Sonja Soller

Das Sandwichkind......

Der Wecker klingelte schrill und nervig. Sie rieb sich den Schlaf aus den Augen. Es schien als ob alle noch schliefen, die Eltern, die große und die kleine Schwester. Es wäre schön, wäre es so gewesen.
Jeden Tag das gleiche Spiel. Charlotte kletterte vom Hochbett herunter, schaute in das untere Bett, in dem die große Schwester schlief, Amanda, nach der Großmutter benannt. Die kleine Schwester Helma, sechs Jahre, nach der anderen Großmutter benannt, schlief im Zimmer nebenan.

Amanda war dreizehn Jahre und sich viel zu fein bei der Hausarbeit zu helfen, oder auch nur die kleine Schwester aufzuwecken und für die Schule fertig zu machen, nein, dafür gab es ja Charlotte, die war für diesen Kinderkram gerade noch zu gebrauchen.

Charlotte war neun Jahre und sah es als ganz normal an zu helfen. Sie weckte ihre kleine Schwester, machte ein kleines Frühstück für sich und Helma, schmierte die Pausenbrote, anschließend gingen sie dann den gemeinsamen Weg zur Schule. Die Mutter war schon in der Fabrik, sie hatte Frühschicht. Der Vater, er arbeitete als Eisenbieger, hatte so seine Prinzipien, wie die Familie funktionieren musste. Ideal wären für ihn die drei Kas gewesen: Kinder, Küche, Kirche. Klappte in dieser Familie nicht so ganz, denn es musste auch Geld für den Lebensunterhalt verdient werden. Also: Amanda keine Lust, Mutter bei der Arbeit, Vater noch nicht da oder schon wieder weg, das wußte außer dem Vater niemand so genau. Da blieb nur Charlotte, genannt Lotte, nach dem Kinderbuch von Erich Kästner „Das doppelte Lottchen“, das stimmte zwar auch nicht so ganz, aber Lotte hätte ruhig doppelt so viel helfen können und doch war es immer noch nicht genug. Lotte machte sich überhaupt keine Gedanken ob sie helfen sollte oder nicht, für sie war es klar, ne einfache Sache. Wenn die Geschwister nur nicht so gemein gewesen wären und ihr das Leben so schwer gemacht hätten. Auch die Eltern nahmen sie nicht wirklich wahr. Sie war ein ganz normales Mädchen, etwas unscheinbar wohl, aber sehr fleißig, im Haus und in der Schule. Der Lehrer machte den Eltern eines Tages einen Besuch, um die Eltern darauf aufmerksam zu machen, dass Charlotte das Zeug hätte, eine weiterführende Schule zu besuchen. Die Eltern, besonders der Vater hörte aufmerksam zu, um dem Lehrer dann klipp und klar zu sagen, dass das auf keinen Fall in Frage käme, Lotte sollte eine Ausbildung machen, damit sie endlich auch Geld mit nachhause bringt. Der Lehrer versuchte den Vater mehrmals umzustimmen. Keine Chance. Es war die Zeit des Wirtschaftswunders und für den Vater war klar, Mädchen heiraten sowieso und das investierte Geld wäre ganz umsonst ausgegeben. Was in dieser Zeit zählte, war der schnöde Mammon. Man brauchte nur genug davon, um sich gewisse Standart`s leisten zu können. Auto, Fernseher, Waschmaschine etc., alles was zum besseren Erscheinungsbild nach außen hin nötig war, wurde angeschafft. Das Bild nach außen musste stimmen. Statussymbole waren für den Vater sehr wichtig, dafür mussten eben alle so schnell wie möglich Geld verdienen. Charlotte war enttäuscht, sie konnte es nicht verstehen, sie fühlte sich einmal mehr ungeliebt. Es war ganz egal wie sehr sie sich bemühte, es war nie genug, nichts war recht. Amanda sah gut aus und es war klar, dass das die besten Aussichten waren einen reichen Mann zu finden, der sie heiraten würde. Die kleine Helma hatte sich einige Gemeinheiten von der großen Schwester abgeschaut, und so bekam es Charlotte von allen Seiten, obwohl sie alles machte, was von ihr erwartet wurde.

Im Laufe der Jahre war Charlotte abgestumpft, was ihre Erwartungen an die Eltern und Geschwister anging.Nach der Schule machte sie eine Bäckerlehre, so kam sie früh aus dem Haus, begegnete weder Eltern noch Geschwistern, half auch weiterhin bei allem, was so anfiel, da hatte sich nicht viel geändert. Nur, das man sich noch seltener sah, was Charlotte nur recht war. In der Ausbildungszeit bekam sie nicht gerade viel Lohn, und doch konnte sie einen kleinen Betrag auf sie Seite legen, von dem die Eltern nichts mitbekamen. Charlotte hatte nur eins im Sinn, so schnell wie möglich von zuhause weg!!

Der Tag der Prüfung kam, Lotte schloss mit „Sehr gut“ ab. Aber wie konnte es auch anders sein. Dem Vater war es auch dieses Mal nicht genug, kein Wort des Lobes, nichts!! Charlotte begriff es nicht, sie musste etwas falsch machen. Amanda hatte zweimal die Ausbildung abgebrochen und arbeitete inzwischen in der Fabrik, in der die Mutter schon viele Jahre Geld verdiente. Helma stand kurz davor eine Lehre als Bauzeichnerin zu beginnen. Was in den Augen des Vaters einfach großartig war.
Charlotte suchte sich eine kleine möbelierte Wohnung und hatte in den Vermietern quasi eine Ersatzfamilie gefunden, sie war das erste Mal in ihrem Leben glücklich. Sie machte die Meisterprüfung zum Bäcker, was in dieser Männerdomane nicht einfach war, denn Bäckermeisterinnen gab es nur sehr wenige zu der Zeit.
Charlotte ließ sich nicht beirren und machte es einfach; mit Erfolg. Die Kollegen gratulierten und alle, die den beschwerlichen Weg von Lotte verfolgen konnten, nur die Eltern hielten sich wieder zurück. Es war ihr inzwischen egal, was die Eltern dachten oder wollten.

Charlotte ging weiter ihren Weg und baute sich eine kleine Kette von Geschäften auf „ Lotte`s Backparadies“ gab es an fünf verschiedenen Standorten. Das Backen ist ihre Leidenschaft geblieben, außer den „normalen“ Backwaren zaubert sie ganz wunderbare Torten, speziele Wünsche werden besonders gerne erfüllt. Wenn die Eltern noch leben würden, wäre es wahrscheinlich noch immer nicht genug!!!!

 

06.02.2021 © Soso

 

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