Jörg Heeb

Malina taucht unter – fast eine Liebesgeschichte

Malina drückt auf den Lichtschalter und gibt der flackernden Glühbirne einige Sekunden Zeit, sich zu beruhigen, bevor sie das Badezimmer betritt. Sie geht zur Badewanne, dreht den Hahn auf, regelt die Wärme des einfließenden Wassers und setzt sich auf den Rand der Wanne.

Zehn Stunden Dienst in der Klinik, Mio zum Fußball gefahren, zurück nach Hause, Vokabeln gelernt mit Lena, nebenher das Abendbrot zubereitet, Mio abgeholt, mit den beiden Abendbrot gegessen, sie ins Bett gebracht, die Röntgenbilder eines Patienten studiert, den Nudelsalat für die Weihnachtsfeier von Mios Fußballverein zubereitet, zwei Stunden mit Kerstin telefoniert, die mal wieder von einem ihrer Typen sitzengelassen wurde.

Malinas Herz steht stets für alle sperrangelweit offen, Tag und Nacht. Wer ihre Hilfe braucht, muss sie in den seltensten Fällen darum bitten; Malina erkennt die Sorgen und Nöte anderer Menschen an deren Stimme, ihrem Blick, einer bestimmten Geste.

Jetzt einfach noch ein Bad und dann schlafen. Schlafen! Malina freut sich auf geradezu absurde Weise darauf, ins Bett zu schlüpfen und im Fliederduft der frisch bezogenen Bettwäsche einzuschlummern. Sie dreht den Wasserhahn zu, zieht sich aus, steigt in die Wanne und schließt die Augen. Wie gerne würde sie jetzt an etwas Schönes denken, sich irgendwo hinträumen; in einen Wildgarten, an die Nordsee, auf den schneebedeckten Hang einer Alm, doch da ist nur der große, leere Raum ihrer Erschöpfung.

Malina öffnet die Augen, Ihr Blick fällt auf die Wärmeflasche, die an einem Haken über dem Handtuchhalter hängt. Sie steckt in einem Überzug aus Merinowolle, handgestrickt in Norwegen; ein schlichtes weißes Rautenmuster auf hellgrauem Grund. Malina liebt Norwegen – und Schweden und Dänemark und Island. „Ich bin mehr so der nordische Typ“, sagt sie manchmal, wenn irgendjemand ihr von einem Kroatien-, Italien- oder Spanien- Urlaub vorschwärmt.

„Weil Du doch immer so frierst“, stand im Brief, der dem Päckchen, das Moritz ihr vergangenen Januar geschickt hat, beilag.

Moritz. Jedes Mal, wenn Malina an ihn denkt, seufzt sie innerlich. Die Sache ist kompliziert. Moritz ist Schweizer, er lebt in Bern, Malina in Nürnberg. Sie haben sich auf Facebook kennengelernt. Malina hatte Moritz auf einen seiner Posts hin eine Freundschaftsanfrage und eine Nachricht geschickt, woraus sich eine Konversation entspann: Text- und Sprachnachrichten, Mails, handgeschriebene Briefe, Telefongespräche.

Nach drei Monaten ertappte sich Milena beim Gedanken, ihren Vorsatz, das mit dem Sich-Verlieben gar nicht mehr zu versuchen, weil es ja doch immer schiefgeht, fallenzulassen – oder es zumindest in Erwägung zu ziehen. Über beinahe drei Jahre hinweg, tat sie das noch einige Male, aber immer dann, wenn … Ach, sie mag jetzt nicht darüber nachdenken – und tut es doch. Die letzten Zeilen eines Gedichts, das Moritz mal für sie geschrieben hat, fallen ihr ein: „Irgendwo, in einem entlegenen Winkel deiner Seele, kauert das Kind, das du nie warst, und fleht: Bitte, hab mich lieb, aber nicht zu doll, denn dann kriege ich Angst."

Wirklich eingeschlafen ist ihre Konversation nie. Selten vergehen mehr als drei, vier Wochen, bis Moritz sich wieder meldet. Malina versucht sich zu erinnern, wann sie das letzte Mal etwas von ihm gelesen oder gehört hat. Vergebens.

Malina ist sich ziemlich sicher, dass sie Moritz heute mehr bedeutet als er ihr. Wohl empfindet sie immer noch so etwas wie eine leise Zärtlichkeit für ihn, aber die bringt sie jeweils rasch wieder zum Schweigen, indem sie sich selbst versichert, dass das mit dem Sich-nicht-zu-Verlieben eine gute Sache ist.

Jetzt wäre Malina gerade danach, etwas mit Moritz zu plaudern. Er würde sich nach ihrem Befinden erkundigen, nach dem der Kinder und ihrer Eltern, sie würde ihm das eine oder andere über den alltäglichen Wahnsinn ihres Daseins erzählen, er würde sie einmal mehr sanft tadeln und dann zum Lachen bringen.

Malina greift nach dem Handy, das auf dem Deckel des Wäschekorbs neben der Badewanne liegt, und wählt Moritz` Nummer.

„Diese Nummer ist nicht vergeben oder nicht mehr in Betrieb.“

Malina öffnet WhatsApp. Sie muss in der Chat-Liste ziemlich weit nach unten scrollen. Da ist er! Kein Profilbild mehr. Und dann entdeckt sie das grüne Mikrofon-Icon im Chatfenster, links oben die weiße 1 im blauen Punkt und darüber das Datum: 28.01.20. Heute ist der 12. März.

„Hallo, Linchen. Wie geht es dir denn immer so? Und den Kindern? Deinen Eltern? Seid ihr alle gesund? Wenn du magst, ruf mich doch bald mal an, es wäre schön, deine Stimme zu hören.“

Malina hat keine Ahnung, wie sie diese Nachricht übersehen konnte, aber gerade mag sie sich darüber keine Gedanken machen. Sie öffnet Safari, dann Google, schreibt „Moritz Rüegg, Kramgasse 23, Bern“ ins Suchfenster, tippt auf die Lupe. Als die ersten Suchresultate auf dem Display erscheinen, sieht sie es sofort:

Vor 2 Tagen – Eine kurze schwere Krankheit hat uns unseren geliebten Vater, Sohn und Bruder Moritz (Mo) Rüegg genommen. Wir sind fassungslos und finden keine Worte für unsere …

Als Malina das Handy zurück auf den Wäschekorb legt, verhakt sich die Traurigkeit glühend heiß in ihrem Bauchfell. Sie schließt die Augen, hält den Atem an und taucht unter.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.02.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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