sie werden jetzt Wyatt Earp an der Rezeption anrufen und ihm mitteilen, dass ich alleine in fünf Minuten passieren kann. Sie benötigen Schlachtinger noch für private Dienste! Kein Emergency-Passwort, die sind mir bestens bekannt, sonst sind Sie tot! Ich möchte nur eine Information von Ihnen, wenn sie die mir geben, dann verspreche ich, betäube ich Sie nur und lasse Sie am Leben!‘
Der wohl übelste von Ratzen recherchierte Fehler der Medici war ohne Zweifel, dass die sonst intelligente Frau in Stresssituationen ihren Verstand vergaß.
‚Okay, Du Bastard!‘
Langsam näherte sich das unfreiwillige Paar dem Telefon.
‚Earp, hören Sie, der Kurier darf passieren, er wird in fünf Minuten das Hotel unbegleitet durch den Personaleingang verlassen! Ich benötige Schlachtinger noch für private Dienstleistungen‘
Nachdem die fügsame (taming oft he screw?) Katharina den Anruf beendete, tötete Ratzen sie durch einen gezielten Stich mit dem Eispickel, sodass die Großindustrielle lautlos verschied. Professionell beseitige der Korrektor seine Fingerabdrücke und verschonte wissentlich den gepeinigten Galan im Schlafgemach. Der hatte offensichtlich von den beinahe geräuschlosen Aktivitäten nichts gemerkt und wartete voller finanzieller Vorfreude auf die ‚große Liebe‘; ein idealer Sündenbock für ein Eifersuchtsdrama übrigens. Zufrieden verließ der Korrektor das vollbrachte Werk.
(…)
‚Haben Sie sonst noch einen Wunsch?‘
Ratzen sah die Stewardess wohlgefällig an. Ob eine Runde auf der Flugzeugtoilette mit zum Service in der ersten Klasse gehörte? Wenn er nur 20 Jahre jünger wäre, hätte er sein Glück bei der jungen Dame für wohl versucht. Jetzt allerdings war er damit zufrieden, seinen edlen Whiskey zu schlürfen und über den gelungenen Auftrag nachzudenken.
‚Nein danke, sehr freundlich von Ihnen!‘
Mit einem geschäftsmäßig süßen Lächeln trat das zu spät gekommene Objekt der Begierde ab. Wirklich schade!
Warum die Medici wohl sterben musste? Vermutlich stand sie in irgendeiner Weise einem Milliardengeschäft im Wege oder ihre Nase hatte einem der wirklich Mächtigen einfach nicht gepasst, aber eigentlich spielte das keine große Rolle. Wie erwartete ging es in der offiziellen Version des ‚Dramas‘ um einen eifersüchtigen Liebhaber, der die untreue Katharina nebst ihrer heimlichen Liebe, dem Bodyguard – unglaublich, aber wahr – Schlachtinger grausam niederstreckte. Die inoffizielle Version nebst dem mysteriösen Kurier interessierte nicht wirklich jemanden.
Wenn jemand unentbehrlich war, so überkam es Ratzen in einem Anflug von Größenwahnsinn, dann er, der einzigartige und allzeit erfolgreiche Korrektor. Unsanft unterbrach sein Smartphone mit einer Nachricht den angenehmen Gedankengang. Verwirrt las Ratzen die letzte Transmission:
‚Vielen Dank für geleistete Dienste und tschüss!‘
Bevor das Flugzeug explodierte – diese bösen Islamisten aber auch – begriff Ratzen, dass für die Großen dieser Welt wirklich jeder ersetzbar war.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.02.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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